Zurück zur Elite-Uni: Was die Uni-Novelle für Studierende bedeutet

Foto: Stockton Andrew

Frisch aus der Schule, finanziell unterstützt von den Eltern und bereit, sich möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt zu verwerten. So stellt sich die türkis-grüne Bundesregierung Studierende vor. Die Realität ist eine andere. Die geplante Novelle des Universitätsgesetzes soll die Studierenden weiter unter Druck setzen und wird vor allem eines bezwecken: eine Verschärfung der Studienbedingungen, schreibt Teresa Petrik.

16 ECTS sollen Studierende pro Studienjahr erbringen müssen, sonst fliegen sie aus dem Studium – und zwar lebenslang. Das müsse doch bewältigbar sein, argumentieren die Befürworter*innen. Die vorgesehenen Credit-Points um ein Studium in Mindeststudienzeit zu absolvieren, seien schließlich ganze 30 ECTS pro Semester. Dass das Absolvieren eines Studiums in Mindeststudienzeit eine Ausnahme darstellt, die nur einer Minderheit von 6% gelingt, verschweigen sie dabei. Von anderen hagelt es hingegen bereits Kritik an der geplanten Gesetzesnovelle. Warum der Aufschrei?

Für die Mehrheit der Studierenden ist der Studienalltag schon jetzt von finanziellem Stress und Leistungsdruck geprägt. Die Einführung der Mindestleistung würde diesen Druck noch verschärfen, Studierenden Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten nehmen und etliche Leute aus der Universität ausschließen. Das wäre keine noch nie dagewesene Situation – sondern ein historischer Rückschritt.

50 Jahre nach Kreisky: Die Rückkehr der Elite-Universität

Österreich gilt bis heute als eines der Länder mit niederschwelligem Studienzugang. Dass junge Menschen aus Arbeiter*innenfamilien studieren können – wenn auch mit wesentlich mehr Hürden – ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Das ist ein Ergebnis einer historisch spezifischen Phase. Seit ihren Gründungen waren Universitäten lange Zeit als Orte der Elitenproduktion gedacht. Erst während der SPÖ-Alleinregierung unter Kreisky in den 1970er-Jahren änderte sich die Universität grundlegend. 1972 wurde erstmals der gebührenfreie Zugang zum Studium eingeführt. Zudem gab es damals umfassende Beihilfen für Studierende – die in den letzten Jahren allerdings sukzessive wieder eingeschränkt wurden. Die Anzahl der Studierenden hat sich seit 1970 mehr als verfünffacht. Nur die Einführung von Studiengebühren 2001 brachte einen Einbruch dieses Wachstums. 

Gleichzeitig ist diese Entwicklung in weltweite Veränderungen des Arbeitsmarktes eingebettet. Ein Studium ist keineswegs mehr Garant für eine gut bezahlte Karriere. Die Etablierung von Massenstudien beeinflusste die Qualität des Studierens maßgeblich. Statt sich aber um bessere Betreuungsverhältnisse oder Unterstützung für Studierende zu kümmern, wird nun daran gearbeitet, Studierende gezielt (wieder) aus der Universität zu drängen.

Bildung als Ware, Studierende als Konsument*innen

Eine Umkehr des Trends zum freien Hochschulzugang können wir schon seit längerem beobachten. Spätestens seit den berüchtigten Bologna-Reformen hat sich der Druck auf Studierende erhöht. Von Zugangsbeschränkungen und Aufnahmeverfahren, die in immer mehr Studiengängen eingeführt werden, über die Verkürzung der Bezugsdauer für die Familienbeihilfe bis hin zur schleichenden Rückkehr der Studiengebühren. Und das insbesondere für Studierende aus Nicht-EU-Ländern.

Wohin solche Entwicklungen langfristig führen können, sehen wir zugespitzt bereits jetzt in den USA und Großbritannien. Studierende müssen Kredite aufnehmen, um sich die exorbitanten Studiengebühren zu leisten. Gleichzeitig müssen viele Studierende in meist prekären Jobs arbeiten, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Ein Studium wird aufgrund des Preises, den man in Form von Gebühren zu zahlen hat, immer mehr als Ware betrachtet. Die Studierenden werden zu Konsument*innen. Das hat sowohl einen negativen Einfluss auf das Lernklima als auch auf die Arbeitsbedingungen von Lehrenden.

Insgesamt werden enorm widersprüchliche Anforderungen an Studierende gestellt. Einerseits soll für eine akademische Karriere möglichst spezialisiertes Wissen erworben werden und Studierende sollen schon während dem Studium Berufserfahrung sammeln. Gleichzeitig sollen sie möglichst schnell und effizient studieren. Abseits von den sozialen Auswirkungen solcher Maßnahmen ist fraglich, ob diese aus einer akademischen Perspektive überhaupt sinnvoll sind.

Zeitdruck, finanzielle Nöte, Nebenjobs der ganz normale Alltag der Studierenden

Es gibt viele Gründe die dazu führen können, als Studierende*r die vorgegebene Zahl an ECTS nicht in einem Jahr zu absolvieren. Für berufstätige Studierende ist das „langsame“ Studieren eher der Normalfall als eine Ausnahme. Und das sind immerhin 65% aller Studierenden. 7,5% aller Studierenden haben Kinder oder andere Betreuungspflichten. Rund die Hälfte der studierenden Mütter gibt an, sich eine außerfamiliäre Kinderbetreuung nicht leisten zu können. Gerade für diese Gruppe hätte die im Rahmen der Gesetzesnovelle vorgeschlagene Beurlaubung keinen Sinn. Schließlich geht es nicht um ein einzelnes Semester, in dem das Studium ganz ausgesetzt wird. Es geht um Lebensumstände die erfordern, in einem langsameren Tempo zu studieren.

Auch der ganz normale Studienalltag bietet genug Gründe, warum der Studienverlauf nicht immer nach dem vorgesehenen Plan verläuft. Lehrveranstaltungen sind überfüllt, man fällt bei einer Prüfung durch oder verpasst eine Anmeldefrist. Die Faktoren, die zur Verzögerungen führen, sind meistens nicht auf individuelles Versagen, sondern auf die Universitätsstrukturen und ihre oft studierendenfeindliche Bürokratie zurückzuführen.

Probleme selbst für Vorzeige-Studierende

Sogar für jene, die als Vorzeige-Studierende wahrgenommen werden, führt die Regelung zu Problemen. Die angeführten 16 ECTS sind nicht etwa pro Person, sondern pro Studium zu leisten. Menschen, die mehrere Gegenstände studieren, werden hier strukturell benachteiligt. Das ist zum einen Ausdruck einer generellen Verschulung des Universitätssystems. Im Rahmen derer wird ein Studium immer mehr als Berufsausbildung, und weniger als Form der Weiterbildung begriffen. Gleichzeitig liegt dahinter ein ökonomisches Kalkül der Universitäten. Seit der Umstellung auf die „Studienplatzfinanzierung“ 2018 wird das Budget der Universitäten an der Anzahl jener gemessen, die pro Studium mindestens 16 ECTS im Jahr absolvieren. Fakultäten die mehr prüfungsaktive Studierende aufzuweisen haben, bekommen mehr finanzielle Mittel. Studierende, die Doppelstudien betreiben, rentieren sich in diesem Modell genauso wenig wie arbeitende Studierende. Sie sind im Auge der Universitäten daher Ballast, den es möglichst loszuwerden gilt.

Erstaunlich ist, dass dieser von ÖVP und FPÖ forcierte Kurs nun unter grüner Regierungsbeteiligung fortgesetzt wird. Waren es doch lange Zeit die Grünen, die sich prominent gegen die Rationalisierung des Bildungswesens positionierten. Aktuell laufen noch Verhandlungen über das Gesetz. Es bleibt zu hoffen, dass die Grünen zumindest vereinzelt für Entschärfungen eintreten – der grundsätzliche Kurs scheint aber in Stein gemeißelt. Dass die Verschärfung genau jetzt angepeilt wird – in einer Phase, in der Studierende aufgrund von Corona ohnehin eine Zuspitzung ihrer prekären Lebensbedingungen erleben, unter erschwerten Bedingungen studieren müssen und sich psychische Krankheiten auf dem Vormarsch befinden – ist an Zynismus kaum zu überbieten.

Wo bleibt der Widerstand?

Die HochschülerInnenschaft hat sich zwar bereits gegen einige der geplanten Änderungen positioniert. In ihren öffentlichen Äußerungen bleibt sie bis jetzt jedoch äußert zahm. Anders als noch vor zehn Jahren, als auf Verschlechterungen im Studienrecht mit Besetzungen reagiert wurden, die schließlich in der „Uni-Brennt“-Bewegung kulminierten, ist heute kein umfassender Protest zu erwarten. Dass die ÖH seit kurzem von der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft angeführt wird, mag einen Teil dazu beitragen. Ebenso sind die Bedingungen für Organisierung unter Corona maßgeblich erschwert. Entscheidender sind jedoch die von Ohnmacht  geprägte politische Stimmung, und eine allgemeine Entpolitisierung unter Studierenden, die nicht zuletzt selbst Produkt von zunehmendem Leistungsdruck an den Universitäten ist.

 

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