“Nieder mit HC”: Isabel Frey über ihren Sommerhit

Florian Trendelenburg

Mit Gitarre und der Tradition der jüdischen Arbeiter_innenklasse an ihrer Seite spielt Isabel Frey auf den Donnerstagsdemos. „Nieder mit HC“ entwickelte sich sogar zur inoffiziellen Hymne der Demo. Im Gespräch mit Mosaik-Redakteur Adam Baltner redet Frey über die Kraft des Liedes und dessen politischen Text.

Isabel Frey hat mit ihrem Lied „Nieder mit HC“ für manche den Sommerhit 2019 geschrieben. Bekannt wurde der Song auf den Donnerstagsdemos, wo ihn Frey jede Woche singt. „Nieder mit HC“ ist dabei ein Cover des jiddischen Volkslieds „Daloy Politsey“. Frey selbst ist jüdisch, kommt aus Wien und ist seit Jahren in verschiedenen politischen Bewegungen aktiv.

Mosaik: Dein Lied „Nieder mit HC“ ist eine Adaption des jiddischen Volksliedes „Daloy politsey“ (Nieder mit der Polizei). Es ist auch zur Hymne der Donnerstagsdemos geworden. Hast du damit gerechnet, dass das Lied so gut ankommt?

Isabel Frey: Ich habe gewusst, dass das Lied eine wahnsinnige Kraft hat. Das kommt aus dem Original. Die Leute haben das damals gegen den Zaren auf der Straße gesungen. Das spürt man einfach. Ich singe das Lied schon seit Jahren und es reißt mich jedes Mal mit, besonders der Refrain.

Im Lied bezeichnest du die Bundesregierung (dieses Gespräch wurde vor ihrer Entlassung geführt, Anm.) als „protofaschistisch“ und „ethnonationalistisch“. Was meinst du damit?

Protofaschistisch sind sie, meiner Meinung nach, weil sie einerseits die Staatsapparate ausbauen. Dieser starke Staat, der die Nation schützen soll, ist ein Merkmal das Faschismus. Dazu kommt der Ethnonationalismus, den sowohl Sebastian Kurz als auch Heinz-Christian Strache bedienen. Es geht ihnen immer darum, Leute auszuschließen und Menschen, die hier wohnen, zu sagen: „Ihr gehört nicht hierher“.

Du sprichst aber auch die Wirtschaftspolitik der Regierung an. Wie hängt sie damit zusammen?

Die Bundesregierung vertritt die Konzerne und die Großunternehmen. Das hat man beim 12-Stunden-Tag. Ich sehe da Parallelen zum Faschismus, der sich an der Oberfläche sozial gibt, aber tatsächlich nicht ohne die Unterstützung der Wirtschaft funktionieren würde. Jedes erfolgreiche faschistische Regime ist eine Koalition mit den Großkonzernen eingegangen.

Auf deiner Homepage steht, du machst „Revolutionary Yiddish Music“, in deinen Liedern beziehst du dich auf die Tradition der jüdischen Arbeiter_innenbewegung. Warum tust du das?

Einerseits ist sie relativ unbekannt. Man hört weder in der jüdischen, noch in der linken Geschichtsschreibung viel davon. Andererseits widerspricht diese Tradition dem Stereotyp, wonach Jüdinnen und Juden reich wären. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung war Teil der Arbeiter_innenklasse. Sie wurden aber gleichzeitig sehr oft antisemitisch angefeindet. Sie mussten sich sowohl gegen das Kapital als auch gegen den Antisemitismus wehren. Davon kann man heute noch lernen. Wenn wir heute über Arbeiter_innen reden, blenden wir oft aus, dass sie zu einem Großteil Migrant_innen sind. Diese Intersektionalität zu begreifen, halte ich für sehr wichtig.

Wie bist du dazu gekommen, dich mit der jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen?

Mir ist in meinem Aktivismus der Bezug zum Jüd_innentum abhanden gekommen. Ich wollte das ändern. Einerseits habe ich mich mit dem Diasporismus beschäftigt und mir ist klar geworden, dass ich zwar nicht Zionistin werden, aber auch nicht assimiliert leben wollte. Mit meiner Musik bringe ich das zum Ausdruck.

Was ist der Diasporismus?

Der Begriff Diaspora beschreibt grundsätzlich die Zerstreuung jüdischer Menschen auf der ganzen Welt. Diasporismus bezieht sich darauf, im Gegensatz zum Zionismus, positiv. Es braucht also keinen eigenen Staat, sondern die Heimat ist dort wo man lebt. Gleichzeitig heißt das aber nicht, dass man die eigene kulturelle Identität abwerfen will. Das Judentum vereint in sich sehr viele Traditionen und Geschichten, das sollten wir behalten.

Die Rechten betonen in letzter Zeit sehr stark, dass sie sich Sorgen wegen dem zunehmenden Antisemitismus machen. Gleichzeitig bringen sie das stark mit migrantischen Communities in Zusammenhang. Wie beurteilst du das?

Ich finde das verstörend, wenn sich die FPÖ zur Kämpferin gegen den Antisemitismus stilisiert. In meinen Augen verwendet sie diese Rhetorik nur, um gegen die muslimischen Bevölkerung in Österreich vorzugehen. Die Studie der Bundesregierung brachte das auf den Punkt: Für jeden Einzelfall braucht es nur eine halbherzige Entschuldigung und gleichzeitig behauptet man, der Antisemitismus wäre importiert. Das heißt nicht, dass es nicht in gewissen muslimischen Kreisen einen gewissen Antisemitismus gäbe, aber der Fokus ist doch heuchlerisch.

Wie bist du überhaupt zu deinen politischen Überzeugungen gekommen?

Mein politisches Engagement hat angefangen, als ich mit 18 für ein Jahr nach Israel gegangen bin. Ich habe dort in einem Kibbuz und später in einer Kommune in Haifa gelebt. Wir haben damals viele Aktionen gegen die Besatzungspolitik gemacht. Das war für mich sehr wichtig. Seither kann ich mir eine Leben ohne politischen Aktivismus nicht mehr vorstellen.

Letzte Frage: Warum hältst du Donnerstagsdemonstrationen für wichtig?

Sie schaffen eine Regelmäßigkeit. Für normale Demos mobilisiert man einmal, bekommt einmal Aufmerksamkeit und sendet ein starkes Signal, aber das war es auch. Richtige Netzwerke schaffen solche Veranstaltungen selten. Bei den Donnerstagsdemos ist das anders. Einerseits sind wir immer da, jede Woche aufs Neue, andererseits schafft die Regelmäßigkeit auch Flexibilität. Wir können auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Außerdem lernen sich die Leute kennen. Die Donnerstagsdemos sind greifbare Oppositionsarbeit.

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