Hohe Belastung, niedrige Bezahlung: Wie Lehrlinge in Vergessenheit geraten

Foto: Martin Baudoijn

Während über Schulöffnungen und Maturaprüfungen viel diskutiert wird, gerät eine Gruppe an Jugendlichen in Vergessenheit: Lehrlinge. Und das, obwohl viele von ihnen in der„kritischen Infrastruktur“ arbeiten. Chris Hofmann über Ausbeutung im Handel, geschlossene Berufsschulen und eine drohende Ausbildungskatastrophe.

109.000 junge Menschen absolvieren in Österreich derzeit eine Lehre, 40 Prozent aller 15-Jährigen in Österreich entscheiden sich für eine duale Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule. Die Lebenslage dieser junger Menschen findet jedoch in politischen wie medialen Debatten (auch in der Linken) kaum Beachtung.

Weniger wert als andere Jugendliche?

So arbeiten beispielsweise in den Supermärkten 7.000 Lehrlinge. Sie müssen derzeit arbeiten, obwohl ihre Berufsschule geschlossen ist. Das gilt für alle Lehrlinge in der „kritischen Infrastruktur“, also auch für jene in Apotheken, Supermärkten, Drogerien, Bäckereien, Fleischverarbeitung und IT/E-Commerce. Die Berufsschule wurde kurzerhand ausgesetzt und die Lehrlinge angewiesen, fünf Tage die Woche im Betrieb zu erscheinen.

Die entsprechenden Verordnungen hat das Bildungsministerium nur mit der Wirtschaftskammer nicht aber den Gewerkschaften besprochen. Auf die gewerkschaftliche Forderung, dass die Lehrlinge Zeit für E-Learning in der Berufsschule bekommen, nahmen sie keine Rücksicht.

Viele Lehrlinge beklagen sich derweil, dass die Arbeitsbelastung deutlich gestiegen ist. Dennoch ignorierte die Wirtschaftskammer die Forderung nach einer vollen Entlohnung statt Lehrlingsentschädigung. Der Unterschied zwischen Lehrlingsentschädigung und Fachkräftegehalt liegt dabei meist bei mehreren hundert Euro brutto. Zum Beispiel verdient ein Lehrling im Handel im dritten Lehrjahr 1.150 Euro, der Mindestlohn für Fachkräfte liegt bei 1.714 Euro.

Die Gewerkschaft und die Lehrlinge

Immerhin konnten die Gewerkschaften in manchen Bereichen ihre Forderungen dennoch durchsetzen. Als der größte gewerkschaftliche Erfolg müssen die Verhandlungen über Kurzarbeit für Lehrlinge gelten. Denn wenn der ganze Betrieb die Arbeitszeit reduziert, macht es wenig Sinn, wenn die Lehrlinge Vollzeit in der Firma erscheinen müssen. Die Forderung der Gewerkschaftsjugend, dass sich für Lehrlinge in Kurzarbeit die Lehrzeit nicht verlängert und sie 100 Prozent ihrer Lehrlingsentschädigung als Kurzarbeitsgeld bekommen, wurde erfolgreich umgesetzt.

Droht die Ausbildungskatastrophe?

Doch die gröbsten Probleme stehen vielleicht noch bevor. Krisen können unmittelbar bis zu 5.000 Lehrstellen kosten. Das zeigen die Erfahrungen der letzten Wirtschaftskrisen. Doch sie sanken auch in den Jahren danach. Das zeigte auch die letzte Krise. So lag 2010 die Zahl der Lehrstellen in Österreich bei 129.000, bis 2019 sank sie kontinuierlich. 2019 konnte zum ersten Mal wieder ein Anstieg der Lehrstellen verzeichnet werden. Mit 109.000 Lehrlingen liegt die Zahl aber dennoch noch immer deutlich unter dem Wert von 2010. Die Zahl der Lehrstellensuchenden ist in der Zwischenzeit konstant geblieben.

Nun könnte die Situation noch dramatischer werden. Der Internationale Währungsfonds geht für Österreich von einem Rückgang von sieben Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Das ist fast doppelt so viel als im Krisenjahr 2009 und wäre die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Gewerkschaftsjugend geht von 10.000 Lehrstellen aus, die im Kontext von Corona wegbrechen werden – das wären fast zehn Prozent aller Lehrstellen. Die Zahl der Lehrstellensuchenden ist derweil im März 2020 um 20 Prozent gestiegen, die Zahl der unbesetzten Lehrstellen um zehn Prozent gesunken. Droht eine verlorene Generation? Die Regierung hätte einige Instrumente in der Hand, mit der sie diese Situation präventiv vorbeugen könnte: mehr Ausbildungsplätze im öffentlichen Dienst und öffentlichen Unternehmen, öffentliche Aufträge bevorzugt an Unternehmen die Lehrlinge ausbilden, stärkere Besteuerung von Unternehmen, die nicht ausbilden und finanzielle Unterstützung von Unternehmen, die sich zur Lehrlingsausbildung bekennen. Bisher ist davon nicht zu erkennen.

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