Bitcoin: Was an der Kryptowährung neu ist

Foto: Kanchanara

Bibi K. schreibt in einer vierteiligen Serie, was Marx, Keynes und Mises über Bitcoin sagen würden. In Teil I: Was ist das Neue an der Kryptowährung, wie funktioniert sie und was ist von der „verwegenen Anarcho-Sache“ eines dezentralen Zahlungssystems übrig?

Blogs und OkönomInnen erklären aktuell gerne, dass Bitcoin nichts wert sei. Sie vergleichen es dazu mit Buchgeld (FIAT-Geld, Geld auf Konten von Banken). Warum ist dieses Buchgeld in Form von ein paar Zahlen auf dem Konto etwas wert? Für Paul Krugman etwa, weil man Steuern damit bezahlen könne; der Staat habe Buchgeld zum Zahlungsmittel erklärt. Bitcoin ist kein staatliches Versprechen und keine Forderung gegen die Bank. Es könne daher keine Evolution von Geld sein. Ende der Geschichte über den (fehlenden) Wert von Bitcoin.

Bitcoin für Eilige

Man spare sich die schlechten Metaphern (Bitcoin ist wie ein Buch, wie Elektrizität, wie ein Kaninchenbau,…) um die Kryptowährung zu verstehen. Die Bitcoin-Blockchain ist einfach eine riesige Liste an Transaktionen von digitalen Coins. Diese Liste wird laufend unter den „Nodes“ (Computer, die eine bestimmte Software laufen lassen) geteilt und immer neue Bitcoin-Transaktionen daran angehängt, eine nach der anderen.

Möchte ich Bitcoin an jemanden verschicken, sende ich eine Transaktionsanfrage an alle. Die erste Node, die sie an einen neuen Block dranhängt, bekommt einen Block-Reward: einen neuen Bitcoin (er wurde „gemined“, „geschürft“). Erster ist jener Computer, der am schnellsten eine Rechenaufgabe löst, sodass der neue Block mathematisch zum letzten passt. Meist sind das diejenigen Computer, die besonders viel Rechenleistung dafür aufwenden. Dieser Mechanismus zur Schaffung neuer Blöcke nennt sich „Proof of Work“. Ist die neue Transaktion angehängt, wird die Blockchain aktualisiert und unter allen geteilt. All das läuft automatisch, kryptographisch verschlüsselt. Einen Bitcoin gibt es daher nicht ohne die Blockchain. Er hat keinen Ort, weil er nur unselbstständiger Teil einer verteilten Transaktionsliste ist. Anders als das Online-Bankkonto, das zentral auf Servern der Bank liegt.

Blockchain-Transaktion visualisiert, Quelle: coinpedia.org.

Rechtsanspruch und Nutzerfreundlichkeit

Der Algorithmus beschränkt die Menge von Bitcoin, die erzeugt werden können, auf 21 Millionen. Das macht er, indem er es mit der Zeit laufend technisch schwieriger bis nahezu unmöglich macht, einen neuen zu minen. Die Blockchain betreibt niemand. Damit hat auch niemand einen Rechtsanspruch, Bitcoin wirklich übertragen zu bekommen. Das ist das wirklich Neue an dieser Kryptowährung. Typischerweise agieren private NutzerInnen wie du und ich aber nicht direkt auf der Blockchain, sondern haben einen Dienstleister dazwischen. Der bietet mir eine „Wallet“ und ich zahle ihm Gebühren dafür, den Schlüssel (Key) zu meinen Bitcoins zu halten und sie mir auf Wunsch zu tauschen. Das ist dann ein ganz normales Vertragsverhältnis mit dem Dienstleister. Es macht Bitcoins benutzerfreundlich.

Das zwiespältige Verhältnis zu Staat und Finanzmarkt

Bitcoin und andere Crypto-Assets haben einen Nimbus als verwegene Anarcho-Sache. Die Idee eines dezentralen Systems für Zahlungen war eine Antwort auf die Finanzkrise 2008. Banken und Finanzintermediäre zu umgehen bekam Sex-Appeal, obgleich Bitcoin nie ein dezidiert politisches Projekt war. Es begann als Spielerei einer Szene. Ein paar Jahre später ist es eine milliardenschwere Industrie.

Längst wittern Banken und neue Finanzplattformen ein Geschäft. Es entwickeln sich Krypto-Tauschplattformen, Wallet-Anbieter und Trading-Apps; Facebook will ein eigenes Krypto-Zahlungssystem etablieren; riesige börsegehandelte Fonds entstehen, die in Cryptos investieren. Sie alle leben von den Gebühren der UserInnen – in sehr realem Geld. Bitcoin mag technisch funktional ein dezentrales System sein. Der Kapitalismus hat es längst wirtschaftlich zentralisiert.

Selbst Zentralbanken überlegen aktuell laut digitales Zentralbankgeld auszugeben. In der Regel reagieren die Preise auf solche Nachrichten gut gelaunt: Die Etablierung bei institutionellen MarktteilnehmerInnen ist eine der großen Hoffnungen in der Szene, da dies einen breiteren Gebrauch und höhere Preisstabilität verspricht. Die kritischen Stimmen, die darin Häresie sehen, werden leiser. Auf hindernde regulatorische Eingriffe reagieren Krypto-Preise hingegen sehr negativ.

Bitcoin als Ort der Machtkonzentration

Mittlerweile kontrollieren nur 50 MinerInnen geschätzt die Hälfte der Mining-Kapazität. Sollten sich genügend MinerInnen zusammentun, können sie theoretisch über den Inhalt der Blockchain bestimmen (51-Prozent-Attack). Sie könnten sich dann einen Haufen Bitcoin selbst schicken und damit verschwinden. Bei „kleineren“ Coins ist das tatsächlich schon passiert, aufsehenerregendes Beispiel waren die 51-Prozent-Attacken auf Bitcoin Gold, bei denen Werte von mehr als 18 Millionen US-Dollar umgeschrieben wurden.

Der Marktwert des Urtyps Bitcoin wird derzeit auf über eine Billion US-Dollar geschätzt. Im Besitz verbreitert sich die Währung stetig, gilt aber dennoch als konzentriert in der Hand von Wenigen: Die Top 10 000 BesitzerInnen kontrollieren ein Drittel aller Bitcoin. Sind all diese Summen Luft, oder sind das Werte?

Fassen wir zusammen:

Das Neue an Bitcoin ist, dass es keine zentrale Firma gibt, die es betreibt. Es gibt mittlerweile aber einen Haufen Firmen darum herum. Bitcoin entwickelt sich als eigener Finanzmarkt neben den bekannten staatlichen und privaten Märkten; Es wird damit zu einem neuen Machtort, der ganz und gar nicht unabhängig ist von existierenden Mächtigen. Und auch auf der Blockchain treffen sich MarktteilnehmerInnen, die Coins zu Preisen tauschen, wie überall sonst auch.

In Teil II: Was ist das, das man da tauscht?

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