Inside COP24 – Warum die Weltklimakonferenz zum Scheitern verurteilt war

Miriam Schönbrunn

Im polnischen Katowice trafen sich Mitte Dezember die Staaten der Welt, um den Klimaschutz voranzutreiben. Wirklich gelungen ist das nicht. Warum die Weltklimakonferenz gescheitert ist und was wir alle tun können, um eine Trendwende einzuleiten. Ein Kommentar von Johannes Stangl.

Die 24. UN-Klimakonferenz in Katowice begann mit großen Hoffnungen. Es war die wohl wichtigste Klimakonferenz seit jener, die 2015 das Pariser Abkommen auf den Weg brachte. Es ging um ein Regelwerk, das festlegt, wie man das in Paris vereinbarte Ziel von maximal zwei Grad Erderwärmung praktisch umzusetzen könnte. Im Vorfeld wurden viele Stimmen laut, die auf die Notwendigkeit eines ehrgeizigen Abkommens hinwiesen. Gelungen ist das nicht.

Johan Rockstrom, einer der einflussreichsten Klimawissenschafter der Welt, kommentierte das Ergebnis der COP24 so: “Wir gehen weiterhin einen Weg, der uns in diesem Jahrhundert in eine sehr gefährliche, drei bis vier Grad wärmere Welt führen wird.”

Ignorierter Bericht

Im Vorfeld der COP24 erschien der „Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung“ des Weltklimarats (IPCC). Darin wurden die globalen Auswirkungen einer Erwärmung um eineinhalb bzw. zwei Grad miteinander verglichen. Das Ergebnis: Ein halbes Grad macht einen gewaltigen Unterschied.

Eine Erwärmung um zwei Grad würde beispielsweise zum vollständigen Absterben der Korallenriffe führen. Sie hätte unabsehbare Folgen für das marine Ökosystem und die damit verbundene Nahrungskette. Der Sonderbericht machte zudem klar, dass die weltweiten CO2-Emissionen bis 2030 auf die Hälfte der momentanen Rate sinken müssten, um das Ziel von 1,5 Grad noch erreichen zu können. Doch das Papier weist eben auch darauf hin, dass es immer noch möglich ist, die Erderwärmung auf eineinhalb Grad zu begrenzen, wenn die weltweiten Klimaschutzmaßnahmen verfünffacht würden.

Der Bericht hätte die Grundlage eines ambitionierten Abkommens sein können, aber dazu kam es nicht. Nach der Blockade der USA und Saudi-Arabiens wurde er zunächst gar aus dem Verhandlungspapier gestrichen. Zuletzt rangen sich die Vertragsstaaten dazu durch, den Bericht „zur Kenntnis zu nehmen“ und seine „zeitgerechte Fertigstellung willkommen zu heißen“. Relevanz hatte der Bericht dennoch keine mehr.

Mehr Schein als Sein

Die fehlende Bereitschaft gewisser Länder, wissenschaftliche Erkenntnisse als Basis für den Klimaschutz zu sehen, ist symptomatisch. Die Haltung steht auch für eine mangelnde Ernsthaftigkeit. Während das bis 2020 wirksame Kyoto Protokoll rechtlich bindende Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen vorgeschrieben hat, setzt das neue Vertragswerk auf die Freiwilligkeit der Vertragsländer, ihre nationalen Klimaschutzziele festzulegen. Ein leichter zu erreichender Konsens in den Verhandlungen wird dadurch mit einem jährlichen Minimalkompromiss erkauft, der völkerrechtlich nicht bindend ist.

Beispielsweise findet sich im Abschlusstext keine Zusage der Länder, für eine rasche Nachbesserung der nationalen Klimaziele zu sorgen, obwohl diese derzeit vollkommen unzureichend sind. Für die am wenigsten entwickelten Länder sind außerdem ab 2020 Finanzhilfen zur Vorbeugung und Anpassung im Ausmaß von 100 Milliarden Dollar jährlich vorgesehen. Aber welches Industrieland wie viel zahlt und wie die Transferzahlungen geregelt sind, ist weiterhin völlig unklar. Lediglich Deutschland ist mit einer Zusage für die Verdoppelung seiner Klimafinanzierung auf 1,5 Milliarden Dollar als positives Beispiel vorangegangen.

Wenn die Klimakonferenz in Katowice in gewissen Kreisen als Erfolg gilt, dann nur, um den Eindruck zu vermitteln, die Staaten der Erde wären tatsächlich bereit, substanzielle Maßnahmen für den Klimaschutz zu ergreifen. Während sich das kollektive Gewissen ein wenig beruhigt, steuern wir noch immer auf eine Erwärmung von drei bis vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu. Der Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation ist eine völlig realistische Option.

„We need to get angry” – Die Zivilgesellschaft begehrt auf

Während die Vertragsparteien also um jeden Punkt und Beistrich feilschten, um am Ende der Konferenz ein Regelwerk vorweisen zu können, nutzte die Zivilgesellschaft die COP24 als Vernetzungsplattform. Umweltorganisationen und Aktivist*innen waren in Katowice, um ambitioniertere Klimaschutzziele auf die Tagesordnung zu bringen und ihre Anstrengungen zu bündeln. Beinahe täglich wurden Protestaktionen, Diskussionen und Vorträge organisiert.

Auch Greta Thunberg war da und wurde nicht müde, die Staaten der Welt für ihr kollektives Versagen anzuprangern. Die 15-jährige Schwedin, die jeden Freitag der Schule fernbleibt, um vor dem Parlament für einen ambitionierteren Klimaschutz zu protestieren, hatte dabei eine klare Botschaft: „Wir müssen wütend werden und die älteren Generationen für ihr Nicht-Handeln zur Verantwortung ziehen. Was wir jetzt tun, können spätere Generationen nicht wieder gut machen. Der Klimawandel bedroht unsere Existenz.“

Ebenfalls zu Gast waren Aktivist*innen der Extinction Rebellion. Die Bewegung, die im Oktober 2018 in London ihren Anfang nahm, bedient sich Methoden des zivilen Ungehorsams. Sie versucht damit, auf das weltweite Artensterben aufmerksam zu machen und der Klimakrise ihre verdiente Medienpräsenz zu verschaffen. Die Bewegung hat binnen kürzester Zeit die Unterstützung von über 100 Wissenschafter*innen gewonnen – Noam Chomsky und Naomi Klein zählen zu ihren prominentesten Vertreter*innen. Die Gruppe nutzte die COP24, um weltweit neue Regionalgruppen zu schaffen.

Das Ende der COP24 – der Anfang von etwas Neuem?

Die UN-Klimakonferenz hat also ein Regelwerk hervorgebracht, das angesichts der Dringlichkeit der Lage nahezu zynisch erscheint. Möglicherweise war sie aber bereits im Vorhinein zu diesem schwachen Ergebnis gezwungen. Solange nationale und wirtschaftliche Interessen gegen die globale Klimakrise ausgespielt werden, ist es unrealistisch, mehr als halbherzige Lippenbekenntnisse zu erwarten. Dass der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung für uns alle darstellt, scheint in immer breiteren Kreisen der Zivilgesellschaft anzukommen. Dieses Momentum gilt es zu nutzen, um weltweit Druck auf Regierungen aufzubauen und der Klimakrise mit angemessenen Maßnahmen zu begegnen.

Nach vielen Jahren vergeblicher Versuche, die weltweiten CO2-Emissionen zu reduzieren, ist es an der Zeit, Gretas Worte ernst zu nehmen: „Wenn Lösungen in diesem System so unmöglich zu finden sind, dann müssen wir vielleicht das System selbst ändern.“

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