Die Wiener Flüchtlingshilfe ist in ihrer Existenz bedroht

Susanne Nilsson

Viel wird über Flüchtlinge geschrieben. Jene, die mit ihnen arbeiten, kommen dabei kaum zu Wort. Was ist aus dem Flüchtlingsbereich geworden, der 2015 aus dem Nichts entstand? Während die Lebensbedingungen der Schutzsuchenden zunehmend schwieriger werden, sind auch die Arbeitsbedingungen in diesem Feld immer schlechter geworden. Eine Bestandsaufnahme des Bündnisses Flüchtlingsarbeit.

Wie kommen wir denn dazu, über unsere Arbeitsbedingungen zu sprechen? Schließlich geht es den Flüchtlingen viel schlechter als uns. (Zitat einer Betreuerin, September 2017)

Diesen oder ähnliche Sätze hat wohl schon jeder einmal gehört, der sich im Flüchtlingsbereich ehrenamtlich oder auch hauptamtlich engagiert (hat). Er fungiert für Betreuer*innen als moralisches Über-Ich, das dazu führt, dass unsichere und prekäre Arbeitsbedingungen solange toleriert werden, solange es Personen gibt, denen es noch schlechter geht – konkret den Schutzsuchenden, die sie betreuen. Diesen selbst auferlegten Maulkorb wollen wir ablegen und über die Arbeitsbedingungen im Flüchtlingsbereich berichten, wie sie wirklich sind.

Vom Ehrenamt zum Angestelltenverhältnis

Die Situation ist heute wesentlich anders aus als vor zwei Jahren. Als plötzlich viele Menschen nach Europa kamen, war schnell klar, dass die bestehende Infrastruktur für die Aufnahme nicht ausreichen würde. Von einer aktiven und solidarischen Zivilgesellschaft angestoßen, wurden schnell neue Quartiere und Anlaufstellen aus dem Boden gestampft. Viele Menschen engagierten sich freiwillig und tun es bis heute noch. Einige davon wurden von den Trägerorganisationen in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen, vor allem jene Personen, die über die dringend notwendigen Sprachkenntnisse verfügten.

Die Flüchtlingsarbeit als Arbeitsbereich – den es selbstverständlich schon lange gab – vergrößerte sich in wenigen Monaten schlagartig. In den ersten Monaten war dabei schlichtweg keine Zeit da, sich über schlechte Arbeitsbedingungen Gedanken zu machen. Es galt, Hilfe in der Not zu leisten. Der schleichende Übergang von der ehrenamtlichen Hilfe zu Angestelltenverhältnissen hatte zur Folge, dass Standards und Abläufe undefiniert blieben. Ungeregelte Arbeitszeiten, insbesondere die Nichteinhaltung der Ruhezeiten-Regelung und viele Überstunden, sowie massive personelle Unterbesetzung und völlig unzureichende materielle Ressourcen waren die Normalität.

Chaos als Dauerzustand

Die Betreuer*innen steckten ihre gesamte Energie in die Klient*innenarbeit. Personelle Ressourcen waren zu knapp, um sie für strategische Planungsarbeit aufzuwenden. Es war eine chaotische Zeit. Aus dieser Akutsituation hätte sich sehr wohl ein professionelles Arbeitsfeld entwickeln können. Dafür hätte es aber politischen Willen gebraucht. Tatsächlich hat sich bis heute wenig geändert, der Arbeitsbereich ist weiterhin prekär.

Und wie so oft fordern Betreuer*innen und Sozialarbeiter*innen wenig ein. Der Arbeitsalltag und die ständige Konfrontation mit unfassbarem menschlichen Leid lässt die eigenen Ansprüche auf ein Minimum sinken. Die psychische Belastung für Betreuer*innen ist gerade jetzt enorm hoch, da es zu keiner Zeit so wenige Perspektiven und Zukunftsaussichten für Schutzsuchende gab wie jetzt. Den Betreuer*innen fällt es jedoch schwer, genau das anzusprechen. Die spürbar abgefallene Solidarität der Zivilgesellschaft lässt Personen aus dem Flüchtlingsbereich lieber schweigen, als auf sich aufmerksam zu machen. Sogar in der eigenen Organisation stoßen die Anliegen der Mitarbeiter*innen auf taube Ohren. Es scheint, als würden sich Vorgesetzte mit diesem heiklen Thema nicht die Finger verbrennen wollen.

Unsicherheiten und schlechte Bezahlung

Die Arbeit, die immer mehr abverlangt, wird zudem nicht adäquat entlohnt. Betreuer*innen mit muttersprachlichen Kenntnissen und Quereinsteiger*innen müssen meist dieselben Aufgaben übernehmen wie Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen und andere. Doch ihre niedrige Einstufung in die Verwendungsgruppen des Kollektivvertrages (Stufen 2-4 des SWÖ-KV) führt dazu, dass sie am Monatsende mit einem, im Gegensatz zu der verantwortungsvollen und belastenden Tätigkeit, viel zu geringen Gehalt aussteigen. Eine Einstufung in die Verwendungsgruppe 2 des SWÖ-Kollektivvertrages bedeutet dabei ein Vollzeit-Bruttogehalt von 1.651,80 Euro im ersten Dienstjahr bzw. 2.130,30 Euro nach 35 Dienstjahren. Eine offensive Unterstützung der Gewerkschaft bei den Kollektivvertragsverhandlungen, wie etwa bei den Metaller*innen, bleibt rund um den SWÖ-Kollektivvertrag aus.

Zusätzlich werden oft nicht alle Zulagen korrekt ausbezahlt. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und der Abhängigkeit gegenüber ihren Dienstgebern fordern das nur wenige Mitarbeiter*innen ein. Die Verantwortungsträger*innen interessiert deren prekäre Lage wenig. Bei den Kollektivvertragsverhandlungen 2018 stand am Schluss, nach einem dreistündigen Warnstreik, eine Lohnerhöhung von 2,5 Prozent. Das gleicht gerade einmal die Inflation aus.

Adäquate Betreuung in Wien nicht möglich

Der Tagsatz in einem Grundversorgungsquartier für erwachsene Geflüchtete ist so gering, dass für 55 Klient*innen ein/e Betreuer*in in Vollzeitanstellung vorgesehen ist. Ein derartiger Schlüssel verunmöglicht jede fundierte Betreuung. Ende 2016 kamen dann deutlich weniger Geflüchtete in den Quartieren an. Die Betreuer*innen konnten sich endlich mehr Zeit für ihre Klient*innen nehmen. Doch das hielt nicht lange an.

Nicht voll ausgelastete Quartiere mussten schließen. Sie seien nicht kostendeckend, hieß es. Die Bewohner*innen wurden in andere Quartiere umgesiedelt. Die dortigen Betreuer*innen wurden erneut überlastet. Kleine Quartiere können sich aufgrund des geringen finanziellen Spielraums kaum über Wasser halten, obwohl sie aus vielerlei Gründen bessere Rahmenbedingungen für Bewohner*innen bieten könnten. Schlussendlich bedeuten schließende Einrichtungen auch für mehrere hunderte Mitarbeiter*innen den Arbeitsplatzverlust. Nun ging es nicht um Arbeitsbedingungen, sondern um die ultimative Forderung: die eigene Arbeit zu erhalten!

Eine Frage der Wertschätzung

Die Zahlen sind eindeutig: So wurden bei nur einer großen Trägerorganisation in Wien von Ende 2017 bis Anfang 2018 annähernd 50 Prozent der Mitarbeiter*innen (im Vergleich zum Frühjahr 2016) gekündigt – ein realer Rückgang von rund 310 auf etwa 150 Arbeitsplätze. Vor allem die kleineren Träger, mit tendenziell kleineren Einrichtungen, konnten aufgrund der Quartierschließungen kaum überleben. Während Ende 2017 noch etwa 30 Trägerorganisationen im Flüchtlingsbereich tätig waren, sind es nun nur mehr etwa die Hälfte. Die fehlende Wertschätzung für die Tätigkeit im Flüchtlingsbereich kommt hier zum Tragen. Ein Aufschrei bleibt aus. Kaum jemand spricht oder berichtet über diesen verheerenden Kahlschlag.

Dabei bietet die Arbeit einen großen gesellschaftlichen Mehrwert. Sie umfasst schließlich nicht nur die psychosoziale Betreuung und Begleitung der Klient*innen. Die Mitarbeiter*innen der verschiedenen Einrichtungen stellen auch Beziehungsangebote, die die Inklusion von Schutzsuchenden in die Gesellschaft aktiv fördern. Eine gelungene Betreuungsarbeit kann somit dazu beitragen, Berührungsängste mit anderen Lebenswelten auf beiden Seiten abzubauen. Sie könnte, wenn man das möchte, die Entwicklung hin zu einer sozial gerechteren Gesellschaft anregen.

Was kommt

Vor dem Hintergrund, dass die Politik den Flüchtlingsbereich jedoch weiterhin systematisch zerschlagen will und der allgemeine Appell nach einer adäquaten Flüchtlingsarbeit ausbleibt, fällt die aktuelle Bestandsaufnahme nüchtern aus. Es fehlt nach wie vor an einem Gesamtkonzept, wie die Flüchtlingsarbeit auszusehen hat – sowohl für die Schutzsuchenden, als auch für deren Betreuer*innen. Die aktiv gebliebene Zivilgesellschaft und einzelne Gruppierungen sind somit einmal mehr gefordert, gemeinsam die Umsetzung von konstruktiven Lösungen zu fördern. Nicht zuletzt sollte ein Teil dieser Lösungen auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter*innen im Flüchtlingsbereich sein.

Das Bündnis Flüchtlingsarbeit ist eine offene Gruppe von Personen, die sich für den Ausbau der Flüchtlingsarbeit hin zu einer adäquaten Betreuung von Geflüchteten einsetzen. Gleichermaßen setzen wir uns für eine massive Aufwertung der Flüchtlingsarbeit ein und fordern die Schaffung von Arbeitsbedingungen im Flüchtlingsbereich, die der hohen Verantwortung und dem Auftrag gerecht werden.

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