Sideletter: Wiener Lehrerin über die Folgen eines Kopftuchverbots

Foto: Netzwerk Muslimische Zivilgesellschaft

Amina K. ist Lehrerin in Wien. Sie schreibt als Betroffene eines möglichen Kopftuchverbots über den türkis-grünen Sideletter und das Kopftuch in der Schulrealität.

Vor etwas mehr als einer Woche wurde der Sideletter zwischen den KoalitionspartnerInnen ÖVP und Die Grünen geleaked. Darin angedacht: Ein Kopftuchverbot für LehrerInnen. Die Grünen stehen seitdem – zurecht – am öffentlichen Pranger. Ich frage mich, wo all diese AntirassistInnen waren, als folgende Gesetze beschlossen wurden: das Islamgesetz 2015 (von SPÖ und ÖVP), das Gesichtsverhüllungsverbot 2017 (von SPÖ und ÖVP), das Kopftuchverbot im Kindergarten 2018 (einstimmig von allen Parteien), das Kopftuchverbot in der Volksschule 2019 (von ÖVP und FPÖ) oder das sogenannte Anti-Terror-Paket 2021 (von ÖVP, Grünen, teils SPÖ und Neos). All diese Gesetze bauen auf rassistischen Ressentiments auf und setzen auf nachhaltige Diskriminierung und Marginalisierung von MuslimInnen. Das Kopftuchverbot an der Schule erklärte der Verfassungsgerichtshof für rechtswidrig, damit ist auch das Verbot für LehrerInnen vorerst kein Thema mehr – doch die politische Intention hinter dem Sideletter bleibt dieselbe.

Rassismus als Mittel zum Machterhalt

Ähnlich wie die Schmid-Chats ist das Wunderbare an der Veröffentlichung, dass sichtbar wird, was wir alle schon ahnten: Rassismus als Mittel zum Machterhalt. Menschenleben, beziehungsweise Mädchen- und Frauenleben, als politische Pointe. Strache (FPÖ) und Kurz (ÖVP) hatten in ihrem Sideletter ein Kopftuchverbot für Schülerinnen zu den Wiener Landtagswahlen geplant. Die ÖVP plante dann mit den Grünen das Verbot für Lehrerinnen weiter – im Tausch für einen ORF-Stiftungsrat.

Die ÖVP ist offensichtlich vom Kopftuch besessen. Ob man hier vielleicht mit Exorzismus arbeiten sollte? Vielleicht hilft aber auch Realismus? Wer heute mit den Menschenrechten einer Gruppe Handel treibt zeigt, dass ihm Menschenrechte an sich nicht viel bedeuten.

Kopftuchverbot = Berufsverbot für sichtbar muslimische Frauen

Viele Ebenen dieser Debatte sind problematisch. Ein Aspekt, der besonders sauer aufstoßen lässt, ist, dass wieder einmal Männer über Frauenkörper entscheiden.

Der viel wesentlichere Aspekt ist jedoch, dass ein Kopftuchverbot einem Berufsverbot für sichtbar muslimische Frauen gleichkommt. Für betroffene Frauen wie mich bedeutet das, Existenzängste zu haben. Wir werden aus dem Arbeitsmarkt in die finanzielle Abhängigkeit gedrängt. Doch auch wenn es noch kein Verbot gibt, manifestieren sich diese Debatten bereits in unserer Realität: viele muslimische Lehrerinnen bemühen sich um ein zweites Standbein. Muslimische Lehramtsstudierende nehmen sich Zweitfächer dazu. Noch jüngere Musliminnen fangen ein Lehramtsstudium schon gar nicht an. Wer sollte auch jahrelang studieren, um dann nicht den Wunschberuf ausüben zu können.

Nebelgranate Islamfeindlichkeit

Als Geschichtelehrerin frage ich mich oft, ob gerade wir es in Österreich in Bezug auf die Folgen von Ausgrenzungsmechanismen und Sündenbockpolitiken nicht besser wissen sollten? Es ist unschwer zu erkennen, worum es politischen EntscheidungsträgerInnen in dieser Debatte wirklich geht: Die Kultivierung des Feindbilds Islam. Islamfeindlichkeit soll strukturell verankert und Teil des Systems werden – und das mit meinen und unseren Steuergeldern. 

Islamfeindlichkeit ist aber nicht nur Selbstzweck, er dient durchaus auch als Nebelgranate, wenn es einmal brenzlig wird. Ein Kopftuchverbot hier, eine Moscheeschließung da: Wer hat da noch die strafrechtlichen Verfahren und Korruptionsvorwürfe im Kopf?

Die Folgen: Alltägliche Angriffe

Die Obsession mit dem Islam und vor allem mit dem Stück Stoff auf meinem Kopf auf politischer Ebene trägt maßgeblich dazu bei, dass MuslimInnen tagtäglich realen Gefahren ausgesetzt werden: auf der Straße beschimpft oder angespuckt, das Kopftuch gewaltsam heruntergerissen, ihre Moscheen und Einrichtungen immer wieder angegriffen. Das ist die Realität, die geschaffen wird, wenn das Kopftuch, die Moschee und schlussendlich das Muslimsein ständig zum Ziel von politischen Angriffen gemacht werden. 

Als Lehrerin erlebe ich es tagtäglich, wie besonders muslimische SchülerInnen in einen Erklärungszwang geraten. Sie müssen sich selbst, ihre Identität, ihren Glauben und ihr Dasein ständig rechtfertigen. Sie sind ständig damit beschäftigt die Behauptungen, die die Politik über den Islam und MuslimInnen tagtäglich produzieren und die Medien reproduzieren, zu widerlegen: „Du kannst doch nicht freiwillig den Ramadan einhalten wollen?“ oder „Es kann doch nie und nimmer deine Entscheidung gewesen sein, das Kopftuch zu tragen. Das hast du bestimmt wegen deinem Vater, Onkel oder Bruder gemacht“. Bereits in jungen Jahren werden MuslimInnen zu „Anderen“ gemacht.

Was Vielfalt im Klassenzimmer bewirken kann

Dabei könnte es auch ganz anders sein. Ich werde die Worte einer elfjährigen türkischstämmigen Schülerin an meinem ersten Arbeitstag in der Schule nie vergessen. Als ich in die Klasse eintrat, sagte sie mit leuchtenden Augen und einem strahlenden Gesicht: „Endlich eine Lehrerin mit Kopftuch“. Repräsentation bedeutet sowohl aus pädagogischer als auch gesellschaftlicher Perspektive so viel. Meine bloße Anwesenheit zeigte ihr, dass sie keinen Teil ihrer Identität ablegen muss und sie einfach sein kann. Ihre körperlichen Grenzen kann sie selbst bestimmen und unsere Würde ist unantastbar.

Als Lehrerin mit Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen erlebe ich auch immer wieder, dass ich auf die vielfältigen Realitäten von Jugendlichen viel besser eingehen kann als etwa KollegInnen, die sich ihrer Privilegien in Bezug auf Hautfarbe, Religion, Ethnie, Fluchterfahrung oder Lebensweise nicht einmal bewusst sind. Gerade BPoC-LehrerInnen (Black and People of Colour) sind in den LehrerInnenzimmern so wichtig wie noch nie. Wir stellen eine große Chance dar, um die Schule für die vielfältigen Lebensrealitäten der Jugendlichen zu einem sichereren Raum zu machen und die SchülerInnen bestmöglich auf unsere diverse Welt vorzubereiten. Vielfalt im Klassenzimmer ist ohnehin real, wir brauchen sie auch im LehrerInnenzimmer.

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