Wie bestellt: Streiks und Blockaden beim Lieferdienst Gorillas in Berlin

Foto: twitter gorillasworkers

Lieferdienste expandieren weltweit, die Coronapandemie hat dem Sektor noch einmal immensen Auftrieb verschafft. Die BotInnen werden dafür in katastrophale Anstellungsverhältnisse gedrängt. ArbeiterInnen von Gorillas Berlin wehren sich – ihr Widerstand ist kein Einzelfall, schreibt Ako Pire.

Das Nudelwasser ist bereits am Herd, als man bemerkt, dass man sich die Carbonara doch eher hätte bestellen sollen: Kein Salz mehr. Wer nicht bei NachbarInnen klingeln will, der findet bei Unternehmen wie Gorillas oder Flink schnell anderweitig Abhilfe: Zu Supermarktpreisen oder darunter bekommt man, so das Versprechen von Gorillas Berlin, das Salz in spätestens 10 Minuten geliefert. Am 9. Juni haben die ArbeiterInnen von Gorillas ihrem Unternehmen die Suppe jedoch gehörig versalzen. Nach der Entlassung des Kollegen Santiago aufgrund einer Nichtigkeit (einer Verspätung) brachen wilde, also ungenehmigte, Streiks aus. Das wichtigste Warenlager der Firma in Berlin wurde erfolgreich blockiert. Gorillas Berlin musste seinen Service einstellen. Die eindeutige Forderung des „Gorillas Workers Collective“, einem informellen Zusammenschluss von FahrradkurierInnen: „We want Santiago back!“ 

Profit – in 10 Minuten, 10 Jahren, oder irgendwann vielleicht 

Es handelt sich bei Gorillas um ein typisches Start-up. Ein profitabler Betrieb liegt, wenn überhaupt, noch in weiter Ferne. Fokussiert wird auf Minimierung der Kosten sowie Marketing. Ziel ist die Übernahme ganzer Märkte durch die eigene Plattform zum Zweck der Monopolisierung. Oder, weniger glamourös: Rechtzeitig verkaufen. 

Die Königsdisziplinen der High-Tech- Superinnovatoren bleiben miese Arbeitsbedingungen und geringe Löhne. Denn Drohnen bringen Bomben aber immer noch keinen Burger. Um diese schlechten Bedingungen durchzusetzen, bleibt die Strategie immer die gleiche. Egal ob beim großen Vorbild Amazon oder Foodora/Mjam. Die Lieferdienste verkaufen die Zustellung als Gelegenheitsarbeit (eine hippe Möglichkeit, flexibel Geld zu verdienen – bezahlt Fahrradfahren, höhö!). Und die ArbeiterInnen sind voneinander isoliert. Die Organisierung der Belegschaften durch Gewerkschaften gestaltet sich, wie beabsichtigt, oft schwierig. 

Die Grenzen der Gig-Economy 

Es ist aber kein Zufall, dass sich gerade die ArbeiterInnen bei Gorillas derart schnell kollektiv wehren. Denn Gorillas und andere Lieferdienste, die sich auf Lieferung in kurzer Zeit konzentrieren, sind gleich auf mehrfache Weise verwundbar. Die Zustellung als Gelegenheitsarbeit (Gig-Work, in Österreich beispielsweise freie Dienstnehmerschaft) zu organisieren, ist durch das Versprechen auf Lieferung innerhalb kürzester Zeit nicht möglich. Leistungsbezogene Entlohnung, also Bezahlung pro Lieferung, zahlt sich für die FahrradkurierInnen zu schwächeren Tageszeiten nicht aus. Trotzdem müssen Unternehmen auch diese verlässlich bedienen. Darauf, dass (vielleicht gar bei schlechtem Wetter) ein freier Dienstnehmer auftaucht, um eventuell ein paar Aufträge zu absolvieren, kann sich das Unternehmen nicht verlassen. Die für das Geschäftsmodell notwendigen ordentlichen Arbeitsverträge verkauft Gorillas als Entgegenkommen. Tatsächlich handelt es sich um arbeitsrechtliches Greenwashing.  

Aus dem Versprechen der Lieferung binnen 10 Minuten ergibt sich außerdem eine weitere Verwundbarkeit. Während sich bei Amazon gezeigt hat, dass der Streik bei einem Warenhaus durch andere Warenhäuser im Rahmen der firmeninternen Logistik aufgefangen werden kann (mittlerweile bestreiken deutsche Gewerkschaften Amazon an polnischen Feiertagen) sind die zentral gelegenen Warenlager von Unternehmen wie Gorillas ein weiches Ziel – selten waren Blockaden so einfach und so unmittelbar wirksam. Tatsächlich sah sich das Unternehmen schon vor einigen Monaten seinerseits mit Blockadevorwürfen konfrontiert – nämlich seitens AnrainerInnen, die nicht erfreut waren, dass öffentlicher Raum und Parkplätze im Umfeld der Warenlager zu Pausenräumen wie auch weiterem Lagerplatz mutierten. Bei den Warenlagern treffen sich außerdem notwendigerweise die BotInnen und lernen sich kennen – eine gute Gelegenheit, sich von unten zu organisieren.

Die Gorillas sind kein Einzelfall, es zeigen sich global erstaunlich ähnliche Dynamiken. Der durch schnelle Lieferversprechen und stationäre Positionierung erzeugte Flaschenhals führte beispielsweise auch zu Streiks in der Volksrepublik China, in der Folge gar zu staatlicher Repression gegen unabhängige Gewerkschafter. 

Änderung der Probezeitregelung

Eine Anstellung über ordentliche Arbeitsverträge, selbst wenn sie nach Kollektivvertrag erfolgt, ist zuweilen nicht so viel besser als die Freie Dienstnehmerschaft. In Österreich gibt es einen Kollektivvertrag für FahrradbotInnen, Unternehmen finden dennoch reihenweise Schlupflöcher. So liefern manche FahrradbotInnen mit All-in Verträgen aus, die eigentlich für Führungskräfte gedacht sind – obgleich hier bloß Essen geführt wird.  

Die KollegInnen bei Gorillas in Berlin fordern deswegen mittlerweile nicht nur die Wiedereinstellung von Santiago sondern auch eine Änderung der Probezeitregelung, die seinen Rauswurf überhaupt erst ermöglicht hat. Sechs Monate lang ist die Probezeit. In einer Branche mit einer derartigen Fluktuation stellen sechs Monate Probezeit schlicht eine Prekarisierung des Arbeitsvertrages dar. Es finden weiterhin Demonstrationen statt, daneben befindet sich ein Betriebsrat in Gründung. Die Reaktion des Unternehmens war vorhersehbar bis skurril. Neben dem Evergreen „Wir sind eine Familie“, sowie dem Herbeirufen der Polizei lud der Geschäftsführer, Kağan Sümer, unzufriedene Beschäftigte dazu ein, die Probleme bei einer Fahrradtour zu bereden. Wie in Familien üblich entstand dieses versöhnliche Angebot wohl nach Absprache mit einer PR Agentur. 

Strategische Schlüsselposition von FahradbotInnen

Der wilde Streik ist der erste seiner Art seit langem. Er hat einen für Arbeitskämpfe in Deutschland und erst recht Österreich sehr seltenem Bewegungscharakter. Die starke internationale und migrantische Ausrichtung ist bemerkenswert. Das liegt unter anderem an der Umgangssprache. Sie ist, wie auch bei Mjam in Österreich, Englisch. Andererseits beeindruckt die unmittelbar entwickelte Blockadetaktik. Denn auch wenn Services wie Gorillas marginal und auf die Innenbezirke großer Städte beschränkt bleiben werden, andere Formen derartiger Lieferdienste werden bestimmt noch den Markteintritt schaffen, beziehungsweise expandieren. Und mit ihnen bestimmte Taktiken und Strategien.  

Ein komplexes Zusammenspiel aus steigenden Immobilienpreisen, anlagesuchendem Kapital, Verelendung, Änderungen bei Haushaltsgrößen und Konsumnormen könnte dazu führen, dass es am Ende just die BotInnen sind, denen eine strategisch wichtige Position zukommt. Wir werden wohl nicht die einzigen sein, die diesen Streik aufmerksam verfolgen. 

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