Luft zum Atmen: Arbeitskämpfe in Wien und Bochum

Benjamin Herr

Seit Februar werden beim Opel-Werk in Wien-Aspern Stellen abgebaut. Die Gewerkschaften und die Stadt Wien versuchen, die Entlassenen zu unterstützen. Radikaler Arbeitskampf aber bleibt aus, zu groß ist die Macht der Automobilindustrie. In Bochum war das einst anders. Ein Film erzählt die Geschichte von damals.

Knapp 40 Menschen, fast alle in schwarz gekleidet, gehen einen Gang entlang. Ganz vorne trägt einer ein großes Holzkreuz, auch das schwarz. Dahinter folgt der Trauermarsch. Die Gesichter der vier Männer, die einen imitierten Sarg hinter sich herziehen, sind traurig und nachdenklich. An diesem 10. September wird im Opel Werk in Wien-Aspern, das letzte F17 5 Gang-Getriebe hergestellt. Und damit verabschiedet sich die Konzernleitung von 400 Beschäftigten.

Autoland Österreich

„Wir finden es eine Sauerei, dass das Unternehmen so viele Kündigungen plant“, sagt Renate Blauensteiner, Betriebsratsvorsitzende der Arbeiter_innen, als die Konzernleitung die Pläne im Frühling diesen Jahres bekannt gibt. Schnell ist die Wiener Sozialdemokratie zur Stelle. Sie verspricht bis zu 200 gekündigte Opelarbeiter_innen bei den Wiener Linien unterzubringen. Doch die systemische Abhängigkeit von der Automobilindustrie beschränkt das gewerkschaftliche Handlungspotenzial. Doch es geht auch anders: Ein Film, der diesen Sonntag im Schikaneder Kino gezeigt wird, zeigt, das auch andere gewerkschaftliche Ansätze möglich sind.

Die Automobilproduktion ist eine Schlüsselindustrie in Österreich. Sie ist die Nummer 3 im Industriebereich, die zweitgrößte Exportbranche und zweitgrößte industrielle Arbeitgeberin für Entwicklung und Forschung. 370.000 Beschäftigte haben direkt und indirekt damit zu tun. Darunter fallen knapp 43.000 Jobs in der Produktion, 34.000 Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie, aber auch zehntausende an Beschäftigten in Werkstätten, Versicherungen, Transportgewerbe und Handel. Sie ist Wachstumsmotor des Wirtschaftsstandorts Österreich, nur wenige Branchen können über ein Plus von 15 Prozent im Produktionsvolumen berichten.

Wiener Sozialplan

Schon 2015 wurde im Opel Werk Wien-Aspern ein „Standortsicherungspakt“ beschlossen. Das Ziel: Wien-Aspern langfristig abzusichern und eine „wettbewerbsfähige und nachhaltige Produktion“ sicherzustellen. Doch im Februar gerät das Übereinkommen ins Wanken. PRO-GE, GPA-djp und der Betriebsrat zum Arbeits- und Sozialgericht: das geplante Produktionsvolumen deckt nicht die Anzahl der Beschäftigten, sie befürchteten Entlassungen. Dadurch sehen sie den Standortsicherungspakt verletzt. Einen Pakt, für den die Belegschaft des Opel Werks als Gegenleistung einen Lohnverzicht von zweimal 2 Prozent hinnahm. Das war eine Bedingung des Standortsicherungspakts, sier wurde aus Sicht der Gewerkschaften verletzt.

Das Werk ist im Eigentum des zweitgrößten Autoherstellers in Europa, Peugeot Société Anonyme (PSA). Neben dem Autobau gehören auch Zuliefererbetriebe, Finanzdiensleistungen, Verkaufs- und Konstruktionsunternehmen zum Portfolio des Konzerns. Montagewerke gibt es von der Slowakei bis Spanien, aber auch in Argentinien und Brasilien. Mit einem jährlichen Umsatz von 74 Milliarden Euro beschäftigt er insgesamt über 182.000 Menschen. 2018 erhielt der Standort Aspern von Seiten der Stadt Wien eine Million Euro „Innovationsförderung“, um den Standort beim Sparkurs von PSA zu verschonen. Das war die größte Unterstützung für ein Einzelunternehmen seit 20 Jahren.

Für die 400 gekündigten Menschen wurde in Kooperation mit dem „Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds“ eine Arbeitsstiftung eingerichtet und mit der Geschäftsleitung ein Sozialplan verhandelt. Das ermöglicht die individuelle Begleitung bei der „beruflichen Neu- und Umorientierung“ in einem sozial abgesicherten Rahmen für bis zu vier Jahren. „Die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können sich auf die Unterstützung durch die Gewerkschaften verlassen“, sagen Toni Steinmetz, Landessekretär der PRO-GE Wien und Mario Ferrari, Geschäftsführer der GPA-djp Wien.

Kampf um Luft

„Was die Arbeiter brauchen, dass ist nicht der faule Frieden mit dem Kapital, sondern das ist konsequenter Kampf und klare Front gegen die Ausbeuter“, hört man einen Mann durch ein Megaphon reden. Es regnet, Arbeiter_innen des Opel Werk in Bochum eilen in die Fabrik und nehmen schnell die Flugschriften in die Hand, die ihnen von Aktivist_innen der „Gruppe oppositioneller Gewerkschafter“ (GoG) in die Hand gedrückt werden.

„Luft zum Atmen“ heißt der Film der Dokumentarfilmemacherin Johanna Schellhagen, der die Arbeit der GoG dokumentiert. Die GoG war eine oppositionelle Betriebsgruppe, die sich 1972 gründete. Sie waren Arbeiter_innen bei Opel-Bochum und gaben in ihrer Funktion im Betriebsrat geheime Informationen an die Belegschaft weiter. Sie sorgten für achtstündige Betriebsversammlungen, organisierten Bildungsurlaub und vernetzten sich mit anderen Opel Standorten in Europa. In den Filmaufnahmen sieht man die Gruppe bei den gemeinsamen Busfahrten quer durch Europa Gitarrespielen und dazu singen.

Spürbare Wut

Bei den Betriebsratswahlen 1975 erreichte die Gruppe ein Drittel der Sitze. Das Misstrauen gegenüber den offiziellen Vertretern der übermächtigen IG Metall blieb bis zum Ende. Die ambivalente Rolle tarifführender Gewerkschaften wird in dem Film deutlich. Standortsicherheit, Befriedung von Klassenkämpfen und Mittragen von Konzernentscheidungen sind zentrale Motive der IG Metall, während die GoG auf demokratische Aktionen von und durch die Belegschaft setzte. Die zahlreichen Aufnahmen dokumentieren das Zusammenkommen der Belegschaft, Diskussionen, Abstimmungen. Man spürt die Wut der Opel-Arbeiter_innen und die Kraft, die das Kollektiv daraus schöpft selbst zu entscheiden, zusammenzukommen und die Verhältnisse mitzugestalten. „Was wir erreicht haben haben wir nur durch Kampf erreicht. In dem wir alle zusammenhalten und zusammenstehen“, sagt Uwe Lübke, ehemaliger Opel Arbeiter und Mitglied der GoG.

Die demokratischen Gewerkschaftsaktivitäten der GoG mündeten 2004 in einem der wichtigsten Streik bundesdeutscher Industriegeschichte. Es ist das Jahr, in dem die damalige Eigentümerin General Motors entschloss 4000 Arbeitsplätze in Opel-Bochum zu streichen. Was folgte war nicht nur eine Solidaritätswelle, die Bochum ergriff: „Opel gehört zu Bochum wie der VfL!“ war am Banner der Ultras von „VfL Bochum“ im Heimspiel gegen Hansa Rostock zu lesen. Auch die Belegschaft ging in einen wilden Streik und besetzte 6 Tage lang das Werk. Eine Urabstimmung unter der Belegschaft führte dazu, dass der Streik beendet wurde. 2014 wurde das Werk geschlossen.

Es ist Verlass

Wien-Aspern: Die Gewerkschaft plante keine Proteste gegen den Stellenabbau. Man verlässt sich auf Sozialplan und Arbeitsstiftung. „Es ist ein trauriger Abschied und wir bedauern es sehr, dass seitens der Firmenleitung nicht mehr unternommen wurde, den Abbau von Benchmark-MitarbeiterInnen zu verhindern. Denn möglich wäre das – da bin ich ganz sicher – gewesen. Aber wo der Wille fehlt…“, steht in einem Aushang des Arbeiterbetriebsrats bei Opel Wien.

Veranstaltungshinweis: Am Sonntag, dem 6. Oktober, kann man sich gegen freie Spende im Schikaneder-Kino „Luft zum Atmen“ (D 2019, 70min) anschauen. Für das anschließende Publikumsgespräch sind außerdem Regisseurin Johanna Schellhaben, Wolfgang Schaumberg, Mitbegründer von GoG bei Opel in Bochum und Peter Haumer, vormals “Gruppe oppositioneller Arbeiter“ bei General Motors in Wien, anwesend.

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