Bitcoin: Die Kryptowährung in Preis- und Geldkrisen

Grafik: Theresa Schlag

Bibi K. schreibt in einer vierteiligen Serie, was Marx, Keynes und Mises über Bitcoin sagen würden.

Im dritten Teil ging es um die Kernfragen einer möglichen Werttheorie rund um Bitcoin: Darum, ob der Wert aus Arbeit, Nutzen oder Knappheit resultieren könnte, und darum wer ihn erzeugt, Mensch oder Rechner. Im vierten und letzten Teil sehen wir uns an, welche Rolle Bitcoin in Geld- und Preiskrisen haben kann.

Eine besondere Betrachtung verdient nämlich die Zuschreibung von Bitcoin, ein inflationsgeschütztes Gut zu sein. Das würde bedeuten, dass sich der Preis von Bitcoin nicht ändert, nur weil sich die VerbraucherInnenpreise ändern. Das folgt aus der Vorstellung „digitales Gold“ zu sein, die allerdings angesichts der ungleichen Entwicklung von Bitcoin- und Goldpreis schwer haltbar ist. Bitcoin-Preise gelten darüber hinaus auch als wenig korreliert (gleichlaufend) mit den Preisen anderer Finanzinstrumente. Das kann als Inflationsschutz interessant sein.

Implizit unterstellt man Bitcoin damit auf lange Sicht eine Stabilität, die das FIAT-System mit seinen krisengeneigten Banken und dem aufgeblasenen Monetärsystem nicht bieten kann. Daher gefällt Bitcoin auch all jenen, die wieder zurück zu einem fixen Goldstandard wollen. Das Kreditgeld gilt als Übel; ganz nach alter mitteleuropäischer BuchhalterInnen-Manier soll jemand (die Bank, Wirtschaft, der Staat) möglichst nur das ausgeben, was er/sie auch eingenommen hat: Beispielsweise soviel, wie er/sie Bitcoin geschürft hat. Die Menge an Bitcoin ist per Design auf 21 Millionen begrenzt, sie kann nicht weiter ausgeweitet werden. Deshalb liest man oft, Bitcoin sei prinzipiell knapp und „deflationär“, der Wert steige immer.

Bitcoin ist begrenzt – macht es das sicher?

Das ist einerseits irreführend, weil der Begriff Inflation auf einen generellen Anstieg der VerbraucherInnenpreise abzielt, nicht auf eine einzelne Ware. Andererseits beruht es auf der Annahme von Neoklassik und Nationalökonomie, dass Inflation vor allem ein Phänomen der (begrenzten) Menge ist. Dem widerspricht wieder Marx, für den die Werte der zirkulierenden Güter nach einer bestimmten Menge Geld verlangen. Dieser Pfad kann dann verlassen werden, wenn Kreditgeld entsteht, das künftige Güterproduktion antizipieren will. Durch Kreditgeld wird die Geldmenge über die vorhandenen Werte hinaus ausgeweitet. Wenn es dann nicht zu entsprechendem Wachstum von Produktion führt, entsteht Inflation. Das ist genau, was wir die letzten Jahre gesehen haben: Viel neues Geld, wenig neue Produktion, Angst vor Wirtschaftskrise und Deflation. Wann und ob die unkontrollierte Inflation einsetzt, ist eine der heißtesten Diskussionen des Jahres. Und es ist schwer verdaulich, wie so eine fundamentale Frage von ÖkonomInnen nicht beantwortet werden kann.

Bitcoin funktioniert anders als Kredit-Geld…

Es gibt kein prinzipielles Hindernis, über Bitcoin-Kredite eine Art Buchgeld zu schaffen. Bitcoin selbst kann durch den Erzeugungsalgorithmus nicht durch Kredit geschaffen werden, aber komplementäre kreditbasierte „Buch-Bitcoin“ sehr wohl. Je mehr sich Finanzintermediäre in dem Bereich entwickeln, die mit Crypto-Assets ihr Geschäft machen, desto eher könnten diese so etwas anbieten.

Wird weiterhin kein Bitcoin-Buchgeld geschaffen, hat Bitcoin einen entscheidenden Nachteil: Große Konjunkturprogramme, monetäre Eingriffe wie die Anleihenkäufe, die eine weitere Finanzkrise wahrscheinlich verhindert haben, Zinssenkungen- und Erhöhungen zum Ankurbeln und Drosseln von Produktion – das alles ist nicht möglich. Ohne Kreditgeld keine moderne Monetärpolitik. Das kann man gut oder schlecht finden, man muss nur mit einer neuen Unflexibilität rechnen. Nicht umsonst ist man von Goldstandard und fixen Wechselkursen weggegangen: Gerade die (Post-)keynesianistische Wirtschafts- und Monetärpolitik, die beispielsweise vom Groß der Sozialdemokratischen Parteien weltweit unterstützt wird, braucht Instrumente zur Nachfragesteuerung durch den Staat. Gibt es genug Nachfrage, kurbelt das auch das Angebot an, und bringt Wachstum und Beschäftigung.

… und funktioniert daher im kapitalistischen Ernstfall nicht

Bitcoin kann ohne Kreditgeld keine Hypo Alpe Adria und kein Corona abfedern. Dafür braucht es in einer so irrationalen Wirtschaft wie wir sie leben, hin und wieder den Mechanismus, einfach Zahlen auf Bankkonten schreiben zu können, um Vertrauen und Stabilität zu sichern. Wenn ein solcher Mechanismus nicht besteht, kann es leichter zu Liquiditätskrisen kommen. Das bedeutet, dass niemand mehr sein Gegenüber bezahlen kann. Ganze Staaten wären in der Finanzkrise pleite gegangen, hätte man nicht Zahlen in Bücher geschrieben. Das bedeutet, dass sie keine Krankenpfleger, keine Lehrerin, keine Beamtin mehr bezahlen hätten können. Land, Wirtschaft und Beschäftigung kämen in einer Krise schnell zum Erliegen.

Man kann dies nun mit Mises, Hayek und Schumpeter mit Achselzucken und Freude an der schöpferischen Zerstörung sehen. Oder man weiß, dass eine solche Zerstörung stets auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung, der Frauen, der Kranken, der Kinder ausgetragen wird; dass das Existenzen bedroht, nicht (nur) von ein paar BankerInnen, sondern von „realen“ Leuten die um ihr Leben kämpfen. Für den liberalen Keynesianer Krugmann aus unserem youtube-Video ist Bitcoin vor diesem Hintergrund monetärpolitisch ein 300-Jahre-Rückschritt.

Monetärpolitik ist viel Gelderzeugung aus dem Nichts. Sie ist das notwendige Beruhigungssubstrat, Opium des Kapitals, wenn man den Kapitalismus als krisenanfällig begreift, aber immer noch als geringstes Übel unter den Systemen aufrechterhalten will. Keynesianistische ÖkonomInnen, und auch die FED (Federal Reserve, die US-Notenbank) und die EZB (Europäische Zentralbank, die EU-Währungsbehörde), nehmen das so hin. Gruselig finden das vor allem Neoklassik und Nationalökonomie – und Bitcoin-Afficionados selbst: Sie folgen mit der Ablehnung von aktiver Monetärpolitik und staatlicher Intervention ideologisch vor allem der österreichischen Schule der  Nationalökonomie. Auch die EZB steckt Bitcoin in die Schublade von Mises und Hayek.

Kredit und Krise in Krypto

Aber auch abseits der Krise ist Kreditgeld notwendiges Mittel, dass es flutscht. Für Marx entwickelte sich das Kreditwesen notwendigerweise, da es die materielle Entwicklung der Produktivkräfte beschleunigte. Er wird aber auch nicht müde zu betonen, dass der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche des Widerspruchs, der Krisen, gleichsam beschleunigt. Ebenso notwendig und krisenhaft ist Geld für Post-KeynesianerInnen.

Der Algorithmus von Bitcoin sorgt dafür, dass ein Zuwachs an Nachfrage keine zusätzliche Menge bereitstellen kann. Der Markt kann daher den Preis nicht regulieren, er reagiert recht sensibel auf einen Nachfrageanstieg. Das macht ihn für Libertäre unsympathisch. Auch Autor und „Telekommunist“ Dmytri Kleiner urteilt vernichtend: Bitcoin hätte nichts besser gemacht, hätte katastrophale Umwelteffekte und sein Versprechen nicht eingelöst, Machtapparate zu beschränken. Es sei desaströs gescheitert. Kleiner schlägt daher eine Kryptowährung vor, deren Menge elastisch auf Angebot und Nachfrage reagiert, sodass der Preis stabiler bleibt. Eine „rationale“ Crypto-Currency, mit einer besseren Umsetzung der (klassischen) Arbeitswertlehre in Form einer stabilen work:coin ratio.  

Kleiner schreibt das bereits vor drei Jahren, 2018. Bitcoin ist zwar immer noch die dominierende Crypto-Currency, aber sein Marktanteil ist Ende 2021 rapide von 70 Prozent auf 45 Prozent gefallen. Kleiner und Krugman hätten mittlerweile mindestens 15.000 Bitcoin-Konkurrenten mit potentiell besseren Eigenschaften: Gold-gebundene (Digix Gold), Dollar-gebundene (USDT) und kompliziertere Stable-Coins (DAO); schnellere und energiesparendere (Ripple); Coins mit breiten ökonomischen Anwendungsfällen (Ether); Coins mit eingebauter „Monetärpolitik“ (Ampleforth). Für den erhöhten subjektiven Nutzen können die österreichischen NationalökonomInnen sogar Crypto-Assets mit süßem Hundebildchen handeln (der Coin heißt Baby Shiba und trendet gerade). Die Welt hatte noch für jedes Bedürfnis einen passenden Preis.

Fassen wir noch ein letztes Mal zusammen:

Kredit ist die einzige Art, wie eine kapitalistische Wirtschaft wachsen kann. Gleichzeitig ist er Grund für Krisen. Mit diesem Widerspruch muss mensch sich nicht abfinden. Aber eine Veränderung liegt nicht in der Schaffung eines „besseren“ Zahlungsmittels, wenn die darunter liegenden Produktions- und Zirkulationsverhältnisse unberührt gelassen werden. Bitcoin ist schon funktional kein Zahlungsmittel, sondern eine Ware mit Wert. Viel mehr Zauber ist nicht daran. Zu betonen, dass Bitcoin null Wert hat und deswegen eine irrationale Sache wäre, moralisiert die Vorstellung von Wert und führt zu keinem tieferen Verständnis davon, wie Wert in einer Wirtschaft entsteht. Wenn wir Bitcoin für eine gesellschaftlich unerwünschte Ware halten, vor allem wegen seines massiven Umwelt-Impacts, sind politische Maßnahmen zu treffen. 

Endlich Ende.

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