Donauinselfestdynastie: Georg Danzers Gesellschaftskritik in 9 Liedern

Foto: Oilbeater

mosaik-Redakteur Benjamin Herr nimmt das Donauinselfest zum Anlass für einen (selektiven) Blick auf die Gesellschaftskritik des Austropoppers Georg Danzer.

Heute startet das Donauinselfest. Nach zwei Jahren Pandemiepause läuft der Ballermann des Wiener Proletariats wieder voll an. Savriti & Schwester Ebra werden toll sein und Kid Pex rappt kompromisslos gegen den autoritären Normalzustand. Den großen Fußabdruck setzte Georg Danzer, der 2005 kurz vor seinem Tod 70 000 Menschen bei einem legendären Konzert noch einmal begeisterte. Grund genug (selektiv) auf Danzers Gesellschaftskritik zu blicken, abseits von nackten Menschen und (männlicher) Mikroaggression.

Obdachlosigkeit: Der Tschick (1972)

Wer war der anonyme Sänger, der 1972 die Lebensrealität vom Leben auf der Straße aus der Perspektive eines Obdachlosen in die österreichischen Radios brachte? Es brauchte einen Ö3-Moderator, der den damals 26-jährigen Georg Danzer mittels Stimmanalyse als Urheber ausfindig machte. An den Rand der Gesellschaft gedrängt („A so a Tschik hat a größeres Glück/Wia unser ana,/Weil uns braucht kana“; So ein Tschick hat ein größeres Glück als wir/ weil uns braucht niemand) schaut die Welt für den obdachlosen Erzähler düster aus. Die Gesellschaft offenbart sich nicht in Fürsorge, sondern Repression („Hast an Kelch mit der Heh/Und dann, waßt eh’/Sechs Monate auf Staatskosten“; Hast du ein Problem mit der Polizei, weißt eh, sechs Monate auf Staatskosten).

Ähnlich wie bei Ambros und seiner Kinettn ist die realistischste Lebensperspektive dann nur mehr der Selbstmord („Und a Zigaretten kann si selber net abtöten/…/Is mei Leben nur mehr Tschik/Dämpf i mi selber aus“; Und eine Zigarette kann sich selber nicht abtöten…Wenn mein Leben nur mehr Tschick ist, dämpf ich mich selber aus). Kaufte man die Erstauflage der Single, bekam man sie in einer Müllsack-ähnlichen Papiertüte verpackt.

Herrschende Klasse: Feine Leute (1979)

Die E-Gitarre soliert, das Keyboard klimpert. Danzer besingt die Hochachtung der Vielen vor der herrschenden Klasse: „Feine Leute sind gepflegt, ehrlich, nett und offen/Sind von Höherem erbaut und von fremden Leid betroffen“. Entbehrt von den Zwängen des Alltags sind sie schlichtweg zivilisierter und korrekter: „Feine Leute schwitzen nie/Fahr‘n auch nie zur Arbeit/Feine Leute lügen nie/Sagen nur die Wahrheit“. Doch wenn Danzer sie so wohlwollend besingt und meint er habe sie so gern („Feine Leute sind loyal/Aber nur zu ihresgleichen/Und sie sind so liberal/Sie sind so nett, die Reichen“) wird deutlich, dass das Lied eine subtile Absage an den Klassenkonsens ist.

Anti-Kriegs-Bewegung nach Danzer: Frieden (1981)

Danzers kompromissloses Plädoyer für eine Welt ohne Krieg. Von Kriegen profitiert immer nur die herrschende Klasse: „Die ihr uns regiert’s/Tyrannisiert’s/In Kriege führt’s“. Die Vielen haben hingegen nicht die Möglichkeit, sich in Sicherheit zu bringen: „Und ihr baut’s Raketen und Atomkraftwerke/Und dann Bunker – wo ihr Euch versteckt’s.“ Am Ende ist es die klassenlose Gesellschaft als Grundbedingung für eine Welt ohne Krieg: „Und niemand an die Macht/Und es is Frieden/Ka oben und ka unt/Dann is die Welt erst rund“.

Kleinbürgerlicher Kleingeist: I bin a Kniera (Die goldene Kniescheibe) (1978)

Den Ich-Erzähler in diesem Lied, man hasst ihn abgrundtief. Kritiklos liebt er die Obrigkeiten („Ich liebe meinen Chef und sag: „es geht uns guat“) und ist für eine harte Hand („I bin für Ordnung und für Sicherheit“). Danzer macht klar, was er ist: „I bin a Reisstrahra, Oaschkreula, Küssa, i kriag de goldane Kniaschei’m falieh’n“ (Ich bin ein Reisstreuer, Arschkriecher, Arschküsser/ Ich bekomm die goldene Kniescheibe verliehen). Das schlimmste: Dieser kleinbürgerliche Autokrat hat auch noch Kinder. Doch hier liegt die Hoffnung: „Und meine Kinder san genauso wia i/Nua manchmal in der Nochd/Da kriag i den Vadocht/De vaschdön si und scheissen auf mi“ (Meine Kinder sind genauso wie ich/Aber manchmal in der Nacht/hab ich den Verdacht/die spielen nur was vor und scheißen eigentlich auf mich).

Naziland Österreich: Der alte Wessely (gewidmet 140.000 Österreichern) (1980)

Österreichs postnazistischer Zustand in acht Minuten. Wessely ist ein Alt-Nazi im Wirtshaus, von seinen Freunden gefeiert schwadroniert er über die Vorzüge des Nationalsozialismus und erzählt Judenwitze: „Seine Freund, de ruafn “Bravo Wessely”/ Und bestölln di zehnte Runde Bier“ (Seine Freunde rufen ‚Bravo Wessely‘/Und bestellen die zehnte Runde Bier). Ein rechter Mob passiert das Wirtshaus und hält. Die Eingangstür wird aufgerissen und ein junger Mann steht vor Wessely und seinen Freund:innen.

„Und er sagt “Wo ist da oide Wessely/Er soll unser neuer Führer sein!“ Erschrocken wacht der Erzähler der Geschichte auf, zum Glück nur ein Traum! Doch er weiß, Nationalsozialismus ist kein Kapitel, das Österreich beendet hat. „Und es gibt scho wieda junge Wesselys/Und eana Mief verschdinkt de gaunze Wöd“ (Und es gibt schon wieder junge Wesselys/Und ihr Mief verstinkt die ganze Welt).

Kiffen: War das etwa Haschisch (1977)

Danzer tönte nicht nur gesellschaftskritisch, sondern eckte mit manchen seiner Lieder (siehe „der Tschick“) auch am österreichischen Alltagsverstand an. In einem dieser Lieder beschreibt der irritiert wirkende Erzähler, dass er high ist: „Liebling, mir ist so seltsam,/Und das liegt nicht dran/Dass wir kein Geld hab’n“. Er fühlt sich wohl, auch wenn er keine Ahnung hat, warum er bekifft ist (es scheint das Schokoei gewesen zu sein): „Ich fühl mich wie ein Luftballon/Gleich flieg ich auf und davon“. Er fühlt sich gut: „Ich hab’ den Sonnenschein im Blut/Ich fühl mich unheimlich gut“. Das Saxophon soliert, Bossa-Rhythmen im Hintergrund: „War das etwa Haschisch/In dem Schokolodenei?“. Einige Radiosender boykottierten das Lied.

Psychiatrie: Lasst’s mi aus (Steinhof, das Narrenhaus von Wien) (1978)

Was für ein Pech der Erzähler nur hat! Geht „min Pyjama zum Wiatn ums Eck‘“ (Geht mit dem Pyjama zum Wirtshaus um die Ecke), weil „I ziag mi do ned au fia des Schdigl Weg“ (Ich zieh mich doch nicht um für den kurzen Weg) und wird von einer Polizeistreife aufgegriffen. Diese liest ihn als ausgebrochenen Patient der Steinhofgründe – warum sollte jemand sonst in Wien im Pyjama herumgehen? Da hilft kein betteln, da hilft keine Überzeugungsarbeit, rein in die Gummizelle. Doch die Personen an den Machthebeln sind selber zu hinterfragen: „Und in da Frua haums an zu mia einebrachd/…/Zerst hab i ma denkd, no des is a a Noa/Daun schdöhd si heraus, dass er der Irrnarzt woa“ (Und in der Früh haben sie einen zu mir gebracht….zuerst dachte ich das ist ein Narr, dann stellt sich heraus, dass das der Irrenarzt war).

Dem Erzähler gelingt schlussendlich die Flucht und er räsoniert „Und ma muass in dieser Stadt vorsichtig sein/Weu diese Bledn schberrn bei uns die Gscheidn ein“ (Und man muss in der Stadt vorsichtig sein, weil die Blöden sperren die Gescheiten ein). Ein popkulturelles Manifest der Anti-Psychatrie-Bewegung.

Kindererziehung: Die dummen Erwachsenen (1978)

Acht Jahre bevor Grönemeyer den Kindern das Kommando geben will besingt schon Georg Danzer diese Menschen: „Es gibt so vü leiwande Kinder/Und mit jedem Tog werdns mehr“ (Es gibt so viele tolle Kinder/Und jeden Tag werden es mehr).

Leider werden Kinder aber durch reflexionsbefreite Erwachsene an den kapitalistischen Alltagsverstand herangeführt: „A Kind is am Anfang no ehrlich“ (Ein Kind ist am Anfang noch ehrlich) und „A Kind kann am Anfang no lochen“ (Ein Kind kann am Anfang noch lachen) und beides hört sich irgendwann auf. Der Erwachsene ist das Problem. „Und wenn i ma de Wöd so anschau/De wird von Erwochsene regiert/Es ist da komplette Wahnsinn, wos si obspüt/Es geht zu, dass an effektiv schlecht wird“ (Und wenn ich mir die Welt ansehe/Die wird von Erwachsenen regiert/Das ist der komplette Wahnsinn, was da passiert/Da geht es zu, dass einem schlecht wird). Das verpackt Danzer mit einem Aufruf: „Und darum bitte ich die Ötan und die Lehrer/Verderbst uns unsre Kinder net“ (Darum bitte ich die Eltern und Lehrer:innen/Verderbt uns die Kinder nicht).

Digitale Herrschaftstechnologien: Zerschlagt die Computer (1980)

Slappender Bass über einer hallenden Dystopie. Digitale allumfassende Überwachung: „Du bist schon programmiert/Jetzt wirst Du kontrolliert/Zu Hause und auch auf der Straße“. Es ist in dem Lied schwer auszumachen, wie ernst Danzer das alles meint. Man schwankt zwischen der frühen Vorahnung digitaler Herrschaftstechnologie und satirischer Verschwörungstheorie: „Sie lesen vor Dir Deine Zeitung/Sie wissen, wie Du liebst“. Irgendwie ist es witzig, irgendwie überzeichnet. Das Lied entwirft das Bild einer durch Computer getriebenen totalisierenden Gesellschaft: „Und duldet keinen/Der nicht funktioniert“. Am Ende bleibt als Lösung (in Ludditischer Manier) die Zerstörung: „Zerschlagt die Computer…“.

Kommentare

Kommentare