Foto: Gina Bonetti

Selbst in Wien wird Kolumbus dem „Entdecker“ gedacht. Warum es sich dabei nicht um ein harmloses Gedenken, sondern ein Ausblenden von kriegerischer und kolonialer Geschichte handelt, erklären Kristina Kroyer, Daniela Paredes Grijalva und Dominique Bauer.

„Müssen missliebige Denkmäler zerstört werden?“, „Das ist nun mal Teil der Geschichte”: Solche und ähnliche Aussagen hören wir derzeit öfter, wenn Nachrichten zu gestürzten Denkmälern diskutiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Frage, was es bedeutet, Symbole des Kolonialismus und der Sklaverei im öffentlichen Raum zur Schau zu stellen, sondern wie berechtigt es sei, sie zu hinterfragen. Dabei geht es darum, wie sich Gesellschaften mit ihrer Geschichte auseinandersetzen.

„Geschichte“ ist kein wertfreies Feld, sondern ein politisches. Es stellt sich die Frage, mit welcher Perspektive wir auf die Vergangenheit blicken und welche Schlüsse wir für die Zukunft ziehen. Denkmäler, deren Zweck es ist, historische Ereignisse zu vergegenwärtigen, sind daher Momentaufnahmen, die eine bestimmte Weltanschauung verkörpern.

War Kolumbus nur ein „Entdecker“?

So wird etwa Christoph Kolumbus an zahlreichen Orten zum „Entdecker“ einer „Neuen Welt“ stilisiert. Durch das Aufstellen von Denkmälern sowie die Benennung von Feiertagen nach seiner Person ist Kolumbus heute sichtbarer Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses. In Wien sind neben dem Kolumbus-Denkmal auch eine Gasse, ein Platz, ein Einkaufszentrum, ein Wohnhaus, eine Statue in der Fassade des kunsthistorischen Museums, ein Gasthaus sowie eine Bierwerbung seinem Andenken gewidmet, wie die Künstlerin und Forscherin Imayna Caceres dokumentiert.

Befürworter*innen dieser Gedenkkultur, allen voran das Hispanic Council, dessen Mitglieder aus Politik, Wissenschaft und Medien sich international dem Erhalt des „hispanischen Kulturerbes“ verschrieben haben, argumentieren mit einem vermeintlichen kulturellen Zusammenrückens, das mit der europäischen Expansion einhergegangen wäre.

Sie verklären dabei die Leidensgeschichte(n) der vielfältigen indigenen Völker zu unbeabsichtigten Nebenprodukten. Eine Argumentationsweise, die auch österreichische Medien aufgreifen. Kolumbus selbst wäre schließlich nur „Entdecker“ gewesen. Seine Rolle im Kolonisierungsprozess müsste im Kontext des damals vorherrschenden Weltbilds gesehen werden. Auch indigene Gruppen wären einander kriegerisch begegnet. Und überhaupt: Die Dezimierung indigener Völker wäre primär ein Produkt unvermeidbarer Epidemien, die die Betroffenen früher oder später ohnehin ereilt hätten. Das verharmlost die Verantwortung der Eroberer*innen sowie deren Gewalt und Rassismus gegenüber indigenen Völkern. Unterschlagen wird auch, dass die indigene Bevölkerung nicht durch friedliche Begegnung mit den Eroberer*innen in Kontakt kam, sondern durch gewaltvolles Eindringen in ihre Lebensräume, gefolgt von Internierung und Versklavung.

Und heute?

Bis heute wirkt sich die Invasion in die Territorien indigener Völker in freiwilliger Isolation tödlich auf ganze Gemeinden aus. Meist geht es dabei um wirtschaftliche Überlegungen, wie die Gewinnung von Holz und Gold oder Energieprojekte. Das ist keinesfalls „unvermeidbar“, sondern Ausdruck einer Kultur, in der der Profit der einen über dem Wert des Lebens der anderen steht. Auch deswegen können historische Handlungen und Ereignisse nicht einfach mit vermeintlich vergangenen Weltbildern gerechtfertigt werden.

Argumentationen, wonach „Geschichte keine moralische Anstalt ist“, oder koloniale Akteure nicht „mit den Kriterien des 21. Jahrhunderts zu messen” sind, verkennen, dass „Geschichte“ immer den soziokulturellen Umgang mit historischen Ereignissen in sich trägt. Dieser ist sehr wohl nach heutigen Maßstäben zu bewerten. In diesem Sinne gilt es die gegenwärtige Glorifizierung überholter Anschauungen, wie die „Entdeckung“ eines Kontinents, der für die dort lebenden Menschen nie “unentdeckt” war, durch die Linse gegenwärtiger Debatten zu betrachten und zur Diskussion zu stellen.

Umkämpfter Gedenktag

Das Kollektiv Trenza machte bereits in der Vergangenheit auf die Präsenz von Kolumbus im öffentlichen Raum der Stadt aufmerksam: am 12. Oktober 2017 mit einer Aktion an der Kolumbus Statue vor der Handelsakademie; am 12. Oktober 2019 mit einer Intervention vor seiner Statue beim Naturhistorischen Museum. Gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Gruppen Wiens gedachten sie unter anderem den Akteur*innen des jahrhundertelangen antikolonialen Widerstands. Der 12. Oktober ist kein zufälliges Datum. Er gilt gilt als der Tag an dem Kolumbus in der Karibik anlegte. Er wird in den USA bis heute als „Kolumbus Tag“ gefeiert und vom Hispanic Council in der Kampagne „Kolumbustag? Ja danke!“ weiterhin als solcher verteidigt.

Protestaktionen verweisen an diesem Tag darauf, dass besagte Feiertage und Denkmäler eben nicht nur einem Seefahrer gedenken. Er symbolisiert viel mehr den Beginn der politischen und wirtschaftlichen Unterwerfung einer Region, deren Ausbeutung den ökonomischen und politischen Aufstieg seiner Auftraggeber*innen ermöglichte. Für die lokale Bevölkerung bedeute das Genozid, Vertreibung und Versklavung.

Indigenes Selbstbewusstsein

Was bedeutet es vor diesem Hintergrund für eine Gesellschaft wie die österreichische, wenn sie eine Gedenkkultur zur Symbolfigur Kolumbus aufbaut? Und was bedeutet es, wenn wir uns Figuren wie Kolumbus und Ereignissen wie der Eroberung der amerikanischen Kontinente nur aus europäischen Perspektive nähern? Schließlich kann die Frage, welche Bedeutung sie damals hatten und heutzutage immer noch haben, nur in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der „Eroberten“ beantwortet werden.

Das wird auch anhand der zahlreichen Umbenennungen des erwähnten „Kolumbustags“ ersichtlich. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er in Spanien als „Tag der Rasse“ begangen – eine Bezeichnung, die in vielen lateinamerikanischen Ländern bis in die 1990er Jahre erhalten blieb. Seit nunmehr einem Jahrhundert wird er in Spanien als „Tag der Hispanität“ gefeiert. Das zeigt, wie sehr die koloniale Sicht weiterhin fest in der Gegenwartskultur verankert ist. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich eine Gegenbewegung gegen diese Geschichtsinterpretation bildet. In einigen US-Bundesstaaten wird der 12. Oktober mittlerweile als „Tag der Indigenen“ gefeiert. Auch in lateinamerikanischen Ländern erhielt er offizielle Namen, die nicht mehr auf die „Entdeckung“ eines Kontinents verweisen. Geänderte soziale Verhältnisse und ein selbstbewusstes indigenes Selbstverständnis stellen koloniale Symbole der Geschichtsschreibung zunehmend auf den Prüfstand.

Lücken füllen

Daher ist es notwendig, Erinnerungskultur zu hinterfragen: Welche Erinnerung halten wir aufrecht? Welche Perspektiven sind zeitgemäß? Welche Inhalte transportieren sie und welche Funktion erfüllen sie heute? Kulturelles Zusammenrücken lässt sich nicht über das Festhalten an kolonialen Feiertagen erreichen. Das blendet die Erfahrungen „der anderen“ einfach aus. Vielmehr gilt es, Lücken im kulturellen Gedächtnis durch die Berücksichtigung der Mehrstimmigkeit von Geschichte zu schließen. Dazu zählt, anzuerkennen, dass das Zusammentreffen von Europäer*innen und jenen, die sie zu minderwertigen „Rassen“ degradierten, keineswegs auf Augenhöhe geschah.

Den Narrativen der Marginalisierten muss daher zumindest derselbe Stellenwert zuteil werden wie jenen der ehemals Erobernden und Herrschenden. Deshalb fordern Stimmen im Zusammenhang mit der „Black Lives Matter“-Bewegung wiederholt, endlich zuzuhören, anstatt aus privilegierter Position heraus, die Erfahrungen und Reaktionen anderer zu bewerten. Denn erst eine Auseinandersetzung mit den Perspektiven der lange Zeit Unterdrückten und Vertriebenen schafft die Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Geschichtsverständnis. Solange das nicht systematisch betrieben wird, wird es weiterhin zu Protestaktionen und umstürzenden Denkmälern kommen – ob symbolisch, wie in Wien im Rahmen einer Bewusstseinsbildungsaktion, oder wörtlich wie im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung.

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