Extinction Rebellion: „Wenn wir keine Gesetze brechen, hört uns niemand zu“

David Holt

Die globale Aktionswoche von „Extinction Rebellion“ sorgt für Schlagzeilen – und Staus rund um den Globus. Die Gruppe will mit Blockaden und zivilem Ungehorsam auf die drohende Klimakatastrophe aufmerksam machen, auch wenn sie dafür rechtliche Probleme bekommt.

Schließlich macht die Polizei doch ernst. Sie trägt die knapp 15 Aktivist*innen, die auf der Wiener Ringstraße zwischen Rathaus und Burgtheater sitzen, von der Straße. Im Anschluss stellt sie die Identitäten fest, Festnahmen gab es keine. Knapp 45 Minuten hatten die Aktivist*innen davor dafür gesorgt, dass der Autoverkehr zum Erliegen kommt. „Extinction Rebellion“ organisierte die Blockade, es war der bisherige Höhepunkt ihrer Aktionswoche. „Wir haben nicht geglaubt, dass sie uns so lange sitzen lassen“, sagt Marcus, ein Sprecher der Gruppe, im Gespräch mit Mosaik.

Knapp 1.200 Kilometer entfernt geht die Polizei indes mit voller Härte gegen „Extinction Rebellion“ vor. In London nahm die Polizei schon am Mittwochvormittag fast 300 Menschen fest. Sie hatten die Waterloo-Brücke, den Oxford Circus und Parliament Square blockiert. Mit Fahnen, Trommeln und Bannern stellten sich sich überall in der Stadt dem Verkehr in den Weg. Auch vor der Konzernzentrale von Shell und auf Zugstrecken kam es zu Protesten. Drei Aktivist*innen, die sich auf eine U-Bahn stellten und die Weiterfahrt verhinderten, sitzen noch immer im Gefängnis. „Wir müssen den Alltag unterbrechen“, schreibt die Gruppe in einer Aussendung. „Das ist ein Notfall.“

Verhaftet uns!

England ist das Epizentrum von „Extinction Rebellion“. Vor knapp einem Jahr gründete sich die Gruppe dort. Sie fordert die Politik auf, ernsthafte Maßnahmen gegen die drohende Klimakatastrophe zu ergreifen. „Die Regierung muss rechtlich bindende Schritte setzen, um Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2025 effektiv auf null zu senken“, schrieb „Extinction Rebellion“ im Gründungsmanifest. Knapp 100 Wissenschaftler*innen unterstützten die Gruppe damals, darunter Noam Chomsky und Naomi Klein. Doch „Extinction Rebellion“ will nicht nur fordern. Von Beginn an war klar, dass die Gruppe Mittel des zivilen Ungehorsams einsetzen wird. Die meisten von ihnen, das sagten Aktivist*innen damals dem Guardian, würden sich dafür auch verhaften lassen.

Sie ließen ihren Worten Taten folgen: Im November blockierten fast 6.000 Leute neuralgische Punkte des Londoner Verkehrs. Auf fünf Brücken über die Themse kam der Verkehr zum Erliegen. „Uns droht die schlimmste Katastrophe in der Geschichte der Menschheit“, sagt auch Marcus. „Aber wenn wir nicht gegen Gesetze verstoßen, hört uns leider niemand zu.“ Bis er zur Gruppe kam, sagt der Jurist, habe er noch nie etwas Illegales getan. Nerven will er die Autofahrer*innen, die aufgrund der Aktionen nicht weiterfahren können, nicht. Die Aktivist*innen versuchen, ihnen während der Blockade ihre Anliegen zu vermitteln – und entschuldigen sich sogar. Den öffentlichen Verkehr blockiert die Wiener Gruppe anders als in London nicht. Die Straßenbahnen, die den Ring entlangfahren, lassen sie durch. „Das Problem ist nicht der oder die Einzelne“, sagt Marcus. „Es braucht die nötige Infrastruktur, damit niemand mehr aufs Auto angewiesen ist.“

Die Saat geht auf

Nicht nur in Wien ist im letzten Jahr ein Ableger von „Extinction Rebellion“ entstanden. Während der Aktionswoche werden auch in Berlin, Edinburgh, Rom und New York Straßen blockiert. Insgesamt sind in 33 Ländern Aktionen geplant. „Viele Menschen haben auf diese Möglichkeit gewartet“, sagt Marcus. „Wir werden immer mehr.“

Zuletzt waren es aber nicht die Aktionen von „Extinction Rebellion“, die die mediale Aufmerksamkeit um die Klimakrise befeuerten, sondern die Demonstrationszüge von „Fridays for Future“. Für den 24. Mai haben diese den zweiten weltweiten Klimastreik angekündigt. In Österreich haben sich die Lokalgruppen letzte Woche dazu entschlossen, eine überregionale Organisation zu gründen, wie der Standard berichtete. „Es ist gut, dass sich was tut“, sagt Marcus. „Aber die Umweltbewegung muss radikaler werden.“

Nach der Blockade und dem Intermezzo mit der Polizei zieht die zwanzigköpfige Abordnung von „Extinction Rebellion“ nicht gleich ab. Immer wieder stimmt sie Gesänge an. Die Freude über die gelungene Aktion ist den Aktivist*innen ins Gesicht geschrieben. Für Freitag ist eine Prozession geplant, in der das „Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen, die der belanglose Umgang unserer Gesellschaft mit Mutter Erde bereits gefordert hat und noch fordern wird“, betrauert wird. Die Route verläuft vom Heldenplatz bis zum Rathaus. „Wir sind noch lange nicht fertig“, sagt Marcus. „Dieser Kampf wird zäh und er wird sehr lang.“

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