Die Linke hat am Samstag in Wien jenen einen Ort auf der Straße geboten, die nicht tatenlos zuschauen wollen, wie eine rechte Corona-Demo die Innenstadt übernimmt. Es ist ein erster bunter Erfolg, schreibt Hannah Eberle.

Die antifaschistische radikale Linke hat am Samstag etwas bewiesen. Sie kann mehr, als mit ein paar hundert Leuten durch die Straße zu ziehen und auf die Verbrechen des Kapitalismus und der Rechten hinzuweisen. Sie hat das Bedürfnis all jener gebündelt, die ihre Wut und Fassungslosigkeit über die Aufmärsche der Nazis und Nippies (Nazi-Hippies), wie sie Stefanie Sargnagel zur Auftaktkundgebung am Stephansplatz nannte, auf die Straße tragen wollten.

„Wer gibt euch das Recht, mit eurer Ungeimpftheit meine körperliche Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen“, stand auf dem Schild einer Demonstrantin. Sie sah nicht so aus, als würde sie sonst auf klassischen Antifa-Demos mitlaufen. 1.500 Leute waren auf der Demo, schätzt der ORF. Zahlenmäßig bleiben die solidarischen und linken Antworten auf der Straße den rechten Horden unterlegen. Dennoch war Samstag ein kleiner, bunter und gemeinsamer Erfolg, an den sich anknüpfen ließe. Wir können noch viel mehr werden.

Das Konzept durcheinandergebracht

Was am Samstag gelungen ist, ist auch durch ein Eingeständnis zu erklären. Das Ziel war nicht, im Schatten der rechten Corona-Leugner*innen eine andere Pandemie-Politik zu fordern. Was die Linke in ganz Europa in den vergangenen Jahren nicht geschafft hat, kann angesichts der gegebenen Umstände kurzfristig nicht nachgeholt werden. Stattdessen war das Ziel, all jenen einen Ort zu bieten, die nicht tatenlos dabei zuschauen wollten, wie Rechte die Innenstadt übernehmen. Mit einer offeneren und breiteren Mobilisierung (auch als zuletzt), ist das gelungen. Mit ihrer Demonstration hat die Linke das Konzept von Schwurbler*innen, Identitären und Bullen erfreulich durcheinander gebracht. Sie hat das erreicht, nicht indem sie die radikalste Aktionsform gewählt hat, sondern weil wir viele waren.

Das heißt natürlich nicht, dass wir aufhören sollten eine solidarische Pandemiebewältigung zu erstreiten. Aber ob die Linke in Sachen Impfpflicht etwas gewinnen kann? Obwohl eine Impflicht wohl der einzige Weg aus der Pandemie ist, bleibt unbestritten, dass der Staat sich gegebenenfalls autoritär Zugang zu Körpern verschafft. Wir wissen: Staatliche Repression ist immer gefährlich. Also müssen wir fragen, wo wir etwas gewinnen können, auch wenn es unrealistisch scheint.

Wir wissen, dass ein Ende nur mit der Impfung kommt und so drängt die Frage der Patente, das Beharren der EU und ihrer Mitgliedsstaaten, mit dem Impfstoff Geld machen zu wollen, anstatt das Virus und seine Mutationen in den Griff zu bekommen. Warum also kein gemeinsamer Ausflug nach Brüssel, um das zu skandalisieren?

Bunte Reden gegen rechte Corona-Demo

Doch zurück nach Wien. Die Linke hat am Samstag nicht nur ein Angebot gemacht. Sie war überzeugend: Sie hat die Wut über österreichische Verhältnisse konkret und aus dem Herzen gesprochen laut gemacht. Sie hat keine Welterklärungen verfasst. Da war die Rede des Kollektivs, das die Demo anlässlich des „Transgender Day of Rememberance“ vor zwei Wochen organisiert hatte. Weil aber am selben Tag die Rechten durch die Straßen zogen, musste sie abgesagt werden. Die Sicherheit der Teilnehmer*innen hätte nicht garantiert werden können.

Da der Kurier des Rider-Collectivs, der seiner Wut Ausdruck verlieh, dass in all dem Sicherheits- und Maßnahmengelaber der Regierenden er und seine Kolleg*innen ein Jahr um Masken und Desinfektionsspray kämpfen mussten. Und das, obwohl sie es sind, die in Zeiten von Home Office und Ausgangsbeschränkungen noch mehr arbeiten müssen. Die 13-jährige Klimaaktivistin vom Jugendrat, die in nicht einmal zwei Minuten so überzeugend erklären konnte, warum sie von der Regierung nichts mehr erwartet. Egal, ob es um Corona- oder Klimakrise geht. Anders als in der ewig gleichen besserwisserischen linken Attitüde, glaube ich ihr sofort, dass sie das in die Hand nehmen wird.

Mit Mut und offenem Visier

Die Linke hat am Samstag verständlich für viele ausgesprochen, dass die Verantwortung nicht nur für die Corona-Toten, sondern auch für die Klimakrise, die Prekarität und das Grenzregime bei diesem Staat liegt. Die Linke hat aber auch gezeigt: Sie kann zusammenstehen und es der Regierung und der vermeintlichen Mehrheit Österreichs ungemütlich machen. Dass die Ausgangsbedingungen dabei scheiße sind, ist nichts Neues. Ich lebe jetzt (wieder) seit zwei Jahren in Wien, und die Zersplitterung und der Dogmatismus mancher politischer Gruppen sind mir nach wie vor ein Rätsel. Ich will nicht behaupten, zu wissen wie es anders geht, ich lebe auch nicht lange genug in Wien, um das sagen zu können.

Aber was ich verstehe: Österreich hat mit Sachsen mehr gemeinsam als mit Berlin. Als ich 2018 und 2019 in Sachsen Politik mit Genoss*innen von vor Ort gemacht habe, war der Konsens einfach: immer davon ausgehen, dass es überall kritische Menschen gibt, die keinen Bock auf den rassistischen Normalzustand haben, die sich einbringen und Ideen haben. Die Linke kann dann Erfolg haben, wenn sie sich nicht (nur) über ausgeklügelte Demorouten oder clandestines Auftreten den Kopf zerbricht. Kämpfe gewinnen wir mit offenem Visier, mit dem Versuch politisch und nicht taktisch zu gewinnen. Die antifaschistische Linke hat am Samstag gezeigt, dass sie auch so denken kann. Lasst uns daran 2022 anknüpfen und Verbindungen untereinander herstellen, wie es vom Lauti beim Abschluss schallte. Siamo Tutti Antifascisti.

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