Es vergeht kaum ein Tag ohne neue Schlagzeilen zur aktuellen Flüchtlingslage: Chaotische Zustände an Grenzübergängen und in Flüchtlingslagern, wieder erstarkende Nationalismen, welche sich in Zaunbauprojekten manifestieren und eine Politik, die sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene eine überzeugende Antwort auf diese Herausforderung vermissen lässt. Bereits im ersten Halbjahr 2015 wurden in der EU 417.000 Asylanträge gestellt. In Österreich waren es bis August 46.000 Anträge. Nach einem EU-Verteilungsschlüssel soll Österreich zusätzlich 3.640 Flüchtlinge übernehmen. Viele Menschen stellen sich daher die berechtigte Frage, wieviele Flüchtlinge noch kommen werden.

Diese Frage ist ein guter Anlass, eine oft vernachlässigte Ursache der heutigen Flüchtlingsströme zu beleuchten. Es besteht kein Zweifel: Die Menschen, die heute in Europa um Asyl ansuchen, fliehen vor Krieg, Hunger, Gewalt und Elend in ihren Heimatländern. Aber was führt zu diesen Krisen und Kriegen? Neben den oft vorgebrachten Antworten wie Armut, staatliches Missmanagement oder religiösen Konflikten wird ein zentrales Element oftmals ausgeklammert: das derzeitige Klimarisiko und die sich verändernden klimatischen Bedingungen.

In den Jahren 2006 – 2010, vor der Eskalation des Aufstands in Syrien im Jahr 2011, herrschte im Norden Syriens – dem Brotkorb des Landes – die schwerste je aufgezeichnete Dürre des Landes. In Kombination mit bereits jahrzehntelangen Fehlentwicklungen in der Boden- und Grundwassernutzung (exzessive Grundwasserförderung, Übernutzung des Bodens durch grasende Tiere und landwirtschaftliche Ausbeutung), zwang diese verheerende Dürre Hunderttausende von Kleinbauernfamilien, ihren Grund und Boden zu verlassen und in die Städte zu ziehen. Aufgrund des Zustroms irakischer Flüchtlinge war die soziale Situation dort aber bereits angespannt. Eine Frage der Zeit, bis die Situation durch die Zuwanderung der nun land-, arbeits- und einkommenslos gewordenen Bauernfamilien eskalieren würde.

Klimarisiko ist ein Brandbeschleuniger

Gerade in Syrien zeigt sich, dass Klimarisiken wie Dürren die Eskalationsgefahr in bereits angespannten Situationen beschleunigen kann. Syrien ist aber bei weitem nicht das einzige Beispiel eines Konfliktes von internationaler Tragweite, an dessen Entstehung bzw. Eskalation auch klimabedingte Einflüsse beteiligt sind. Auch der Krieg im Sudan hängt stark mit klimabedingten Dürrekatastrophen zusammen, welche bereits bestehende soziale Spannungen noch weiter anheizten. Für Lateinamerika gibt es Untersuchungen, dass klimabedingte Dürrephasen und den damit verbundenen Ernteausfällen mit einer Zunahme von bürgerkriegsähnlichen Zuständen korrelieren. In Peru sorgt das permanente Abschmelzen der Gletscher – und damit der wichtigsten Trinkwasserversorgung des Landes – zu politischen Spannungen, da die schwache staatliche Infrastruktur die Gefährdung der vorher selbstverständlichen und kostenlosen Bereitstellung von Trinkwasser nicht kompensieren kann.

Auch wenn die Ursachen von Konflikten immer komplex und spezifisch sind, unterliegen heute viele von ihnen massiven Einflüssen klimatischer Risiken und biosphärischer Veränderungen. Meist sind es noch dazu Länder des globalen Südens, welche die Auswirkungen dieser Risiken in erster Linie spüren, gleichzeitig aber über die geringsten Kapazitäten zur Bewältigung ebendieser besitzen. Viele offene Verteilungskonflikte werden dadurch stark zugespitzt. Zusätzlich wird der fortschreitende Klimawandel die bereits existierenden Risiken noch verstärken, was in weiterer Folge zu verstärkten Fluchtbewegungen führen wird. Untersuchungen gehen davon, dass sich die Zahl der Klimaflüchtlinge von 50 Millionen im Jahr 2010 auf 200 Millionen Menschen im Jahr 2050 erhöhen wird – ganz zu schweigen von den Menschen, die dann aus ökonomischen Gründen gezwungen sein werden, ihre Heimat zu verlassen.

Vor Ort, in den Ländern des globalen Südens, ist dieses Problem nicht lösbar, weil die Ursachen nicht alleine dort, sondern vor allem in den scheinbar alternativlosen Konsum- und Produktionsstrukturen der westlichen Industrieländern liegen: Ein expansives globales Wirtschaftssystem, das keine Rücksicht auf die Tragfähigkeit unseres Ökosystems nimmt. Auch die heutige Politik ist geschult darin, die ökologischen und sozialen Konsequenzen unseres Wirtschaftssystems zu ignorieren. Doch wenn heute hunderttausende Flüchtlinge an österreichischen Bahnhöfen ankommen, blicken wir den Auswirkungen dieses Systems bereits direkt ins Gesicht – etwas, das auch die Politik nur schwerlich ignorieren kann. Und das wird sich aller Voraussicht nach auch nicht so schnell ändern.

Konsequente Klimapolitik bedeutet Systemwandel

Im Anbetracht dieser Entwicklungen, braucht es in der österreichischen Politik endlich den Einsatz für eine ernstzunehmende globale Entwicklungspolitik, sowie für eine konsequente Klimapolitik auf nationaler und europäischer Ebene. Einerseits muss Österreich seiner Verantwortung in den betroffenen Ländern nachkommen: die massive und schon lang zugesagt Aufstockung der internationalen Beiträge zur Entwicklungszusammenarbeit, eine zusätzliche Finanzierung von Maßnahmen zur Klimawandelanpassung in ärmeren Regionen sowie die Akzeptanz von Klimaflucht als Asylgrund sind dabei nur drei von vielen möglichen Antworten. Andererseits braucht es aber auch hier bei uns konkrete Maßnahmen zur sukzessiven Reduktion des österreichischen Treibhausgas-Ausstoßes mit Null-Emissionssziel bis spätestens 2050.

Wer diese Maßnahmen für illusorisch hält, muss verstehen, dass selbst sie im Grunde nicht mehr sind als ein erster Schritt. Neben dem Eingeständnis, dass Technologie nicht die (alleinige) Antwort auf den Klimawandel sein kann, müssen wir nämlich auch an der Wurzel des Problems ansetzen: dem auf ewiges Wirtschaftswachstum ausgerichteten, ressourcenintensiven, globalen Wirtschaftssystem.

Die dafür notwendige politische Diskussion über Produktions- und Konsumweisen, ja unsere Definition von Fortschritt selbst, ist lange überfällig. Die alten Grenzen zwischen „wir hier oben“ und „die da unten“ gibt es in einer globalisierten Welt nicht mehr. Die Flüchtlingsbewegungen nach Europa machen die globale soziale, ökonomische und mittlerweile auch ökologische Ungleichheit, die unser Wirtschaftssystem (re)produziert, nun direkt erfahrbar.

Thomas Schinko ist Ökonom und Umweltsystemwissenschafter. Seine Forschungsschwerpunkte sind sozio-ökonomische Aspekte von Klimarisikomanagement, Klimawandelanpassung und -vermeidung. Er ist aktiv bei Der Wandel.

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