Griechenland Aktuell III: Lernen Sie Geschichte, Frau Merkel!

Das abrupte Ende des gestrigen Treffen der Eurogruppe hat die Forderung Griechenlands nach einem Ende des Troika-Programms und neuen Verhandlungen vorerst zurückgeschmettert. Bis Freitag geben die Euro-Finanzminister griechischen Regierung noch Zeit, ihre Wahlversprechen zu brechen.

Mit immer stärkerem Druck fordern Angela Merkel, Jean-Claude Juncker und Jeroen Dijsselbloem derzeit Vertragstreue von Griechenland und seinem neuen Premier Alexis Tsipras. Die Medien verstärken diesen politischen Druck wie gewohnt mit populistischen Ansagen und bezeichnen Tsipras als Geisterfahrer oder Brandstifter mit fehlender Handschlagqualität. Das Ziel dieser Kampagne hat die deutsche Bundeskanzlerin unmissverständlich vorgeben: „Einen weiteren Schuldenschnitt sehe ich nicht.“
In Anbetracht der deutschen Geschichte klingt das ziemlich vermessen. So war es der jetzt selbst ernannten Sparmeister und Musterschüler Deutschland, der die größten Staatspleiten des 20. Jahrhunderts hingelegt hat.

Deutschlands Pleite Nummer 1

Den Anfang machte die Weimarer Republik, die ihre Schulden bei den Siegermächten des Ersten Weltkrieges mit neuen Schulden aus den USA beglich. Doch in der bisher schwersten Krise des Kapitalismus wurde die weitere Refinanzierung dieser Schulden unmöglich. Kaum jemand wunderte sich daher, als diese Kreditpyramide 1931 zusammenbrach. Damit war die erste Zahlungsunfähigkeit Deutschlands im 20. Jahrhundert besiegelt. Um sich die Dimensionen dieses Bankrotts klar zu machen, hilft der Vergleich mit der aktuellen Krise. Die Kosten damals waren gemessen an der Wirtschaftsleistung der USA genauso so bedeutsam wie die der Finanzkrise 2008.

Deutschlands Pleite Nummer 2

Um nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder in die gleiche Situation zu kommen, verhinderte die amerikanische Regierung alle unbezahlbar hohen Reparationsforderungen an Deutschland und setzte sich dafür ein, dass auch bestehende Schulden auf ein tragfähiges Niveau reduziert wurden. Bei der Londoner Schuldenkonferenz 1953 wurden Deutschland dabei – mit Zustimmung Griechenlands – große Teile der Staatsschuld erlassen. Nur 22 Jahre nach der ersten Zahlungsunfähigkeit des 20. Jahrhunderts erhielt Deutschland also bereits seinen zweiten Schuldenschnitt.

Deutschlands Pleite Nummer 3

1990 weigerte sich Helmut Kohl, die Vereinbarungen des Londoner Abkommens umzusetzen. In ihm war festgelegt, dass die deutschen Reparationszahlungen im Falle einer Wiedervereinigung neu zu regeln sein. Doch Deutschland zahlte nicht; auch nicht die Wiedergutmachung für die Zwangskredite und Besatzungskosten, die Nazi-Deutschland den besetzten Ländern zwischen 1939 und 1945 abpresste. Und wieder traf es auch Griechenland, das um seine berechtigten Forderungen gegenüber Deutschland umfiel.
Gemessen an der insgesamten Schadenshöhe im Vergleich zur Wirtschaftsleistung ist Deutschland der größte “Schuldensünder” des 20. Jahrhunderts – vermutlich sogar der jüngeren Finanzgeschichte. Im Vergleich dazu sind die heutigen Zahlungsprobleme Griechenlands relativ unbedeutend.
Griechenland steht vor einem teilweise selbstverschuldeten, teilweise von außen in die Höhe getriebenen Schuldenberg von 175 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist ein Betrag bei dem alle wissen, dass er niemals zurück bezahlt werden kann und gleichzeitig jedes Investment in den Sozialstaat und die Modernisierung Griechenlands verunmöglicht. Als Lösung dieses Dilemmas will Griechenland nichts anderes, als was Deutschland dreimal in den letzten 80 Jahren zugestanden wurde. Als Gleiche unter Gleichen sollte das eigentlich gar kein Thema sein.

Fayad Mulla engagiert sich für internationale Entwicklungszusammenarbeit und ist Vorsitzender von Der Wandel, sowie Redakteur bei mosaik. 

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