Der Kampf um die Welt nach Corona hat schon begonnen

Bruno Casonato

Wir stehen am Beginn einer globalen Wirtschaftskrise. Wie sie genau verlaufen wird ist offen, aber schon jetzt ist klar: Nach Corona wird die Welt eine andere sein. Wie genau diese neue Welt aussehen wird, ist noch offen – und hängt auch von uns ab, schreibt Lisa Mittendrein.

Die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung legen weite Bereiche der Wirtschaft still. Das ist erst einmal gut so. Schließlich bedeutet das: In unserer Gesellschaft sind Menschenleben immer noch mehr wert als die Profite Weniger und die Aufrechterhaltung des Status Quo. Es bedeutet aber auch, dass wir es mit einer neuen Form der Wirtschaftskrise zu tun haben.

Aber von vorne, was geschieht gerade? Fabriken stehen still, globale Lieferketten sind unterbrochen, Geschäfte und Restaurants sind zu. Es wird weniger Lohnarbeit erbracht, Umsätze und Profite brechen ein und in Folge auch das Bruttoinlandsprodukt. Viele Menschen verlieren ihr Einkommen, können weniger Geld ausgeben, erleben Armut und Not. Und weil Unternehmen und Banken erwarten, dass die Krise länger anhält, gibt es auch keine neuen Investitionen.

Die Schwäche des neoliberalen Kapitalismus

Dass eine Pandemie schwere wirtschaftliche Folgen hat, ist klar. Doch die Folgen, die wir jetzt sehen, sind spezifisch für den neoliberalen Kapitalismus, in dem wir leben.

Erstens trifft die Pandemie auf eine Weltwirtschaft, in der sich schon seit 2019 ein Abschwung abzeichnete. Die Profitraten waren bereits vor Corona niedrig, die Schulden der Unternehmen hoch, die Reserven ausgedünnt und die bezahlten Arbeitsstunden nahmen weltweit ab. Viele europäische Staaten sind durch die Kürzungspolitik nach der Eurokrise finanziell und infrastrukturell schlecht aufgestellt.

Welthandel und Finanzmärkte machen alles nur schlimmer

Zweitens ist das neoliberale Welthandelssystem nicht nur ungerecht und klimaschädlich, sondern macht uns auch besonders verwundbar. Wenige Konzerne kontrollieren heute die Produktion wichtiger Güter und haben diese in Weltregionen verlagert, in denen sie besonders große Profite machen können. Die aktuellen Engpässe bei Beatmungsgeräten und Medikamenten sind die Folge davon, dass Unternehmen entscheiden dürfen, was und wo sie produzieren, als wäre das eine private Angelegenheit.

Drittens droht nun eine neue Finanzkrise die Lage weiter zu verschlimmern. Denn die globalen Finanzmärkte sind instabil und riesig aufgebläht. Die Preise von Aktien, Anleihen und Immobilien sind zuletzt extrem gestiegen. Grund dafür ist auch das billige Geld, das die Zentralbanken nach der letzten Krise in die Märkte gepumpt haben und das zur Spekulation genutzt wird. Viele Banken sind nach wie vor instabil und der unregulierte Handel mit Finanzprodukten außerhalb der Börsen ist größer als je zuvor.

Was als wichtig, was als verzichtbar gilt

Viertens erleben wir nun die schlimmen Folgen der Kürzungspolitik und der schlechten Absicherung von Sorge-, Fürsorge- und Vorsorgearbeit in unserer Gesellschaft. Die Arbeit von Pfleger*innen und Ärzt*innen, Bäuer*innen und Landarbeiter*innen oder Reinigungspersonal war schon bisher zu gering entlohnt und zu stark belastet. Nun drohen diese so wichtigen Sektoren unter dem Druck der Pandemie zusammenzubrechen.

Fünftens führt uns die herrschende Politik gerade vor, was in unserer Gesellschaft als notwendig gilt – und was als verzichtbar. Denn die Devise lautet: Sofern möglich, muss derzeit alle Lohnarbeit weitergehen, nicht nur jene in lebenswichtigen Sektoren – trotz Ansteckungsrisiko. Worauf wir verzichten müssen, sind unsere Freund*innen und Familien, Kultur und Abhängen im Park.

Wie tief die Wirtschaftskrise wird

Wahrscheinlich wird die Corona-Krise zur schlimmsten Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte. Wie tief sie genau wird, hängt vor allem davon ab, wie lange die derzeitigen Maßnahmen in Kraft bleiben.

Kehrt in ein bis zwei Monaten alles zur vorigen Normalität zurück, können – dank staatlicher Hilfen – wohl viele Unternehmen dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Die Krise wäre dennoch tief. Arbeitslosigkeit, Armut und Staatsschulden würden steigen, zahlreiche Kleinunternehmen pleite gehen und viele Jobs wären nachher weniger sicher als vorher. Wahrscheinlich würden einige Sektoren, etwa der Tourismus, an Bedeutung verlieren, während beispielsweise Internetkonzerne ihre dominante Position ausbauen könnten. Aber im Großen und Ganzen gelänge es den Regierenden, das System zu stabilisieren und die aus ihrer Sicht wichtigen Unternehmen sowie die Vermögen der Reichen zu retten.

Trotz schlimmer sozialer Folgen würde sich wohl an der Art, wie unsere Wirtschaft funktioniert, wenig ändern. Wer darüber entscheidet, was wir produzieren und wie wir arbeiten, wer Geld und Macht hat, wie wir miteinander und mit dem Planeten umgehen – all das könnte aufrechterhalten werden. Kapitalismus bliebe Kapitalismus, vielleicht könnte sich sogar seine neoliberale Ausprägung retten.

Aus der Krise wird Neues entstehen

Es zeichnet sich auch ab, dass autoritäre Tendenzen weiter zunehmen. Die Gefahr besteht, dass es zwar zur – von sozialen Bewegungen lange geforderten – teilweisen Deglobalisierung kommt, dass diese jedoch nationalistisch gewendet wird. Genauso möglich ist aber, dass sich in einigen Ländern oder Bereichen progressive Forderungen durchsetzen. Dazu könnten etwa der Ausbau des öffentlichen Gesundheitssystems, die gerechte Entlohnung von Sorgearbeit oder eine nachhaltigere Organisation der Landwirtschaft gehören.

Dauern die Einschränkungen des Wirtschaftslebens jedoch länger, sind die Folgen noch schwerer vorherzusehen. Dann stellen sich zunehmend Fragen wie: Welche Branchen wird es noch geben und wem gehören die verbliebenen Betriebe? Wie verändert sich die Rolle des Staates? Wer entscheidet, wie gearbeitet und was produziert wird?

Aus dieser Krise wird Neues entstehen, ob gut oder schlecht. Das ist zugleich beängstigend und ermutigend.

Die Zukunft ist offen – offener als seit Jahrzehnten. Und der Kampf darum, was nach der Pandemie kommt, hat schon begonnen. Denn es sind soziale Kämpfe, die darüber entscheiden, welche Veränderungen aus Krisen hervorgehen. Viele dieser Kämpfe werden das fortsetzen, was soziale Bewegungen seit Jahren und Jahrzehnten tun, andere werden völlig neu sein. Klar ist: Konventionelle Lösungen haben ausgedient. Es ist die Zeit für radikale Veränderung.

Worum wir jetzt kämpfen müssen

Eine entscheidende Frage wird sein, wer die Kosten der Corona-Krise trägt. Dass die Regierenden derzeit ihre neoliberalen Parolen fallen lassen, darf uns nicht täuschen – das taten sie auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/9. Wir können sicher sein, dass viele politische Kräfte versuchen werden, die Krisenkosten über Kürzungspakete und verschärfte Ausbeutung auf die breite Mehrheit abzuwälzen. Das dürfen wir nicht zulassen. Die Reichen müssen zahlen.

Eine zentrale Frage wird auch, welche Betriebe wieder eröffnen können – und unter welchen Bedingungen. Die US-Regierung rettet mit ihrem Hilfspaket Fluglinien und Fracking-Konzerne quasi bedingungslos mit. Dabei sind es genau diese Branchen, die zur Bewältigung der Klimakrise abgewickelt oder radikal verkleinert werden müssen. Darum müssen wir kämpfen.

Wir sollten auch darum kämpfen, dass jene unterbewertete Arbeit, die uns jetzt am Leben hält, endlich anständig bezahlt und anerkannt wird. Wir wollen aus Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit nicht mit noch mehr Ausbeutung und Stress herauskommen. Stattdessen setzen wir auf Arbeitszeitverkürzung und eine gerechtere Verteilung aller Arbeit. Damit aus der Krise tatsächlich etwas Besseres entstehen kann, müssen wir außerdem Strukturen für eine demokratischere, gerechtere Wirtschaft aufbauen und durchsetzen. Dazu gilt es jene Abkommen, Verträge, Gesetze und Tabus zu brechen, die den Status Quo festschreiben.

Wir erleben einen Moment, an dem sich die Auseinandersetzung um die Zukunft zuspitzt. Fassen wir gemeinsam den Mut, der Gefahr und der Krise ins Auge zu sehen, denn wir haben eine bessere Welt zu gewinnen.

 

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