Der laute Frühling: Klimafilm auf antikapitalistisch

Foto: Der laute Frühling

Verkehrsblockaden, Demos und Medienarbeit reichen nicht für eine erfolgreiche Klimabewegung, meint Johanna Schellhagen. Die Dokumentarfilmerin („Die Angst wegschmeissen“, „Luft zum Atmen“) möchte deswegen mit ihrem neuen Film „Der laute Frühling“ eine Blindstelle der Klimabewegung füllen: die Rolle der Arbeiter*innenklasse. Ein Interview von mosaik-Redakteur Benjamin Herr.

mosaik: Wie sehr wird man mit Geld überhäuft, wenn man einen kapitalismuskritischen Klimafilm macht?

Johanna Schellhagen: Das gehört nicht zu unseren Problemen, sagen wir mal so. Einer der Gründe, weshalb die Klimabewegung nicht weiterkommt ist, dass strategische Diskussion streng eingehegt ist. Es gibt außer unserem keine Kinofilme, in denen die Abschaffung des Kapitalismus als Lösung für die Klimakatastrophe präsentiert und zum Aufbau einer revolutionären Bewegung aufgerufen wird. Es gibt keinen Marxismus im Kino.

Das hat materielle Gründe, wie wir bei der Produktion von „Der laute Frühling“ festgestellt haben. Wir haben neun Anträge bei neun verschiedenen Umweltstiftungen gestellt – und sind neunmal abgelehnt worden. Was wir in dem Film entwickeln, verlässt den Rahmen dessen, was man sagen darf. Es wird aber nicht wie früher direkt zensiert, sondern indirekt, indem man solche Projekte nicht finanziert.

Deswegen sind auch fast alle Klimafilme gleich. Wir sehen immer die gleiche Dramaturgie, in der erst der Ernst der Lage dargestellt wird und dann entweder ganz allgemein an die Zuschauerinnen appelliert wird, endlich etwas zu machen, oder kleine Nischenprojekte als Lösungen präsentiert werden. Diese Filme lassen uns ohnmächtig zurück. Sie zeigen nicht auf, wie wir uns die politische Macht aneignen können, die wir brauchen, um den Klimawandel einzudämmen.

Wir konnten „Der laute Frühling“ nur fertigstellen und in die Kinos bringen, weil wir uns erstens in zwei Jahrzehnten Medienaktivismus ein Netzwerk von Unterstützer*innen aufgebaut haben, die genug gespendet haben, weil es zweitens doch zwei Stiftungen gab, die uns unterstützt haben und weil wir drittens bereit waren, uns zwei Jahre lang brutal selbst auszubeuten.

In „Der laute Frühling“ geht es um Klimaaktivist*innen, gesellschaftliche Transformation und Gewerkschaftskämpfe von Unten. Was erwartet uns da konkret?

Der Film entwickelt die These, dass die einzige erfolgversprechende Option in einer wärmer werden Welt darin besteht, alle unsere Kämpfe in einer revolutionären Bewegung zusammenfließen zu lassen. Den Kampf für ein Ende der fossilen Industrie, den Kampf am Arbeitsplatz, den Kampf gegen das Patriarchat und den Kampf gegen neo-koloniale Ausbeutung.

Durchschlagskraft erreicht eine solche Bewegung nach unserem Dafürhalten nicht, indem sie Politikerinnen zum Umdenken auffordert und um Mehrheiten in den Parlamenten kämpft, sondern indem sie die Produktionsmittel übernimmt, beziehungsweise sich darauf vorbereitet, sie zu übernehmen. Das sollte die strategische Ausrichtung sein. Von da ausgehend sollten wir unsere politische Praxis zukünftig entwickeln und verändern.

Das klingt für junge Aktivist*innen wahrscheinlich erst einmal fremd, neuartig, weil wir von der Wiege bis zur Bahre von einer kapitalistischen Propagandamaschine berieselt werden, die den Kapitalismus als natürliches, bestmögliches, dem Menschen angemessenes und vor allem unveränderliches Produktionssystem darstellt.  

Ich bin aber in der Situation, seit über 20 Jahren Aufstände, revolutionäre Bewegungen und Streikwellen sichtbar zu machen. Ich weiß, dass Revolutionen möglich sind und Menschen die ganze Zeit revolutionäre Sachen machen. Dieses Wissen will ich weitergeben.

Warum ist die Schnittstelle von Produktion und Macht in der Klimabewegung nicht so präsent?

Letztens meinte ein Genosse bei einem Screening, dass seine Lehrerin ihm als Kind verboten hatte „Arbeiter“ zu sagen. Das sei ein ideologisch aufgeladener Begriff. Er solle lieber „Arbeitnehmer“ sagen. Da sind wir ganz tief in der Ideologieproduktion, in der kapitalistischen Propaganda, die vor allem seit 1989 greift. Da wurde der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ausgeklammert und „Arbeiter“ zu einer soziologischen Kategorie gemacht. 

Seit den 1990er Jahren wurden „Arbeiter“ auch von einem Teil der Linken, zumindest in der BRD,  als potenziell faschistischer, rassistischer und homophober Mob betrachtet. Das alles hat seine Spuren in der Klimabewegung von heute hinterlassen.

„Der laute Frühling“ bietet eine Abkürzung und erstellt einen Zusammenhang zwischen Produktionsmacht und Klimaaktivismus. Aber wie wird denn jetzt politische Macht hergestellt?

Die Herrschenden wissen seit mindestens 50 Jahren, was fossile Brennstoffe machen und trotzdem unternehmen sie nichts, um die CO2-Emissionen zu senken. Das liegt nicht (nur) daran, dass sie Arschgeigen sind, sondern daran, dass sie in systemischen Zwängen stecken. Deshalb kann es keinen Umweltschutz im Kapitalismus geben. Der Kapitalismus muss wachsen und Wachstum bedeutet Emissionen und Ressourcenverbrauch.

Die Herrschenden unternehmen nichts, um die CO2-Emissionen zu senken. Das liegt nicht (nur) daran, dass sie Arschgeigen sind, sondern daran, dass sie in systemischen Zwängen stecken.

Wenn es also keine Lösung im Kapitalismus gibt, helfen auch immer größer werdende Demos, die in die Medien kommen und Druck auf Politiker*innen ausüben, nichts. Ebenso keine direkten Aktionen, solange beides nicht von einer Bewegung kommt, die ein grundsätzlich anderes strategisches Ziel hat. Nämlich, die Mobilisierung in die Betriebe zu tragen, mit betrieblichen Kämpfen zu einer großen Bewegung zusammenzuwachsen, die sich zum Ziel setzt, sich die Produktionsmittel anzueignen, nach einem revolutionären Bruch die wesentlichen Industrien am Laufen zu halten, alle zu versorgen, sich international zu vernetzen, um die Liefer- und Produktionsketten neu aufzubauen.

Eine solche Bewegung wäre dann in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die dann eben nicht mehr von Profitinteressen geleitet sein müssen, sondern vernünftig sein können. In dem Sinne, dass sie unserer weiteres Leben auf dem Planeten ermöglichen, indem sie den Klimawandel rasch eindämmen.

Das Problem mit unserem Vorschlag ist, er ist eine Maximallösung. Mir wäre es auch lieber, wenn es einfach ausreichen würde Bäume zu pflanzen, aber so ist es leider nicht. Auch, weil derlei politische Macht nur international herzustellen ist. Gerade die Klimabewegung ist schon international vernetzt. Wir müssen diese Vernetzung auch in der Produktion herstellen.

Diese Gesellschaftsvision transportiert der Film über „fiktionales Storytelling“. Was bedeutet das?

Das sagt sich ja so schnell: „Wir brauchen eine Revolution, die den Weg ebnet für eine gebrauchswertorientierte Gesellschaft“. Wir dachten, es ist wichtig beides in dem Film konkret auszuformulieren. Konkret zu zeigen, wie würde so eine Gesellschaftstransformation aussehen? Was passiert, wenn Lohnabhängige alle Industrien übernehmen, die die Gesellschaft zum Überleben braucht? Ausgehend von unseren strategischen Überlegungen vermitteln wir anhand leicht animierter Illustrationen ein Gefühl, was alles möglich ist.

Was wir in dem fiktionalen Teil zeigen ist zwar ausgedacht, aber es ist auch die Verdichtung unserer Beobachtungen der letzten Jahrzehnte. Wir waren Anfang 2002 in Argentinien, wo Menschen spontan Nachbar*innenschaftsversammlungen abhielten und Betriebe besetzten. Wir zitieren auch aus Filmen wie „Sentido (en) común“ über die Bewegung in Chile seit 2019 und vielen anderen.

Aus: Der laute Frühling.

Welche Rolle kann da jetzt die Klimabewegung spielen?

Definitiv eine große. Die Klimabewegung ist eine großartige Bewegung die von jungen Menschen getragen wird, die buchstäblich um ihr Leben kämpfen.

Wichtig ist zuerst einmal, dass sich Klimaaktivist*innen im Klaren sind, dass Arbeiter*innen kein externes Gegenüber sind. Wir sitzen alle im gleichen Boot, weil wir alle lohnabhängig sind. Die Arbeiter*innenklasse ist eben keine soziologischen Kategorie, sondern eine strukturell-politische. Daher muss man sich am eigenen Arbeitsplatz organisieren.

Es ist auch wichtig, Streikbewegungen als solidarische Menschen von außen zu unterstützen. Zum Beginn von Streikbewegungen sind solche Unterstützer*innen manchmal entscheidend. Ich habe das in norditalienischen Warenlagern beobachtet, wo es seit 2008 eine sehr erfolgreiche Streikwelle gab. Sie hat mit einer kleinen, entrechteten migrantischen Belegschaft begonnen, die wusste was sie wollte und sich intern organisiert hatte, einer Handvoll erfahrener Basisgewerkschafter die sie beraten hat und 150 Unterstützer*innen, die zu den ersten Blockaden angereist sind.

Diese Rolle kann die Klimabewegung einnehmen: In den jeweiligen Städten konsequent Streiks unterstützen und Arbeitskämpfen dadurch mehr Öffentlichkeit verschaffen. Die Streikenden ermutigen, konkrete Aufgaben zu übernehmen. Eine unabhängige Pressearbeit an der Seite der Streikenden zu machen. Und so letztlich die Machtverhältnisse im Betrieb zu ändern. Meine Erfahrung ist: Sobald Leute die Chance sehen, etwas ändern zu können, fangen sie an, etwas zu machen.

Den Klassengegensatz spüren die Leute tendenziell in jedem Betrieb. In jeder Region gibt es Potenzial und prekäre Arbeiter*innen, die etwas machen wollen. Wir müssen sie als Linke kennen und mit ihnen Kontakt haben.

„Der Laute Frühling“ wird morgen, am 6.9.2022, im Schikaneder Kino mit Anwesenheit der Regisseurin gezeigt – er ist noch nicht ausfinanziert, das Team ist auf Spenden und Fördermitglieder angewiesen.

Interview: Benjamin Herr

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