Am Rande des Kollaps: Wie hart Corona den Globalen Süden trifft

Foto: Martin Sanchez

Corona trifft den Globalen Süden noch einmal härter. Staaten dort stehen nun oft am Rande des finanziellen Kollaps, Spielraum für politische Reaktionen haben sie kaum. Es ist Zeit, dass sich an den globalen Ungleichheiten endlich etwas ändert, schreibt Adrian Schlegel.

Den Zahlen der Infizierten nach zu urteilen waren Europa und Nordamerika noch bis vor kurzem die Zentren der Corona-Pandemie. Mittlerweile steigen die Fallzahlen auch in anderen Teilen der Welt. Seit mehreren Wochen schon sind viele Menschen in Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens nicht nur mit einer rasant steigenden Infektionsgefahr konfrontiert. Sie spüren auch die verheerenden sozialen und ökonomischen Auswirkungen der politischen Antworten auf die Krise.

Grenzen der Solidarität

Der Virus selbst mag keinen Unterschied machen, wen er infiziert. Aber gerade jetzt wird klar, dass unser Pass und die Art der sozialen Absicherung die Chancen auf eine Genesung stark beeinflussen. Die nationalistischen Antworten auf die Pandemie haben die Schließung vieler Grenzen nach sich gezogen. Behandlungen in Krankenhäusern jenseits nationaler Grenzen waren seither nur in seltenen Ausnahmefällen möglich. Viele Menschen, die auf der Suche nach Asyl sind, werden vernachlässigt und sehen sich lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. Internationale medizinische Unterstützung ist zu einer Ausnahme geworden.

Abhängigkeitsstrukturen in der neoliberalen Gesundheitskrise

Die gegenwärtige Situation offenbart dabei gravierende Unterschiede in sozialer Sicherung und gemeinschaftlichen Versorgungssystemen. Überall auf der Welt tun sich gerade diejenigen Staaten schwer, ihren Bürger*innen ein Abfederungssystem zu bieten, die in den vergangenen Jahren die Privatisierung der Gesundheitsversorgung vorangetrieben und die Ausgaben für ihre Sozialsysteme gekürzt haben. Dort sind Menschen besonders mit sozialer Unsicherheit konfrontiert und im Krankheitsfall Glück und Willkür ausgeliefert. Laut Lebohang Liepollo Pheko, Wissenschaftlerin des südafrikanischen Think Tanks Trade Collective, ist das vor allem in vielen Ländern der Fall, die seit den 1980er Jahren in neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu Deregulierung des Marktes, Steuersenkungen sowie Privatisierung und Kürzung öffentlicher Ausgaben gedrängt wurden.

Davon betroffen sind insbesondere Regionen Lateinamerikas, Afrikas und Südasiens. Die Schulden erschweren heute vielen Regierungen eine effektive Reaktion auf die Pandemie. Insbesondere Schulden, die in Fremdwährung beglichen werden müssen, werden bei den aktuell fallenden Wechselkursen zum Verhängnis. Angesichts des Einbruchs globaler Finanzströme befürchtet die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) in einer Analyse deshalb sogar, dass viele verschuldete Staaten im Globalen Süden kurz vor dem finanziellen Zusammenbruch stehen. Während Regierungen nun für die Missstände zu Recht in Verantwortung gezogen werden, so die Wissenschaftlerin Pheko, bleiben der Internationale Währungsfonds und die Weltbank unangetastet.

Profiteure bleiben unbehelligt

Auch multinationale Konzerne werden in dieser Situation nicht zur Verantwortung gezogen. Dabei hat die Pandemie viele ihrer Arbeiter*innen angesichts jahrelanger Unterbezahlung in äußerst prekäre Situationen gebracht. In der Krise sind viele Menschen darüber hinaus von Kurzarbeit oder Kündigung betroffen. Diejenigen, die von dieser Prekarität profitieren, werden momentan weniger Sorgen haben, ihre Gesundheitsversorgung zu finanzieren. Die jahrelangen Privatisierungen, Steuersenkungen und die unregulierte Ausbeutung der Arbeitskraft anderer begünstigen, dass Unternehmer*innen und Aktionär*innen für Krisen wie diese vorsorgen können.

Doch nicht nur individuelle Ungleichheiten spielen gegenwärtig eine Rolle. Laut Prabhat Patnaik, emeritierter Professor der Jawaharlal Nehru Universität in Neu Delhi, bleibt prekäre Arbeit im Globalen Süden eine Garantie für die Stabilität von Währungen im Globalen Norden – und damit der globalen Handlungsmacht ihrer Regierungen und Konzerne. Auch deshalb ist es möglich, dass Konzerne, die im Global Süden Wertschöpfung betreiben, ihren Sitz aber in Europa oder Nordamerika haben, kaum Steuern am Ort ihrer Arbeiter*innen zahlen. Stattdessen kommen ihre Abgaben im Zweifelsfall der virologischen Forschungseinrichtung oder der Krankenhaussanierung im Land des Hauptsitzes zugute.

Kolonialismus und ungleiche Resilienz

Dass Gesundheitssysteme im Globalen Norden oft mehr Ressourcen besitzen, wurzelt tief in der Geschichte einer ungleich gewachsenen Globalisierung. Über mehrere Jahrhunderte hinweg hat der Globale Norden von der Kolonisierung des Globalen Südens profitiert. Die wirtschaftliche Ausbeutung hat maßgeblich die Finanzierung der staatlichen sozialen Infrastruktur ermöglicht, die heute in Europa Leben rettet. Das gilt auch für die moderne medizinische Wissenschaft und Praxis. Viele zentrale pharmazeutische Erkenntnisse sind durch menschliche Experimente unter kolonialen Bedingungen entstanden. Nicht zuletzt der Namensgeber des nun so prominenten, deutschen Robert-Koch-Instituts war in ein solches Vorhaben verwickelt.

Andersherum ist im Globalen Süden die bis heute anhaltende Geschichte imperialer Wirtschaftsstrukturen eine schwer zu tragende Bürde bei der Aufgabe, ein zugängliches und resilientes Gesundheitssystem zu bauen. Diese Aufgabe wird vielerorts dadurch erschwert, dass die politischen Entscheidungsträger*innen zu jener Gruppe der Gesellschaft gehören, die von den Ausbeutungsstrukturen profitieren. Dass während der Kolonialzeit indigene Wissenssysteme und Gesundheitspraxen systematisch degradiert und entlernt wurden, verringert darüber hinaus die Möglichkeit einer vom Staat unabhängigen, gemeinschaftlichen Gesundheitsversorgung.

Ausbeutung und Diskriminierung in der Sorgearbeit

Während des europäischen Kolonialismus wurde auch eine andere gesellschaftliche Ungleichheit verstärkt, die momentan in Gesundheitswesen weltweit sichtbar wird. In der Pandemie wird einmal mehr klar, wie ungleich die Last der Gesundheitsversorgung zwischen Männern und Frauen* verteilt ist. Zuhause sind es meist Frauen*, die den Großteil der unbezahlten Sorgearbeit übernehmen. Pflegeberufe werden ebenso vor allem von Frauen* ausgeübt. Diese patriarchale Aufteilung war in vielen Teilen der Welt vor der der Ankunft der europäischen Kolonisatoren keine Normalität. Heute sei es eine „Global Care Chain“, die dieses Ungleichgewicht aufrechterhält, so Christine Bauhardt, Professorin für Gender und Globalisierung an der Humboldt Universität Berlin.

Um Gesundheitssysteme mit möglichst geringen öffentlichen Mitteln stützen zu müssen, sind Pflegeberufe meist unterbezahlt. Dabei sind es oft migrierte Frauen*, die die Arbeitsplätze annehmen. Ihre unsichere Situation werde laut Bauhardt vielerorts strukturell ausgenutzt, um ein günstiges Gesundheitssystem zu garantieren. So seien es gegenwärtig vor allem Frauen* und Migrant*innen, die durch doppelt schwere Konditionen in prekäre Situationen geworfen werden. Druck in der häuslichen Sorgearbeit ist jedoch nicht nur in der Krise ein Hindernis für Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Mitbestimmung. Eine gleichzeitige finanzielle Unsicherheit schafft nebenbei fruchtbaren Boden für bestehende und neue Abhängigkeiten. Aus dieser Perspektive schafft die Corona-Krise beste Voraussetzungen, dass sexistische und rassistische Diskriminierungsstrukturen global aufrechterhalten, wenn nicht sogar verstärkt werden.

Verwicklungen lösen – Zeit für Globale Gerechtigkeit

Corona zeigt einmal mehr, welche Ungleichheiten die Art und Weise unseres globalen Zusammenlebens produziert. Die lauter werdenden Forderungen nach einer Rückkehr zur Normalität können nur von denjenigen geäußert werden, für die der vorherige Zustand mit diversen Privilegien verbunden war. Die normalisierte Weise, wie weltweit zusammengelebt wurde, hat eine Gesundheitskrise in diesem Ausmaß jedoch erst ermöglicht. Und für die meisten Menschen auf dieser Welt war diese Normalität nie ein Zustand frei von Prekarität.

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