Bagger stehen still: Baustellen-Blockade bei der Stadtautobahn

Foto: System Change Not Climate Change

Seit einer Woche haben Klimaaktivist*innen ihre Zelte auf der Baustelle für die neue Stadtautobahn und den Lobautunnel aufgeschlagen und blockieren so die Bauarbeiten. Die Aktivistin Agnes (Name geändert) berichtet, was sich bisher auf der Baustellen-Blockade tut, welche Ziele sich die Blockierenden gesetzt haben und was es zur Unterstützung des Protestcamps braucht.

Mosaik: Warum nimmst du an den Protesten gegen den Lobautunnel teil?

Agnes: Ich nehme an den Protesten teil, weil die Ausbeutung und Zerstörung unserer ökologischen Grundlagen unser Leben bereits massiv verändert hat. Die Corona-Krise ist nur eine von vielen Auswirkungen. Ich möchte meiner Tochter keine Welt der Pandemien, Waldbrände, der Überschwemmungen, der Naturkatastrophen, des Arten- und Waldsterbens hinterlassen. Ich wünschte, politische Entscheidungsträger*innen würden dem Klimawandel genauso entschlossen entgegentreten, wie die Besetzer*innen vor Ort. 

Haben jene politischen Entscheidungsträger*innen denn schon versucht, sich mit eurem Protest auseinanderzusetzen?

Im Gegenteil, wir sind diejenigen, die alles versucht haben: Klimastreiks, Schulstreiks, Demonstrationen, Aktionswochen am Ballhausplatz im Regen, Wortmeldung auf Klimakonferenzen, Warnungen von Klimaexpert*innen. Politische Entscheidungsträger*innen sind vollkommen immun gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, Massenproteste von Kindern (!) oder Warnungen vom Weltklimarat! Sie ignorieren jegliche Vernunft, und versuchen Profite großer Unternehmen um jeden Preis sichern, anstatt endlich an einem nachhaltigen Umbau der Gesellschaft zu arbeiten. Stattdessen packt die SPÖ jahrzehntealte Betonparadigmen der Stadtplanung aus, mit dem sie noch mehr Bodenflächen versiegeln will, die den Klimawandel weiter anheizen. 

Blockaden über einen längeren Zeitraum sind keine häufig gewählte Aktionsform in Österreich. Wie habt ihr euch dazu entschlossen?

Ich bin als einfache Aktivistin bei Camp und der Blockade dabei, deswegen war ich nicht an dieser Entscheidung beteiligt und kann die Frage nicht beantworten. Ich habe über LINKS von dem Lobaucamp erfahren und wurde auch über LINKS dorthin mobilisiert. Davor habe ich an Aktionstrainings teilgenommen in dem Wissen, dass es eine Aktion geben wird, aber ohne genaue Informationen welche und wo genau. 

Hattest du keine Angst vor der Repression bei der Baustellen-Blockade?

Doch, ich hatte sogar große Angst. Aber ich habe noch viel größere Angst, dass meine dreijährige Tochter vor einem Leben voller Klimakatastrophen steht. Krisen bestimmen schon heute das Leben der jungen Generation: Pandemie, Gesundheitskrise, Wirtschaftskrise und Finanzkrise.

Zudem folgt auf die Angst ein Gefühl von Macht als einfacher Mensch, riesige Bagger zu stoppen, auf sie zu klettern und sie mit einem Transpi „Wer Straßen baut, erntet Widerstand” zu versehen. Wir einfachen Leute können die Welt verändern – wir müssen es nur tun.

Foto: System Change not Climate Change
Foto: System Change not Climate Change

Wie geht ihr mit Widrigkeiten vor Ort um und versucht die Motivation aufrecht zu halten?

Nachts wird es oft ziemlich kalt, Kuscheln und Körperwärme hilft dagegen. Zwei Schlafsäcke tun es zur Not aber auch. Aktuell bauen wir bei der Blockade Infrastruktur, um sie noch länger halten zu können. Eine Kochstelle, Klos, ein Eingangsbereich. Viele Anrainer*innen zeigen sich sehr solidarisch und unterstützen mit Lebensmittelspenden, Wasser, Strom, Zugang zu Hygieneräumen. Und sie erzählen uns von ihrem Autofrust.

Außerdem kümmern sich Aktivist*innen um ein Kulturprogramm. Künstler*innen werden angefragt und die coolen sagen zu. Das zieht mehr Leute an. 

Ihr blockiert die Bauarbeiten bereits seit einer Woche erfolgreich. Hast du damit gerechnet?

Ich hatte erwartet, dass wir geräumt werden und gehofft, dass so die öffentliche Aufmerksamkeit stärker auf das Thema gelenkt wird. Polizei und Asfinag wollten aber keine hässlichen Bilder wie damals in Hainburg produzieren und so haben sie entschieden, nicht zu räumen. 

Der Erfolg der Blockade hatte aber eine noch viel größere Reichweite. Wir werden stärker und die Klimabewegung baut sich auf, die Blockade und das Protest-Camp dehnen sich aus. Sie können tun, was sie wollen, uns räumen oder nicht: wir werden stärker. Und wir werden nicht aufgeben, denn unser aller Leben ist vom Klimawandel bedroht.

Für euch ist die Baustellen-Blockade auch symbolisch für den Kampf gegen den Klimawandel. Aber ist der Bau des Lobautunnels oder der Stadtstraße nicht zu unbedeutend für diesen Kampf?

Es geht um nichts weniger als ein Umdenken in der Verkehrspolitik zu erreichen und über neue Konzepte der Mobilität nachzudenken. Hier gelten steinzeitliche Credos, dass man durch den Bau zusätzlicher Straßen Stau eindämmen könnte. Dabei belegen Zahlen aus Studien der TU, dass Straßenbau ein erhöhtes Verkehrsaufkommen bedeuten, mehr CO2.

Gleichzeitig wurde der öffentliche Transport im 22. Bezirk zunehmend ausgedünnt. Die S-Bahn-Station Lobau wurde geschlossen, die Taktung der S-Bahn und der Busse gesenkt. Es braucht genau das Gegenteil: den Ausbau der öffentlichen Transportmittel und eine Gestaltung, dass Öffis attraktiver als das Auto werden, gerade in einem großflächigen Bezirk wie der Donaustadt. Den Bau von Stadtvierteln an einen klimafreundlichen, gesellschaftlichen Umbau anzubinden, das ist unbedingt benötigt, wenn wir die Klimaerwärmung eindämmen wollen.

Werdet ihr die Blockade über das Ende der Sommerferien hinaus halten?

Wie lange wir durchhalten, hängt davon ab, ob die Bewegung wächst und sich Beteiligte gegenseitig ablösen können. Für Personen mit Betreuungspflichten, wie mich, ist das essentiell. Das Campen ist anstrengend, kräftezehrend und die Nächte werden kälter, aber die Menschen wissen auch, dass dies der einzige Weg ist, die Stadtstraße und den Lobautunnel zu verhindern.

Die meisten Linken sehen sich den Kampf gerade von einer sicheren Außenposition an, aus einer Art Abwartehaltung, was nun als Nächstes passieren wird. Man besucht vielleicht kurz das Camp oder besichtigt die Baustelle, aber involviert sich nicht weiter. Diese Haltung kann tödlich für Initiativen wie diese sein. Sie kann nur erfolgreich sein, wenn sich all diese Pessimisten und passiven Zaungäste aktiv einbringen, mitanpacken und ihre Organisationen überzeugen, sich praktisch zu solidarisieren. Nur so kann die öffentliche Stimmung kippen. Es braucht alle: Die großen und die kleinen Organisationen.

Alle, die sich an der Autobahn-Blockade beteiligen wollen, sind in der Hirschstettner Straße im 22. Wiener Gemeindebezirk willkommen.

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