Das Massaker von Srebrenica – als die Welt die Augen verschloss

Foto: Beatrice BdM

Am heutigen Gedenktag, dem 11. Juli, wird an alle Opfer erinnert, die im Zuge des Völkermords in Srebrenica 1995 – dem größten europäischen Völkermord nach 1945 – ermordet wurden. Die historisch-politische Aufarbeitung dieses Genozids steht erst an ihrem Anfang. Insbesondere das Handeln der Vereinten Nationen ist bis heute umstritten.

Als Bosnien und Herzegowina im März 1992 nach dem Vorbild Kroatiens und Sloweniens seine Unabhängigkeit im Zuge des Zerfallsprozesses von Jugoslawien erklärte begannen auch dort kriegerische Auseinandersetzungen. Die Kämpfe erreichten vor allem im Osten des Landes ihren Höhepunkt, wie beispielsweise in der Stadt Srebrenica, in der überwiegend bosnische Muslime und Musliminnen lebten.

Bereits am Beginn der Kampfhandlungen wurde die Stadt von bosnisch-serbischen Truppen besetzt und etliche Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Obwohl Srebrenica 1993 zu einer Schutzzone erklärt wurde gelang der Armee der Serbischen Republik zwei Jahre später die endgültige Einnahme der Stadt. Das UN-Gelände wurde am 11. Juli 1995 mit Artillerie beschossen, etliche Muslime und Musliminnen kamen ums Leben, 1000 andere flohen zum etwa fünf Kilometer von Srebrenica entfernten UN-Stützpunkt Potočari. Dort erhofften sie sich Zuflucht, bis sie endgültig aus dem Kriegsgebiet evakuiert werden würden.

Bereits am Tag darauf rückten die Armee der Serbischen Republik und serbische Freischärler (Angehörige paramilitärischer Verbände) nach Potočari vor. Unter dem Vorwand, Kriegsverbrecher zu suchen, begannen sie Männer und Frauen zu trennen. Frauen, Kleinkinder und Gebrechliche wurden mit Lastwägen und Bussen bis vor bosnisch-muslimisch kontrolliertes Gebiet fortgeschafft. Die zurückgebliebenen Männer – die meisten von ihnen im wehrfähigen Alter zwischen 16 und 60 Jahren – wurden systematisch von der Armeee der Serbischen Republik und den Freischärlern exekutiert und in Massengräbern an verschiedenen Orten verscharrt. Binnen weniger Tage wurden über 8000 unbewaffnete Männer und Burschen umgebracht. Um die Spuren des Massakers zu verwischen wurden die menschlichen Überreste immer wieder ausgegraben und umgebettet. Aus diesem Grund konnten bis heute die meisten Opfer nicht identifiziert werden.

Das „Dutchbat-Bataillon“

Am 16. April 1993 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die weitreichende „Resolution 819“. In dieser wurde Srebrenica und die unmittelbare Umgebung zur kampffreien Schutzzone erklärt. Aus der Resolution ableitbar ist, dass den Vereinten Nationen die Gefahr einer “ethnische Säuberung” bewusst war. Mit dieser Resolution gingen die Niederlande die Verpflichtung ein, ca. 600 Soldaten in die neutrale Schutzzone zu entsenden. Dieses „Dutchbat-Bataillon“ unter der Führung des Generals Thomas Karremans war nicht im Besitz schwerer Waffen, da sich ihr Mandat offiziell nur auf die Erhaltung des Friedens bezog. Trotz der Präsenz von Blauhelm-Soldaten kam es mehrfach zu Angriffen seitens der bosnisch-serbischen Armee. Außerdem sorgte diese immer wieder für Blockaden der internationalen Hilfskonvois, was zu einer mangelhaften Wasser- und Stromversorgung und zu einer Knappheit von notwendigen Gütern führte.  Nicht nur die Bevölkerung litt unter diesem Umstand, sondern auch das „Dutchbat-Bataillon“ geriet in eine Notlage.

Versagen der UNO

Die Vereinten Nationen und insbesondere die niederländischen Truppen wurden nach der Mission in Srebrenica heftig kritisiert. Überlebende sowie Opferverbände wie beispielsweise „Mütter von Srebrenica“ warfen ihnen teilweise auch öffentlich oder in Form von Klagen Mitschuld aufgrund ihres Nicht-Eingreifens bzw. ihrer Mitwirkung an Deportationen vor. Der Hauptkritikpunkt richtet sich gegen das Unvermögen der UNO, Srebrenica vor feindlichen Angriffen zu schützen – obwohl die Stadt 1993 zur Schutzzone erklärt wurde. Ferner konnte der für die Bevölkerung Srebrenicas notwendige Schutz nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden. Diese Passivität der UNO und die Frage, ob sich die UNPROFOR-Truppen, die Schutztruppen der Vereinten Nationen, welche in den von der Armee der Serbischen Republik kontrollierten Gebieten stationiert waren, militärischer Handlungen bedienen dürfen waren und sind auch heute noch großer Streitpunkte: In der Resolution 819 werden militärische Interventionen in der Schutzzone in keinem Absatz ausgeschlossen. Da es nicht möglich war, eine Einigung in diesem Punkt im Sicherheitsrat zu erzielen, wurde die Arbeit der UNPROFOR auf den humanitären Tätigkeitsbereich beschränkt.

Obwohl niederländische Soldaten den Auftrag hatten, die Stadt Srebrenica notfalls mit Waffengewalt zu schützen konnten sie dem nicht nachkommen. Sie waren von Beginn an in der Unterzahl, nicht mit ausreichender Ausrüstung ausgestattet und litten an Verpflegungsmangel. Die Blauhelmsoldaten fühlten sich überfordert von den Angriffen und forderten mehrmals Unterstützung an, die jedoch abgelehnt wurde, da man unter anderem jegliche Konfrontationen mit der Armee der Serbischen Republik vermeiden wollte.

Ein Vorwurf, der explizit an die niederländische Einheit gerichtet ist, bezieht sich auf ihre ambivalente Beziehung zu den bosnisch-serbischen Truppen. Es existieren zahlreiche Fotos und Dokumente, die belegen, wie Thomas Karremans mit dem General der bosnisch-serbischen Armee, Ratko Mladić, mit einem Glas Sekt anstößt. Die Soldaten feierten und tranken miteinander, während das Massaker stattfand. KritikerInnen halten den niederländischen Blauhelmen und dem General Karremans vor, sie hätten sich durch ihr Nicht-Eingreifen mitschuldig an dem Massaker gemacht.

Der heutige Gedenktag ist vorrangig den Opfern gewidmet, wir gedenken all jenen, die infolge der „ethnischen Säuberung“ ermordet wurden. Aus diesem Grund hat der „Verein Srebrenica-Wien“ für heute einen Gedenkmarsch ab 15 Uhr in der Wiener Innenstadt organisiert. Das Gedenken ruft auch die Hintergründe des Massakers und die Defizite der Vereinten Nationen ins Bewusstsein und ist somit auch eine Warnung für die Zukunft.

Nikolina Franjkic arbeitet beim Verein GEDENKDIENST, war Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Floridsdorf und aktiv in der Offensive gegen Rechts.

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