Karin Kneissl: Das schräge Weltbild der neuen Außenministerin

Foto: Mahmoud/BMEIA

Wie tickt die schwarz-blaue Außenministerin? Josef Baum hat das neue Buch von Karin Kneissl gelesen. „Wachablöse. Auf dem Weg in eine chinesische Weltordnung“ zeigt ein Weltbild, das nicht weit von der Blut- und-Boden-Ideologie des Rassismus liegt.

Ich habe das Buch gekauft und gelesen, weil es im Vorwort und auf den ersten Seiten einige simple, vernünftige Sätze hat, wonach man China nicht ignorieren, sondern mehr beachten sollte. Überhaupt solle Europa mehr nach außen schauen. Und immerhin empfiehlt sie StudentInnen, ein Jahr nach China zu gehen. In Zeiten wie diesen freut man sich ja schon über einfache Durchbrüche des Hausverstands.

Wahrscheinlich hätte ich das Buch nicht gelesen, wenn ich genauer auf den Verlag geachtet hätte, in dem es erschienen ist. „Frank und Frei“ ist ein Abfallprodukt der Ära Frank Stronach, der Verlag der „Team Stronach Akademie“ publiziert sonst Bücher gegen den „Genderismus“ oder die „Armutsindustrie“.

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Blut und Boden

Tatsächlich passt das Buch gut in das skurrile Programm des Stronach-Verlags. Neo-Außenministerin Kneissl endet damit, dass „Geografie und Biologie“ (S. 103) wieder in den Mittelpunkt gerückt werden sollen. Heinz-Christian Straches Jugendfreunde würden einfach „Blut und Boden“ sagen. Die geopolitische Expertin vermag sich aber eleganter auszudrücken: „Geschichtsgrundlagen, frei von ideologischer Verbrämung, sollten an Österreichs Schulen wieder gelehrt werden“. Was meint sie wohl damit?

Seit Jahren durchzieht die Aussagen Kneissls ein „Biologismus“, der nicht weit vom Rassismus entfernt ist. Von Verteilungsfragen, Reichtum und Armut, gleichen Rechten ist bei ihr praktisch fast nichts zu finden. Stattdessen geht es ihr immer wieder um das bestimmende „Körperliche“.

Vergewaltiger und Kanonenfutter

Im Buch analysiert sie etwa den Männer-Überschuss durch Chinas langjährige Ein-Kind-Politik und kommt zum knallharten Schluss: „Eine Möglichkeit, die Gefahr sozialer Unruhen hintanzuhalten, ist der Export junger Männer in die Minen und auf die Erdölfelder auf dem afrikanischen Kontinent“ (S. 96). Und in einem „Gespräch“ – sonst gibt sie keine Quelle an – hat sie erfahren, dass in Afrika von diesen „überschüssigen jungen Männern“ bzw. „von chinesischen Fremdarbeitern an den einheimischen Frauen immer wieder Vergewaltigungen begangen würden“.

Auf bekannte Art wird die Besonderheit einer Nationalität in den Raum gestellt, ohne auch nur eine Sekunde auf konkrete Fakten zu verwenden. Es wird ohne weitere Begründung eine monströse Sorge vorgebracht, die aber als Tatsache präsentiert wird: „Die Sorge unter einigen Beobachtern ist auch, dass die überzähligen jungen Männer als Kanonenfutter eines Tages in einen konventionellen Krieg geworfen werden könnten“. (S. 98).

Flüchtlinge als „Testosteronbomben“

Karin Kneissl hat offenbar ihren Horizont nach ihrem Knüller „TESTOSTERON MACHT POLITIK“ – das Buch heißt wirklich so – in Richtung Osten erweitert. Im 2012 erschienenen Vorgänger hat sie noch das Testosteron junger Männer als wesentliche Triebkraft von Revolutionen in arabischen Ländern ausgemacht. In Österreich qualifizierte sie sich für Strache und Co. endgültig als „Expertin für Geopolitik“, als sie Flüchtlinge immer wieder als „Testosteronbomben“ bezeichnete. So kommt man in einer schwarz-blauen Regierung zu einem Ministeramt.

Für weitere Testosteron-Analysen hätte ich übrigens die Anregung, dass es auch in peripheren Regionen wie dem Waldviertel durch eine stärkere Abwanderung junger Frauen einen beträchtlichen Überschuss junger Männer gibt. Dort ist bekanntlich die Partei, die sie als Außenministerin nominiert hat, besonders stark. Stoff für eine nächste Publikation?

Geruchslose Chinesen

Für ihr aktuelles Buch dürfte Karin Kneissl ein schwer nachvollziehbares, aber für sie einschneidendes Erlebnis gehabt haben, das sie so beschreibt: Für ChinesInnen seien Nicht-ChinesInnen „aufgrund von Geruch und Körperbehaarung ohnehin andere, optisch kurios anmutende Wesen, eventuell gar stinkende Langnasen: Zumindest fühlte sich die Autorin als solche in den Umkleidekabinen im Pekinger Hallenbad, wo schlicht keine körperliche Ausdünstung zu riechen ist“ (S. 87).

Womit wir wieder bei den biologischen Basics wären, die aber – DiplomatInnen sollen ja für die Wirtschaft da sein – sofort mit einem praktischen Ratschlag verbunden werden: „China eignet sich daher auch nicht als großer Exportmarkt für Deodorants“.

Expertin für eh alles

Als „geopolitische Expertin“ für fast alles nimmt sie aber auch zu anderen Fragen als zur „Bedrohung“ durch China Stellung. Sie entlarvt die „Mitleidsindustrie“: Die „Entwicklungszusammenarbeit“ schaffe nur „Bevormundung“, könne aber auch Positives bewirken – wenn man sie privatisiert: „Unternehmen schaffen Arbeitsplätze“ (S. 59). Ja so einfach können Dinge sein. Als Außenministerin ist Karin Kneissl nun für ebenjene Entwicklungszusammenarbeit zuständig.

Natürlich kritisiert sie im Kurz-Strache-Stil auch Angela Merkel. Die deutsche „Energiewende“ (S. 102) – also der geplante Umstieg auf erneuerbare Energien – wäre ein Fehler gewesen. Zum Teil wird es auch grotesk: sie behauptet, in Deutschland werde Erdgas diskriminiert (S. 51). Kneissl kritisiert die USA dafür, dass sie in Georgien 2008 und in Libyen 2011 zu wenig aktiv eingegriffen hätten. (S. 42). Ohne Quellen behauptet sie, dass China „die syrische Verwaltung finanziert und damit die Zahlung der Gehälter an Staatsbedienstete und Soldaten ermöglicht“ (S. 53).

Unfug und Internet

Sie schreibt zu China übrigens auch etliches Zweitrangiges, was leicht als Unfug nachweisbar, aber nicht wichtig ist. Das kommt bei schnellen Schriften neuer „China-Experten“ oft vor. Bemerkenswert ist, dass Kneissl, wenn sie überhaupt Quellen angibt, kaum Bücher zitiert, sondern fast ausschließlich Internetquellen. Umfassendere Analysen würden vielleicht ja Vorurteile erschüttern.

Kneissls Buch endet so: „In Wien hat man bislang nicht begriffen, was auf dem Spiel steht.“ (S. 104) Und im Zusammenhang mit der Betonung von „Biologie und Geografie“ zum Nahen Osten und zu Nordafrika: „Hier China einrücken zu lassen, bedeutet eine Schwächung Europas auf allen Ebenen“ (S. 103). Wer soll nun für das Angestammte ausrücken?

Für Kurz und Strache mag die Lektüre nützlich sein. Das Buch passt in ihr Weltbild – und das hat die Autorin wohl auch für das Amt der Außenministerin hinreichend qualifiziert.

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