Wie Pionierinnen gegen globalen Hunger kämpfen

Foto: Bojan

Die Klimakrise und globaler Hunger gehen Hand in Hand. Lösungen gibt es. Sie finden sich in kleinbäuerlichen und feministischen Initiativen, schreiben Tina Wirnsberger und Lukas Schmidt.

Die Zahl der hungernden Menschen steigt weltweit, die Klimakrise nimmt Fahrt auf und der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine hat drastische Auswirkungen auf Lebensmittelpreise und Ernährungssicherheit. Bis zu 811 Millionen Menschen sind laut UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) zurzeit unterernährt, die Hungerzahlen sind in den vergangenen sechs Jahren kontinuierlich gestiegen. Nicht nur die FAO und Menschenrechtsorganisationen schlagen deshalb Alarm. Auch der Weltklimarat (IPCC) warnt in seinem neuesten Bericht, dass bis 2050 bis zu 183 Millionen Menschen zusätzlich unterernährt sein könnten. 3,3 bis 3,6 Milliarden der knapp acht Milliarden Menschen weltweit sind bereits „sehr anfällig“ für die Folgen der Klimakrise.

Ernährungssystem und Klimakrise verstärken sich gegenseitig

Durch die zunehmende Verknappung natürlicher Ressourcen in der Klimakrise sind Kleinbäuer*innen, Fischer*innen, Landarbeiter*innen und andere Menschen in ländlichen Gebieten besonders betroffen. Zugleich zeigt sich durch multiple Krisen wie der Pandemie, dem Klimawandel und dem Krieg in der Ukraine auch die Instabilität des industriellen Ernährungssystems. Die Abhängigkeit von Getreide-Importen und synthetischen Düngemitteln, die aus russischem Gas hergestellt werden, ist ein großes Problem für unsere Ernährungssouveränität.

Eine Agrarindustrie, die sich an Konzernprofiten orientiert statt an Menschenrechten, hat über Jahrzehnte hinweg wesentlich zur Klimakrise beigetragen. Sie ist Teil des Problems und hat weder Antworten auf die Klima- noch auf die Ernährungskrisen. Ein Drittel der weltweit ausgestoßenen Treibhausgasemissionen gehen auf die zunehmend energieintensive industrielle Lebensmittelproduktion zurück.

Lösungen in kleinbäuerlichen Communities

Agrarökologische Lösungen hingegen, die von kleinbäuerlichen Communities gelebt werden, schonen Boden und Gewässer, fördern die Artenvielfalt, schaffen resiliente Ernährungssysteme und sind auf mehrere Generationen ausgelegt. Sie sind robuster gegenüber klimatischen Schocks wie Dürren. Agrarökologie hilft nicht nur dabei, die negativen Effekte der Landwirtschaft auf die Umwelt zu verringern. Sie verbessert auch die Bodenfruchtbarkeit und ermöglicht so die Bindung von CO2. Gleichzeitig reduziert sich die Abhängigkeit von energie- und treibhausgasintensiven Düngern, Herbiziden und Pestiziden. Daher betont auch der IPCC-Bericht die Investition in agrarökologische Praktiken als notwendige Maßnahme in der Anpassung an unausweichliche Klimaauswirkungen.

Die japanische Aigamo-Methode setzt zum Beispiel beim Reisanbau auf Enten statt auf Gifte. Sie fressen Schädlinge, düngen die Felder und ihr Fleisch dient den Bäuer*innen zusätzlich als Eiweißquelle. Das Internationale Reisforschungsinstitut (IRRI) stellte dadurch eine Steigerung des Ertrags um 20 Prozent und des Nettoeinkommens um 80 Prozent fest. Im Projekt „Soil, Food and Healthy Communities“ in Malawi experimentierten mehrere kleinbäuerliche Gemeinden gemeinsam mit Ökolandbau-Techniken. Der Anbau von Leguminosen verbesserte die Böden und wirkte Mangelernährung entgegen. Zudem fanden „Rezepttage“ statt, bei denen Frauen und Männer gemeinsam kochten und sich über Geschlechtergerechtigkeit austauschten. Das verbesserte nachweislich die Ernährungssituation von Frauen und Kindern.

Patriarchale Strukturen gegen nachhaltige Lösungen

Frauen sind Pionierinnen in der Entwicklung und Durchsetzung dieser nachhaltigen landwirtschaftlichen Praktiken.  Gleichzeitig werden sie in patriarchal organisierten Ernährungssystemen diskriminiert. In vielen Gesellschaften dieser Welt haben sie nur über Männer Zugang zu Land, Wasser, Saatgut, Technologie, Bildung und Krediten. Der Run auf Land durch große Agrarkonzerne, der vor allem im Globalen Süden zu Vertreibungen und Enteignungen führt, verschlechtert die Lebenssituation von Frauen zusätzlich. Erfahrungsgemäß werden Frauen als erste enteignet, wenn sie Land besitzen und bei Umsiedelungen mit dem am wenigsten fruchtbaren Land abgespeist. Oft werden ihre Gärten und die von ihnen bewirtschafteten Felder von ihren Ehemännern an Unternehmen verkauft. Und es sind dann meist die Männer, die in den durch Landgrabbing entstehenden Plantagen Lohnarbeit finden.

Schlüsselrolle der Frauen im Kampf gegen Hunger und Klimakrise

Frauen sind als tragende Säulen des Ernährungssystems Schlüsselakteurinnen im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung. Studien zeigen, dass Frauen anstatt auf cash crops – also Lebensmittel, die sich vor allem für den Export eignen – vermehrt auf Pflanzen setzen, die die Versorgung der Familie und der Gemeinschaft sichern. Das heißt, sie geben oftmals lokal angepassten Pflanzen mit höherem Nährstoffgehalt den Vorzug und bauen vielfältiger an. Entscheidungen, die zu lokalen, diversifizierten und exportunabhängigen kleinteiligen Landwirtschaften führen und Ernährungssysteme resilient gegenüber globalen Krisen machen. 

Das Wissen und die Fähigkeiten dieser Frauen sind zentraler Ausgangspunkt einer ökologisch und sozial nachhaltigen Ernährungspolitik. Sie stellt Menschenrechte vor Profite und lässt das patriarchale konzerndominierte industrielle Ernährungssystem hinter sich. Daher müssen wir den Kampf gegen Hunger und Mangelernährung feministisch führen.

Hunger.Macht.Profite: Der Kampf um eine Ernährungs- und Klimawende

„Hunger.Macht.Profite“, die elften Filmtage für das Recht auf Nahrung, bringen von März bis Mai vier Filme als Österreich-Premieren in sechs Bundesländer. Drei der Filme zeigen in den Hauptrollen Frauen, die von Frankreich über Malawi bis nach Peru Widerstand gegen ein profitgesteuertes Wirtschaftssystem, das Mensch und Natur ausbeutet, leisten. Die inspirierenden Kämpfe der Protagonistinnen eröffnen Lösungswege, wie wir gemeinsam positive Veränderungen schaffen können. Das ganze Programm der Vorführungen mit anschließenden Filmgesprächen findet ihr online.

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