„Der Stadt Wien lag nichts an der Nordbahnhalle“

Foto: IG Nordbahnhalle

Die Wiener Nordbahnhalle war ein Raum für Kulturprojekte und ein Nachbarschaftszentrum – und einigen Immobilienunternehmern ein Dorn im Auge. Am 10. November brannte die Halle ab. Jetzt wird sie abgerissen Im Interview spricht Christoph Laimer, der sich als Teil der IG Nordbahnhalle für den Erhalt einsetzt, über Brandstiftung, die ausbleibende Untersuchung und Enttäuschung über Birgit Hebein.

Mosaik-Blog: Wie hast du vom Brand der Nordbahnhalle erfahren?

Christoph Laimer: Eine Freundin, die in der Nähe wohnt, hat mich angerufen. Ich habe mich zuerst gar nicht ausgekannt. Sie hat gemeint, ich soll auf Facebook nachschauen. Da waren dann schon reihenweise Fotos, auf denen man die gigantische Rauchwolke sehen konnte. Später sind wir selbst hingefahren, aber da war der Brand schon gelöscht. Wir konnten uns nur mehr die Schäden anschauen. Das hat schon sehr wehgetan.

Wie ist der Zustand der Halle?

Ich war letzte Woche dort und war überrascht. Die Schäden sind groß, aber nicht so dramatisch, wie ich sie nach diesem gigantischen Feuer erwartet hätte. Der vordere Teil, also der Raum in dem die Kantine untergebracht war und der benachbarte Raum sind innen völlig intakt. Da hat es gar nicht gebrannt. Dort kleben noch Post-its an der Wand. Auch bei der großen Halle war ich zuerst verwundert, dass keine Wände oder Stützen eingestürzt sind. Bei genauerem Hinsehen sieht man dann aber doch, dass die große Hitze einzelnen Teilen stark zugesetzt hat.

Dennoch wird die Halle abgerissen. Verstehst du das?

Nein. Meiner Einschätzung nach könnte der vordere Trakt auf jeden Fall stehen bleiben, ob damit alleine eine sinnvolle Nutzung möglich wäre, haben wir uns jedoch noch nicht überlegt. Dafür haben wir noch zu wenig Abstand zu der Katastrophe. Wir hätten uns erwartet, dass die Untersuchungen abgeschlossen werden, bevor die Halle abgerissen wird.

In eurer ersten Aussendung danach habt ihr geschrieben, dass ihr von Brandstiftung ausgeht. Warum?

Zunächst einmal verdächtigen wir niemanden der Brandstiftung. Nur weil es Widerstand von der Stadt und Bauträgern gab, heißt das natürlich nicht, dass sie die Halle angezündet haben. Aber für uns ist aufgrund der Umstände Brandstiftung die naheliegendste Erklärung. Es gab in der Halle keinen Strom mehr, ein defektes Elektrogerät wird es also nicht gewesen sein. Auch leicht entflammbares Material, wie Chemikalien oder Benzin, war nicht dort. Außerdem war die Halle verbarrikadiert, um sie vor Vandalismus zu schützen. Um hineinzukommen hat es schon sehr viel Engagement und Werkzeug oder einen Schlüssel gebraucht und dass der Brand innen ausgebrochen ist, scheint offensichtlich. Also dass es Kinder waren, die mit Feuerwerkskörpern gespielt haben, kann ich mir nicht vorstellen. Es hatte die Tage davor geregnet, alles war nass. Aber wir können auch nur Vermutungen anstellen, wir wissen es natürlich nicht. Es gibt jetzt Untersuchungen. Die warten wir ab.

Du hast den Widerstand angesprochen. Hat die Stadt Wien jemals verstanden, warum euch die Nordbahnhalle so am Herz gelegen ist?

Grundsätzlich glaube ich schon, dass es mittlerweile ein Bewusstsein gibt, dass solche Nachbarschaftszentren wichtig sind. Auch bei der Stadt. Deswegen hat es uns schlussendlich doch überrascht, dass die zuständigen Stellen nicht einmal mit uns reden wollten und die Halle immer als Problem wahrgenommen wurde. Wir waren nicht so naiv zu glauben, dass es einfach für uns werden würde, dann aber doch verwundert, wie wenig Wissen es zu einzelnen Aspekten dieser Thematik gibt und wie einseitig und selektiv die Ergebnisse des Partizipationsprozesses und des Nordbahnviertel-Leitbildes in der öffentlichen Kommunikation und in den Stellungnahmen an unsere Petition dargestellt wurden.

Zuletzt habt ihr, unmittelbar bevor die Halle abgebrannt ist, im Petitionsausschuss euren Antrag zum Erhalt der Nordbahnhalle eingebracht. Wie war das?

Sehr ernüchternd. Wir haben mit unseren zwei Petitionen gemeinsam rund 4.500 Unterschriften gesammelt und waren auf den Ausschuss sehr gut vorbereitet. Wir haben die verschiedenen Stellungnahmen zu unserer Petition sehr genau gelesen und haben unser Anliegen präsentiert. Aber darauf gab es keine Reaktion, der ganze Ausschuss hat einfach geschwiegen. Mir schien, das war dann sogar der Vorsitzenden Jennifer Kickert etwas unangenehm. Birgit Hebein hat zum Abschluss ihre Argumente, die in ihrer Stellungnahme zu lesen waren, noch einmal vorgetragen. Aber sie ist mit keinem Wort auf unsere Präsentation eingegangen. Dann haben alle applaudiert und wir sind gegangen. Das war sehr seltsam.

Hebein ist seit Juni Stadträtin für Stadtentwicklung. Sie gilt bei den Grünen als Parteilinke. Hättest du dir mehr Engagement erwartet?

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie uns in dieser Sache komplett ignoriert. Ich kenne sie schon sehr lange und wir haben immer den Kontakt gesucht, um ihr zu sagen, worum es uns bei der Nordbahnhalle ging. Von ihr ist, ab dem Zeitpunkt als wir die öffentliche Kampagne gestartet haben, nie etwas zurückgekommen. Auch unsere Terminanfragen sind nie beantwortet worden. Es hätte ja nicht Birgit Hebein persönlich sein müssen, die sich mit uns an einen Tisch sitzt, sie hat viel zu tun. Aber irgendwer aus ihrem Büro, der für das Thema zuständig ist, hätte sich Zeit für ein Anliegen nehmen müssen, das von tausenden Menschen unterstützt wird.

Kommen wir noch einmal zur Skepsis zurück. Als Grund, warum die Halle abgerissen werden muss, hat die Stadt immer gesagt, dass dadurch mehr Raum für Grünflächen entsteht. Ist da etwas dran?

Für mich war das immer ein vorgeschobenes Argument. Grünraum in der Stadt ist wichtig, das wissen wir alle, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Aber im Nordbahnviertel mangelt es viel eher an sozialen und kulturellen Räumen als an Grünraum. Wobei es dort natürlich auch eine wahnsinnige Flächenversiegelung gibt, wenn man sich beispielsweise den Bank Austria Campus ansieht. Im Nordbahnviertel wird es die zirka zehn Hektar große Freie Mitte geben, es gibt den Bednar-Park und in unmittelbarer Nähe gibt es den Augarten, den Prater und die Donauinsel. Die Nordbahnhalle hatte nach dem im September erfolgten Teilabriss eine Grundfläche von 1.300 Quadratmeter und hätte für die Freie Mitte an deren Rand sie steht, wichtige Funktionen übernehmen können. Einerseits inhaltliche als Ort der Vermittlung, andererseits ganz pragmatische: Schutz vor Kälte und Regen, Toiletten, etc. Ich sehe den Brand der Nordbahnhalle als Verlust für die Freie Mitte. Wir haben immer argumentiert, dass es auch sozialen Freiraum geben muss.

Was steckt dann dahinter? Populismus ist es auch nicht, die Mehrheit der Bevölkerung war für den Erhalt.

Ich bin mir nicht sicher. Es gab einige Leute, die, weil sie Interessen verfolgen, denen die Nordbahnhalle im Weg war, sehr für den Abriss lobbyiert haben – so zumindest meine Wahrnehmung – und bei der Politik im Gegensatz zu uns offenbar auf offene Ohren gestoßen sind. Es gab einige Bauträger, denen die Nordbahnhalle immer schon ein Dorn im Auge war. Sie war ihnen zu hässlich, passte nicht in ihr Konzept für das Viertel. Vielleicht haben sie befürchtet, ihre teuren, frei finanzierten Eigentumswohnungen, von denen manche nur wenige Meter von der Nordbahnhalle entfernt errichtet werden, weniger gut verkaufen zu können. Teilweise haben sie auch die Bedeutung des sozialen und kulturellen Angebots nicht verstanden. Die Interessen von Immobilienunternehmen sind der Stadt Wien sehr wichtig. Das hat man auch in der Debatte um die Zwischennutzung gesehen.

Was meinst du damit?

Wenn wir Vorschläge eingebracht haben, wie die Halle weiter genutzt werden könnte, hat die Politik sie immer abgeschmettert. Es hieß immer: „Zwischennutzung muss Zwischennutzung bleiben“ und dass die Halle nur als Projekt auf Zeit vorgesehen war. Tatsache ist, es gab einen Zwischennutzungsvertrag zwischen den ÖBB und der TU Wien und der wurde ohne Diskussion vertragsgemäß am 31. Juli 2019 beendet. Mit diesem Vertrag hatten wir nie was zu tun. Was wir gemacht haben, sind Vorschläge für eine Nachnutzung.

Die Debatte um Zwischennutzung läuft in Wien komplett verkehrt. Es wird grundsätzlich nur aus der Perspektive der EigentümerInnen und InvestorInnen und nicht aus der Perspektive der NutzerInnen argumentiert. Noch dazu wird immer so getan, als müsste man InvestorInnen unendlich dankbar sein, dass sie Raum für Zwischennutzung zur Verfügung stellen, als ob sie selber keine Vorteile davon hätten. In anderen Städten gibt es schon seit ewigen Zeiten eine sehr kritische Auseinandersetzung rund um Zwischennutzungen als Instrument der Aufwertung etc., aber in Wien ist diese Debatte zumindest in der Stadtpolitik noch nicht angekommen. Wir von dérive oder die IG Kultur Wien haben schon vor vielen Jahren auf die negativen Effekte von Zwischennutzungen aufmerksam gemacht, aber das will wohl niemand hören.

Wurdet ihr von allen PolitikerInnen ignoriert?

Es gab einige, die mit uns geredet haben. Die einzige, die unsere Anliegen wirklich ernst genommen hat, ist Veronica Kaup-Hasler, die Kulturstadträtin. Sie hatte Interesse mit uns zu reden und hat uns zugehört. Sie hat das Potenzial der Nordbahnhalle als Modellprojekt für Nachbarschaft, Kultur und Soziales erkannt und verstanden Aber sie war, wie gesagt, eine Ausnahme.

Hat sich die Stadt nach dem Brand bei euch gemeldet?

Nein, viele Leute haben uns kontaktiert und uns über ihre Erlebnisse in Zusammenhang mit selbstorganisierten Projekten erzählt, aber von der Stadt hat sich niemand gemeldet.

Interview: Moritz Ablinger

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