Was hinter dem Bitcoin-Fieber steckt

Marc van der Chijs

Reich über Nacht? Ja bitte! Das ist das Versprechen mit dem das Phänomen Bitcoin in den letzten Monaten die Massen in den Bann schlug. Doch wie ist die Funktionsweise von Bitcoin und ist sie ein Grund, Angst davor zu haben?

Ursprünglich – 2009 – war die Idee von Bitcoin, eine dezentral verwaltete, globale Privatwährung für das Internet zu schaffen. Mit beeindruckenden technischen Einfällen wurde ein System gebastelt, in der Freiwillige die Rolle von Banken und Kartenfirmen übernehmen. Die Freiwilligen verbuchen Überweisungen in dieser Währung unter den NutzerInnen.

Eine Software, die einen fixen Bestand – insgesamt 21 Millionen Einheiten – an digitalen „Münzen“ Schritt für Schritt als Lohn für diese Tätigkeit ausgibt, sollte die Freiwilligen mit Marktmechanismen orchestrieren. Alle Aktivitäten werden in einem großen Buch festgehalten, der Blockchain. Alle Kontostände werden dort notiert und laufend aktualisiert, aber niemand weiß, wer die Konten hält. Denn NutzerInnen verwenden Bitcoin unter Pseudonym.

Von der Revolution zur Spekulation

Nach einiger Zeit bildeten sich private Plattformen, auf denen Begeisterte echtes Geld für Bitcoin bezahlten. Diese Plattformen veröffentlichten bald so etwas wie Börsenkurse für Bitcoin. Je höher diese Kurse, desto interessanter wird es für neue MitspielerInnen, in dem mittlerweile hochprofessionellen Markt mitzumachen. Alle zehn Minuten findet eine Ausschreibung zur Verbuchung aktueller Zahlungsaufträge statt.

Wer hier mitmachen will, muss Strom- und Computeraufwand einsetzen, um als schnellster ein Rätsel zu lösen, das als Hürde bereitsteht, um zu verhindern, dass einer beim Verbuchen schummelt. Je mehr bei diesem Wettbewerb mitmachen, desto höher wird der IT- und Energieaufwand im Gesamtsystem. Je höher der Bitcoin-Kurs, desto größer der Anreiz das zu tun. Mittlerweile verbraucht Bitcoin 0,13% des weltweiten Strombedarfs – das ist mehr als etwa ganz Irland verbraucht.

Auch ein paar Unternehmen versuchen technikbegeisterte KundInnen mit der Möglichkeit zu locken, in Bitcoin zu zahlen. Doch in der Praxis ist das wenig interessant und wird nur selten gemacht. Nach fast zehn Jahren ist das Projekt als Kampfansage an etablierte Währungen nicht wesentlich vom Fleck gekommen.

Wettbewerb ins Leere

Der Grund? Erst mal ist es für Menschen mühsam, auf eine neue Währung zu wechseln. Solange die eigene nicht allzu schlecht funktioniert, siegt die Gewohnheit. Zweitens ist die zentrale Anforderung an eine Währung, dass sie halbwegs stabil ist und das wirtschaftliche Geschehen zumindest nicht behindert. Doch genau da hapert es bei Bitcoin.

Mit der Begrenzung auf eine fixe Menge von 21 Millionen (die Stück für Stück in die Welt gesetzt wird), wird eine solche Stabilität und eine angemessene Versorgung nie und nimmer erreicht werden. Deshalb sehen wir auf privaten Tauschplattformen zum Teil wild zirkulierende Bitcoin-Kurse.

Das Angebot ist begrenzt, und die Nachfrage schwankt. Ergebnis: der Wert schwankt, und das wird auch so bleiben, egal welche Höhen der Kurs noch erreicht. Wenn ich Bitcoin habe, wäre ich schön blöd, beim Einkaufen damit zu bezahlen, sofern ich auch mit Euro zahlen kann. Vielleicht verpasse ich dann ja einen gewaltigen Kursanstieg am nächsten Tag.

Der anarchokapitalistische Wunsch, den Staat durch eine offene Gemeinschaft zu ersetzen, die sich über Wettbewerb organisiert, befeuert das Projekt von Bitcoin als einer Privatwährung. Aber die Stabilität einer Währung ist nun mal eine Kollektivangelegenheit, die einer kollektiven Regelung bedarf.

Das ist in Bitcoin nicht möglich. Es gibt keine zentrale Instanz und kein demokratisches Organ, mithilfe derer die Bitcoin-Gemeinschaft zu kollektiv verbindlichen Lösungen kommen könnte, um auf wechselnde Umstände zu reagieren.

Das trügerisches Sicherheitsversprechen von Bitcoin

Findige Geschäftsleute, die Bitcoin verkaufen und bewerben, bedienen die in unsicheren Zeiten erhöhte Angst der Vermögenden vor Verlusten durch Suggestion einer vagen Form von Sicherheit. Das Versprechen von Bitcoin ist, dass die Gesamtmenge begrenzt ist und Transaktionen nicht einseitig rückabgewickelt werden können.

Diesen mäßig relevanten Sicherheiten stehen aber extreme Unsicherheiten gegenüber: Ob der Euro-Marktwert meiner Bitcoin-Bestände morgen im Millionenbereich oder bei Null liegt, kann heute niemand sagen. Und ohne professionelle IT-Kenntnisse und -Investitionen ist es heute praktisch unmöglich, Bitcoin einigermaßen diebstahlsicher aufzubewahren.

So ungeeignet die Mengenbegrenzung für die Verbreitung von Bitcoin als Währung ist, so fantastisch funktioniert sie zur Animation von Spekulationsgelüsten. Wie auf anderen Sammlermärkten (für antike Möbel, Kunstwerke, Überraschungseier etc.) kann die Limitierung der Stückzahl zur Entstehung eines spekulativen Preisauftriebs beitragen, falls das Objekt in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät.

Weil hinter Bitcoin keine verantwortliche Instanz steht, ist es mehr oder weniger wehrloses Objekt aller Arten von Fantasien.

Im Kursgewinn-Fieber

Und weil der Traum vom schnellen Reichtum im Kapitalismus immer alle anderen Geschichten schlägt, steigt der Bitcoin-Kurs immer höher. Wie lang und wohin das geht, kann niemand sagen. Vorerst gewinnen jene, die früh und billig eingestiegen sind, und jetzt teuer verkaufen können.

Auch die schlimmsten Staatshasser lernen plötzlich die Vorteile eines Dollar- oder Euro-Vermögens zu schätzen, das sich beim Verkauf zumindest eines Teils ihres Bitcoin-Bestandes derzeit erzielen lässt, solange genug neue Kundschaft auf den Markt strömt.

Spekulationsfieber kennt verschiedene Eskalationsstufen, nur Extremformen davon sind gesellschaftlich gefährlich. Solange Leute sich nicht verschulden oder ihre wirtschaftliche Existenz aufgeben, um sich dem Fieber hinzugeben (und damit vielleicht andere in wirtschaftliche Bedrängnis stürzen), können alle, die sich dem Fieber verweigern, weiterhin ruhig schlafen – oder sich über wichtigere Dinge Gedanken machen.

Kommentare

Kommentare