Die Corona-Krise hat gezeigt, dass unser Gesundheitssystem erhalten und ausgebaut werden muss. Doch im Hintergrund passiert das Gegenteil, zeigt Wilfried Leisch: ÖVP-nahe Chefs wollen die Allgemeine Unfallversicherung AUVA zerschlagen und Krankenhäuser zusperren. Sie erhoffen sich profitable Immobiliengeschäfte mit freiwerdenden Gebäuen und Grundstücken.

Die ÖVP-FPÖ-Regierung hat 2018 dafür gesorgt, dass Unternehmen weniger in die Allgemeine Unfallversicherung AUVA einzahlen müssen  mosaik hat darüber berichtet. Seither warnen die AUVA-Beschäftigten vor den nachteiligen Folgen für Patient*innen. Nun drohen die Befürchtungen Realität zu werden. Große Teile des Reha-Zentrums Weißer Hof sollen zum Unfallkrankenhaus Meidling verlagert, die mobile Reha dort ausgebaut werden. Der Weiße Hof soll bis 2026 in der derzeitigen Form geschlossen werden, eine „Nachnutzung“ sei vorgesehen.

Private Baukonzerne und Immobilienentwickler reiben sich schon jetzt die Hände. Pläne für einen schon einmal von der Bevölkerung abgelehnten Golfplatz werden wieder gewälzt. Der Klosterneuburger ÖVP-Bürgermeister Schmuckenschlager nennt als Beispiel für eine mögliche Nachnutzung des Weißen Hofs das private „Gesundheitsressort Donaupark“. Statt eines öffentlichen Rehabilitationszentrums für alle soll es also eine Privatklinik für betuchtes Klientel geben.

Weniger Betten, weniger Qualität

Auch das Unfallkrankenhaus Lorenz Böhler (LB-UKH) in Wien ist bedroht. Im Jänner 2020 informierte die AUVA-Generaldirektion die Beschäftigten, dass es in Zukunft eine „Kooperation“ mit anderen Krankenhäusern geben soll. Ab Oktober 2020 soll eine verpflichtende Rotation alle drei Monate beginnen. Für Beschäftigte, Gewerkschaft, Ärztekammer und prominente Ärzte ist das der Beginn vom Ende des LB-UHK.

Für die Patient*innen der bald Zwei-Millionen-Stadt Wien sind das schlechte Nachrichten. Statt die hohe Behandlungs- und Heilungsqualität zu erhalten und das Gesundheitssystem auszubauen, werden Betten abgebaut. Die Rotation bringe keine „Verbesserung der Fachkenntnisse“, sondern führe nur „zur Zerstörung von gut eingespielten Teams und damit zu einem Qualitätsverlust“, so der Vizepräsident der Ärztekammer Wien, Wolfgang Weismüller. Würden künftig große Operationen nur mehr in Meidling durchgeführt, könne das zu einem „Verlust der OP-Kapazitäten und zur schlechteren Versorgung der Patienten führen“.

Auch für die Betriebsräte des Unfallkrankenhauses Lorenz Böhler ist die drohende Abwicklung des Krankenhauses, das etwa hervorragendes Know-How im Traumazentrum bündelt, untragbar. Rudolf Silvan, Mitglied des AUVA-Verwaltungsrates, hat die Online-Petition Rettet das Lorenz Böhler UKH gestartet. Ob das genügt, ist fraglich. Denn vieles passiert im Hintergrund. Die Begehrlichkeiten von Industriellenvereinigung, privater Gesundheits- und Immobilienwirtschaft sind groß. Die türkis-grüne Regierung und die ÖVP-Führung in der AUVA wollen diese möglichst still und leise aushungern. So wollen sie rechtzeitigen und wirksamen Widerstand gegen ihre Pläne verhindern.

Wie die AUVA ausgehungert wird

Schon Türkis-Blau senkte die Beiträge der Unternehmen zur AUVA  und kürzte damit ihr Budget um 150 Millionen Euro. Das ist rund ein Zehntel des jährlichen Gesamtbudgets der AUVA. Selbst ihr gesamter Verwaltungsbereich kostet nur 90 Millionen Euro. Diese Kürzung ist also nicht durch „Sparen im System“ zu bewältigen. Eine weitere Senkung der Beiträge ist zwar laut türkis-grünem Regierungsprogramm momentan nicht vorgesehen. Die Industriellenvereinigung drängt aber weiter massiv darauf.

Allein durch den Corona-bedingten Anstieg der Arbeitslosenzahlen sind der AUVA dieses Jahr bislang weitere rund 100 Millionen Euro entgangen. Schon jetzt musste die AUVA daher Rücklagen auflösen, um ihren Arbeitsauftrag (Prävention, Unfallbehandlung, Rehabilitation, Unfallrentenauszahlung) erfüllen zu können. Schon 2022 wird die AUVA weiteres Geld verlieren. Dann endet, wie Türkis-Blau beschlossen hat, die Refundierung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) für Leistungen, die die AUVA für sie erbringt. Dazu kommt, dass Kanzler Kurz der AUVA die geplante Pflegeversicherung umhängen will. Dann gäbe es weitere Einnahmenausfälle – und der Ruf nach weiteren Kürzungen wäre vorprogrammiert.

Verkauf von AUVA-Krankenhäusern droht

Eines der wichtigsten, aber gleichzeitig am wenigsten öffentlich diskutierten Vorhaben der ÖVP-FPÖ-Regierung war die Installierung einer AUVA-GesmbH. Diese soll bis 2021 die Krankenhäuser und Rehabilitationszentren der AUVA übernehmen. Derzeit wird dort das Personal zur Gänze von der AUVA überlassen. Ab einer gewissen Größe (250 Beschäftigte) könnte die neue GesmbH mittels eines zu gründenden Aufsichtsrates neue Verträge und einen neuen Kollektivvertrag ausverhandeln. Sie könnte dann auch neue Geschäftsfelder schaffen und sie am „freien Markt“ anbieten. Diese wären dann nach Bundesvergabegesetz ausschreibepflichtig. So könnten Krankenhausverwaltungen neu ausgeschrieben, sprich letztlich auch verkauft bzw. privatisiert werden.

Während die AUVA derzeit noch nach gesetzlichem Auftrag die „bestmögliche Versorgung“ für die Patient*innen zu leisten hat, gilt dann das Profitprinzip. Eine reine Reparaturmedizin könnte die Folge sein. Wer mehr und bessere Heilung will, länger gesünder leben will, müsste dann privat zahlen.

Warum das alles? Die großen Unternehmen, die von der Industriellenvereinigung vertreten werden und auch in der Regierung diesbezüglich Druck machen, wollen schlicht nicht mehr für Arbeitsunfälle ihrer Beschäftigten bezahlen. Sollte die AUVA erfolgreich ausgehungert werden, müsste die Unfallversicherung der Arbeiter*innen und Angestellten anders gewährleistet werden. Die Arbeitsunfälle könnten dann bei der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) landen. Mit der gravierenden Folge, dass es dann keine Unfallrenten, sondern bestenfalls nur mehr die Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension gibt, die schon jetzt immer schleppender gewährt werden.

Ähnliches droht der Krankenversicherung

Die Vorgänge bei der AUVA sollten aber auch Warnung für andere Beschäftigte und ihre Vertretungen sein. Die AUVA-GesmbH könnte auch andere Einrichtungen der Sozialversicherung übernehmen. Die Industriellenvereinigung hat diese Idee intern bereits ventiliert. Logisches Ziel wäre die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), in der sieben Millionen Menschen krankenversichert sind. Die ÖGK ist durch die Zusammenlegung der Krankenkassen neu geschaffen worden. Die türkis-blaue Fusion hat bereits jetzt mutwillig ein Millionendefizit verursacht.

Die Corona-Krise wird die Finanzsituation der ÖGK weiter verschlechtern. Die extrem hohe Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten führen zu weniger Beitragseinnahmen. Die Schulden der Unternehmen bei der ÖGK betragen bereits mehr als eine Milliarde Euro. Ihr Defizit droht auf mehrere Milliarden anzusteigen. Ähnlich wie in der AUVA nehmen auch hier die Interessenvertretungen der Unternehmer*innen das Defizit als Vorwand für weitere Kürzungen. Und auch in der ÖGK ist das Ziel letztlich die Ausgliederung und Privatisierung. Das ist im unter Türkis-Blau verabschiedeten Gesetz ausdrücklich als Hauptziel festgehalten: „… Senkung der Lohnnebenkosten, Verbesserung der Rahmenbedingungen für private Anbieter von Gesundheitsdiensten“.

Mutwillig aushungern, um zu privatisieren

Es geht um das mutwillige Aushungern unseres Gesundheitssystems, um dann nach Privatmedizin rufen zu können, von der nur private Gesundheitskonzerne und finanzstarke Kundschaft profitiert. Beste Medizin und Heilung für alle ist dann Vergangenheit. Das kann in Zukunft für jeden und jede von uns folgendes bedeuten: Hast du nach einem Unfall nicht das nötige Geld für eine teure Privatbehandlung, wirst du möglicherweise lebenslang schlechter leben oder sogar früher sterben. Damit es nicht soweit kommt, müsste die AUVA-Belegschaft gemeinsam mit Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Ärztekammer die Bevölkerung aufklären und Protest organisieren. Freiwillig haben Regierung und Industrie ihre Pläne noch nie aufgegeben.

Wilfried Leisch ist Politikwissenschafter und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Plattform pro Sozialversicherung – proSV.

Die schwarz-blaue Regierung plant die Zusammenlegung von Kranken- und Sozialkassen. Angeblich, um Geld zu sparen. Tatsächlich ist das nur ein Vorwand, meint Wilfried Leisch: In Wirklichkeit geht es um politische Kontrolle und Profite.

Immer wieder heißt es, die schwarz-blaue Regierung wolle „die Kassen zusammenlegen“. Das klingt erstmal reichlich technisch und nach einer sinnvollen Vereinfachung eines komplizierten Systems. Aber was bedeutet das eigentlich?

Konkret will Schwarz-Blau die neun Gebietskrankenkassen (GKK) zu einer „Bundeskrankenkasse“ vereinigen. Weiters sollen die Kassen von Selbstständigen (SVA) und Bauern (SVB) in einer Kasse vereint und die 16 Krankenfürsorgeanstalten (KFA) der Länder und Gemeinden mit der Beamtenversicherung (BVA) zusammengeführt werden. Ebenso wird die Auflösung und anschließende Eingliederung der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) in die GKK diskutiert.

Sparen ist nur ein Vorwand

Laut Regierungsprogramm sollen damit „Verwaltungskosten gesenkt sowie Einsparungs- und Optimierungspotenziale gehoben“ werden.

Dazu muss man wissen, dass die Verwaltungskosten der Sozialversicherung 2016 bei nur 2 Prozent lagen (1,21 Milliarden Euro Verwaltungsaufwand bei 60,12 Milliarden Euro Gesamtaufwand). Im Verhältnis sinken die Verwaltungskosten seit Jahren. Im Jahr 1995 lagen sie noch bei 2,9 Prozent.

Kein privater Versicherungsanbieter kann da mithalten. Privatversicherer haben Verwaltungskosten von mindestens 15 bis 30 Prozent, also das Zehnfache.

Umfärbung ist das Mittel…

Bei der Sozialversicherung geht es der Regierung nicht ums „Sparen“, sondern um politischen Einfluss. Schwarz-Blau II führt damit weiter, was Schwarz-Blau I von 2000 bis 2006 begonnen hat.

Damals färbte die Regierung die Führung des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger von „rot“ auf „schwarz“ um. Das hat damit zu tun, dass die überwältigende Mehrheit der Sozialversicherungsgelder – rund 90 Prozent – aus den Beiträgen der ArbeiterInnen und Angestellten stammen. Deshalb wurde die Sozialversicherung von deren VertreterInnen – also Arbeiterkammern, Gewerkschaften und  BetriebsrätInnen – verwaltet. Diese „Selbstverwaltung“ wurde 2003 von der ersten Schwarz-Blauen Regierung eingeschränkt, seither leitet die (ÖVP-dominierte) Wirtschaftskammer den Hauptverband.

Jetzt will die neue schwarz-blaue Regierung den Einfluss der Arbeiter- und Angestellten-VertreterInnen weiter zurückdrängen. In Zukunft soll ein Drittel der VertreterInnen von der Bundesregierung in die Kassen entsandt werden. So will sich vor allem die FPÖ neue Posten und die ÖVP noch mehr Einfluss auf die Gelder der Sozialversicherten, der Arbeitenden, verschaffen. „Selbstverwaltung“ ist das dann keine mehr.

…Umleitung der Gelder ist der Zweck

Wer das Sagen in der Sozialversicherung hat, bestimmt über die Gelder, über Art und Umfang der Leistungen. Ziel der Schwarz-Blauen ist es, den größten Non-Profit-Bereich Österreichs, die (noch) nicht auf Gewinnerzielung orientierte Sozialversicherung, in profitorientierte, private Hände umzuleiten.

Dabei geht es um nicht weniger als 60 Milliarden Euro pro Jahr. Der Gesundheitsbereich, so stellen „Gesundheitsökonomen“ und Wirtschaftskammer unermüdlich fest, ist ein großer und schnell wachsender „Zukunftsmarkt“. Deshalb wollen die privaten Versicherungen und Gesundheitskonzerne an die Milliarden der Versicherten.

Was Schwarz-Blau mit der Sozialversicherung vorhaben, hat schon im Frühjahr 2017 ein Vertreter der Wirtschaftskammer im Hauptverband der Sozialversicherungsträger skizziert: Die Sozialversicherung habe 154 eigene Einrichtungen (Kurheime, Reha-Zentren, Ambulanzen) – und die seien „zu teuer“. Privat geführte Anstalten wären im Vergleich „billiger“. Man überlege den Verkauf, die Verpachtung oder die Ausgliederung dieser Einrichtungen. Ähnliche Modelle seien auch für die AUVA, welche Unfallspitäler und Reha-Zentren betreibt, angedacht.

Unternehmen entlasten, Versicherte müssen zahlen

Die Unternehmerbeiträge zur AUVA sollen von derzeit 1,3 Prozent (ca. 1,5 Milliarden Euro) auf 0,8 Prozent gesenkt werden. Bei einer Eingliederung der AUVA in die Krankenkassen würde sich die Unternehmensseite diese Beiträge ganz sparen, die Kosten die sozialversicherten ArbeiterInnen und Angestellten zahlen müssen.

Zudem ist angedacht, in Zukunft die Einhebung der Sozialversicherungsbeiträge nicht mehr durch die Krankenkassen, sondern durch das Finanzministerium überprüfen zu lassen. Während die Krankenkassen auch prüfen, ob die Einstufung des Beschäftigten richtig ist, interessiert dies das Finanzamt nicht. Das kann zu Einnahmeausfällen für die Krankenkassen führen. Das würde auch die derzeitigen rund 1 Milliarde Euro hohen Schulden der Unternehmen bei den Krankenkassen zum Schaden der Versicherten reduzieren.

Es ist wohl kein Zufall, dass der neue Finanzminister vom großen privaten Versicherungskonzern UNIQA kommt.

Privatisierung ist das Ziel

Da bei den Verwaltungskosten der Sozialversicherung nicht wirklich gespart werden kann (die sind, siehe oben, bereits sehr gering), könnten Einsparungen nur beim Personal oder durch mehr Selbstbehalte bzw. Leistungskürzungen bei den Sozialversicherten geholt werden. Das bedeutet: weniger Beschäftigte und/oder geringere Entlohnung. Das wäre möglich, wenn die Beschäftigten dann privat angestellt wären.

Und natürlich gibt es Potenzial bei wohlhabenden Privatpatienten, die dann verstärkt aufgenommen werden könnten. Das ginge auf Kosten der Allgemeinpatienten, die als Sozialversicherte die von den Privatversicherern begehrten Einrichtungen (vor)finanziert haben.

Davon träumen die Wirtschaftskammer-„Sparmeister“. Sie lobbyieren für private Konzerne wie Vamed oder Vinzenz-Gruppe. Die Betreiber von Privatspitälern könnten sich die besten Happen aussuchen – in so einem von Wirtschaftskammer und Industrie angedachten, jetzt von Schwarz-Blau vorangetriebenen „reformierten“ System.

Privatspitäler wie Humanomed oder PremiQuamed (eine Tochter der privaten UNIQA-Versicherung) denken auch an privaten Medizintourismus und hoffen in Österreich auf einen Markt von einer Viertelmilliarde Euro jährlich.

Schwarz-Blaue Hilfe für Gesundheitskonzerne

Weil das (Privat-)Kapital in Österreich traditionell schwach ist, versucht es, durch die Regierung die Institutionen der ArbeiterInnen und Angestellten, also Gewerkschaften und Arbeiterkammer, zurückzudrängen. Die gesetzliche Gesundheits-, Unfall- und Pensionsvorsorge soll zuerst im Namen des „Sparens“ ausgehöhlt und zentralisiert werden. Im Notfall auch gegen die Einzelinteressen von Bundesländern oder ÄrztInnen.

Wenn dem nichts entgegengesetzt wird, steht am Ende die Öffnung für private Anbieter. Das bedeutet nichts anderes, als dass unser Gesundheitssystem an international agierende Gesundheits- und Versicherungskonzerne ausgeliefert wird. Die Folge: noch mehr Profite für privaten Gesundheitskonzerne, noch mehr Selbstbehalte und weniger Leistungen für niedrige Einkommensschichten.

 

Wilfried Leisch ist Politikwissenschaftler, u.a. Mitautor des Buches „Gesundheit für alle“ (mandelbaum Verlag 2013), Vorsitzender der IG-Flex in der GPA-djp  sowie aktiv bei Plattform proSV und Initiative Solidarisch G’sund.

Für Selbständige gibt es aus der freiwilligen Zusatzversicherung Krankengeld ab dem 4. Tag, dessen Höhe ist von der Beitragsgrundlage abhängig. Mit Jahresbeginn kürzte die zuständige Versicherung (SVA) den Mindestsatz radikal, betroffen sind vor allem Pfleger_innen. Wilfried Leisch über die Hintergründe eines massiven Sozialabbaus.

Den Beschluss dazu fassten alle politischen Fraktionen in der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) einstimmig: Der Mindestsatz für das Krankengeld wurde von 29,23 Euro auf 8,41 Euro pro Tag gekürzt. Betroffen sind 30.000 der zirka 400.000 aktiven SVA-Versicherten. Als zu teuer begründete Wirtschaftskammer-Präsident und SVA-Obmann Christoph Leitl die Entscheidung. Die Wirkung ist katastrophal. Besonders nachteilig ist die Kürzung für jene Versicherten, die eher gezwungen als freiwillig in die Selbständigkeit gingen, als sogenannte „Ein-Personen-Unternehmen“ (EPU). Von den rund 500.000 Mitgliedern der Wirtschaftskammer sind bereits fast 300.000 EPUs. Ein Drittel von ihnen verdient so wenig, dass sie keine Einkommenssteuer zahlen, also netto unter 11.000 Euro im Jahr. Dazu zählt auch die große Gruppe der zirka 60.000 24-Stunden-Betreuer_innen, die als „Selbständige Personenbetreuer“ geführt werden.

Von Anfang an …

2007 wurden 24-Stunden-Betreuer_innen statt zu Angestellten zu Selbständigen gemacht; zwar mit Unfall-, Kranken- und Pensionsversicherung, aber ohne Geld im Krankheitsfall. Mit Krankengeld ab dem 4. Tag lockte man sie in eine selbst zu zahlende Zusatzversicherung. Ab 2013 wurden die Beiträge für die Zusatzversicherung erhöht, aber ein Mindestsatz für das Krankengeld von 29,23 Euro pro Tag festgelegt. Anfang 2017 wurde die Leistung einseitig auf 8,41 Euro pro Tag gekürzt. Die einbezahlten Beiträge aber waren im Hinblick auf die noch alte, bessere Zusage geleistet worden. Das verletzt den Vertrauensgrundsatz und ist klagswürdig. Seit 2013 zahlt die SVA aus der Pflichtversicherung Krankengeld erst ab dem 43.(!) Tag. Auf Druck der Öffentlichkeit bietet die SVA nach Kürzung der Zusatzversicherung nun eine „Kulanzlösung“ an: Die Unterstützungsleistung soll ab dem 43. Tag rückwirkend ausbezahlt werden. Wovon die Versicherten mit geringem Einkommen bei langanhaltender Krankheit bis zum 42. Tag leben sollen, steht in den Sternen.

… unhaltbare Zustände

Der Staat, zu 80 Prozent finanziert aus unseren Sozialversicherungsbeiträgen, Lohn-, Einkommens- und Massensteuern, entledigt sich seiner sozialen Aufgabe. Er verwendet das Geld stattdessen zur Wirtschaftsförderung oder zur Risikoabdeckung für Spekulationsgeschäfte wie die Hypo-Alpe-Adria/Heta, Volksbank oder Kommunalkredit. Private Unternehmen im Pflegebereich übernehmen nur reiche „Kundschaft“. Arme „Kundschaft“ wird fast umsonst von den Angehörigen gepflegt, erhält nur einen Bruchteil der Aufwendungen (Stichwort Pflegegeld) aus dem Budget, das wir alle finanzieren. Österreich ist weit davon entfernt anzuerkennen, dass fachliche, finanzielle und soziale Rahmenbedingungen für menschenwürdiges Altern und entsprechende Pflege ein wichtiges gesellschaftliches und damit staatliches Anliegen sind. Die SVA-Kürzungen sind dahingehend ein Sittenbild.

Härtefälle und Selbstbehalte

Wenn SVA-Chef Christoph Leitl zu den Kürzungen meint, dass er Härtefälle „unbürokratisch lösen“ will, ist das zynisch. Genauso „unbürokratisch“ legalisierte die Regierung 2007 niedrigst bezahlte Schwarzarbeit, indem das Gewerbe der „Selbständigen Personenbetreuer“ geschaffen wurde: Agenturen „beschäftigen“ seitdem „Unternehmer_innen“ für die Betreuung. Die Betreuten müssen einen Vertrag mit der Agentur abschließen. Die „Selbständigen Personenbetreuer“ wiederum schließen Verträge mit den Betreuten und mit der Agentur ab. Das ist letztlich nichts anderes als staatlich befördertes Lohndumping mit Hilfe gesetzlich gezimmerter Scheinselbständigkeit auf Gewerbeschein: Agenturen, Wirtschaftskammer und SVA profitieren. Kaum jemand redet von den schlechten Arbeitsbedingungen in diesem Bereich, in dem vor allem migrantische Frauen arbeiten. Das ist nicht nur rassistisch und frauenfeindlich, sondern macht auch krank.

Gerne präsentiert sich die SVA als „Gesundheitsversicherung“: Wer „individuelle Gesundheitsziele“ vereinbart, erspart sich die Hälfte des 20-prozentigen Selbstbehalts. 8.000 SVA-Versicherte beteiligen sich bisher. Der Effekt: Privaten SVA-Hotelpartner_innen verschafft der „Gesundheits-100er“ aus SVA-Versichertengeldern ein zusätzliches Geschäft. Statt in die Gesundheitsvorsorge für alle fließen Versichertengelder in die von Privaten angebotene „Prävention“.

Jobmotor „Flexibilisierung“?

Bundeskanzler Christian Kerns Plan A und das neue Regierungsabkommen versprechen eine Entlastung von Mikrounternehmen, z.B. bei der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Das bringt aber keine Lösung der problematischen Einkommens- und Lebenslagen der Betroffenen 24-Stunden-Pfleger_innen oder aller anderen wirklich nur aus einer Person bestehenden EPUs. Zudem besteht die Absicht und somit die Gefahr, im Zuge der geplanten (Arbeitszeit-)Flexibilisierung den (noch) angestellten Beschäftigten weitere Lohn- und Gehaltseinbußen zuzumuten, weil die Überstundenzuschläge mehr oder weniger wegfallen sollen. Dass bei dieser „Arbeiten-auf-Abruf-Flexibilisierung“ Arbeitsplätze erhalten oder gar hinzukommen werden, ist stark zu bezweifeln. Eher ist das Gegenteil zu erwarten: Warum soll ein Unternehmen zusätzliches Personal einstellen, wenn das angestammte bei Auftragsspitzen nun ohnehin länger zur Verfügung stehen kann? Infolgedessen werden noch mehr Menschen ihr „Glück“ als EPU versuchen (müssen).

Wilfried Leisch ist Politikwissenschaftler, u.a. Mitautor von „Gesundheit für alle“, Vorsitzender der GPA-djp work@flex-Wien sowie aktiv bei Plattform proSV und Initiative Solidarisch G’sund.

 
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