AFA ade! Ein Abschied, der leicht fällt

Foto: strassenstriche.net

Seit 2009 mobilisierte die autonome antifa [w] gegen Identitäre, Burschenschafter und die FPÖ – jetzt hat sie sich aufgelöst. Mosaik-Redakteur Benjamin Herr traf die Gruppe zum Gespräch für ein freundschaftliches Abschiedsportrait.

Pünktlich zum 13.12., dem All-Cops-Are-Bastards-Tag, rief die autonome antifa [w] ihr „Ade!“ in die Welt. Zwölf Jahre hatte sie in Wien damit verbracht, mit der üblichen politischen Praxis autonomer Gruppen zu brechen. Denn die autonome antifa [w] verstand sie sich nie als isolierte Kleingruppe, sondern forcierte Bündnisse mit anderen Organisationen. Gleich nach ihrer Gründung orientierte sie sich zum kommunistischen „umsGanze“-Bündnis.

Einzuordnen war ihr Zugang zu linksradikaler Politik als postautonome Linke. Im Gegensatz zu klassischen autonomen Gruppen ließen sie mehr Struktur, mehr Strategie und mehr Bündnisse über verschiedene Spektren der Linken zu – so konnte die autonome antifa [w] mehr Ressourcen für ein größeres linksradikales Angebot schaffen.

„Wir wollten nie die linksextreme Kleingruppe sein, die irgendwas zwischen Wagenplatz und WG macht. Wir haben uns als eine Form der Organisierung verstanden, die im Kontakt mit Leuten und anderen Gruppierungen ist.“

Dementsprechend organisierte sich die autonome antifa [w] kurz nach ihrer Gründung auch im NOWKR-Bündnis zusammen mit nicht-autonomen Organisationen. Das NOWKR-Bündnis versuchte viele Jahre hinweg Europas größten rechtsextremen Ball, der in Wien stattfand, zu verhindern.

Der Burnout-Politikstil

Gleichzeitig prägte ein Burnout-Politikstil die interne Arbeit der autonomen antifa [w]. Irgendwann wurde die aufgebürdete Arbeit als Vollzeit-Antifa zu viel und zum zentralen Grund für die Auflösung. In ihrem Abschiedstext reflektiert die Gruppe diesen Umstand und macht ihre Schlussfolgerung zum Ausgangspunkt für die Frage, wie eine sozial gesunde und nachhaltige politischen Praxis aussehen könnte.

„Diesen Burnout-Politikstil haben wir ja nicht erfunden, viele Antifa-Gruppen funktionieren so. Aber es ist nicht nachhaltig, wenn man an der Türschwelle zum Plenum aufhört, eine Person zu sein.“

Selbstkritisch beschreibt sich die autonome antifa [w] als „hippe Politagentur im Spätkapitalismus“ in der Politik zwar auf einer abstrakten Ebene stattfand, zwischenmenschlich aber viel unter den Tisch fiel. Um ein neoliberales Miteinander zu vermeiden, in dem jede*r austauschbar ist, weil nur die Sache zählt, wären deshalb Fragen von Genossinnen*schaft und den Beziehungsweisen wichtig gewesen.

„Unser Output war enorm, unsere Arbeitsweise effizient, aber die Austauschbarkeit von uns Einzelnen ist uns schlussendlich auf den Kopf gefallen.“  

Angetreten mit dem Anspruch linksradikaler Politik, fielen neoliberale Arbeitsweisen durch die Hintertür ein – eine zynische Dynamik die sich die autonome antifa [w] eingesteht. Um das zu vermeiden, hätten sie die kollektive Fürsorge stärker ins Zentrum rücken müssen. Das hätte zum Beispiel geheißen, Einzelne nicht nur abhängig von ihren Zeitressourcen in die Gruppe zu inkludieren. Auch Genossinnen* mit weniger Zeit, hätten gleichgestellt in Entscheidungsprozesse eingebunden werden müssen.

„Das ist eigentlich das Wichtige: dass Genossinnen* das Gefühl haben sie sind dabei, sie sind ein Teil davon.“     

Antifa ist Zivilgesellschaft

Doch wie sah der antifaschistische Kampf gegen rechte Windmühlen in Österreich aus? Angesichts von FPÖ, Burschenschafter, Identitären und den antisemitischen Corona-Manifestationen wurde bald klar, dass eine autonome antifa [w] alleine nicht ausreicht, um dem ein Ende zu bereiten.

„Dafür bräuchte es einen gesellschaftlichen Grundkonsens gegen diese menschenfeindlichen Ideologien. Den gibt es nicht, vielmehr sickern rechte Ideologien in bürgerliche und linksliberale Lager.“

Als  der deutsch-völkische Burschenschafter Norbert Hofer 2016 in der Bundespräsidentschaftswahl 46 Prozent einstreifte, stellte sich die autonome antifa [w] spätabends mit dem Banner: „Österreich du Nazi“ auf den Heldenplatz. Der Boulevard bis hin zum linksliberalen Falter bemühten sich, diese Aktion zu verdammen.

Aktion nach der Bundespräsidentschaftswahl 2016

Bei der Verhinderung rechtsextremer Mobilisierungen bekam man den Eindruck, es gäbe keine widerständige Zivilgesellschaft ohne linksautonome Gruppen wie die autonomen antifa [w]. Sie schränkte rechte Handlungsräume ein und forcierte damit eine Abwehrarbeit, die indirekt auch die FPÖ betraf. So konnten sich die Identitären in Österreich anfänglich als patriotisch-konservative Jugendgruppe inszenieren und wurden erst durch konsequente Antifa-Arbeit als die rechtsextreme Haudrauf-Truppe enttarnt, die sie nun einmal sind. Die FPÖ brauchte nach Jahren der offiziellen Abgrenzung den Frontalkurs eines Herbert Kickls, um an diesen außerparlamentarischen Arm der organisierten Rechten anzuschließen. Diese Abgrenzung verzögerte die Dynamik der extremen Rechten in Österreich und im Speziellen das Verhältnis zwischen FPÖ und Identitären.

„Wir können Österreich nicht als die Gruppe, die wir sind, von seinem Rechtsextremismus befreien. Aber wir können schauen, dass die Identitären ängstlich aus Ottakring wegrennen müssen Und das ist auch etwas Feines.“

Abschluss eines Kapitels

Das Kapitel autonome antifa [w] ist geschlossen und der Abschied fällt leicht. Er fällt leicht, weil das Ende antifaschistischer Arbeit in Österreich damit noch lange nicht besiegelt ist. Denn es gibt noch so viele andere aktive Gruppen. Und auch die Aktivist*innen der autonomen afa [w] werden nicht vollends von der Bildfläche verschwinden. In der Auflösung einer Struktur haben sie den Mut bewiesen, sich neu auszurichten und die wichtigen Organisationsfragen aufzuwerfen.

„Wir sind ja nicht weg, sondern in anderen Strukturen organisiert.“

Und damit heißt es wie eh und je: siamo tutti antifascisti.

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