Wiener Gastro-Gutscheine: Segen oder Stigma?

Foto: C. Jobst

Die Gastro-Gutscheine der Wiener Stadtregierung sind Almosen, die man selbst nicht braucht. Darin sind sich liberale und rechte KommentatorInnen einig. Verachtung für arme Menschen schimmert dabei durch, schreibt Sarah Pansy. Daran ändern auch paternalistische Spenden und barmherzige Gesten nichts.

SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig lässt als Maßnahme zur Ankurbelung der Wiener Gastronomie Gutscheine für Wirtshaus- und Restaurantbesuche versenden. Die Wiener Sozialdemokratie und die Wirtschaftskammer wollen damit nach dem Corona-Lockdown neuen Schwung in die Restaurants bringen. Und es ist wohl eine realistische Möglichkeit, dass die Gutscheine den Start des Wiener Wahlkampfs einläuten. Die Aktion könnte rund 40 Millionen Euro kosten.

Reaktionen im liberalen Milieu

Die Reaktionen auf die Gutscheine in sozialen Medien sind durchwachsen. Vor allem auf Twitter ist es Mode geworden, zu betonen, dass man solche „Almosen“ nicht brauche. Schnell wurde die Kritik an den „Essensmarken“ laut. Caritas und andere vergleichbare Hilfsorganisationen waren schnell zur Stelle, um Menschen von der Scham der „Essensmarke“ zu befreien. Sie erklärten sich bereit, die Gutscheine zu sammeln, um sie unter ihrer Aufsicht an Armutsbetroffene verteilen.

Interessant ist, woher diese starke Ablehnung einer solchen Maßnahme kommt. Zwischen den Zeilen der Tweets aus dem liberalen Milieu entdeckt man vor allem eines: Paternalismus und Sozialchauvinismus gegen Armutsbetroffene. Denn während man ungeniert und leistungsfrei erbt, den Familienbonus und andere staatliche Geldtransfer-Leistungen entgegennimmt und Steuern minimiert, geniert man sich für die Gutscheine. Man könnte selbst für arm gehalten werde. Man selber hat solche Zuwendungen nicht notwendig, man kann für sich selber sorgen.

Durch das Spenden des Gutscheines macht man sich doppelt frei – frei von der Scham der „Essensmarke“ und frei von der Schuld, vielleicht doch mehr Steuern auf Kapitaleinkünfte, Vermögen oder Erbschaften zahlen zu müssen. Wie dicht das soziale Netz gespannt ist, entscheidet man lieber durch Spenden selbst, als das dem Staat zu überlassen.

Dabei macht man die Hausaufgaben der Rechten gleich mit. Denn Argumente wie diese führen zu noch größerer Stigmatisierung jener Menschen, die sich über die Gutscheine freuen, weil ein Restaurantbesuch die große Ausnahme, nicht die wöchentliche Regel darstellt.

Paternalismus gegen Arme

Doch für wenn sind die Gutscheine „passend“? Armutsbetroffene haben es offensichtlich verdient „Essensmarkerl“ zu benutzen. „Dann kaufen sie sich wenigsten keinen Alkohol“ und bisserl dankbar müssen sie auch sein. Dahinter steht ein Bild von Armutsbetroffenen und Armutsgefährdeten, das jenem Bild ähnelt, das Sebastian Kurz und andere Rechtspopulisten gerne von Menschen mit niedrigem Einkommen und Arbeitslosen zeichnen – die Faulen, die nicht in der Früh aufstehen wollen und ihr Leben nicht im Griff haben. Das sind die, die auch nicht mit ihrem Geld „wirtschaften“ können, für deren Ausgaben es eine Kontrollinstanz braucht. In der Realität ist das Gegenteil der Fall. Die allermeisten armutsbetroffenen oder armutsgefährdeten Familien kennen ihre Ein- und Ausgaben sehr gut. Sie wissen genau, in welcher Reihenfolge Rechnungen zu bezahlen sind und achten auf ihre anderen Ausgaben. Sie könnten sich das Leben andernfalls nicht leisten.

Doch die Caritas will davon nichts wissen. In ihrer Kommunikation weist sie besonders intensiv darauf hin, dass die GutscheineinlöserInnen damit keinen Alkohol bekommen. Dass SpenderInnen sich besser fühlen, wenn sie Sachspenden statt Geld verschenken können, ist ein Teil des Problems – weil das Gefühl des Spenders/der Spenderin wichtiger genommen wird, als die Bedürfnisse und die Würde jener, die Unterstützung benötigen.

Essensmarken für PolitikerInnen?

Viele der Leute, die nicht wollen, dass sich GutscheinempfängerInnen durch ihre „Großzügigkeit“ für 50 Euro in einem Lokal betrinken können, sind jene, die gerne mal 40 Euro für ein Steak oder eine Flasche Wein hinlegen. Niemand fordert, dass unsere PolitikerInnen und ManagerInnen von staatsnahen Unternehmen mit Gutscheinen bezahlt werden, weil sie ihre Gehälter verkoksen oder unübersehbar ein Alkoholproblem haben.

Der Unterschied zwischen rechten PolitikerInnen und Liberalen ist marginal. Während das liberale Milieu gnadenhalber Barmherzigkeit walten lassen will und Armutsbetroffenen die SozialarbeiterInnen vorbeischicken möchte, setzen Kurz und Konsorten auf Strenge und massive Härte gegen Armut und Arbeitslosigkeit.

Neue Spendenkultur

Was ist also dem Spendenpaternalismus und dem Bild, das Caritas und Co. über Armut und Armutsbetroffene zeichnen, entgegenzusetzen? Ein emanzipatorisches Menschenbild geht nicht zusammen mit paternalistischer Barmherzigkeit. Solidarität und die Würde und Freiheit der anderen müssen als Bedingungen der eigenen Freiheit und Würde verstanden werden. Und trotzdem reicht die „große politische Erzählung“ von der anderen Welt im Hier und Jetzt nicht aus. So sehr es politische Lösungen braucht, braucht es also konkrete Solidarität und Hilfe für jene, die besonders unter den gesellschaftlichen Umständen leiden.

In der Praxis könnte das etwa bedeuten, eine neue Form des Spendens zu etablieren. Eine Formel könnte lauten: Wer gut verdient, sollte zumindest ein Prozent seines Einkommens spenden. Wer überdurchschnittlich verdient, zwei Prozent – zur Hälfte für politische Initiativen und zu anderen Hälfte für konkrete Hilfe. Gespendet werden sollte dort, wo zu wenige Menschen und Initiativen hinschauen, und nicht dort, wo man ein Selfie mit Betroffenen abstauben kann.

Armut bekämpfen, nicht die Armen

Letztlich braucht es massive Korrektur des Bildes über Armut und „die Armen“ selbst. Auch, wenn Armutsbetroffene keine homogene Gruppe sind, ist Armut das Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Armutsbetroffene gelten im politischen Diskurs als die „kleinen Leute“ und als schwach. Doch mit wenig Geld, völlig am Limit, das Notwendigste zu schaffen, gut für die Kinder zu sorgen und sich vielleicht noch ein kleines Geburtstagsgeschenk für das Kind vom Mund abzusparen, ist eine starke Leistung.

Am Ende ist der Einsatz gegen Armut und für Verteilungsgerechtigkeit für die Allermeisten ein Kampf für ein besseres Leben für sich selbst. Wer für seinen/ihren besseren Lohn, bessere Absicherungen, bessere Umweltbedingungen vor der eigenen Haustür kämpft, legitimiert politische Kämpfe als Basis für Solidarität, Würde und Begegnung auf Augenhöhe. Solidarität ist die beste Versicherung für ein gutes Leben für alle.

 

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