Flora Petrik: Wir wollen die Linke ins Parlament bringen

Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit die Jugendorganisation der Grünen aus der Partei ausgeschlossen wurde. Jetzt hat Flora Petrik ein neues Kapitel aufgeschlagen: Die Jungen Grünen haben sich als „Junge Linke“ neu gegründet, Flora Petrik ist ihre erste Bundessprecherin. Die Ziele der neuen Jugendorganisation sind hoch gesteckt. Wir haben nachgefragt, wie sie erreicht werden sollen.

Die letzten eineinhalb Jahre waren sehr turbulent: Ihr wurdet als Junge Grüne von der Mutterpartei rausgeworfen, seid im Herbst 2017 als Teil von KPÖ Plus bei den Nationalratswahlen angetreten und jetzt habt ihr euch als „Junge Linke“ neu gegründet. Wie erschöpft seid ihr?

Erstaunlicherweise gar nicht so sehr. Nach dem letzten Jahr, das sehr geprägt war von langen Überlegungen, was politisch sinnvoll und möglich ist, hatten wir jetzt endlich unseren Gründungskongress als Junge Linke. Da waren viele neue Gesichter, über 100 Leute aus allen Bundesländern, die wahnsinnig motiviert sind und ein klares Ziel haben. Das hilft raus aus der Erschöpfung und gibt neue Kraft.

Die Gründung als Junge Linke war zugleich ein Zusammengehen mit einer bestehenden kleinen Jugendorganisation, die der KPÖ nahesteht. Warum habt ihr euch gerade mit ihnen zusammengetan und welche Differenzen musstet ihr dafür überwinden?

Wir haben uns im Wahlkampf für KPÖ Plus das erste Mal besser kennengelernt und zusammengearbeitet. Da haben wir gemerkt, dass wir das gleiche Ziel haben, nämlich junge Menschen zusammenbringen, die für eine linke Kraft in Österreich arbeiten wollen. Junge Menschen haben eher die Zeit und auch den Mut, etwas auszuprobieren, was sich sonst nicht so viele trauen. Ihnen wollen wir ein Angebot machen.

Da parallel nebeneinander zu arbeiten macht keinen Sinn. Natürlich gibt es unterschiedliche Organisationskulturen. Da muss man auch Kompromisse eingehen. Solange man sich daran erinnert, dass es Kompromisse sind, ist das auch ein wichtiger Schritt für eine neue Kultur in der Linken. Wir wollen nicht darauf warten, uns alle Punkte theoretisch auszustreiten. Wir möchten gemeinsame Lernprozesse anstoßen um so Differenzen in der Praxis bearbeiten zu können.

Was unterscheidet euch von anderen politischen Gruppen oder Jugendorganisationen in Österreich?

Wir sind die einzige unabhängige, bundesweit verankerte Jugendorganisation, die am Aufbau einer linken Partei arbeitet. Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen eine linke Partei ins Parlament bringen, die lokal vernetzt ist. Es braucht eine linke Kraft in den Gemeinderäten vor Ort, in den Landtagen und auch im Nationalrat.

Aber genauso wichtig ist uns: Die Linke kann nur dann im Parlament stark sein, wenn sie auch in der Gesellschaft stark ist. Wir wollen im Alltag einen Unterschied machen und unsere politische Arbeit mit gesellschaftlich nützlichen Initiativen verknüpfen.

Ihr seid mit einer großen Ansage an die Öffentlichkeit gegangen: Ihr wollt spätestens 2022 mit einer linken Kraft ins Parlament einziehen. Wie kommt man von einer gerade erst gegründeten Jungendorganisation dort hin? Immerhin haben das schon viele vor euch vergeblich versucht.

Der Wunsch, dass eine Partei im Parlament sitzt, die ein Sprachrohr für die Sorgen der sozial Abgehängten ist, ist riesengroß und in den letzten Jahren stärker geworden. Die Linke diskutiert heute intensiv über die Notwendigkeit einer linken Partei, das hat sie vor zehn Jahren nicht in dem Ausmaß getan. Wir sehen uns also schon vor einer neuen Ausgangslage. Gleichzeitig betreiben ÖVP und FPÖ ihre rassistische Politik auf dem Nährboden, den auch die SPÖ über viele Jahre bestellt hat. Genau da tut sich eine Lücke auf: Es gibt gerade keine Kraft, die innovativ und mutig genug ist, um dem ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Dass die Neos im Moment die beste Oppositionsarbeit machen ist besorgniserregend. Denn die wollen genauso die sozialen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte zerschlagen.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass wir uns als Linke sehr konkrete Ziele vornehmen. An denen kann man auch scheitern. Aber es ist wichtig, dass jemand anfängt und sagt: Das braucht es gerade! Dazu gehört auch, zu zeigen, wie positive Lebensentwürfe aussehen können. Also nicht einfach zu sagen: Wir sind gegen den Zwölf-Stunden-Tag. Auch wenn es gerade nötig ist: Ich will eigentlich nicht auf die Straße gehen, um den Acht-Stunden-Tag zu verteidigen. Sondern aufzeigen, dass wir uns alle gerade zu Tode hackeln, bis zur Erschöpfung.

Jeder kennt zumindest jemanden, der oder die von der Arbeit psychisch oder physisch geschädigt wurde. Das heißt, dass man Arbeit ganz anders verteilen muss, dass sechs Stunden pro Tag und dreißig Stunden pro Woche eigentlich das Maximum sein müsste, damit man noch halbwegs etwas vom Leben hat. Das sind Themen, die wir in den Vordergrund stellen müssen. Und wir wollen mit allen zusammenarbeiten, die sich daran beteiligen wollen und das ähnlich sehen.

Ihr habt ja schon Wahlkampferfahrung, seid letztes Jahr als Teil von KPÖ Plus zu den Nationalratswahlen angetreten. Das Ergebnis war sehr enttäuschend. Was habt ihr daraus gelernt?

Wir haben mit dem Wahlkampf im Herbst nur einen Startpunkt gesetzt. Wir erwarten nicht, dass die Menschen die Linke erwarten wie den Messias. Aber wir wollen vor Ort Menschen für die Idee gewinnen, dass eine bessere Welt möglich ist. Wir müssen konkret erfahrbar machen, dass Politik einen positiven Unterschied im eigenen Leben machen kann, und nicht immer nur alles schlechter macht. Zum Beispiel, weil sich Leute im Wohnort für ein Mietzentrum oder eine Sozialberatungsstelle einsetzen. Das sind die kleinen Errungenschaften, die es nur gibt, wenn es auch eine linke Kraft gibt.

Etwas anderes was ich persönlich gelernt habe, ist dass wir es nicht geschafft haben zu vermitteln, dass eine Stimme für eine linke Kraft keine verlorene Stimme ist. Wenn alle Menschen das wählen, was sie tatsächlich für richtig halten, dann sitzt eine linke Kraft im Parlament – davon bin ich überzeugt. Das ist aber auch nichts, was man in einem Wahlkampf schafft. Das schafft man nur durch kontinuierliche, harte Arbeit und den Kampf um die Herzen und Hirne der Menschen vor Ort.

Als Junge Grüne habt ihr eure Wurzeln ja eigentlich in der ökologischen Bewegung. Das Thema Ökologie scheint bei euch bislang aber keine große Rolle zu spielen. Woran liegt das und habt ihr vor das zu ändern?

Die Frage ist, aus welcher Perspektive man Klimawandel und Umweltschutz zum Thema macht. Es ist ein häufiger Fehler, das zu einer moralischen Frage zu machen. Dann heißt es: Wir müssen nur alle brav das Licht abdrehen, öfter aufs Fahrrad steigen und Bio-Lebensmittel kaufen, dann ändert sich schon das System.

Das ist nicht nur überheblich gegenüber jenen, die sich das nicht leisten können. Es ist auch einfach falsch. Solange wir in einem kapitalistischen System leben wird es keine ökologische Wende geben. Wir brauchen einen Systemwandel. Das wollen wir als Junge Linke ins Zentrum stellen: Wir können wir auf eine Weise wirtschaften, dass unsere Natur nicht mehr zerstört wird?

Ihr habt gerade einen Vorstand gewählt, der die Vielfalt der Migrationserfahrungen der jungen Menschen in diesem Land nicht abbildet. Wie wollt ihr als Jugendorganisation mit der Realität der Migrationsgesellschaft in Österreich umgehen?

Da liegt noch viel Arbeit vor uns, da sind wir noch nicht dort, wo wir sein wollen. Wir wollen, dass auch vermehrt Menschen, die von Rassismus betroffen sind, bei uns ihre politische Heimat finden und dass das auch nach außen sichtbar wird. Dafür müssen wir auch die Kultur des politischen Aktivismus in Österreich aufbrechen. Weil hier fast alles ehrenamtlich gemacht wird, engagieren sich eben Viele, die privilegiert genug sind und es sich auch leisten können, politisch aktiv zu sein. Wir wollen unsere Praxis so organisieren, dass nicht nur jene, die ausreichend Zeit und Geld haben, mitmachen können. Das ist auch langfristig extrem wichtig.

Dazu kommt der inhaltliche Aspekt. Schwarz-Blau beantwortet jede gesellschaftliche Frage rassistisch. Das heißt, egal welche Themen wir in den nächsten Jahren bearbeiten, das wird immer eine große Rolle spielen. Wenn wir über Demokratie sprechen, beginnt das schon dabei, wer überhaupt wählen darf. In Wien darf ein Drittel der Leute, die hier leben, nicht wählen. Das ist ein rassistischer Ausschluss, dagegen müssen wir auftreten.

Genauso im Bildungsbereich: Wenn Schwarz-Blau Deutschklassen einführt und Kinder, die Deutsch lernen von Kindern trennt, die Deutsch sprechen, ist das ein rassistischer Ausschluss. Oder bei der Kürzung der Mindestsicherung, die an Sprachkenntnisse gekoppelt wird. Das alles sind rassistische Maßnahmen. Da die Rechten die Debatte um Migration in den letzten Jahren leider gewonnen haben, müssen wir aber auch diskutieren, ob es nicht andere Hebel braucht, um die Debatte zugunsten antirassistischer Positionen zu drehen

Was sind die nächsten Schritte, jetzt wo ihr euch als Junge Linke gegründet habt?

Als nächstes werden in allen Bundesländern Landeskongresse stattfinden. Wir wissen, dass eine Jugendorganisation nur existieren kann, wenn sie von unten belebt wird und lokal verwurzelt ist. Dann werden wir am Volksstimmefest Anfang September einen großen gemeinsamen Auftritt haben, um zu sagen: „Wir sind die Jungen Linken, wer mag mitmachen, es braucht euch!“. Und von dort aus wollen wir eine langfristige Kampagne starten, um die Perspektive stark zu machen, dass wir alle weniger, nicht mehr arbeiten sollten.

Gleichzeitig machen wir Bildungsarbeit. Im Sommer machen wir die Linke Sommerwerkstatt, wo wir konkrete politische Positionen zum Thema Arbeit entwickeln wollen. Denn die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein: Wie verbinden wir die notwendigen Kämpfe im Hier und Jetzt mit der Utopie, die wir erreichen wollen? Wie kommen wir vom Kampf gegen den 12-Stunden-Tag dazu, dass Lohnarbeit, so wie sie jetzt organisiert ist, insgesamt nicht funktioniert? Das wollen wir angehen.

Danke für das Interview!

 

Interview: Benjamin Opratko

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