Absurde Realität: Worte zum Krieg in Israel

Israel

Veronica Lion lebt seit acht Jahren in Israel. Vergangene Woche kam sie aufgrund des Krieges mit ihren beiden Kindern nach Wien. Für mosaik versucht sie, die Situation in Worte zu fassen.

Absurd. Unbegreiflich. Unbeschreiblich. Diese Worte habe ich in den letzten Tagen verwendet, im scheiternden Versuch, den vielen Fragenden nahe zu bringen, wie es mir geht. Die zutiefst erschütternde Realität der vergangene Tage, deren Ausmaß an Grausamkeit kein Ende zu finden scheint, lässt sich nicht beschreiben. Als ob die Sprache nicht fassen will, was passiert.

Vor zwei Wochen schaffte die Hamas das Undenkbare und stürmte über den Zaun, der den Gazastreifen von der israelischen Seite trennt. Und verrichtete eines der größtes Massaker an Jüd:innen, das die Welt seit langem gesehen hat. Details zum Ausmaß der Gewalt werden nach und nach veröffentlicht, sowie die Anzahl der geschändeten, abgeschlachteten Körper und verschleppten Bewohner:innen der attackierten Kibbutzim und Besucher:innen eines Raves nahe dem Gazastreifen. Es ist ein Schlag in das Selbstverständnis von Israel als Supermacht. Ein Untergraben des Gefühls von Sicherheit und Kontrolle.

Der 7. Oktober 2023 wird seither mit dem amerikanischen 11. September verglichen. Ein unvorhergesehener Angriff von einem scheinbar unterschätzten Gegner. Und ähnlich ist die Antwort. Gewalt. Zivile Opfer. Und Leid.

Nationaler Zusammenhalt in der Krise

In Israel funktioniert der nationale Zusammenhalt in Krisensituationen. Sofort werden die Protestbewegungen, die noch bis vor kurzem die extrem rechte Regierung unter Benjamin Nentanjahu zutiefst kritisierten, umfunktioniert. Sie beteiligen sich an Suchaktionen von Vermissten im Süden des Landes, organisieren notwendige Ressourcen und helfen dabei, die plötzlich rekrutierten Reservist:innen mit notwendiger Ausrüstung auszustatten. Alle ziehen an einem Strang.

Gleichzeitig wird die Regierung weiterhin für ihr Versagen kritisiert. Dafür, dass die Zivilgesellschaft ihre Arbeit übernimmt, Individuen zu Held:innen macht und andere zu Opfern. Dafür, dass sie mit ihrer extrem rechten Politik das Land gespalten hat. Dafür, dass ihre Siedlungspolitik den Kurs von potenziellen friedlichen Lösungen noch weiter abgewendet hat. Dafür, dass sie nicht alles in ihrer Macht stehende tut, um die Geiseln aus dem Gazastreifen zurückzuholen, kleine Kinder und alte Frauen. Dafür, dass ihre militärische Antwort und ihr Plan reine Vergeltung ist.

Kritik richtet sich allerdings, wenig überraschend auch gegen die Protestbewegung, die bis zum Angriff der Hamas bereits seit 40 Wochen ohne Unterbrechung gegen die extrem rechte Regierung auf die Straße ging. Die vermeintlich Linken seien Schuld daran, dass das Militär nicht bereit war, dass es nicht genug Reservisten gab, weil diese als Zeichen des Protests gegen den Justizumsturz ihren Dienst bis zum Ausbruch des Krieges verweigert haben. Versuche, mit dem Unfassbaren umzugehen. Wie konnte dieser Alptraum passieren. Wer ist Schuld?

Gleichzeitig passieren unerwartete Schulterschlüsse. Religiöse Gruppen, die sich freiwillig zum Militär melden. Öffentliche Verkehrsmittel und die israelische Luftlinie El Al operieren am Schabbat. Bis vor einer Woche noch undenkbar, dass diese jahrelang umkämpften Themen plötzlich völlig an Bedeutung verlieren. Um der erwarteten und aufkommenden internen Gewalt entgegen zu wirken, werden jüdisch-arabische Nachbarschaftswachen vor allem an gemischten Orten aktiviert. Das kollektive Verantwortungsgefühl ist groß.

Die Zahn-um-Zahn-Mentalität

Meine Kinder, die keinen Kindergarten besuchen können dieser Tage, wollen Pizza backen und im Garten Rad fahren. Über uns fliegen permanent Kampfflugzeuge, wir wissen wohin. Ich versuche empathisch zu sein und den alltäglichen Bedürfnissen meiner Kinder nachzugehen. Meine Gedanken sind anderswo, überall. Zwischen Live-Nachrichten über weitere Angriffe und Facebook-Posts von Familien, die ihre Angehörigen im Süden suchen, Berichten von Evakuierungsteams und den Trümmerhaufen, die sie in den zerstörten Kibbutzim vorfinden, Bildern von Leichenbergen, Erfahrungsberichten von Überlebenden, die an den Holocaust erinnern, und auch Bildern von zerstörten Häusern und Familien unter Bombenhagel im Gazastreifen ohne jeglichen Schutz.

Meine Aufmerksamkeit bleibt vor allem bei den vielen Versuchen von Einzelnen hängen, moralisch zu bleiben, die Zahn-um-Zahn-Mentalität hinter sich zu lassen, für Vernunft zu plädieren. Die Idee von Frieden scheint notwendiger jedoch ferner denn je. Eine bekannte Friedensaktivistin aus dem Kibbutz Beeri ist höchstwahrscheinlich unter den Geiseln im Gazastreifen. Ihr Bild kursiert auf Social Media mit dem Appell, sofort in Verhandlungen zu treten, um die Verschleppten zu befreien.

Die Ereignisse der vergangen Tage werden ohne Zweifel in die schmerzhafte Geschichte der Region eingehen. Für die einen kommen Holocaustbilder hoch. Andere erinnern sie an die Nakba, die Vertreibung der Palästinenser:innen, 1948.

Zirkusevent mit Sirenenalarm

Dienstagnachmittag. Ein Zirkusevent für Kinder im Park am Ende unserer Straße, um die kindergartenlose Zeit zu überbrücken. Hula-Hoop-Reifen, Jonglierbälle, lachende und streitende Kinder. Plötzlich hört mein Partner einen Knall, vielleicht ein Überschallflugzeug? Kurz darauf geht die Sirene los. Eine Minute Zeit um uns an einen sicheren Ort zu begeben. Der öffentliche Schutzbunker liegt direkt gegenüber. Wir schnappen uns je ein Kind und laufen mit den anderen Spielplatzbesucher:innen die engen Stiegen in den Bunker hinunter. Nach und nach treffen mehr Menschen ein. Unser Sohn findet Gefallen am Vesteckspiel. Eine Kindergartenfreundin und er sind fasziniert von einem Insekt, das auf einer Matratze krabbelt, die uns gleich nach Ankunft hingelegt wurde. Zusammenhalt in Krisensituationen. Der funktioniert in Israel. Wir warten die angeordneten zehn Minuten ab und sind dann die letzten, die den Bunker verlassen. Unser Sohn will weiter Verstecken spielen.

Der Bunker im Nebenhaus

Zuhause angekommen, machen wir per Anweisung alle Fenster und Fensterläden zu, Lichter aus. Es heißt, dass möglicherweise eine Infiltration aus dem Libanon passiert ist. Wir schultern unseren bereits im Voraus gepackten Rucksack und machen uns schnell auf den Weg zum Bunker im Nebenhaus. Unser Haus hat keinen eigenen. Aber die Besitzer:innen sind nicht da, im Ausland bzw. eingerückt. Der Schutzraum ist so groß wie ein Bett. Es ist das Schlafzimmer des Bewohners. Wir setzen uns alle auf das Bett und testen, ob sich die schwere Tür verriegeln lässt. Neben dem Eingang verstecke ich Messer. Bilder davon, was im Süden des Landes Tage zuvor passiert ist, geben mir das Gefühl, ich müsse alles tun, um uns zu verteidigen, wenn es darauf ankommt.

Die Kinder hüpfen auf dem fremden interessanten Bett zwischen den Pölstern herum und knabbern an den mitgebrachten Keksen. Ich male mir aus, wie wir die Eingangstür verriegeln und potenzielle Eindringlinge abwehren bevor wir uns im Bunkerraum verriegeln. Ich stelle mir vor, wie wir versuchen leise zu sein, um nicht gehört zu werden und wie unmöglich es sein würde unseren Kleinkindern abzuverlangen, keinen Ton zu machen. Und ich denke, so will ich nicht leben. Kurz darauf wird entwarnt. Scheinbar falscher Alarm. Aber die Angst war echt.

Direktflug nach Wien

Kurz vor Mitternacht, eine österreichische Freundin, die eine Straße weiter wohnt, schreibt mir auf Whatsapp, sie telefoniere gerade mit der österreichischen Botschaft. Es gäbe am nächsten Tag einen Direktflug nach Wien. Sie fragt, ob sie uns auf die Liste setzen lassen soll. Ich gebe ihr unsere Namen durch. Währenddessen spreche ich kurz mit meinem Partner. Ich bin extrem unsicher was wir tun sollen. Ich weiß nur, dass ich nicht noch einmal mit den Kindern in den Bunker laufen möchte.

Schweren Herzens packen wir. Er kommt nicht mit. So plötzlich kann er seine Arbeit nicht verlassen. Remote arbeiten geht bei ihm nur bedingt. Auch moralisch fühlt er sich verpflichtet zu bleiben, Israel nicht in dieser schwarzen Stunde zu verlassen. Aber er versteht mich. Und ich verstehe ihn auch. Wir entscheiden, dass wir abwarten, wie sich die Situation im Norden entwickelt und dann weiterschauen. Ich warte seither auf das Gefühl, dass es sicher genug ist, nach Hause zu kommen.

Die aktuelle Episode reiht sich ein, in einen jahrzehntelangen blutgetränkten Gewaltzyklus, der klar macht, dass kurzfristige Maßnahmen keine Lösung sind. Ich möchte glauben, dass ein derartig extremer Einschnitt in unsere Leben ein Aufrütteln bedeutet, ein Verständnis dafür, dass was bisher getan wurde nicht gut genug ist, dass wir daran arbeiten müssen einen Weg zu finden, nicht immer und immer wieder neue Gedenktafeln anzubringen für diejenigen, die ihr Leben verloren haben, an allen Seiten der Zäune. Aber dieser Tage kostet jeglicher Optimismus vielleicht zu viel Kraft.

Foto: Alistair

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