Eine Gruppe liberaler KünstlerInnen, das„European Balcony Project“, verkündete gestern eine europäische Republik. Doch die positive Einschätzung sowohl der EU, als auch einer weitergehenden europäischen Integration beruht auf Missverständnissen und Propaganda. Eine Glosse von Sabine Fuchs.

Vor ein paar Wochen veröffentlichte der irische Popstar Bono unter dem Titel „Europa ist eine Idee, die zum Gefühl werden muss“ einen Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er kündigte darin an, dass er bei seinem nächsten Konzert auf der Bühne eine „große, leuchtend blaue EU-Fahne“ schwenken werde. Begründung: Die EU sei gleichbedeutend mit Frieden und Wohlstand, mit Flüchtlingshilfe und Klimaschutz. Gegen die EU zu sein, bedeute hingegen Nationalismus und Chauvinismus. Ähnlich argumentiert der Wiener Schriftsteller Robert Menasse. In einer Rede anlässlich der 60-Jahr-Feier der Unterzeichnung der Römischen Verträge sagte er, die Idee des damaligen europäischen Projekts sei ein „Friedensprojekt … zur Überwindung des Nationalismus“ gewesen, das man unbedingt weiterverfolgen müsse.

Nun gehört Menasse zu den InitiatorInnen des „European Balcony Project“. Das Projekt verkündete gestern, am 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, von „Balkonen öffentlicher Räume“ die europäische Republik. Mission Statement: Die Macht in den europäischen Institutionen müsse „erobert“ werden, um den gemeinsamen Markt und die gemeinsame Währung in einer gemeinsamen europäischen Demokratie zu gestalten.

Liberale Illusion, die Erste – mehr Integration macht die EU besser

Die InitiatorInnenen des „European Balcony Project“ argumentieren, dass nur in einer europäischen Republik die neoliberale Ausrichtung der EU eingedämmt werden kann. Wie das geschehen soll, sagen sie allerdings nicht. Sie gehen stillschweigend davon aus, dass sich eine Mehrheit gegen den Neoliberalismus schon ergeben wird, wenn erst einmal die nationalen Parlamente abgeschafft sind. Eine naive Illusion, schaut man sich die Mehrheitsverhältnisse in den bevölkerungsreichsten europäischen Ländern an. Und wie genau die Macht in den europäischen Institutionen „erobert“ und die Wirtschaft „gestaltet“ werden soll, bleibt ebenfalls unklar.

Die EU hat indes eigene Vorstellungen davon, wie es mit Europa weitergehen soll. Mehr Macht für Europa und weniger für die nationalen Parlamente will auch sie, allerdings um neoliberale Strukturen auszubauen und nicht, um diese einzudämmen. Das zeigte bereits der Fünf-Präsidenten-Bericht aus dem Jahr 2016, der den Ausbau der Union skizziert. Naive Rufe nach der Entmachtung nationaler Parlamente spielen genau dieser Politik in die Hände.

Viele Liberale glauben, dass nur die EU dem Erstarken von Rechtspopulismus und Nationalismus etwas entgegensetzen und ein friedliches Europa garantieren kann. Damit folgen sie genau jenen Argumenten, die das Informationsbüro des Europäischen Parlaments und die Vertretung der EU-Kommission in Deutschland 2017 in der Werbebroschüre „60 Gründe für die EU“ zusammengefasst haben. „Das gemeinsame Haus Europa sichert den Frieden – welch ein Geschenk!“ heißt es da, oder in Hinblick auf die übers Mittelmeer kommenden Geflüchteten: „Europa rettet Menschenleben“. Oder: „Wir streiten und finden zusammen – das ist wie in einer großen Familie!“. Doch die Selbststilisierung als FriedensbringerInnen und FlüchtlingsfreundInnen hält einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Liberale Illusion, die Zweite – die EU als Friedensbringer

Dass es seit dem Zweiten Weltkrieg keine militärische Auseinandersetzung zwischen Mitgliedern der EU gegeben hat, ist zweifelsohne ein großer Fortschritt, aber nur eine Seite der Medaillie. In den Römischen Verträgen wurde 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (als Vorläuferorganisation der EU) gegründet – zur Sicherung der Marktwirtschaft und als Machtfaktor im Kalten Krieg. In jüngerer Vergangenheit beteiligten sich zahlreiche EU-Staaten an den Kriegen in Afghanistan, im Irak und am desaströsen internationalen Militäreinsatz in Libyen. Und: Es bestehen engste Verflechtungen zwischen EU und NATO. Gegenwärtig wird in 74 Projekten zusammengearbeitet, die EU intensiviert die Kooperation weiter. Erst im Juli dieses Jahres unterzeichneten der Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker und Donald Tusk eine gemeinsame Erklärung mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Sie verkündeten eine Erhöhung des EU-Militärbudgets. Ein Friedensprojekt sieht anders aus.

Liberale Illusion, die Dritte – die EU als Schutz gegen Rechtspopulismus

Letztlich ist auch die Behauptung, dass uns nur die EU gegen rechte und nationalistische Tendenzen schützen kann, nicht zu halten. Es blieb ruhig, als der italienische Innenminister Matteo Salvini NGOs und PolitikerInnen, die Flüchtlinge Schutz boten, kriminalisierte. Schiffen, die geflohene Menschen aus dem Mittelmeer retten, verweigerte Italien die Erlaubnis zum Anlegen. Die EU schwieg.

Sie schwieg nicht zum Budgetentwurf der italienischen Regierung, der Neuverschuldung und Investitionen vorsah. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Austeritätspolitik und Kürzungen sind zentrale Elemente EU-Wirtschaftspolitik. Soziale Probleme, die durch diese Politik entstehen, werden von der EU wie von vielen nationalen PolitikerInnen ignoriert.

Die gefühlte EU – keine Lösung

Statt die neoliberale Realpolitik zu hinterfragen, propagiert die EU „mehr des Gleichen“. Das geschieht in Form von mehr europäischer Integration. Die Aktionen wie dem „European Balcony Project“ und Liberalen wie Bono dienen dabei als Schützenhilfe.

Doch statt gefühliger Propaganda aufzusitzen, sollten wir bei den Fakten bleiben. Während die EU jubelte, dass sich die Zustimmung zur Union auf Rekordniveau befinde, ist das nur die halbe Wahrheit. So halten zwar etwa 62 Prozent der Befragten der Eurobarometer-Umfrage die EU „prinzipiell für eine gute Sache“. Aber nur 28 Prozent glauben, dass sich die Dinge in der EU in die richtige Richtung entwickeln, 81 Prozent halten die Ungleichheit zwischen den sozialen Klassen für ein großes Problem. Und 64 Prozent denken, dass diese in fünf Jahren noch schlimmer sein wird als heute. Liberale, die von Balkonen naiv die europäische Republik verkünden, werden daran nichts ändern.

Die documenta, die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst, findet dieses Jahr neben Kassel auch in Athen statt. Trotz Kritik von verschiedenen Seiten zeigt die Ausstellung, was politische Kunst alles kann, meint Sabine Fuchs.

Seit 1955 findet die documenta im deutschen Kassel statt. Dieses Jahr gibt es unter dem Motto „Von Athen lernen“ einen zweiten, gleichberechtigten Ausstellungsteil in der griechischen Hauptstadt. Als Kurator Adam Szymczyk diese Entscheidung im Oktober 2014 bekanntgab, kam die Kritik zunächst vor allem von rechts. CDU-Politiker Norbert Wett polterte, man lasse sich die documenta nicht „nach Athen wegnehmen“. Obwohl etliche griechische KünstlerInnen wie Georgia Sagri oder Angelo Plessas auf der documenta14 vertreten sind, gab es auch kritische Stimmen aus der griechischen Kunstszene selbst – und die sind ernster zu nehmen als die leicht durchschaubaren politischen Vorwürfe.

Die documenta als Ausbeuterin der Krise?

So sieht etwa Iliana Fokianaki, Gründerin des nicht-kommerziellen Athener Ausstellungsprojektes state of concept, die documenta als Ausbeuterin der griechischen Krise. Die renommierte und finanziell etablierte deutsche Kunstinstitution würde die prekäre Situation lediglich nützen, um Prestige und kulturelles Kapital zu gewinnen. Angefeuert wurde die Debatte auch durch Missverständnisse über die Bezahlung des Aufsichtspersonals, doch diese konnten vor der Eröffnung ausgeräumt werden. Das Athener Personal erhält hat wie jenes in Kassel Arbeitsverträge mit angemessener Entlohnung und Versicherungsschutz.

Der Kurator der Athen-Biennale Poka-Yio wirft der documenta Kolonialismus und Krisenpornographie vor und nahm seine Kritik gleich wortstark in Konzept und Titel der sechsten Athen-Biennale auf: „Waiting for the Barbarians“. Im Rahmen von deren Vorprogramm fand eine Kunstaktion unter dem Titel „Resurrection with documena“ (Auferstehung mit documena) statt, die ihr künstlerisches Konzept direkt vom angeblichen Orientalismus und Kolonialismus der documenta14 ableitet – ohne diesen allerdings zu belegen.

Die Absicht ist solidarisch

Nun sind Reflexe gegen deutsche Großinstitutionen angesichts des Vorgehens der deutschen Regierung gegenüber Griechenland und des antigriechischen Rassismus vieler deutscher Medien nur zu verständlich. Ebenso klar ist, dass viele junge GriechInnen nicht nur von der Massenarbeitslosigkeit betroffen sind, sondern fehlende Zukunftsperspektiven auch traumatisieren können. Das gilt umso mehr für junge KünstlerInnen, die in der prekären wirtschaftlichen Lage kaum mehr von ihrer Kunst leben können. Unter diesen Voraussetzungen will man sich nicht auch noch sagen lassen, wie Kunstausstellung geht.

Trotzdem trifft die Kritik nicht zu und hinterlässt zudem einen schalen Beigeschmack. Die Nationalisierung der Krise verstellt den Blick darauf, dass der Kapitalismus ein globales Phänomen ist. Um ihn zu bekämpfen muss man das anerkennen – und über nationale (und europäische) Grenzen hinaus solidarisch handeln. Und als solidarischer Akt war Adam Szymczyks Entscheidung für Athen gedacht.

Politisch im besten Sinn

Dabei stellt sich die Frage, wie Kunst überhaupt politisch wirken kann. Direkt in den politischen Prozess einzugreifen ist ihr nicht möglich. Was sie aber kann, ist Diskurse eröffnen und vorantreiben, partizipatorische und emanzipatorische Prozesse anregen und gesellschaftliche Debatten auf einer anderen Ebene als die üblichen Politdiskussionen führen. Die documenta14 hat das Ziel, in genau diesem Sinne politisch zu sein. Sie will nicht nur politische Kunst ausstellen, sondern auch die Öffentlichkeit einbeziehen. Eines der Signale dafür sind die sehr moderaten Eintrittspreisen: Viele der Ausstellungsorte in Athen sind gratis zugänglich. Den höchsten Eintrittspreis hat das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst mit 8 Euro.

Von Demokratie bis Kolonialismus

Die Öffentlichkeit wird auch durch unterschiedliche Präsentationsformen und einen sehr weit gefassten Kunstbegriff einbezogen. So finden schon seit Oktober 2016 öffentliche Programme statt, die politische Probleme der Gegenwart mit den Mitteln künstlerischer und intellektueller Intervention zur Diskussion stellen. Dabei geht es um Demokratie und Krieg, um kooperatives Denken und Handeln oder um den Zusammenhang von Kapitalismus und Kolonialismus. Die Athener Sozialwissenschaftlerin Nelli Kambouri beschäftigt sich in einem der Programme mit der Krise in Griechenland aus der Perspektive postkolonialer Theorie. Damit konterkariert sie den Kolonialismus-Vorwurf gegen die Ausstellung. Ebenfalls an den documenta-Programmen beteiligt waren Antonio Negri, die Philosophin Judith Revel und der kamerunische Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus Achille Mbembe.

Dazu kommt ein Radioprogramm, das weltweit auf insgesamt zehn Sendestationen ausgestrahlt wird. Unter dem Titel „Every Time a Ear di Soun“ geht es um Fragen wie: Eignen sich gesprochene Sprache, Musik und andere akustische Phänomene zum Schreiben gegenhegemonialer Geschichte(n)? Kann das Radio ein Ort des Widerstands sein? Außerdem werden auf dem staatlichen griechischen Fernsehsender ERT2 unter dem Titel Keimena wöchentlich Dokumentar- und Spielfilme präsentiert, die sich mit dem Aufeinanderprallen von individuellem Alltagsleben und globalen Machtstrukturen auseinandersetzen.

Ungewöhnliche Orte für Kunst

Die politische Dimension der documenta zeigt sich auch an ihren Veranstaltungsorten. Dabei handelt es sich nicht nur um klassische Orte moderner Kunst wie das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst EMST, das gebaut aber nie eröffnet wurde, weil der griechische Staat unter dem Kürzungsdiktat der Troika den Betrieb nicht finanzieren kann. Nun wurde es durch die documenta zumindest zeitweise in Betrieb genommen; im Gegenzug werden 230 Werke aus der Sammlung des EMST bei dem in Kassel stattfindenden Teil der documenta gezeigt.

Menschen essen im Freien gemeinsam an Tischen
Bei „Food for Thought: Thought for Change“ treffen bedürftige Einheimische und Tourist Innen bei einem Essen aufeinander. Foto: Yiannis Hadjiaslanis

Die documenta14 präsentiert sich aber auch im öffentlichen Raum der Stadt – etwa am Kotzia-Platz gegenüber dem Athener Rathaus. Dort lädt der pakistanische Künstler Rasheed Araeen, inspiriert von der Idee des Gastmahls unter dem Titel „Food for Thought: Thought for Change“ zum Essen. Gewünschter und eintretender Effekt: Zufällig vorbeikommende TouristInnen sitzen mit GriechInnen aus der Umgebung, die sie sich ihre Mahlzeiten sonst kaum noch leisten können, an einem Tisch und kommen mit ihnen ins Gespräch.

Ruine eines ehemaligen Fabriksgebäudes
75 WiderstandskämpferInnen wurden 1944 in diesem Gebäude in Kokkinia von Nazi-Truppen hingerichtet. Foto: Angelos Giotopoulos

Auch kleine und abseits gelegene, aber historisch wichtige Orte werden einbezogen, so das Museum des demokratischen Widerstands gegen die Diktatur im Eleftherias-Park. Oder die Gedenkstätte der Razzia von Kokkinia, einer traditionell linken Arbeitergemeinde, die an ein Kriegsverbrechen der deutschen Besatzungstruppen 1944 erinnert. Damals wurden 75 WiderstandskämpferInnen festgenommen und erschossen, 7.000 AnrainerInnen ins KZ und 1.200 weitere als ZwangsarbeiterInnen nach Deutschland verschleppt. Hier zeigt die Künstlerin Mary Zygouri eine Performance, die in doppelter Weise auf die Geschichte des Ortes verweist: Nicht nur auf das Verbrechen der deutschen Besatzung, sondern auch auf die Zensur einer dortigen Kunstaktion durch ehemalige KollaborateurInnen 1979.

Bilder an der Wand
Kolonialismus als Ölbilder: Eine Auswahl der 101 Werke des kongolesischen Künstlers Tshibumba Kanda Matulu. Foto: Stathis Mamalakis

Die Themen der beteiligten KünstlerInnen sind vielfältig. In der Installation des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh im Odeion geht es um den Finanzkapitalismus. Kolonialismus ist das Thema der 101 Ölbilder umfassenden Bilderserie über die Geschichte des Kongo von Tshibumba Kanda Matulu im Benaki-Museum an der Piräus-Straße. Mit der Ausrottung ethnischer Minderheiten und ihrer Kulturen befasst sich die chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña in ihrer ästhetisch besonders eindrucksvollen, fast zehn Meter hohen Installation aus ungesponnener roter Wolle.

Installation im Museum
Zehn Meter rote Wolle: Thema der Künstlerin Cecilia Vicuña ist die Ausrottung von Minderheiten. Foto: Mathias Voelzke

Aber es geht auch um die griechische Gegenwart selbst: Die marokkanische Künstlerin und Filmemacherin Bouchra Khalili zeigt in einem inszenierten, aber auf Interviews beruhenden Video („The Tempest Society“, zu sehen in der Hochschule der bildenden Künste ASFA) die Lebenssituation junger Menschen in Athen auf stilisierte, gleichzeitig aber sehr direkte Weise. Khalilis Film macht deutlich, dass eine ästhetisierte – also künstlerische – Darstellungsform Politik und ihre Auswirkungen oft viel unmittelbarer einsichtig machen kann als etwa ein abstrakter Vortrag. Damit zeigt sie auch die Bedeutung von politischer Kunst.

Fazit: Kapitalismus funktioniert nicht

Die documenta14 veranschaulicht an jedem ihrer Orte und in fast allen dort gezeigten Kunstwerken fundamentale Kritik an den herrschenden Zuständen. So formuliert sie die Erkenntnis: Der Kapitalismus funktioniert nicht. Und sein Nicht-Funktionieren hat eine ziemlich lange Geschichte. Das ist für eine Kunstausstellung nicht wenig.

Sabine Fuchs ist Historikerin. Sie lebt und arbeitet in Wien und ist bei Aufbruch aktiv.

 
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