Awareness-Teams: Lichterketten und Tennisbälle statt Polizei

Foto: Sarah Yolanda Koss

In Wiens hitzigen Sommernächten verhindern Awareness-Teams Konflikte an besonders belebten Orten. Wie verläuft so ein Abend am berühmt-berüchtigten Karlsplatz? Eine Reportage von mosaik-Redakteurin Sarah Yolanda Koss – über konsumfreie Utopien, ambivalente Polizei-Verhältnisse und Scottish-Terrier.

Freitags um halb 9 ist es am Wiener Karlsplatz bereits seit einer Stunde dunkel. Um einen Brunnen vor der Kirche haben sich Gruppen von Jugendlichen versammelt, die ersten Runden Flunkyball starten und von unterschiedlichen Enden des Platzes tönt eine Kakophonie aus Techno und Klassikern der 80er und 90er Jahre – einer Zeit, in der es hier noch ganz anders zuging. Die Karlskirche thront hell erleuchtet wie ein Mahnmal gegen das anti-katholischen Laster über allem. Links davor, dank einer violetten Flagge und einigen Lichterketten gut zu erkennen, hat das vierköpfige Awareness-Team vom Kollektiv Awa_Stern seinen Posten eingenommen. Ein Lastenrad, eine Beachflag, heute auch ein Transparent, auf das alle die wollen schreiben können, was ihnen am Karlsplatz fehlt (vorne im Rennen bleibt bis zum Ende des Abends die Forderung nach mehr öffentlichen Toiletten), so ausgerüstet versucht der Verein seit Juli Konflikte im öffentlichen Raum zu deeskalieren – am Karlsplatz, am Yppenplatz, am Donaukanal und am Ring.

Vollgepacktes Lastenrad

Auch dieses Wochenende trifft sich das Karlsplatz-Team wie gehabt am frühen Abend, macht einen kurzen Check-In („Wie geht es allen heute, wer fühlt sich in der Lage, was zu übernehmen“) und belädt das Lastenrad mit allem Notwendigen. Von Hygieneprodukten über FFP2-Masken, Erste-Hilfe-Kasten und Wasser bis zu einem Tennisball zum Kneten bei (drogeninduzierten) Panikattacken. „Besonders gut gehen die Kondome weg“, bemerkt Willi. Das sei aber nicht schlecht – wenn Jugendliche für Kondome oder Knabberzeug vorbeikommen würden, meldeten sie sich auch eher, wenn es ihnen nicht gut ginge.

Willi, Anfang 30, heute in Trainingshosen und mit Glitzerbauchtasche unterwegs, ist Vorstandsmitglied des Kollektivs AwA_Stern. Nach drei Monaten hier kennt das Team den Platz schon ziemlich gut. „Schau, da spazieren wieder die Scottish-Terrier vorbei“, bemerkt Willi, als zwei gepflegte Rassehunde ihre Abendrunde antreten. Ob die hier wohl schon vor einigen Jahren hier herumspaziert wären?

Willi: „Heute haben wir irgendwie ein bisschen ein Chaos auf dem Lastenrad“

Vom Drogenumschlagplatz zur Feiermeile

Seit dem Ende der 80er Jahre war der Karlsplatz vor allem als Drogenumschlagplatz bekannt. Anfang der 2000er griff die Stadt hart durch – durch Umbauten, Verlagerung und Unmengen an Polizeipräsenz sollte der Platz drogenfrei werden. Nachdem die Szene „erfolgreich“ an den Praterstern verlagert worden war, passte der Platz einige Jahre gut zu anderen touristisch-toten Teilen des ersten Bezirks. Dann kam 2020: Eine Black-Lives-Matter-Demo mit 50 000, großteils jugendlichen, Teilnehmenden und einer Schlusskundgebung am Karlsplatz. Femizid-Kundgebungen politisierten den Ort weiter. Als sich dann auch noch das Leben während Covid-19 immer mehr in den öffentlichen Raum verlagerte, war wieder etwas los am Karlsplatz. Für Anrainer*innen eine ungewohnte Entwicklung. Für die Polizei, die besonders viel patrouillierte, eine Überforderung.

Diese wurde Anfang Juni 2021 augenscheinlich, als es zu Ausschreitungen kam, die Polizei Pfefferspray gegen Jugendliche einsetzte und danach ein Platzverbot verhängte. Kein gutes Bild für die Stadt. Plötzlich war das Awareness Kollektiv AwA_Stern gefragt. Der Verein, der davor vor allem in Clubs und auf Festivals aktiv war, hatte der Stadt Wien bereits ein Konzept für Awareness-Arbeit im öffentlichen Raum vorgelegt – schließlich gab es schon seit Jahren eine Lücke im Nachtleben, die ausschließlich von Blaulichtwägen gedeckt wurde.

Aufgaben und Ausbildung der Awareness-Teams

Ein Jahr später dreht das Awareness-Team eine erste Runde am Karlsplatz, grüßt bekannte Gesichter, stellt sich neuen Gruppen vor und verteilt Flyer. Danach bleiben zwei beim Lastenrad, zwei spazieren über den Platz. „Wir bewegen uns immer in Teams, quasi Bezugsgruppen“, erklärt Caro, während von irgendwo ABBA‘s „Gimme!Gimme!Gimme!“ über den Platz dudelt. Caro ist Mitte 20, trägt viele kleine Silberringe im rechten Ohrloch und ist seit diesem Sommer Teil der Awareness-Teams. Nach einigen Jahren im Grafikdesign und Soziologie-Studium führen die Monate am Karlsplatz bei Caro eventuell noch zu einem Jobwechsel in die Jugendsozialarbeit: „Die Teenager scheinen sich bei emotionalen Gesprächen gut bei mir aufgehoben zu fühlen“.

Jugendliche wenden sich vor allem mit Themen wie psychosozialem Druck, Zukunftsängsten und „Benzos“ (Benzodiazepine, Beruhigunggsmittel, Anm. d. Red.) an das Awareness-Team. Sie sprechen heute auch viel mehr über psychische Gesundheit, Selbstfindung und Queerness als früher, ist Caros Eindruck. Um für möglichst viele Menschen niederschwellig ansprechbar zu sein, achtet die AwA_Stern im Einstellungsprozess auf Merkmale wie diverse Gender und Mehrsprachigkeit. Viele von ihnen kommen deswegen nicht aus dem Sozialarbeitsbereich, sondern beispielsweise aus der Nachtgastronomie. Zu Beginn des Sommers haben alle Erste Hilfe- und Awareness-Kurse durchlaufen. Bei manchen Vorfällen, wie Schlägereien, sei es trotzdem Einschätzungssache, wie weit eins eingreifen könne. „Mit meinen nicht einmal 1,60 ist das manchmal schwierig“, meint Caro lachend. Sollten sich die Teams überfordert fühlen, gibt es für Betroffene Infobroschüren zu weiteren Anlaufstellen – und für die Teams Supervision.

Der Karlsplatz-Konflikt: Eine „unnötige Eskalation“

Manchmal kann Awareness-Arbeit auch ganz leicht sein. Zum Beispiel, wenn die 70-Jährige Anrainerin im Gebäude neben der Kirche ihre Ruhe wieder hat, dadurch, dass das Team die Jugendlichen am Platz darum bittet, ihre Musik-Boxen in eine andere Richtung zu drehen. Dass es in ihrer Anwesenheit zu einer zweiten Karlsplatz-Eskalation kommt, bezweifelt Willi. Das Team hätte mittlerweile viele Gespräche über diese Juni-Nacht geführt: „Der Konflikt klingt nach einer ziemlich unnötigen Eskalation, die leicht zu verhindern gewesen wäre“.

Zumindest viele der Feiernden seien ohnehin sehr reflektiert und kümmerten sich gut um sich selbst. Da hätte sich in den letzten Jahren viel getan, meint Caro. In dem Moment schreit ein Jugendlicher im schwarzen Hoodie einem anderen zu: „Jetzt sauf‘ mal was für Männer!“ Caro zuckt die Schultern. Na gut, noch sind nicht alle so reflektiert. Ein Gesprächsunterbrechung in Form eines Einkaufswagens voller Jugendlicher nähert sich. Sie wollen wissen, ob „es noch Snacks gibt“.

AwA_Stern-Beachflag vor der Karlskirche

Wankelmütige Stadtregierung

Im Laufe der Nacht kommen immer wieder Jugendliche zum Lastenrad des Awareness-Teams, erklären wie „cool“ sie die Flagge mit den Lichterketten finden würden, wie „Ehre“ es sei, dass es hier gratis Wasser gebe, wie „toll“ sie die Arbeit des Teams finden. Beinahe wirkt es wie eine inszenierte PR-Aktion. Dabei war lange Zeit unklar, ob die Awareness-Teams nach letztem Jahr überhaupt wiederkommen. Als die Nachtgastro 2021 wieder öffnen durfte, hieß es, die Lage habe sich entspannt, die Awareness-Teams seien nicht mehr nötig. Im Kurier mutmaßte man damals, die Fortführung des Projekts scheitere an den Neos: „Diese seien bestrebt, dass sich das Nachtleben von den konsumfreien Plätzen wieder zu den Gastronomen – eine für die Neos wichtige Klientel – verlagere“.

Ein Jahr später hört sich das ganz anders an. Wien sei „eine Stadt des Miteinanders und wir wollen dieses Miteinander so gestalten, dass alle ihre Abende im öffentlichen Raum genießen können“, begründet Neos-Jugenstadtrat Christoph Wiederkehr die Wiedereinführung der Awareness-Teams 2022. Vermutlich haben einige Bezirke Druck gemacht, nachdem sie letztes Jahr so gutes Feedback bekommen hatten, vermutet Willi. Ihre Arbeit wirft ein gutes Licht auf die Stadt. Mittlerweile gibt es Gespräche mit Jena und Leipzig. Sie wollen ähnliche Projekte ins Leben rufen.

Dein „Freund und Helfer“

Über den Karlsplatz donnert indes ein Streifenwagen. Laut Profil vermittelt die AwA_Stern auch zwischen Feiernden und Polizei, es klingt zum Teil so, als würden sie Aufgaben der Polizei übernehmen. In den Medien wurde der Verein auch schon als „Party-Aufpasser“ betitelt. „Das sind mediale Zuschreibungen. Die entsprechen nicht unserem Selbstbild“, sagt Willi. Die Grundsätze der Awa_Stern würden den Verein eindeutig von der Polizei unterscheiden: „Unser Anspruch an die Gesellschaft ist, dass sich Konflikte durch Kommunikation, ohne eine bewaffnete Einheit lösen lassen. Wir behandeln Themen, die an uns herangetragen werden, vertraulich. Und wir sind parteiisch auf der Seite von Betroffenen“.

Manche Beamten seien bemüht, aber im öffentlichen Raum sei die Polizei häufig ein Stressfaktor, erzählt Willi weiter. Es erzeuge schlicht eine andere Stimmung, wenn an einem Ort, an dem gefeiert wird, Kastenwägen herumstünden. „Da bitten wir sie zum Beispiel, sich nicht mitten an den Platz, sondern an den Rand zu stellen“. Die Awareness-Teams rufen die Polizei dann, wenn Betroffene das explizit fordern. Der Verein beobachtet auch Einsätze und vermittelt Menschen Rechtsberatung, wenn sie dabei diskriminiert werden. Ob es sich als polizei-kritische Person komisch anfühle, so viel mit ihr zu tun zu haben? Nein, so Willi. Es sei einfach an der Zeit, den Sicherheitsbegriff neu zu diskutieren.

Transparent: Was fehlt am Karlsplatz?

Konsumfreie Utopien

Um Mitternacht zieht das Awareness-Team kleine Runden über den Karlsplatz und durch den Resselpark. Ein Junge im gelben Pullover kommt gestresst angelaufen und verschwindet kurz darauf, deutlich entspannter und mit drei Kondomen in der Tasche, wieder. Die Bluetooth-Boxen sind mittlerweile bei Avril Lavigne und Charlie XCX in den 2000ern angekommen. Caro lässt den Blick über die Jugendlichen am Platz kreisen. „Einige von ihnen habe ich schon ins Herz geschlossen. Die werden mir fehlen, wenn unser Auftrag Mitte September endet“.

Wenn es nach Willi ginge, gäbe es die Teams viel länger als drei Monate. Inklusive einer längeren Vorlaufzeit für die Planung. Auch ohne Corona werde sich mit Klimaerwärmung und Teuerung mehr Leben in die Öffentlichkeit verlegen – was dem teils verschlafenen Wien wohl auch ganz gut tun könnte. „Und dann müssen wir uns darum kümmern, dass alle gut miteinander auskommen“, sagt Willi.

Um eins hält sich eine Runde betrunkener Burschen im Kreis umarmt und singt „Scherbenmeer“. Daneben dreht sich der Einkaufswagen mit einem Pärchen in Lederjacken im Kreis. Im Hintergrund wird noch eine Runde getrichtert. Eine ruhige Nacht, resümiert Caro. Zeit, nach Hause zu gehen – nicht für das Awareness-Team natürlich. Das hat noch ein paar Stunden vor sich.

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