Im Irak tobt der größte Aufstand der Nachkriegsära. Die Repression dagegen hat mittlerweile hunderte Tote und tausende Verletzte zu verantworten. Die Proteste verstummen trotzdem nicht. Sie werden vor allem von der Jugend getragen, und die hat im heutigen Irak ohnehin nichts zu verlieren, schreibt die Autorin Tyma Kraitt.

Von der Hauptstadt Bagdad bis zur Erdölmetropole Basra spiegeln die Massendemonstrationen den Zorn und die Forderungen, der wohl wichtigsten gesellschaftliche Gruppe im Irak ab: der Jugend. Sie macht zwei Drittel der Bevölkerung aus – allein der Anteil der unter 14-jährigen soll bei fast 40 Prozent liegen. Für junge Menschen ist Gewalt und Armut Normalzustand im Irak. Sie fühlen sich ihres Landes und ihrer Zukunft beraubt. Das erklärt die Wucht, mit der die jüngste Revolte die Eliten trifft.

(Auf)Begehren einer beraubten Jugend

Die neue Oppositionsbewegung räumt endgültig mit dem Klischee auf, die irakische Jugend sei apolitisch. Sie ist vielmehr anti-politisch, und zwar in dem Sinne, dass sie das politische System und die darin agierenden Parteien ablehnt. Die bisher noch nicht vollzogene Rücktrittsankündigung des Premierministers Adel Abdel Mahdi konnte die Massen daher nicht besänftigen. Indessen veröffentlichten die RebellInnen auf dem Bagdader Tahrirplatz einen konkreten Forderungskatalog. Die zehn zentralen Punkte darin sind:

1. der Sturz des gesamten politischen Systems. 2. die Schaffung eines Präsidialsrats und 3. eines Militärrats für die Übergangszeit. 4. freie und faire Wahlen unter internationaler Beobachtung. 5. die Ausarbeitung einer neuen Verfassung. 6. etablierte Parteien und Politiker sollen wegen Korruption vor Gericht gestellt werden. 7. Nur Polizei und Armee sollen Waffen tragen, den unzähligen irakischen Milizen soll das untersagt werden. 8. Religions- und Meinungsfreiheit. 9. Rückerstattung des geplünderten und ins Ausland geschmuggelten irakischen Vermögens. 10. Die Trennung zwischen Religion und Staat.

Gegen die Herrschaft der Diebe

Seit einigen Jahren schon kommt es immer wieder zu Demonstrationen und Zusammenstößen insbesondere im Süden des Landes. Der Krieg gegen den IS überlagerte den Unmut über die gravierenden sozialen Missstände eine Zeit lang. Doch spätesten seit der Zerschlagung des Gewaltkalifats und der Rückeroberung Mossuls brechen die Widersprüche offen auf. Dass dies in eine Revolte münden konnte, war absehbar. Beispielsweise war Korruption schon bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2018 das wichtigste Thema.

Laut einer aktuelleren Umfrage des National Democratic Institutes zur Post-IS-Ära sind der Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Korruption und erschwingliche Lebenserhaltungskosten die zentralen Anliegen von jeweils rund 80 Prozent der Befragten gewesen. Die irakische Regierung unter Premierminister Adel Abdel Mahdi ist genauso wie jene davor weder imstande noch gewillt, sich der sozialen Frage ernsthaft zu widmen. Derweil plündern korrupte PolitikerInnen die Staatskassa vor den Augen der Bevölkerung und müssen aufgrund des allgegenwärtigen Staatsversagens nicht einmal mit Sanktionen rechnen.

So geschehen in Mossul, als der im Frühjahr 2019 abgesetzte Gouverneur Nawfel Akoub mit rund 60 Millionen US-Dollar untertauchte. Davon waren 40 Millionen für den Wiederaufbau der zerbombten Großstadt und der Flüchtlingshilfe vorgesehen. Akoub dürfte sich in der Autonomen Region Kurdistan abgesetzt haben. Derartige Fälle gehören seit längerem schon zum politischen Alltag. Der Irak ist eine Kleptokratie.

Kampf um Selbstbestimmung

Die aktuellen Ereignisse sind jedoch mehr als ein bloßer Aufschrei gegen ein erdrückendes politisches System, das nur Repression kennt und der Bevölkerung keinerlei sozialen Perspektiven anbietet. Es ist auch der Wunsch nach Selbstbestimmung, der abertausende junge Menschen auf die Straßen Bagdads, Basras oder Nassiriyahs drängen lässt. Gemeint ist nicht bloß eine nationale, sondern gerade auch die individuelle Selbstbestimmung.

Wurden die Proteste Anfang Oktober noch stark von jungen, meist arbeitslosen Männern und deren Forderung nach Jobs geprägt, so sind es mittlerweile immer mehr Frauen, die ihr Leben bei den Demonstrationen riskieren. Das Thema der Geschlechterverhältnisse innerhalb der Protestbewegungen ist um einiges vielschichtiger, als von der internationalen Berichterstattung abgebildet. Gerade in Bezug auf die „Maskulinität“ des Widerstands lohnt sich ein differenzierter Blick. Unter den Demonstrierenden und vor allem auch unter den Todesopfern finden sich viele sogenannte Attwaniyin – die derzeit größte Jugendbewegung im Irak. Sie hat ihren Ursprung in Sadr-City, dem riesigen Slum im Nordosten Bagdads.

Im konservativen Fadenkreuz

Es handelt sich dabei um eine im weiteren Sinne queere Subkultur, der tausende irakische Burschen und junge Männer angehören sollen. Sie setzen dabei auf einen metrosexuellen Look, benutzen Make-up und lassen sich dabei filmen, wie sie auf Fake-Hochzeiten andere junge Männer heiraten. Damit protestieren sie gegen die rigide Sexualmoral und aufgezwungene Geschlechterrollen im Irak. Die Attwaniyin sind zur Zielscheibe konservativer schiitischer Milizen geworden, die unzählige junge Männer auf den Demonstrationen ermordet haben sollen.

Die Milizen agieren allerdings nicht bloß als Sittenwächter, sondern als verlängerter Arm des Iran. Sie wollen mit aller Gewalt verhindern, dass sich Bagdad von der politischen Umklammerung Teherans lösen kann. Die Islamische Republik lässt sich ihren Einsatz in den Krisenherden des Nahen und Mittleren Ostens Einiges kosten. Seit 2012 sollen die Mullahs etwa 16 Milliarden US-Dollar in Syrien, Irak und Jemen verpulvert haben, während die eigene Bevölkerung unter den anhaltenden internationalen Sanktionen zu leiden hat. Teheran fühlt sich in die Enge getrieben: Die eigenen Machtgelüste sind angesichts der prekären Wirtschaftslage nur mehr schwer finanzierbar. Ein Erfolg des irakischen Aufstands ist jedoch aus Sicht der Mullahs nicht hinnehmbar. Sie würden damit nicht nur einen strategischen Verbündeten in der Region verlieren, das Beispiel Iraks könnte der iranischen Bevölkerung als Inspiration dienen.

Eines ist gewiss: Gelingt es den IrakerInnen sich ihres Regimes zu entledigen und den Einfluss konservativer-islamischer Parteien zu brechen, so wird dies in der gesamten Region Widerhall finden.

Der linke US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders bekommt Unterstützung von ungewöhnlicher Seite. Cardi B, die derzeit erfolgreichste Rapperin der Welt, setzt sich im demokratischen Vorwahlkampf für „Daddy Bernie“ ein, wie sie ihn liebevoll nennt. Was das Video über die Sanders-Kampagne, Bernies Chancen gegen Donald Trump und das veraltete Bild der ArbeiterInnenklasse aussagt, berichtet Tyma Kraitt.

Der Senator aus Vermont und die Musikerin veröffentlichten Mitte August ein elfminütiges Video, in dem sie über Themen wie das marode Gesundheitssystem, zu niedrige Löhne, Polizeibrutalität und Steuergerechtigkeit sprechen. In den elitären Chefetagen vieler US-Medienhäuser mag man über diese Kollaboration die Nase rümpfen oder sie gar ins Lächerliche ziehen. Doch Belcalis Marlenis Almanzar, wie Cardi B mit bürgerlichem Namen heißt, „fühlt den Bern“ schon seit 2016 und teilt ihre politischen Ansichten gerne ihren Fans mit – darunter 49 Millionen Abonnenten auf Instagram und 6,8 Millionen Follower auf Twitter.

Mit ihrer schonungslosen Kritik an den politischen und sozialen Missständen in den USA setzt sie sich immer wieder sexistischen Reaktionen aus. Der Tenor meist: „Was hat eine ehemalige Stripperin schon über Politik zu sagen?“. Von rechten und frauenfeindlichen Trollen lässt sich die Rapperin allerdings nicht einschüchtern. Dieser Widerstandsgeist war auch der Grund, weshalb die Bodak Yellow-Interpretin zum inoffiziellen Gesicht des diesjährigen Frauenmarschs in Washington D.C. wurde. Unzählige Demonstrantinnen tauchten mit selbstgebastelten Cardi B-Transparenten und Schildern zum Protest auf.

Politik & Pussy Poppin’

Das Wahlkampf-Video ist ein Lehrstück für gelungene politische Kommunikation. Cardi B gibt mit ihren Fragen an Sanders und ihren persönlichen Eindrücken den Takt vor. Als ZuseherIn nimmt man ihr jedes Wort ab. Die Anfänge ihrer steilen Karriere liegen nämlich noch nicht so weit zurück. Und ja, sie war vor nicht allzu langer Zeit Stripperin und musste sich mit sonstigen schlechtbezahlten Jobs durchschlagen. Sie kennt die Sorgen und Nöte vieler Menschen, denen soziale Sicherheit und Aufstieg verwehrt bleiben.

Genau das spricht sie auch in dem Clip an: „Bevor ich berühmt wurde hatte ich als New Yorkerin das Gefühl, egal wie viele Jobs ich habe, es reicht einfach nicht. Ich konnte die Miete nicht zahlen, mir Verkehrsmittel oder Essen leisten.“ Sanders pflichtet ihr bei, denn Millionen von Menschen in den USA müssen von Hungerlöhnen leben. Sie sind sich beide einig: Es kann einfach nicht sein, dass Leute für einen Stundenlohn von neun Dollar arbeiten müssen.

Diese Stelle aus dem Video zeigt eindrucksvoll, dass es sich um ein Gespräch auf Augenhöhe handelt. Sanders respektiert Cardi B und hat sie zuvor schon in Interviews mehrmals als kluge Frau mit scharfem Verstand und viel Wissen beschrieben. Lob, das die Musikerin, die sonst eher auf ihr Aussehen, Sexyness oder ihr vulgär-provokantes Auftreten reduziert wird, stolz macht. In der Schule liebte sie den Geschichtsunterricht. Eine historische Persönlichkeit, die es ihr besonders angetan hat, ist Franklin D. Roosevelt. Die Begeisterung für den New-Deal-Präsidenten teilt sie übrigens auch mit Bernie Sanders.

Authentizität statt Aufputz

Es ist nicht neu, dass sich US-PolitikerInnen gerne mit Hip-Hop KünstlerInnen ablichten lassen (siehe Donald Trump mit Kanye West oder Hillary Clinton mit Beyoncé und Jay-Z). In der Regel ist das aber eine klassische Strategie der Instrumentalisierung – und letztlich herablassend gegenüber den MusikerInnen. VertreterInnen des Polit-Establishments holen sich vermeintliche Street-Credibility, betonen ihre Lässigkeit, um danach wieder wie gewohnt auf einer Gala mit Großspendern edel zu dinieren.

Bei Bernie Sanders ist das nicht der Fall. Seine Stärke ist seine Glaubwürdigkeit. Ob im Gespräch mit Cardi B, beim ultrarechten Nachrichtensender Fox News oder bei seinem Gastauftritt als Rabbi Manny Shewitz in der Low-Budget-Komödie „My X-Girlfriend’s Wedding Reception“– Bernie ist immer Bernie. Und diese Authentizität trifft nicht nur auf die Person Sanders zu, sondern vor allem auf seine Politik. Er tritt praktisch seit Jahrzehnten kompromisslos für die gleichen Anliegen ein.

Wahlkampf aus dem Nagelstudio

Ein bemerkenswerter Schachzug war es, das gemeinsame Video in einem Nagelsalon, der TEN Nail Bar in Detroit, zu drehen. Dieses Setting hat sich Cardi B ausgesucht. Sie ist bekanntlich ein großer Fan bunt glitzernder Acryl- und Gelnägel. In der Vergangenheit wurden auffällige Kunstnägel stets als zu prollig geschmäht. Zwar gelten sie jetzt auch in gehobeneren Kreisen als salonfähig – etwa bei den Kardashians, die oft wegen der Aneignung afroamerikanischer Stylings kritisiert werden. Doch der Flair des Prolligen ist geblieben. Für zahlreiche junge Frauen, die um ein Vielfaches weniger verdienen als Kim, Kylie & Co sind lange bunte Acrylnägel weiterhin eine beliebte Nagelmodellage. Und es sind genau diese Frauen, die Sanders und Cardi B politisieren und gewinnen wollen.

Ein anderer spannender Aspekt: Mitten im Wahlkampf wird viel über ArbeiterInnen gesprochen, aber kaum zu ihnen. ArbeiterInnen werden dabei fast ausschließlich als weiß und männlich portraitiert. Umso bemerkenswerter ist es, dass Sanders seinen Wahlkampf nun auch aus einem Nagelstudio führt. BeautydienstleisterInnen sind in der Regel weiblich, haben nicht selten einen Migrationshintergrund und arbeiten meist für Hungerlöhne und mickriges Trinkgeld. Mit Hilfe von „Genossin Cardi“, die vor ihrer Musikkarriere auch Gewerkschaftsmitglied der UFCW war, rüttelt Bernie Sanders am realitätsfernen Bild von der weißen ArbeiterInnenklasse. Dadurch spricht er eine viel größere und breitere Bevölkerungsgruppe an, als all seine GegnerInnen. Und genau das macht Sanders zum stärksten demokratischen Kandidaten gegen Donald Trump.

In ihrem neuen Buch „Sunniten gegen Schiiten. Zur Konstruktion eines Glaubenskrieges“ beschäftigt sich die Autorin Tyma Kraitt mit den Ursprüngen sunnitischer und schiitischer Interpretationen des Islams, ihre aktuellen Spielarten und dem Begriff des politischen Islams. Mosaik-Redakteurin Klaudia Rottenschlager hat Kraitt interviewt. Ein Gespräch über geopolitische Spannungen, Kolonialismus und Dinosaurier.

Mosaik: Dein Buch bietet einen ausführlichen historischen Rückblick über die Herausbildung der sunnitischen und schiitischen Glaubensrichtungen. Was ist der zentrale Unterschied und warum sind diese beiden Gruppen verfeindet?

Tyma Kraitt: Der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten hatte schon in seinen historischen Ursprüngen mehr mit Politik als mit religiösen Differenzen zu tun. Im Zentrum stand die Frage von Herrschaft und Organisation der jungen islamischen Gemeinschaft. Nach dem Tode des Propheten Muhammed im Jahr 632 konkurrierten zwei Lager um dessen Nachfolge. Die Schiiten entwickelten sich aus der Gruppe, die den vierten Kalifen Ali unterstützten, einen Cousin und Schwiegersohn Muhammeds. Sie forderten, dass nur ein direkter Verwandter dessen legitimer Nachfolger sein könne, blieben allerdings eine Minderheit. Es setzte sich die Gruppe durch, aus der die Sunniten hervorgingen. Ihnen reichte es, dass der neue Anführer aus dem Stamm des Propheten komme. Direkter Nachkomme musste er keiner sein. Von diesem Gegensatz ausgehend haben sich in den folgenden Jahrhunderten unterschiedliche Theologien entwickelt.

Dass der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten derzeit wieder in aller Munde ist, hat mit dem Konkurrenzkampf zwischen dem wahhabitischen Königreich Saudi-Arabien und der schiitischen Islamischen Republik Iran zu tun. Riad und Teheran kämpfen um politischen, ökonomischen und ideologischen Einfluss in der Region. Sie schrecken nicht davor zurück, ihre Rivalitäten blutig in anderen Ländern auszutragen, wie aktuell im Jemen.

Was war dein persönlicher Antrieb, dieses Buch zu schreiben?

Als Mutter eines Dreijährigen beschäftige ich mich momentan gerne mit Dinosauriern. Mein Sohn steht beispielsweise total auf den Velociraptor. Interessanterweise hat das Bild, das wir von diesem kleinen Killer haben, nur wenig mit den Raptoren aus der späten Kreidezeit zu tun. Es wurde vielmehr stark von Steven Spielbergs Film Jurassic Park von 1993 geprägt. Tatsächlich war der Velociraptor kleiner als im Film dargestellt. Außerdem geht man davon aus, dass er ein Federkleid trug. Diese Darstellung hat sich bis heute nicht in der Populärkultur durchgesetzt.

Ähnlich wie Spielberg und Autor Michael Crichton damals aus teils dramaturgischen Gründen, aber auch aus Unwissenheit eine verzerrte Version des Velociraptors entwarfen, so tragen beispielsweise Massenmedien dazu bei, dass wir eine verzerrte und reduktionistische Wahrnehmung der sogenannten Islamischen Welt haben. Und da knüpfe ich eigentlich an. Sunniten versus Schiiten ist mittlerweile ein beliebtes Motiv zur Erklärung der Krisen im Nahen und Mittleres Osten. Über die Hintergründe erfahren wir allerdings viel zu wenig.

Was brauchen Analysen über religiöse Konflikte? Wie sehr laufen wir Gefahr, diese in unserem Sprechen und Schreiben über sie zu essentialisieren?

Ich versuche diese Konflikte historisch zu kontextualisieren. Warum brechen sie jetzt auf? Was sind die sozio-ökonomischen Hintergründe? Welche geopolitischen Rahmenbedingungen finden wir vor? Es ist völlig absurd, so zu tun als wäre die dortige Bevölkerung nur von ihrer Religionszugehörigkeit angetrieben. Das sind Menschen, mit unterschiedlichen Interessen und vielschichtigen Identitäten, keine Zombies.

Wie haben koloniale Expansionen im arabischen Raum den Konflikt zwischen Sunnit_innen und Schiit_innen beeinflusst?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Die beiden Mandatsmächte Großbritannien und Frankreich haben nach dem Ersten Weltkrieg ohne Rücksicht auf die Bevölkerungsstruktur Staaten etabliert, in denen einzelne Gruppen gegenüber anderen bevorzugt wurden.

Die Briten schufen ein Königreich Irak mit einem sunnitischen Haschemiten als Herrscher, obwohl Schiiten damals schon zumindest die Hälfte der Bevölkerung gestellt haben. Die Franzosen förderten wiederum in Syrien religiöse Minderheiten, darunter auch die Alawiten, gegenüber der sunnitischen Mehrheit. Vielen Alawiten gelang über das Engagement in den Troupes Speciales du Levant, die übrigens zur Aufstandsniederschlagung gegründet wurden, der soziale Aufstieg. Gleichzeitig bauten sie dadurch auch ihren Einfluss auf den Sicherheitsapparat aus, der bis heute unter Führung des alawitischen Assad-Clans ist.

Du widmest dich in deinem Buch auch dem Begriff des politischen Islams. Was bedeutet dieser außerhalb seiner Verwendung als Kampfbegriff?

Was politisch-islamische Gruppen von klassischen religiösen Vereinen unterscheidet, ist klarerweise ein religiös inspiriertes politisches Programm. Ich habe der Begriffsproblematik ein Kapitel gewidmet, weil auch der mittlerweile in Mode gekommene Begriff „politischer Islam“ seine Tücken hat – wie auch „Islamismus“ oder „islamischer Fundamentalismus“. Sie sind alle unzureichend. Genauso wenig wie es den einen Islam gibt, gibt es den einen politischen Islam, sondern unterschiedlichste Spielarten.

Vom politischen Islam ist natürlich der anti-politische Islam des aktivistischen bzw. militanten Salafismus zu unterscheiden. Und der Begriff Fundamentalismus lässt sich ohnehin eher auf die puristischen Strömungen des Wahhabismus oder Salafismus anwenden, denn die Lehren eines Hassan al-Bannas (Gründer der Muslimbruderschaft, Anm.) oder eines Chomeinis (Revolutionsführer im Iran, Anm.) werden wir wohl kaum eine Buchtreue bzw. die Rückkehr zu einer imaginierten Ursprünglichkeit des Islams attestieren können.

Die österreichische Regierung plant gerade eine Dokumentationsstelle für den politischen Islam. Braucht es diese in Österreich und wenn ja, wer sollte so eine Stelle aufbauen und was könnte sie leisten?

Wie wird der politische Islam hier definiert und abgegrenzt? Auch religiöse Menschen haben ein Recht auf eine politische Meinung und politisches Engagement. Das sollte ebenso für Muslime gelten. Politische Muslime sind nicht per se Anhänger eines politischen Islams. Und nicht alle Spielarten des politischen Islams sind staatsgefährdend bzw. rufen zu Gewalt auf.

Wie wird sichergestellt, dass von Seiten dieser Dokustelle kein Missbrauch stattfindet und nicht pauschal Menschen oder Gruppen kriminalisiert werden? Solche Fragen muss man in diesem Zusammenhang stellen. Aber letztlich können wir dokumentieren so viel wir wollen. Das eigentliche Problem – warum manche Muslime in Österreich überhaupt mit derartigen Bewegungen sympathisieren, warum ihnen das politische Angebot in Österreich nicht reicht – wird damit nicht gelöst.

Ein Bündnis aus religiösen und linken Kräften siegt bei den Parlamentswahlen im Irak. Angeführt wird es vom schiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr. Über die Hintergründe dieser ungewöhnlichen Allianz und ihres Wahlerfolgs berichtet Tyma Kraitt.

Über 24 Millionen IrakerInnen wurden letzten Samstag zu den Urnen gerufen. Tatsächlich kamen aber nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten. Ein historisches Tief, das vor allem der Politikverdrossenheit junger Menschen geschuldet ist. 60 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre – eine verlorene Generation, die seit frühester Kindheit nur Krieg und Sanktionen kannte und wenig Hoffnung in die Politik setzt.

Dennoch ist das Wahlergebnis bemerkenswert. Der eigentliche Favorit, das Nasr-Bündnis (dt. „Sieg“) von Premierminister Haidar al-Abadi wurde zum großen Verlierer. Stattdessen gewann das „Bündnis der Revolutionäre für Reform“, kurz Sairun (dt. „wir marschieren“) – ein Zusammenschluss des schiitischen Ahrar-Blocks von Muqtada al-Sadr, der Kommunistischen Partei und kleineren säkularen Gruppen.

Sie gingen nach bisherigem Stand in sechs von 16 Provinzen als führende Kraft hervor und erhalten 56 der 329 Sitze im Parlament. Für die KommunistInnen hat sich die Zusammenarbeit ausgezahlt. Sie erhalten zwei bis drei der gewonnenen Mandate – davor hatten sie lediglich eines.

Korruption, Konfession und Krieg

Der Sieg al-Sadrs und seiner Verbündeten kam unerwartet, ist aber nachvollziehbar. Er speist sich aus der Unzufriedenheit vieler IrakerInnen mit dem politischen Establishment. Die Spaltung entlang konfessioneller Linien und das daraus resultierende Konfliktpotenzial überschatteten das politische und gesellschaftliche Leben des Iraks im vergangenen Jahrzehnt und trugen maßgeblich zum Aufstieg des „Islamischen Staates“ bei. Mit einer gesamtnationalen Agenda versucht das Sairun-Bündnis, eine Alternative jenseits von Kategorien wie SchiitIn oder SunnitIn anzubieten.

Eines der wichtigsten Wahlkampfthemen war die alles überwuchernde Korruption. Im Korruptionsindex von Transparency International befindet sich der Irak derzeit auf Platz 169 von 180 Staaten. Muqtada al-Sadr gelang es während des Wahlkampfes, die Anti-Korruptions-Stimmung innerhalb der Bevölkerung aufzugreifen. Sein Vorschlag, die Bildung einer TechnokratInnenregierung anstelle des bisherigen ethnisch-konfessionellen Proporzes, erhielt von vielen Seiten Zuspruch.

Hammer und Mondsichel – ein Zweckbündnis

Poltische Bündnisse sind keine Liebesbeziehungen, sondern werden aufgrund politischer Notwendigkeiten geschlossen. Dies gilt auch für die Sairun-Liste. Was die Annäherung von SadristInnen und Linken durchaus begünstigte: Beide Gruppen wurden während der Diktatur Saddam Husseins brutal verfolgt, sie teilen daher eine Unterdrückungserfahrung. Außerdem: Die Kernwählerschaft ähnelt sich. Beide buhlen um die Gunst der Unterschichten, was sich auch in ihrem Sozialprogramm niederschlägt.

Neben offensichtlichen ideologischen Widersprüchen gab es bisher auch genug andere Aspekte, die die AnhängerInnen al-Sadrs von den KommunistInnen trennte. Beispielsweise war die Irakisch Kommunistische Partei (IKP) seit den 1980ern eine Art „Exilpartei“, die sich zunehmend von den Bedürfnissen der irakischen Bevölkerung entfernte. So unterstützte die IKP etwa das verheerende UN-Embargo in den 1990er Jahren und nahm dabei den Tod von über einer Million Menschen aufgrund der Mangelversorgung in Kauf. Muqtada al-Sadr und seine AnhängerInnen in den Baghdader Armenvierteln hatten dieses Elend wiederum tagtäglich vor Augen.

Ein weiterer Gegensatz: Während die KommunistInnen nach dem Krieg 2003 mit der US-geführten Besatzung kollaborierten, führte al-Sadr einen erbitterten Widerstand gegen die amerikanische Fremdherrschaft an.

Al-Sadr: Vom gefürchteten Extremisten zum Vermittler

Wenige Jahre nach der US-Invasion zierte Muqtada al-Sadr das Cover des US-Magazins Newsweek mit dem Titel „The most dangerous man in Iraq“ („Der gefährlichste Mann im Irak“). Gefährlich war der aus einer einflussreichen Klerikerfamilie stammende al-Sadr, weil er sich mit praktisch jedem anlegte. Angefangen von der amerikanischen Zivilverwaltung unter Paul Bremer bis zum schiitisch-politischen Establishment, und letztlich auch weil seine „Mahdi-Armee“ während des Bürgerkriegs ab 2006 für ihr brutales Vorgehen gegen SunnitInnen berüchtigt war.

Nachdem ihm die Kontrolle über Teile seiner Gefolgschaft entglitten war, zog er sich zum Studium in die iranische Stadt Ghom zurück. Seit 2014 tritt er wieder als scharfer Kritiker der irakischen Regierung auf. Er gibt sich als geläuterter Nationalist und tritt für die Inklusion der sunnitischen Minderheit ein. Mit seinem Einsatz gegen die konfessionelle Spaltung des Iraks trifft er einen Nerv. Denn gerade in den letzten Jahren hat sich zunehmend Widerstand gegen den politischen Konfessionalismus formiert.

Dieser spitzte sich letztes Jahr im erfolgreichen Kampf der irakischen Frauenbewegung gegen ein neues religiöses Personenstandsrecht zu. Dieses hätte dramatische Verschlechterungen für Frauen bis hin zur Kinderheirat vorgesehen. Laut Gesetzesentwurf hätten Gerichte bei Fragen zum Personenstand religiöser Rechtsprechung zu folgen, und zwar je nach Konfession unterschieden. Dies hätte die Risse in der irakischen Gesellschaft wohl weiter vertieft. Das Gesetz konnte dank einer breiten Kampagne verhindert werden.

Gespaltete SchiitInnen

Ranghohe schiitische Kleriker, darunter auch der Vertreter von Großayatollah Ali al-Sistani, haben in den vergangenen Monaten mehrmals dazu aufgerufen, keine PolitikerInnen wiederzuwählen, die im Kampf gegen Korruption bisher versagt hatten. Deutliche Worte fand der Geistliche Rashid al-Husseini: „Ich traue eher einem gewissenhaften Christen als einem korrupten Schiiten. Eine Person, die nicht betet und fastet, der man aber das Geld der Menschen und der Nation anvertrauen kann, verdient meine Stimme. Ich kann für niemanden stimmen, der betet und fastet, aber stiehlt.“

Ein weiterer Streitpunkt ist die Rolle des Iran im Irak. Auffällig bei dieser Wahl war, dass selbst pro-iranische PolitikerInnen versuchten, das Thema Iran klein zu halten. Mit Teheran mag man zwar den IS schlagen, aber keine Wahlen gewinnen. „Wir werden nicht zulassen, dass Liberale und Kommunisten den Irak regieren“, polterte Ali Akbar Velayati, der außenpolitische Berater des iranischen Oberhaupts Ayatollah Ali Khamenei noch vor den Wahlen. Gemeint waren Muqtada al-Sadr und seine Liste, die eine deutliche anti-iranische Position einnehmen.

Kritik an iranischem Einfluss

Velayatis Aussagen zogen eine Welle der Empörung nach sich. Viele IrakerInnen lehnen mittlerweile das iranische Engagement in ihrem Land ab und fürchten, dass der regionale Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien letztlich im Irak ausgetragen werden könnte.

Auch die hohe Geistlichkeit in Nadschaf distanziert sich zunehmen von iranischer Bevormundung, insbesondere dem Führungsanspruch der Mullahs über SchiitInnen in der gesamten Region. Subtile Kritik lässt sich auch aus dem bisherigen Verhalten des irakischen Großayatollahs Ali al-Sistani ablesen. Er sprach den pro-iranischen Kräften bei der Wahl keine Unterstützung aus. Ganz im Gegenteil verurteilte er sogar die Teilnahme von Teheran-nahen Milizen an den Wahlen. Gemeint ist das Fath-Bündnis (dt. „Eroberung“), das von Hadi al-Ameri, dem Chef der gefürchteten Badr-Brigaden, angeführt wird. Dieses kam auf Platz zwei und spiegelt den anderen Irak wider – ein Land, das in religiöser Gewalt zu versinken droht.

Weder Teheran noch Washington

Der Sieg Muqtada al-Sadrs wird vom Iran wie von den USA gleichermaßen mit Sorge aufgenommen. Gelingt es al-Sadr, eine breite Koalition zustande zu bringen, wird die künftige Regierung in Bagdad für beide Player schwer einzuschätzen und beinflussbar sein.

Wesentlich entspannter betrachtet man die Angelegenheit in Saudi-Arabien. Muqtada al-Sadr war in jüngerer Vergangenheit um ein besseres Verhältnis zu Riad bemüht. Er möchte zwischen Teheran und Riad eine Vermittlerrolle einnehmen. Ob dies von Iran und Saudi-Arabien gewünscht ist, ist aber zu bezweifeln. Auch die Ankündigung der Saudis, in der mehrheitlich von SunnitInnen bewohnten irakischen Provinz Anbar investieren zu wollen, dürfte Teheran reizen.

Vorsichtiger Optimismus

Noch ist allerdings nicht einmal klar, ob sich das Wahlergebnis in der neuen irakischen Regierung widerspiegeln wird. Insgesamt 87 Parteilisten traten bei den Wahlen an. Die Regierungsfindung gestaltet sich dementsprechend kompliziert und langwierig.

Alles in allem ist der Irak nach wie vor ein äußerst fragiles, gespaltenes Land. Der Sieg des Sairun-Bündnisses bietet aber auch Anlass für vorsichtigen Optimismus. Denn er zeigt, dass im Irak sehr wohl Politik jenseits von Konfessionen und Klientelismus möglich ist.

Die irakische Metropole Mossul ist nach einem fast neun Monate langen Kampf aus den Fängen des IS befreit worden. Berichte der EinwohnerInnen geben Einblick in das Leben während der IS-Besatzung und die blutige Rückeroberung der Stadt. Für den Irak beginnt ein neues Kapitel – doch nicht unbedingt ein stabileres, schreibt Tyma Kraitt.

Noch steht der Rauch über der Stadt, noch fallen vereinzelt Schüsse – trotzdem ist Iraks Premierminister Haider al-Abadi am Wochenende triumphierend in Mossul eingetroffen um den historischen Sieg über den IS zu verkünden. Die Armee rechnet zwar weiter mit Anschlägen untergetauchter KämpferInnen. Ein größeres Territorium werden die Dschihadisten hier so schnell aber nicht mehr halten. Jetzt werden die Karten neu gemischt.

Denn wer Mossul kontrolliert, der hat auch Zugang zu reichen Ölfeldern, wichtigen Raffinerien und der bedeutenden Irak-Türkei-Pipeline. Das Bündnis gegen den IS war stets widersprüchlich. Die Eigeninteressen einzelner Akteure stellten oftmals ein Hindernis im Vorgehen gegen die IS-Dschihadisten dar. Neben unterschiedlichen rivalisierenden Groß- und Regionalmächten wie den USA, Russland, Iran, Saudi-Arabien oder der Türkei, sind sich auch die Kräfte vor Ort uneins. Das Zweckbündnis zwischen der irakischen Armee auf der einen und der kurdischen Peschmerga (Militäreinheiten der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak) auf der anderen Seite dürfte bald schon zu Ende sein. Beide buhlen nun um die größtmögliche Kriegsbeute – zu Lasten der Bevölkerung.

Mossul zwischen Erleichterung und Angst

Seit Ausbruch der IS-Gewalt im Jahre 2014 befinden sich über drei Millionen Menschen innerhalb des Iraks auf der Flucht. Eine von ihnen war die 30-jährige Rana. Sie verließ Mossul erst Ende 2016 und ist vor kurzem wieder in den Osten der Stadt zurückgekehrt. Am Telefon erzählt sie wie zu Beginn der US-geführten Luftangriffe IS-Kämpfer ihr Haus besetzten: „Das haben sie mit den Leuten aus der ganzen Nachbarschaft gemacht. Wir waren alle mit unseren Kindern auf der Straße als die Armee angegriffen hat und die Amerikaner uns aus der Luft bombardierten. Wir wussten gar nicht wohin, es gab so viele Tote.“ Laut US-Armee wurden seit Beginn der Offensive 28.631 Raketen, Bomben und andere Munitionstypen abgefeuert. 1.525 Angriffe erfolgten von Boden und Luft. Mit Zahlen zu zivilen Opfern hält sich die Anti-IS-Koalition jedoch weitgehend zurück. Offiziellen Angaben nach sollen es über 400 sein – in Syrien und Irak. Experten gehen aber allein in West-Mossul von fast zehnmal so vielen Toten aus, für die in gleichem Maße auch die irakische Armee und der IS mitverantwortlich sind.

Trotz des hohen Blutzolls ist Rana froh über das Ende der „Besatzung”, wie sie sagt. Ihren Schilderungen nach gab es zwar mehr als genug KollaborateurInnen, aber viele Menschen empfanden den IS als Besatzungsmacht. Aktiver Widerstand war nicht möglich, denn „für eine Intifada [arab. Aufstand] haben uns die Waffen gefehlt” erklärt sie. Eine Vernetzung von AktivistInnen war schwierig, der öffentliche Raum wurde hermetisch kontrolliert und selbst das Telefonieren war verboten. Die Moscheen, die seit der Saddam-Diktatur zu den wenigen Orten zählten, die einen sicheren Raum für Opposition boten, wurden unter IS-Herrschaft zu den politischen Machtzentren. „Sie haben die Moscheen missbraucht, um uns auf den Krieg einzuschwören. Das Freitagsgebet war nur mehr eine Propagandaveranstaltung. Und sie wollten dort unsere Kinder für den Krieg rekrutieren”, schildert Rana weiter.

Auch ihre 32-jährige Schwester Alia hat Mossul nach der Übernahme des IS nicht verlassen. In einem Telefongespräch erzählt sie von den schiitischen Nachbarn, die hingerichtet wurden, den vielen Verboten, die den Alltag erschwerten und den Sittenwächtern, die elektrische Schlagstöcke gegen Frauen einsetzten, die sich nicht ordnungsgemäß kleideten. „Sogar die kleinen Mädchen mussten komplett in schwarz verhüllt sein. Ich wollte meine kleine Tochter nicht so anziehen und habe deswegen mit einem Wächter gestritten. Als ich ihm entgegnete, dass er mir nichts vom Islam erzählen braucht, da ich mein Leben lang Muslima bin, hat er mich niedergeschlagen.” Mittlerweile ist Alia durch die Befreiung der Stadt von diesem Zwang befreit – „wir tragen kein Schwarz mehr, ich habe all diese Kleidung weggeschmissen.”

Obwohl beide Schwestern die Vertreibung des IS begrüßen vertrauen sie der Regierung in Bagdad nicht und noch vielmehr fürchten sie Racheaktionen schiitischer Milizen.

IS ist weg, die Probleme bleiben

Dass sich der IS überhaupt im Irak festsetzen konnte, lässt sich auf die Nachkriegsordnung im Irak ab 2003 zurückführen. Zunächst war die irakische Gesellschaft durch Jahrzehnte von Krieg und Sanktionen bereits stark zerrüttet. Während der US-geführten Besatzung wurde dann ein ethnisch-konfessionelles Proporzsystem etabliert: Politik wird durch die Zugehörigkeit zu einer der größeren Volks- oder Glaubensgruppen bestimmt. Die sunnitisch-arabische Minderheit wurde dadurch politisch an den Rand gedrängt. Diese Marginalisierung wurde durch eine wirtschaftliche Benachteiligung verschärft. Denn das neue föderale System des Iraks wurde auch auf Wirtschaft und Ressourcenreichtum übertragen. So blieben v.a. jene Gebiete ohne Erdölressourcen, wie etwa die von arabischen SunnitInnen bewohnte Provinz Anbar, unterentwickelt. Diese Faktoren zusammen waren eine wesentliche Voraussetzung für den Aufstieg des IS in mehrheitlich sunnitischen Gebieten im Westen und Norden des Irak.

Es ist zu bezweifeln ob es zu einem Umdenken in den beiden Machtzentren Bagdad und dem kurdischen Erbil kommt. In beiden Fällen regieren religiöse und nationalistische Parteien, die von der Konfessionalisierung und Ethnisierung des politischen Systems profitieren und nach einer Erweiterung ihres Einflusses trachten.

Machtkämpfe und neue Frontverläufe

Im Vordergrund stand bisher die Beseitigung des IS. Doch im Hintergrund begann ein Wettlauf um die ehemaligen IS-Gebiete zwischen der irakischen Regierung und der Autonomen Region Kurdistan. Das hatte gravierende Folgen für die ansässige Bevölkerung.

Den ersten Schritt setzte die kurdische Führung bereits 2014 durch die Einverleibung der umstrittenen Stadt Kirkuk. Zuvor setzte sich knapp die Hälfte der Bevölkerung aus TurkmenInnen und AraberInnen zusammen. Laut Amnesty International wurden in den nordirakischen Gouvernements Kirkuk, Ninawa und Diyala tausende arabische Familien von Peschmergakämpfern vertrieben und ihre Häuser in Brand gesetzt. Dieses kompromisslose Vorgehen ist wieder von handfesten ökonomischen Interessen geleitet – in Kirkuk sollen sich mindestens 13 Prozent der gesamtirakischen Erdölreserven befinden.

Die irakische Regierung ist ebenso wenig zimperlich. So wurden die sogenannten Volksmobilisierungseinheiten – ein Zusammenschluss extremistischer schiitischer Milizen – in die irakische Armee eingegliedert. Sie werden für gröbere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung verantwortlich gemacht.

Die irakische Regierung möchte Erdölfelder und entsprechende Infrastruktur in den vom IS befreiten Gebieten so weit möglich wieder unter eigene Kontrolle bringen. Ziel ist das energiepolitische Potential des Iraks in baldiger Zukunft voll ausschöpfen zu können. Mit dem Verbündeten Iran will man die Erdölproduktion um ein Vielfaches steigern. Dadurch wollen sie den Gegner Saudi-Arabien als Marktführer in der OPEC schwächen. Ein Ziel, das ohne die riesigen Ölvorkommen in Kirkuk nicht zu realisieren ist. Höchstwahrscheinlich werden hier neue Kampflinien entstehen. Dieser Machtlogik folgend hat nun Saudi-Arabien seinerseits begonnen, enger mit der Autonomen Region Kurdistan zu kooperieren. Die Neuaufteilung des Iraks ist voll im Gange.

Tyma Kraitt ist Publizistin mit Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten. Sie studierte Philosophie in Wien und war als Redakteurin für das außenpolitische Ressort der “Zeit im Bild” (ORF) tätig.

 
Nach oben scrollen