Letzte Generation: Nur hinsetzen ist zu wenig

Letzte Generation klebt auf vor Bundestags-Garage

Die Letzte Generation kann alleine nicht gewinnen, meint Manuel Grebenjak. Sie sollte mit dem Rest der Klimabewegung zusammenarbeiten.

Danke, Letzte Generation“, schrieb mosaik-Redakteur Valentin Schwarz Mitte Jänner und plädierte dafür, die Erfolge der Letzten Generation (LG) anzuerkennen. Klimaaktivist Manuel Grebenjak tut das – sieht aber auch viel Verbesserungspotenzial in der Gruppe und der Klimabewegung insgesamt. Für eine erfolgreiche Bewegung brauche es Vernetzung und gute Zusammenarbeit. Diese komme bei der LG zu kurz – zumindest in Österreich. Ein Interview über bewegungsinterne Skepsis, Rosa Parks und darüber, warum es wichtig ist, vor allem die Mächtigen zu nerven.

mosaik: Die Letzte Generation erhält in der Öffentlichkeit gerade mehr Zuspruch. Du hast sie in einem vieldiskutierten Beitrag deutlich kritisiert und meinst, sie beschert der Klimabewegung wenig dankenswerte Erfolge…

Manuel Grebenjak: Nein, so würde ich das nicht sagen. Wie sehr die Letzte Generation die Klimabewegung weiterbringt, werden wir erst im Nachhinein bewerten können. Bisher hat sie es geschafft, Klimakrise und -aktivismus wieder mehr zum Thema im öffentlichen Diskurs zu machen. Die LG regt außerdem andere Teile der Klimabewegung zum Nachdenken an: darüber, wie wir strategisch vorgehen, welche Aktionen Aufmerksamkeit bringen und wie wir diese nutzen können. In den letzten Jahren haben Klimagruppen mit ihren Aktionen oft kaum mehr als die eigene Blase erreicht. Das kann wichtig sein, um Erfahrung zu sammeln. Aber wenn man wirklich in die Gesellschaft wirken will, ist das zu wenig.

LG versteht es besser als andere, mit der Medienlogik zu arbeiten – und die Medienlandschaft ist bürgerlich-liberal geprägt. Journalist*innen interessieren sich überdurchschnittlich für Kunst und Kultur. Auch deswegen ist die Berichterstattung zu Aktionen wie dem Anschütten von Bildern so groß.

Wo liegt dann das Problem?

Wir müssen besser zusammenarbeiten. Aber zwischen der Letzten Generation und anderen Gruppen der Klimabewegung in Österreich gibt es zu wenig Austausch. Die LG steckt viel Zeit in ihre eigenen Aktionen, scheint aber nicht sehr an Zusammenarbeit mit anderen interessiert. Und die strecken ebenfalls zu wenig die Hand aus.

Woher kommt diese Skepsis?

Zum einen tut die Letzte Generation so, als wäre sie die einzige Gruppe, die das Ruder noch herumreißen könnte. Das drückt sich in ihrer Strategie und Kommunikation aus. Sie greift kaum die Themen anderer Gruppen der Bewegung auf und zeigt öffentlich kaum Solidarität mit anderen.

Zum anderen gibt es in der Klimabewegung eine allgemeine Skepsis an ihrer Strategie, die ich teile: Die LG stellt sehr niedrige Forderungen wie Tempo 100. So will sie Empörung darüber auslösen, dass selbst diese einfachen Maßnahmen nicht von der Politik erfüllt werden. Zum Teil funktioniert das. Gleichzeitig reagieren Staat und Polizei mit Repression und strafrechtlichen Verschärfungen. Die Frage ist: Ist es das wert? Werden sich zum Beispiel immer mehr Leute an den Aktionen beteiligen? Ich bezweifle, dass das Mobilisierungspotenzial in Österreich höher ist als etwa in Großbritannien, wo Extinction Rebellion schon vor Jahren Straßenblockaden mit tausenden Leuten organisierte.

Wie soll die Klimabewegung mit diesen Widersprüchen umgehen?

Eine Bewegung ist wie ein Ökosystem. Es gibt die großen und kleinen, leisen und lauten, radikalen und reformistischen Organisationen. Viele Gruppen sind im Hintergrund aktiv, von denen bekommt die Öffentlichkeit kaum etwas mit. Aber ohne sie würde die Bewegung nicht funktionieren. All diese Gruppen sind wichtig, wenn wir wachsen und stärker werden wollen – und sie müssen zusammenarbeiten. Dafür braucht es Austausch.

Was heißt das im Konkreten?

Illustrieren wir das an einem Beispiel, das die LG selbst gerne verwendet: Die Bürger*innenrechtsbewegung in den USA. Wobei ich mir wünschen würde, dass sie sensibler mit diesem Vergleich umgeht. Es ist gut, aus vergangenen Kämpfen zu lernen – aber in vielen Aspekten sind die zwei Bewegungen nicht vergleichbar. Die Ausgangssituation und auch Repression und Diskriminierung, die die Bürgerrechtsbewegung erfahren hat, waren anders.

Die LG nennt jedenfalls oft das Beispiel Rosa Parks, die sich 1955 weigerte, im Bus Platz für weiße Fahrgäste zu machen. Sie hätte die Gesellschaft damit so gestört wie Straßenblockaden heute, lautet die Argumentation. Solche Aktionen hätten in der Folge zu einem Abbau der rassistischen Segregation geführt. Dabei wird aber ein großer Teil der Geschichte ausgeblendet. Rosa Parks hatte sich bereits lange in der Bürger*innenrechtsbewegung engagiert. Sie ist aufgrund dessen, was sie repräsentiert, gezielt ausgewählt worden. Im Anschluss an ihre Verhaftung begann der lange vorbereitete Montgomery Bus Boycott. 90 Prozent der Schwarzen Menschen in Montgomery – die 75 Prozent aller Fahrgäste ausmachten – fuhren ein Jahr lang nicht mit den Bussen. Der politische und der wirtschaftliche Druck waren immens. Erst dadurch konnten später auch auf juristischer Ebene Erfolge gefeiert werden. Es haben sich nicht einfach ein paar Menschen hingesetzt und das System hat sich geändert. Das Hinsetzen war nur kleiner Teil einer breiten Strategie.

Ja, es braucht zivilen Ungehorsam – und zwar viel mehr! Aber wirksam werden kann er nur gemeinsam mit anderen Arten, Druck auszuüben. Größere Gruppen, die viele Menschen mobilisieren, Unterstützungsstrukturen für Betroffene der Repression, rechtliche Kämpfe und vieles mehr.

Also zusammengefasst: aufeinander zugehen, in Austausch treten, miteinander arbeiten.

Ja, und das bedeutet auch, solidarische Kritik zu üben. Das passiert innerhalb der Bewegung zu wenig – und wenn, dann wird es als spaltendes Verhalten abgewertet. Dabei sind lebendige Debatten extrem wichtig, um besser zu werden und voneinander zu lernen. So eine Debatte findet derzeit statt, allerdings fast nur unter Leuten, die nicht selbst Teil der Bewegung sind und sie teilweise auch nicht verstehen. Die Klimabewegung braucht eine gesunde Kultur, solidarische Kritik zu üben – und auch anzunehmen.

Du plädierst außerdem für eine Klimabewegung, die die „Mächtigen nervt“. Was bedeutet das?

Da wurde ich oft missverstanden. „Die Mächtigen zu nerven” bezieht sich nicht in erster Linie auf Aktionsorte, sondern auf die größere Strategie. Es geht nicht so sehr darum, ob wir auf der Straße oder vor dem Parlament blockieren, sondern wie wir damit Druck ausüben und wie wir diese Aktionen einbetten. Am Ende müssen wir die Mächtigen auf eine Art und Weise stören, die sie zum Reagieren zwingt – politisch, nicht mit Repression. Das könnte die Letzte Generation (LG) viel besser machen. Statt sich an „die Regierung“ oder „die Gesellschaft“ zu richten, könnte sie konkrete Gegner*innen wählen.

Warum hat die LG beispielsweise vor der NÖ-Wahl nicht gezielt Druck auf Landeshauptfrau Mikl-Leitner ausgeübt? Dann hätte LG-Mitbegründerin Martha Krumpeck in der ZiB 2 eventuell mit ihr diskutieren können, statt mit der Jugend-Staatssekretärin Claudia Plakolm. Der Druck wäre gestiegen.

Ganz allgemein kann eine Bewegung auf drei Ebenen Erfolge erzielen: Sie kann den Diskurs verschieben, politische Veränderungen anstoßen, etwa über neue Gesetze, sowie bewegungsinterne Fortschritte erzielen, also Erfahrungen sammeln, wachsen und breiter werden. Konzentriert man sich auf nichts als Aufmerksamkeit, gehen die letzten beiden Ziele unter.

Aber können einzelne Gruppen all das gleichzeitig abdecken? Und müssen sie das überhaupt?

Ich finde es essentiell, die eigene Strategie in die Gesamtstrategie der größeren Bewegung einzubetten. Dann erkennen wir den jeweiligen Beitrag und auch die Grenzen der verschiedenen Ansätze. Aus Großbritannien ist beispielsweise trotz Erfolgen von Extinction Rebellion kein Klimaschutzwunderland geworden.

Wir sollten noch mehr darüber nachdenken, durch welche anderen Schritte die Klimabewegung das System stören kann. Muss „Klimastreik” etwa immer nur heißen, dass Schüler*innen nicht in die Schule gehen? Oder gibt es andere Gruppen, die mit Streiks oder anderem Ungehorsam der Wirtschaft oder Politik noch viel mehr weh tun könnten? Um sie zu erreichen, braucht es viel Vorarbeit: Es gibt bereits viele Menschen, die solches Organizing betreiben. Sie machen extrem wichtige Arbeit, die aber gerade kaum wahrgenommen wird.

Wichtig wäre quasi ein „Danke, Organizing“?

Ich hoffe, dass wir das einmal sagen können. Ich sehe großes Potenzial in Organizing. Die Obergrenze an Menschen, die sich auf die Straße kleben wollen, ist relativ niedrig. Ich kann mir derzeit kaum vorstellen, dass sich in Österreich mehr Leute an LG-Aktionen beteiligen als etwa 2019 bei Extinction Rebellion in Großbritannien. Große Erfolge werden nur möglich, wenn wir über die eigene Blase hinaus Menschen dazu bringen, aktiv zu werden. Das sollte sich nicht nur die Letzte Generation zu Herzen nehmen, sondern wir alle.

Interview: Sarah Yolanda Koss
Foto: Stefan Müller

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