„Die einzige Lösung: den Flugverkehr stark reduzieren“

Foto: #SavePeopleNotPlanes

#SavePeopleNotPlanes: Unter diesem Motto fordert das Netzwerk „Stay Grounded“ den radikalen Umbau der Flugindustrie. Statt die Fluggesellschaften mit Staatsgeldern zu retten, soll der Flugverkehr stark eingeschränkt werden, sagt Campaignerin Mira Kapfinger. Martin Konecny hat mit ihr über Verstaatlichungen, intransparente Verhandlungen mit der AUA und Reisen am Boden der Tatsachen gesprochen.

Mosaik-Blog: Der Flugverkehr steht still. Was soll die Politik jetzt machen?

In guten Zeiten machen die AktionärInnen von Fluglinien fette Profite, jetzt wollen sie wieder einmal öffentliches Geld, um ihr zerstörerisches Geschäft zu retten. Aktuell fordern Fluglinien allein in der EU fast 13 Milliarden Euro an Staatshilfen. Natürlich müssen wir die betroffenen ArbeiterInnen unterstützen. Aber wir dürfen der Flugindustrie auf keinen Fall durchgehen lassen, dass sie Profite privatisiert und die Verluste auf uns alle abwälzt.

Investitionen in einen Wiederaufbau der Flugindustrie sind eine direkte Investition in die Klimakatastrophe. Wir sollten diese unvorhergesehene Pause stattdessen nützen, um ein klimagerechtes Transportsystem aufzubauen. Darum hat das Stay Grounded-Netzwerk die Kampagne #SavePeopleNotPlanes (Rettet Menschen, nicht Flugzeuge) gestartet. Wir fordern: Staatliche Gelder müssen erstens die ArbeiterInnen unterstützen, nicht AktionärInnen. Zweitens müssen wir jetzt einen nachhaltigen Umbau des Sektors beginnen, Flugreisen massiv reduzieren und stattdessen klimafreundliche Alternativen wie die Bahn fördern. Und drittens braucht es ein Ende der Steuerprivilegien – Kerosin ist noch immer unbesteuert – und auch eine progressive Besteuerung von VielfliegerInnen. Diese Forderungen werden von weltweit über 300 Organisationen und mittlerweile fast 70.000 Einzelpersonen unterstützt.

Soll man in so einer Situation die Flugindustrie, wie etwa die AUA in Österreich, verstaatlichen?

Mira Kapfinger: Das kommt darauf an. Wenn sich der Staat an der AUA beteiligt, muss er das Unternehmen auch mitgestalten. Eine stille Beteiligung macht überhaupt keinen Sinn. Wenn, dann braucht es sehr lauten öffentlichen Druck, der darauf ausgerichtet ist, die AUA grundlegend umzubauen.

Es braucht einen Plan, wie die AUA ihre Tätigkeiten mit dem 1,5-Grad-Limit vereinbaren kann. Das ist nur mit einer massiven Reduktion von Flügen möglich. Dementsprechend braucht es einen Umbau. In dessen Rahmen müssen klimafreundlichere Transportbranchen gefördert und den ArbeiterInnen ein Umstieg dorthin ermöglicht werden. Gerade von Wien aus gehen die meisten Flüge in Städte in weniger als 1.000 Kilometer Entfernung. Das sind Ziele, die sehr leicht mit einer guten Bahnverbindung erreichbar sind.

Wie reagiert die Luftfahrtindustrie? Welche Vorschläge macht sie, um den Flugverkehr nachhaltig zu machen?

Fliegen ist die klimaschädlichste Transportform überhaupt. Es klimafreundlicher zu machen ist schwieriger als in allen anderen Verkehrsbereichen. Die aktuellen Lösungen, die von der Industrie propagiert werden, sind pures Greenwashing. Die Industrie spricht von technologischen Effizienzsteigerungen. Die werden aber bisher durch das enorme Wachstum aufgefressen. Agrartreibstoffe sind ein weiterer Vorschlag. Palmöl ist aktuell die realistischste Variante. Doch wir wissen alle, wie problematisch Palmöl für das Klima, die Biodiversität und die Menschen in den Anbaugebieten ist.

Schließlich gibt es noch synthetische Treibstoffe, die mit erneuerbarer Energie erzeugt werden. Würden wir aber alle Treibstoffe für den Flugverkehr aus Erneuerbaren produzieren, würde für andere Sektoren nichts mehr übrig bleiben. Und dann gibt es noch Offsetting, also das Kompensieren von Emissionen durch Einsparungen anderswo. Das ist moderner Ablasshandel und eine neo-koloniale Idee, weil die Kompensationsprojekte meistens im globalen Süden umgesetzt werden, wo die Emissionen sowieso schon niedriger sind. All das soll geschehen, damit eine kleine globale Elite weiterfliegen kann. Grünes Fliegen ist in der nahen Zukunft eine Illusion.

Wie beurteilst du die aktuelle Haltung der Regierung?

Gemeinsam mit über dreißig anderen Organisationen hat Stay Grounded einen offenen Brief an die Bundesregierung geschickt. Umweltministerin Leonore Gewessler hat auf unsere Forderung geantwortet und angekündigt, dass Klimaschutz ein zentrales Element des Konjunkturpakets sein wird und sie auch auf Umwelt- und Sozialstandards bei Airlines achten wird. Was wir vermissen, sind konkrete Maßnahmen und klare Ansagen.

Aktuell laufen die Verhandlungen mit der AUA extrem intransparent ab. Die Zivilgesellschaft hat keine Möglichkeit, mitzureden. Das müsste ganz anders laufen. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte. Viel enttäuschender war die Antwort aus dem Finanzministerium. Dort ist ganz klar, dass es erstmal nur um die Wirtschaft geht und der Klimaschutz auf später verschoben wird. Das ist nicht nur ein Verspielen einer einmaligen Chance, sondern komplett fahrlässig, denn die Klimakrise ist eine langfristige soziale und gesundheitliche Krise.

Gerade bei uns im globalen Norden sind Flugreisen auch eine Möglichkeit, ihrem kapitalistischen Arbeitsalltag zu entkommen. Wie könnte eine solidarische und ökologische Form des Reisens in Zukunft aussehen?

Zunächst ist Fliegen selbst in Österreich für viele Menschen nicht normal. Es ist nur eine sehr kleine Minderheit, ein Sechstel der Bevölkerung, die mehrmals im Jahr fliegt. Ein Drittel der Bevölkerung fliegt gar nicht und die Hälfte einmal im Jahr oder seltener.

Du hast den kapitalistischen Arbeitsalltag angesprochen. Dieses Problem sollte an den Wurzeln angepackt werden, anstatt mit Flugreisen die Symptome zu lindern. Trotzdem wird es das Bedürfnis nach Reisen weiterhin geben. Ich stelle mir vor, dass es in Zukunft mehr Zeit für einzelne längere Reisen gibt, die entschleunigt und am „Boden der Tatsachen“ passieren. Die Reise kann selbst schon Teil des Erlebnisses sein. Ein Tourismus, der auf Wochenendtrips in andere Städte basiert, wo keine wirklichen Begegnungen stattfinden, während die lokale Bevölkerung unter dem Massentourismus leidet, hat keine Zukunft.

Wie sieht die Zukunft dann aus? Gibt es da überhaupt noch Flüge?

Die einzige Lösung ist es, den Flugverkehr stark zu reduzieren. Dementsprechend sehe ich ein komplettes Aus für Kurzstreckenflüge und Flüge innerhalb Europas. Alternativen wie bequeme Zugverbindungen und Nachtzüge gibt es zum Teil schon. Sie müssen ausgebaut und vor allem leistbarer und leichter buchbar werden.

Für längere Reisen ist es schwieriger. Aber auch hier gibt es Alternativen wie etwa windbetriebene Schifffahrt. Natürlich ist das immer eine Zeitfrage. Daher braucht es auch eine andere Organisation von Arbeit und Urlaub, um ein entschleunigtes Reisen zu ermöglichen. Für Notsituationen wird es sicher eine beschränkte Zahl von Flügen geben – etwa als sichere Fluchtrouten. Aber wir müssen wegkommen von der Idee, dass Fliegen etwas ganz Normales ist.

Und: Es ist eine Illusion zu glauben, dass Fliegen so billig wie bisher bleiben wird. Fliegen ist nicht und war nie billig, sondern wird billig gemacht. Die Allgemeinheit finanziert das Privileg einiger VielfliegerInnen. Das beginnt bei den ArbeiterInnen in der Luftfahrt. Gerade jetzt, in der Krise, dreht die AUA weiter an der Gehaltspirale nach unten. Die Ryan Air-Tochter Laudamotion droht der Gewerkschaft mit Klagen. Zu den Leidtragenden des Flugverkehrs zählen auch alle Menschen, die von den gesundheitlichen Folgen des Fluglärms betroffen sind. Schließlich geht das Vielfliegen auch auf Kosten zukünftiger Generationen und jener Menschen im Globalen Süden, die schon jetzt am stärksten von der Klimakrise betroffen sind.

Abschließend: Die aktuelle Krise zeigt, was alles möglich ist, aber gleichzeitig wollen viele möglichst rasch zur Normalität zurück. Was bedeutet die Krise für die Klimagerechtigkeits-Bewegung?

Zunächst: Das, was vorher „normal“ war, war schon eine Krise. Wir waren und sind immer noch mitten auf dem Weg in die Klimakatastrophe und leben in einer sozial extrem ungerechten Welt. Das hat sich nicht grundlegend verändert. Viele soziale Ungerechtigkeiten werden sogar verschärft. Wir sehen zwar eine Reduktion von Flugverkehr und weniger Autos in der Stadt. Aber das ist eine durch eine Katastrophe herbeigeführte Veränderung, nicht eine bewusste und demokratische Umgestaltung. Maßnahmen werden extrem autoritär durchgesetzt. Dass unsere sozialen Beziehungen so stark eingeschränkt werden, hat ja nichts mit der Zukunft zu tun, die wir wollen.

Eine langfristig klimagerechte Welt können wir nur schaffen, wenn wir sie gesellschaftlich ausverhandeln. Es geht darum, aus der Corona-Krise die solidarischen Elemente mitzunehmen, wie etwa lokale Netzwerke für gegenseitige Unterstützung. Und es geht darum, sich darauf zu besinnen, was eigentlich die Grundbedürfnisse sind, die wir in einer Gesellschaft haben, wie Nahrung, Wohnraum und Gesundheit. Die Arbeit in diesen Bereichen muss aufgewertet und allen Menschen eine gute Versorgung ermöglicht werden.

Interview: Martin Konecny

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