Was Jugoslawien heute bedeutet: Über Jugonostalgie als Widerstand

Foto: Georg Brutalis

Am 29. November jährt sich der Tag der Republik, wie er in Jugoslawien begangen wurde. Potjeh Stojanović macht sich Gedanken darüber, was dieser Tag für die zweite und dritte Generation von Gastarbeiter_innen bedeutet.

Juli 1995. Unter dem Kommando Ratko Mladićs werden 8.000 muslimisch-bosnische Männer und Jungen von der VRS (dt. Armee der Serbischen Republik) ermordet. Zahlreiche Soldat_innen dieser Armee unterstanden bis kurz zuvor noch der JNA (dt. Jugoslawische Volksarmee).

Allerspätestens jetzt ist der endgültige Tod des sozialistischen Jugoslawiens besiegelt. Seinen Anfang nimmt es fast fünfzig Jahre zuvor, mitten im Zweiten Weltkrieg. Am 29. November 1943 ruft der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens (AVNOJ) – die provisorische Kriegsregierung der antifaschistischen Volksfront unter klarer Dominanz der partizani Titos – die Neugründung der Föderativen Republik Jugoslawien aus. 800.000 Jugoslaw_innen werden bis zum Kriegsende auf ihrer Seite kämpfen. 1945 gelingt endlich die eigenmächtige Befreiung vom Nationalsozialismus, dem italienischen und kroatischen Faschismus sowie von ihren zahlreichen regionalen Kollaborateur_innen.

Sozialistische Modernisierung

In diesem vom Krieg verwüsteten, multiethnischen und strukturell unterentwickelten Agrarstaat wagt die kommunistische Partei eine sozialistische Revolution. In der nachkriegszeitlichen Machtkonstellation konnte sich Jugoslawien weder auf den Ostblock noch auf den Westen verlassen. Der kommunistische Einparteienstaat forciert ein Modernisierungsprojekt. Innerhalb von 15 Jahren katapultiert es Jugoslawien in andere Epochen. Über seine Geschichte hinweg verkörpert es die Hoffnungen von Linken in aller Welt auf einen humanistischen Sozialismus, einen dritten Weg.

Tag der Republik in Jugoslawien

Das jährliche Gedenken an den 29. November 1943, den Tag der Republik, war eine der zentralen kollektiven Identitätsstiftungen des neu zu schaffenden Vielvölkerstaats. Diese Feiern waren geprägt von romantisiertem Kitsch und antifaschistischem Selbstverständnis zugleich. Mittels Heldenerzählungen, interregionalen Arbeitsaktionen (radne akcijke) und Titos antinationaler Autorität wurden die ethnisch-nationalen Identitäten durch eine modern-sozialistische Identität der Brüderlichkeit und Einheit (bratstvo i jedinstvo) und der Selbstverwaltung (samupravstvo) ersetzt.

Heute bedient dieser Tag nur noch die Jugonostalgie der Volksverräter_innen, der komunjare (Kommunistenschweine), jener Teile der postjugoslawischen Bevölkerung, die sich entweder tatsächlich besserer vergangener Zeiten erinnern oder diese romantisieren. Und nicht zuletzt einiger Exil-Jugoslaw_innen, für die Jugoslawien im wahrsten Sinne des Wortes immer schon ein Nicht-Ort war. Ein Ort, der für sie nie existent war und dessen Produkt sie aufgrund seines Zerfalls dennoch sind. Zu letzteren – und vielleicht auch ein Stück weit zu allen anderen – zählt auch der Autor des hier Geschriebenen.

Erinnern an das revolutionäre Scheitern

Aber was bedeutet Jugonostalgie für zweite und dritte Generationen von gastarbajtern, die Jugoslawien in erster Linie aus nachkriegsnationalistischer Propaganda kennen? Was kann sie für gastarbajter selbst bedeuten, deren alleinige Existenz bereits ein Scheitern dieser sozialistischen Revolution verkörpert? Und was kann sie für die Überlebenden des jugoslawischen Bürgerkriegs und für die vor dem Krieg Geflüchteten bedeuten? Außer Trauer und Wut?

Neben Trauer um die massenweise Zerstörung von Existenzen im Krieg lässt sich auch eine geschichtliche Dimension der Trauer verorten. Trauer um die vollständige Umkehrung eines sozialistischen, antinationalistischen Versprechens in einen nationalistischen Bürgerkrieg. Kaum etwas steht dafür so sinnbildlich wie die eingangs erwähnte Jugoslawische Volksarmee JNA. Die Geschichte dieser Umkehrung ist eine Geschichte voller Momente des revolutionären Scheiterns, der Enttäuschungen und des Schweigens.

Stalinistischer Antistalinismus

Dazu zählt auch Titos notwendiger Bruch mit Stalin 1948. Er vollzog sich selbst stalinistisch in der Repression, Verfolgung und Internierung politisch Oppositioneller auf der Gefängnisinsel Goli Otok. Dass es Konservativen und Rechten dagegen nie um die tatsächlichen Opfer geht, zeigt sich in der häufigen Gleichsetzung proportionaler Opferzahlen mit den Gulags, die faktisch nicht stimmt (und für Empathie mit den Betroffenen alles andere als notwendig ist). Und der Verleugnung dessen, dass viele Opfer selbst Linke waren, die als vermeintliche oder tatsächliche Stalinist_innen verfolgt wurden.

Ungleiche Modernisierung

Nicht nur die wachsende Ungleichheit zwischen den Teilrepubliken war Zeugnis einer strukturell ungleichen Modernisierung. Die vielen gastarbajteri, die den Genuss des sozialistischen Fortschritts kaum am eigenen Leib erfahren durften, haben sich auf der Suche nach einem besseren Leben in den Kapitalismus begeben. Weil das Versprechen vom guten Leben durch gesellschaftliche Arbeit für sie lediglich Versprechen blieb, machten sie ihre Arbeitskraft und damit sich selbst zur Ware westlicher Arbeitsmärkte. Das Scheitern der Revolution zeigt sich auch darin, dass sie in den ‚Gastländern‘ als Menschen zweiter Klasse, die sich kapitalistischer Ausbeutung und rassistischer Erniedrigung beugen mussten, manchmal doch das bessere Leben gefunden haben.

Von Frauenemanzipation zum Nebenwiderspruch

Ein wesentliches Moment des Scheiterns war auch die nie vollendete weibliche Emanzipation. Sie stellte spätestens seit dem Volksbefreiungskrieg eine zentrale politische Säule der Revolution dar. 1942 führte die Kommunistische Partei das allgemeine Wahlrecht für Frauen ein. Im selben Jahr gründete sich in Petrovac die AFŽ (dt. Antifaschistische Frauenfront), der 100.000 Kämpfer_innen und über zwei Millionen Unterstützer_innen angehörten.

Bis in die 1960er Jahre wurden weitgehende Liberalisierungen im Abtreibungsrecht durchgesetzt. Die Frauenerwerbstätigkeit wuchs schneller als in jedem anderen europäischen Land und bäuerlich-patriarchale Geschlechternormen wurden aus den Angeln gehoben. Doch bereits 1953 leitete Auflösung der AFŽ höchstoffiziell die politische Unterordnung der Frauenemanzipation unter die Klassenfrage ein. Die feministische Politisierung des Privaten in den 70ern wurde von Parteieliten als kleinbürgerlich denunziert. Obwohl hunderttausende Feminist_innen gegen den Bürgerkrieg demonstrieren, wurden traditionelle Geschlechternormen spätestens dann wieder einbetoniert.

Die Rache der Konterrevolution

Dieselben partizani, die den unbestritten historischen Dienst an der Menschheit durch den militärischen Sieg über die Achsenmächte, die Ustaša und die Četniks herbeiführten, waren es, die in Bleiburg (Pliberk) nach der Kapitulation des Feindes Rache nahmen und mehrere zehntausend Faschist_innen und Zivilist_innen ohne Prozess exekutierten. Eine schmerzhafte Wahrheit, deren Aufarbeitung den ideologischen Kitt der Gründungsmythen des Volksbefreiungskrieges ernsthaft beschädigt hätte und deshalb niemals stattgefunden hat.

Heute fungiert Bleiburg wiederum in verklärter Form als nationalistischer Mythos kroatischer Rechter und Konservativer. Sie betreiben damit vorzugsweise Holocaust-Relativierung, indem sie Bleiburg mit dem vom kroatischen Faschismus betriebenen KZ Jasenovac vergleichen. Die antifaschistische Vergangenheitspolitik des sozialistischen Jugoslawiens, die so wichtig für die Legitimation der Partei selbst war, musste auch partielle Kritik an der Volksarmee als Angriff gegen die Idee der sozialistischen Revolution unterbinden. Zu groß schien das nationalistische Potenzial einer Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte.

Im jugoslawischen Bürgerkrieg hat die so lange erfolgreich verhinderte Konterrevolution letztlich selbst ihre Chance auf Rache bekommen – und sie auf blutigste Weise wahrgenommen. Der Neofaschismus jeglicher Nationalitäten löschte mit den zahlreichen Menschenleben, die er vernichtete, auch die jugoslawische antifaschistische Geschichte aus.

Kommunistische Erinnerungsarbeit an Jugoslawien

Wozu also um all das trauern – und es nicht schlicht in die Tonne treten? Der Kommunismus ist in Jugoslawien – wie überall, wo er die Bühne der Weltgeschichte betreten hat – tragisch gescheitert. Dass wir aber seine Geschichte überhaupt als eine des Scheiterns deuten können, liegt an seinem eigenen Anspruch: der Befreiung des Menschen von allem Elend, das ihn knechtet. Die schwierige Suche nach den Bedingungen, unter denen die Revolution hätte gelingen können, ist ohne die schmerzhafte Suche nach den Momenten ihres Selbstverrats nicht zu haben. Und davon gab es in der über fünfzigjährigen Geschichte des Sozialistischen Jugoslawiens neben den genannten zahlreiche andere.

Ehrliches Gedenken an den Tag der Republik ist neben der Erinnerung an die militärische Bezwingung des Nationalsozialismus sowie aller Errungenschaften der sozialistischen Revolution, derer es zweifelsfrei auch zahlreiche gibt, damit auch die Trauer um ihren Verlust. Bini Adamczak nennt solche Erinnerung in ihrer Geschichte der Russischen Revolution „kommunistische Trauerarbeit“.

Vor dem Hintergrund einer solchen Trauerarbeit, dieser „Geschichte der Besiegten”, wie Dragan Markovina die widerständische Geschichtsschreibung gegen den herrschenden Geschichtsrevisionismus in den jugoslawischen Nachfolgestaaten nennt, versteht der Autor Jugonostalgie als widerständische Haltung. Gegen die Zumutungen nationalistischer Spaltungen innerhalb postjugoslawischer Communities, den dominanzgesellschaftlichen Integrationszwang, die Verwertbarkeit als migrantische Arbeitskraft, die neofaschistische Geschichtsumschreibung und dieses berühmte verdammte Ende der Geschichte.

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