Warum die Donnerstagsdemos irgendwie anders sind

Matt Observe

Seit Oktober gibt es die Donnerstagsdemo wieder. Anders als 2000 treibt sie nicht die Hoffnung auf einen baldigen Rücktritt der Regierung an. Stattdessen geht es um etwas anderes – darum, einen Ort zu schaffen, wo viele auf ihre Art mitmachen können. Demonstrieren soll kein heroischer Akt sein. Eine Abhandlung von Drehli Robnik.

„Was ist eigentlich eine Donnerstagsdemo?“ wird Thomas Stipsits als humanitär engagierter Reporter in der St. Pöltner ORF-Stadtkomödie gefragt. Er antwortet „Do wor i domois“ und schaut alte Fotos an: Eines davon zeigt ein Transpi, abgeschnitten die Worte „Z-BLAU“ und „MO GEH“. In der Mitte 2018 gedrehten ORF-Comedy galt die Donnerstagsdemo als etwas Seltsames, das irgendwie alt und „von damals“ ist.

Aber so wie gilt „Inspektor gibts kan!“ (Kottans Gesetz), so steht auch fest: „Eine Donnerstagsdemo gibts nicht!“ Es gibt immer mehr als eine, in mehrerlei Hinsicht, und sie ist nix Altes und Seltsames.

Seit 4. Oktober 2018 ist wieder Donnerstag. Das Wort „wieder“ ist hier doppeldeutig: Im Spätsommer 2018 war es Teil des Versprechens, es gebe bald wieder Donnerstagsdemos – wie in den Jahren 2000-2002 gegen die SchwarzBlau-Regierung Schüssel. Heute steht das „wieder“ dafür, dass jede Woche wieder Donnerstag ist. Damals, 2000, trug breite Empörung über den Tabubruch einer rechtsextremen Regierungspartei zum Massenanklang der Demos bei, ebenso wie die Sorge der nationalen Außendarstellung, insbesondere gegenüber „der EU“. Heute ist der Polit-Mainstream nationalautoritär nach rechts gerückt: keine Empörung mehr in Brüssel und im Brustton. Heutige Donnerstagsdemos betonen nicht mehr den rechtsextremen Tabubruch, wenn sie eine Art Dauer-Infrastruktur etablieren, um auf wöchentliche türkisblaue Vorstöße und Polizei-Ausritte zu reagieren. Es geht heute um etwas anderes, und vielleicht sogar um etwas mehr.

Wie geht das: Gehen mit Stil und Ziel

Ein Aspekt der Wieder(holungs)-Struktur ist die betonte Performance. Einerseits im Sinn des „Performativen“, Leute und Gruppen reden selbst, statt dass über sie geredet wird. Andererseits im Sinn der Show (und das im besten Sinn): Do-Demos sind sich nicht zu gut, dir und mir schlicht und einfach „was zu bieten“. Demonstrieren muss eben kein heroischer Akt sein, niemand muss sich trauen und überwinden zu kommen.

Ein bisschen war das auch vor bald 19 Jahren so. Das Für-sich-Sprechen war im Jahr 2000 schon angepeilt, aber nicht so systematisiert wie heute – wo der Anteil an Frauen* und migrantischen* Sprechenden/Organisierenden immer über 50 Prozent ist. Die Show war damals unter Labels wie Volxtanz und Soundpolitisierung präsent – z.B. DJing auf Demo-Trucks, teils noch mit hüpfender Plattenspielernadel, ich weiß es! –, aber näher an elektronischen Formaten damaliger „Parades“ dran, nicht so breit gestreut wie heute.

Heute hörst du auf einer Do-Demo Esrap und Ostbahn, Mangold und Salgado. Die Vielfalt der Shows ist verschränkt mit der Vielfalt der Gruppen, (Nicht-)Identitäten und Ansprüche, die von türkisblauer Politik betroffen und/oder schlicht gegen sie sind. Das reicht, wie sich’s g’hört, von good old trotzkistisch über migrantisch bis Omas gegen Rechts/Omanzen.

Donnerstagsdemo zwischen Zeit und Raum

Zur dauertragfähigen Struktur wird die Vielfalt der Gruppen, Sprech-Akte und Show-Acts auch durch die gliederende Form der Route, die dem Ganzen eine Struktur gibt. Stationenlauf. Anfangspunkt, Zielpunkt und Zwischenstopps der Do-Demos gelten jeweils einem bestimmten politischen Anliegen. Eine Dramaturgie also – in Kontrast zum dezidiert seltsamen Charakter der 2000er Demos: Deren Situationselastik war (zumindest im Diskurs) geprägt vom Derivieren. (Vielleicht auch von Computer-Viren: Bedenken wir, dass das Handy mit seiner damals noch neuartigen Fähigkeit, Treffpunkte und Routen von unterwegs zu kommunizieren, mit zu einer Medienikone dieser Demos wurde, wenn auch nicht so stark wie später im Arabischen Frühling. Dazu passte, dass der damalige Schweigekanzler Schüssel im Februar 2000 glaubte, die gegen seine Regierung demonstrierenden Leute als „die Internetgeneration” bezeichnen zu müssen, die sich bei Demos „austobt“.)

Gemeint war mit Derivieren (ein Schlüsselwort, entlehnt aus der Politik-Kunst des Situationismus) ein absichtliches „Herumirren“: Es ging vom Heldenplatz nach Favoriten im Zickzack, ohne vorbestimmte Route. Heute haben Do-Demos Ziele und Stationen, Routen und Routinen. Und zwar ohne dass viele das autoritär fänden, warum auch? Das Gehen auf die, auf der, Demo ist nicht als arg und avantgardistisch definiert, sondern als nett und verlässlich.

Ein leeres Wort am linken Ort

Es gab 2000 den Slogan „Wir gehen, bis ihr geht“. 2018 und danach ist die Erwartung „baldiger Rücktritt“ viel weniger Teil des Marschgepäcks. Dafür ist da die Hoffnung auf die Errichtung eines Bündnisses. Einer regelrechten Breitbündnis-Infrastruktur. Das ist es, was Chantal Mouffe und Ernesto Laclau eine „Äquivalenzkette“ nennen. Eine zentrale Bedeutung haben da die stark aufladbaren, eigentlich „leeren” Signifikanten. Also Namen und Worte. Als Beispiel: der leere Signifikant Gehen. Der Versprecher, mit dem FPÖ-Bundespräsi-Kandidat Hofer 2016 ein ehrliches Versprechen abgab, als er süffisant drohte „Sie werden sich noch wundern, was alles geht“, wurde als wiederkehrendes Demo-Aufruf-Schlusswort angeeignet: „Ihr werdet euch noch wundern, wer da aller mitgeht“. Statt „mitgeht“ steht dann immer ein anderes Zeitwort, das je nach “Demo-Thema“ auf Rassismus, Homophobie, gewerkschaftliche Kämpfe etc. Bezug nimmt. Aber am Anfang ist das Gehen.

Import aus der Datingwelt

Weiters sind da „Leer“-Wordings, die ganz offensichtlich von außerhalb der Politik kommen. Sie sind Teil von Ritualen. Diese Rituale wollen klarmachen, wer denn hier alles ist – das ist also auch eine Selbstvergegenwärtigung im Raum und in der Zeit: hier und jetzt. Ohne dass Mitgliedschaft bei einer Organisation oder das Teilen eines Programms (abgesehen vom Widerstand gegen TürkisBlau) vorausgesetzt wäre, wird so Zugehörigkeit ausleb- und erfahrbar: im Betonen, dass wir – heute – hier – vereint sind, markenzeichenhaft und selbstironisch in Sprechchören „zum Aufwärmen“ und mit koketter Schwerhörigkeit („bissl lauter geht´s noch“) am Demo-Beginn und Demo-Ende: „Was sind wir?“ – „Fix z´samm!“, „Was ist heute für ein Tag?“ – „Donnerstag!“

Das sind (im Gegensatz zu retrofaschistischen Schwur-Saalritualen eines Trump) Importe aus der Dating-Rhetorik, aus der Popkonzert- und Freizeit-Allerweltskultur (etwa auch der Merch oder das Après-Do-Dancing). Teils sogar – für die Älteren – aus dem Kasperl, dessen „Seid ihr alle da?“ als Plattform für ein Kollektiv-performatives „Jaaa!“ der Kinder fungierte. Die Demo beruft sich nicht auf die Nische, die Avantgarde. Eben weil’s um mehr geht und die Demo mehr sein will.

Was ist heute für ein Tag?

Der Kasperl war im ORF jeden Mittwoch. Verglichen mit den Freaky Fridays, Manic Mondays, Ruby Tuesdays der Popkultur ist Donnerstag ein besonders leerer Name, ohne vorherige Aufladung. (Aber: Das tolle Lied „Misanthropisches Melodrama“ von der Berliner Post-Riot Girlsband Die Lassie Singers mit seinem Refrain: „Was ist heute für ein Tag? Heut ist Donnerstag!“ würde sich nach 20 Jahren ein größeres Publikum verdienen – vielleicht ja auf Donnerstagsdemos.) Umso mehr eignet Donnerstag sich abgekürzt für Gewand mit aktivistischem Imperativ „do!“ darauf. (Gut, dass sich keine Dienstagsdemos etabliert haben: Die hätten sonst womöglich Merchandise mit dem Aufruf „die!“ drauf.)

Jeden Donnerstag versammelt sich alles, was eine wiederholungstatfähige Demo-Struktur braucht: the name (do!), the frame (Date mit Route), the game (Chöre), the claim (Sprechakt-Performance), the same (Egalität aller Positionen), the blame (gemeinsame Gegner*innen), the shame (ganz ohne Empörung über die Schande der rechten Politik geht’s nicht). Und allzu sportlich oder Direkt-Aktions-avantgardistisch ist es auch nicht, es ist kein Speed-Date, kein Eskalationspathos (wobei solches Pathos nicht grundsätzlich falsch ist), also können Leute wie ich, die ein bissl tame & lame daherkommen, auch ganz easy mitgehen. Jeden do! wieder.

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