4 Tipps für den Aufbau von schlagkräftigen Bewegungen

Foto: System Change not Climate Change

Nur zwei Jahre sind Aktivist:innen durchschnittlich bei politischen Gruppen aktiv. Laura Grossmann vom Verein Humus überlegt, wie wir das ändern können und was Wissensweitergabe damit zu tun hat.

Bei einem politischen Treffen kommt die Frage auf, wer die nächste Presseaussendung schreiben kann oder wer eine Meinung zu einer neuen Aktionsform äußern möchte. Oft landet beides bei erfahrenen Aktivist:innen. Logisch, schließlich haben sie einen Fähigkeiten- und Wissensvorsprung. Das Problem? Die geballte Verantwortung und Entscheidungsmacht führen nicht nur zur Überlastung der betroffenen Personen, sondern auch zu einer Machtkonzentration. Die ist in emanzipatorischen Bewegungen weder gewollt noch sinnvoll. Kein Wunder, dass die durchschnittliche Verweildauer von ehrenamtlichen Aktivist:innen in einer Gruppe zwei Jahre beträgt. Ein bewusster, transparenter Umgang mit Wissens- (und anderen) Hierarchien ist ein wichtiger Puzzlestein zur Lösung solcher Probleme.

1. „Each one teach one“: Jede:r lehrt eine:n.

Ein afrikanisches Sprichwort, das sich Sklav:innen in den USA zu Herzen nahmen. Da ihnen institutionelle Bildung verwehrt wurde, mussten sie das Leben abseits staatlicher Strukturen organisieren und einander so viel Wissen vermitteln, wie möglich.

Die Haltung, dass jede erfahrene Person einer „frischen“ etwas beibringen, sie unterstützen und fördern sollte, ist in schnelllebigen, ehrenamtlichen Gruppen besonders wichtig. Denn für statische Wissensweitergabe fehlt oft die Zeit. In der Praxis kann diese Haltung durch Arbeiten mit Buddies oder in Tandems umgesetzt werden, wobei jeweils eine erfahrene und eine „frische“ Person gemeinsam eine Aufgabe übernehmen.

Nebenbei bemerkt: Die „Frischen“ sind zwar oft junge, motivierte Menschen. Aber nicht nur. Auch ältere Menschen mit jahrelanger Arbeitserfahrung in hierarchischen – egal ob for-profit oder non-profit – Organisationen haben bei ihrem Eintreten in basisdemokratisch-orientierten sozialen Bewegungen keinen großen Vorsprung. Die schnelllebige Dynamik und die viele Eigenverantwortung erfordern oft Zeit und Nerven. Weder in der Schule, noch in den meisten Arbeitsumfeldern lernen wir die nötigen Softskills für selbstorganisiertes Arbeiten. Daher müssen wir uns selbst darum kümmern.

2. Wissensweitergabe durch Arbeitsteilung 

Eine Art Arbeitsteilung innerhalb unserer Bewegungen und das Nutzen bestehender Strukturen kann uns als Bewegung stärken. Wir müssen das Rad nicht ständig neu erfinden. Das gilt vor allem für Tätigkeiten, die eine gewisse Spezialisierung benötigen.

In Wien können sich Einzelpersonen oder Gruppen zum Beispiel rechtlich beraten lassen, medizinische Erstversorgung auf Demos und Aktionen anfordern, Aktionstrainings buchen, sich eine Website auf einem lokalen Server hosten lassen, Moderation von Treffen anfragen, Artikel publizieren oder Gerichtsprozesse kritisch beobachten lassen.

3. Der externe Blick – Hilfe von außen

Wenn ein Netzwerk nach der ersten Euphorie nicht weiß, wie es weiterarbeiten soll, kann es sich Beratung von außen holen. Diese Beratung unterstützt die Gruppe dabei, ihre strategischen Ziele festzulegen, Aktionsideen zu brainstormen und die Schwierigkeiten zu überwinden, die ehrenamtliche Kontexte immer wieder mit sich bringen.

Durch Beratung oder Begleitung können wir uns gegenseitig das Geschenk des sogenannten externen Blicks machen. Der externe Blick ist emotional distanzierter, wodurch man fokussierter an einem Thema arbeiten kann. Die Ergebnisse und Prozesse der Moderation von schwierigen Treffen, Mediation bei Konflikten oder Beratung bei einer gewissen Tätigkeit sind qualitativer und angenehmer, wenn die Verantwortung an eine außenstehende Person abgegeben wird. 

4. Man weiß nicht, was man nicht weiß: Institutionalisierte Wissensweitergabe

Die letzten 1,5 Corona-Jahre waren in einigen Bewegungen „Skill-Share-Jahre“. Viele Organisation gaben ihr gesammeltes Wissen per Webinar weiter. Interne Aus- und Weiterbildungsprogramme, in denen Organisationen ihren eigenen Nachwuchs ausbilden, waren auch schon vor Corona gang und gäbe. 

Zunehmend gibt es auch Gruppen mit dem Hauptzweck, bewegungsübergreifend Wissen weiterzugeben und andere Organisationen zu stärken. Im Bereich der Skills und Methoden gibt es in Österreich beispielsweise das Bureau für Selbstorganisierung und unseren Verein Humus – Nährboden für Veränderung, unter anderem mit der Veranstaltungsreihe „Tipping Points“. Bei Tipping Points kommen Aktivist:innen aus verschiedenen Themenbereichen zusammen und können aus einer Vielzahl methodischer Workshops wählen – zum Beispiel zwischen Aktionstrainings zu zivilem Ungehorsam, Reflexionen zu Allianzen oder Einführungen in Instagram-Aktivismus. Dadurch werden die Teilnehmer:innen mit Themen konfrontiert, die sie zuvor vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatten. Von 12.-14. November findet das sechste Tipping Points-Wochenende in Linz statt. 

Tipping Points Workshop-Kalender

Und wer nicht zu den Workshops kommen kann, kann sich wertvolle Tipps zur Organisierung auch durch Lesen, Hören und Schauen aneignen. Zum Beispiel hier, hier, hier oder hier.

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