Das Video, in dem die Polizei T-Ser und seine Labelkollegen willkürlich kontrolliert, entfacht erneut eine Debatte um Racial Profiling und Rassismus in Österreich. Die Rapper wollen sich jetzt wehren. Nour Khelifi hat sich für mosaik mit ihnen getroffen.

Am Sonntagnachmittag beschließen die österreichischen Rapper T-Ser, Meydo und Sidney ein Meeting ihres Labels Akashic Records nicht im Büro, sondern im Josef-Strauß-Park in Wien-Neubau abzuhalten. Es wird nicht lange gut gehen. Denn schon nach kurzer Zeit sieht T-Ser einige Polizist*innen in der Nähe, die direkt auf die Gruppe zukommen. Sie möchten eine Personenkontrolle durchführen. Nach kurzer Zeit rücken noch mehr Polizist*innen und Streifenwagen an, es kommt zu Übergriffen der Polizei. Immer wieder fragen die Betroffenen nach und beschweren sich, warum sie kontrolliert werden.

#nichtmituns

Die restlichen Szenen kennt man aus dem Video, das die Rapper gemacht und unkommentiert mit dem Hashtag #nichtmituns online gestellt haben. „Für uns war ganz klar, dass das eine Kontrolle aufgrund unserer Hautfarbe war. Racial profiling ist für uns nichts Neues“, sagt Rapper T-Ser. Beim „Racial Profiling“ oder „Ethnic Profiling“ werden Personen aufgrund von Kriterien wie Religion, Hautfarbe oder nationaler Herkunft als verdächtig eingestuft und nicht basierend auf einem konkreten Verdacht einer strafbaren Handlung.

Wie der Augustin berichtete, ist laut einer Studie der EU-Agentur für Grundrechte Österreich bei Racial Profiling ganz weit oben im Ranking. In der EU wurden über 250.000 Menschen dazu befragt, ob sie sich bei Polizeikontrollen diskriminiert fühlen. In Österreich geben 56% der 500 Befragten – Schwarze und Menschen mit türkischem Hintergrund – an, dass sie aufgrund ihres Aussehens oder der Religion angehalten wurden. Innerhalb der letzten fünf Jahre geben außerdem 66% der Studienteilnehmer*innen an, dass sie von der Polizei kontrolliert wurden. Mehr als die Hälfte davon meint, dass das mit ihrem Aussehen zu tun hat.

T-Sers souveräne Art im Video bestätigt seine Erfahrung im Umgang mit der Exekutive. „Man muss seine Rechte kennen und wissen, was die Polizei darf oder nicht darf.“ Sidney und Meydo stimmen ihm zu, diese Art von Wissen sei eine Präventionsmaßnahme bei möglichen Missbrauchsfällen durch die Exekutive.

Fehlende Zivilcourage

Für die drei Künstler ist klar, dass die Polizei sie aufgrund ihrer Hautfarbe kontrolliert hat. Zum Zeitpunkt der Kontrolle war der Park, wie im Video zu sehen, relativ gut besucht. Andere Kontrollen gab es aber nicht. „Niemand ist uns beigestanden. Erst danach haben uns die Leute gut zugesprochen und gesagt, wie unfair das gewesen sei“, sagt Sidney. „Sowas klingt dann immer wie ‚Sorry, dass du schwarz bist‘.“ Auch Meydo beschäftigt die fehlende Zivilcourage. Er verstehe, dass die Leute Angst haben. Trotzdem müsse man in solchen Momenten eingreifen und Solidarität zeigen. „Denn wir alle wissen, wären da Bio-Österreicher gesessen, hätte die niemand kontrolliert.“

Den Rappern ist mit dieser Aktion wieder bewusst geworden, wie institutionalisierter Rassismus aussieht und dass sie das Vertrauen in den Rechtsstaat Österreich verloren haben. „Die wollten ihre Macht uns gegenüber demonstrieren und uns einfach aus dem Park rausekeln“, stellt T-Ser fest. Für die Betroffenen hat der Zwischenfall ein rechtlichen Nachspiel: Sie haben auch noch eine Anzeige wegen aggressiven Verhaltens, Anstandsverletzung, Lärmerregung und Missachtung der Wegweisung bekommen. Sie haben angekündigt, diese nicht zu akzeptieren und werden rechtliche Schritte dagegen einleiten.

Rassismus macht krank

Mit dem Hashtag #nichtmituns wollen sie nun eine Bewegung starten, um dem Thema Rassismus und Racial Profiling in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Uns haben danach so viele Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit der Polizei geschickt. Es ist ein Wahnsinn, wie weit verbreitet dieses Problem ist“, berichtet Meydo. „Auch sehr viele Hijabis haben mir von ihren Problemen erzählt und gesagt, wie sehr sie mit uns fühlen, weil sie ganz genau wissen, wie das ist, wenn man aufgrund seines Aussehens diskriminiert oder kontrolliert wird“, sagt Sidney.

T-Ser fügt hinzu, dass solche rassistischen Erlebnisse nicht nur das Dasein in der Öffentlichkeit erschweren, sondern auch etwas mit der Psyche machen. Menschen entwickeln Paranoia und Psychosen, haben immer wieder Angstattacken, bleiben lieber zuhause, weil sie sich draußen nicht frei bewegen können.

Demo und Diskussionsveranstaltung

Mit der #nichtmituns-Aktion sollen laut T-Ser Betroffene von ihren Erfahrungen sprechen und Nichtbetroffene sich ein Bild über die Lebensrealitäten anderer machen. Es soll ein Anstoß sein für mehr Aktivismus und Sensibilisierung in der Öffentlichkeit. In diesem Rahmen werden die Künstler deshalb auch bei der kommenden „Wieder Donnerstag“-Demo am 18. Oktober auftreten, um ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung zu setzen.

„Diese Sachen hat es schon vor Schwarz-Blau gegeben, Rassismus ist nix Neues“, sagt T-Ser. Viele Menschen seien sich noch immer nicht über den Ernst der jetzigen Lage in der Gesellschaft bewusst. „Unsere Generation ist gerade dabei an diesen Konstrukten zu rütteln und darauf hinzuweisen, dass wir dieselben Struggles erleben, die unsere Eltern damals und heute auch noch erleben. Und wir sagen heute einfach: Nicht mit uns! Nicht mehr!“

Veranstaltungstipp: Nächste Woche diskutieren T-Ser, die Wiener Landtagsabgeordnete Faika El-Nagashi, der Islamwissenschafter und mosaik-Redakteur Rami Ali und die Juristin Maria Sagmeister über #nichtmituns und rassistische Polizeikontrollen. Moderiert wird die Diskussion von Flora Petrik, veranstaltet von Mosaik und der Jungen Linken Wien in Kooperation mit Cup of Cultures.

Zeit und Ort: transform, Gusshausstraße 14, 1040 Wien, ab 18:30 Uhr. Mehr Infos hier.

Politik, Gesellschaft, Medien und Islam sind mittlerweile ein berühmtes Quartett, das immer wieder die Gemüter erhitzt und die Emotionen hochkochen lässt. Spätestens seit dem Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ von Susanne Wiesinger müssen wir hinterfragen, in welchem Licht wir bestimmte und dringende Probleme öffentlich diskutieren. Dabei spielt auch der Verlag von Wiesinger eine wichtige Rolle.

Es gibt zu viel Islam an den Schulen Wiens, muslimische Kinder spielen zu viel Playstation, muslimische Kinder sind nicht integriert. Die NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger erzählt in ihrem neu erschienen Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ über das Integrationsversagen an den Wiener Schulen und inwieweit dem Islam das zu zuschreiben ist. Als Lehrerin an einer sogenannten „Brennpunktschule“ in Wien-Favoriten beschreibt sie den Alltag mit ihren Schüler*innen und welche Hürden dabei aufkommen. Hauptansporn für dieses Buch ist ihre Sorge um ihre Schüler*innen. Sie sollen, wie die Autorin schreibt, nicht auf der Strecke bleiben. Wiesinger reißt immer wieder an, dass die Bildungspolitik schon lange nicht mehr der Realität entspricht.

Das Problem schlechthin

Kritik an dieser Stelle ist wichtig und gut, aber muss man dafür Schüler*innen stigmatisieren, insbesondere muslimische Kinder? Die Integrationsdebatten werden seit der “Islam-Kindergärten“-Studie auf dem Rücken von Kindern ausgetragen. Anstatt am Ansatz des Problems zu arbeiten, wird mit dem Islam als der Gefahr schlechthin argumentiert. Probleme gäbe es dabei genug: fehlende Inklusionsbestrebungen, Mangel an Fachkräften sowie schlechte Arbeitsbedingungen für Pädagog*innen. Es gerät außerdem außer Acht, dass Rassismus und strukturelle Diskriminierung an den Schulen Österreichs und in den Schulbüchern stattfinden. Bildung und Armut sind zudem stark von der sozioökonomischen Lage der eigenen Eltern abhängig. Sexismus, Armut und Bildungsdefizite sind Probleme, die sich durch die komplette Gesellschaft in Österreich ziehen. Wir müssen aufhören, diese nur an einer Bevölkerungsgruppe festzumachen.
 Auch wenn Susanne Wiesingers Ansatz vielleicht ein anderer war, der Grundton des Buches ist nicht der richtige Weg, um pädagogisch wertvolle Arbeit zu leisten.

Wiesinger in der Öffentlichkeit

Susanne Wiesinger kann aber auch anders. In einem Kurzinterview mit Sybille Hamann von SOS-Mitmensh fasst die NMS-Lehrerin und Autorin Wiesinger ganz sachlich und ohne Aufregung in zehn Punkten zusammen, welche Forderungen sie im Bildungsbereich für eine bessere Zusammenarbeit und bessere Zukunft für Schule, Lehrpersonal und Schüler*innen stellt. Ob sich die Autorin der Polemik in ihrem eigenen Buch bewusst ist, sie je nach Interviewanfrage von verschiedenen Medien ihre Rhetorik anpasst oder Anweisungen von ihrem Verlag selbst kommen, sei dahingestellt.

Klar ist aber, dass Wiesinger keine Erfahrung mit der Öffentlichkeit oder den Medien hat. Bei polarisierenden und sensiblen Themen wie Migration, Schule und Islam kann das schnell entgleisen. Viele Medien stürzen sich dann begeistert auf die scheinbar kontroversen Aussagen. Wenn an den Schulen der Migrationsanteil angestiegen ist, dann muss man überlegen, wie man den überforderten Lehrkräften unter die Arme greifen kann. Diversität im Klassenzimmer kann man nur mit Diversität im Lehrerzimmer entgegenwirken. Ansonsten schürt die Autorin nur weitere Ressentiments, wie das in „Kulturkampf im Klassenzimmer“ passiert. Wenn es um den Bildungsbereich geht, dann werden in der öffentlichen Debatte Schicht- und Klassenprobleme schnell auf die Religion zurückgeführt. Kindern und Jugendlichen wird damit jede Identität entzogen, weil sie nur auf ihr Muslim-Sein reduziert werden.

Gezielte Provokation?

Bemerkenswert ist aber auch der Verlag, in dem „Kulturkampf im Klassenzimmer“ veröffentlich wurde. Das Buch erschien im Verlag Edition QVV. Finanziert wird er von der Quo Vadis Veritas Privatstiftung von Redbull-Eigentümer Dietrich Mateschitz. Auch das Onlinemedium Addendum betreibt die Stiftung. In dem Zusammenhang ist Susanne Wiesinger erstmals im März 2018 auf Addendum medial aufgetreten, um über den vermeintlich wachsenden Einfluss des Islam an den Wiener Schulen zu reden. Nur einige Monate später veröffentlich sie zum selbigen Thema ein Buch.

Addendum beschreibt sich selbst als unabhängiges Medium, dass durch intensiver Recherche und Fakten, einen wesentlichen Beitrag für eine qualifizierte politische Debatte leisten möchte. Ähnlich wie Wiesinger betont das Onlineportal, dass es darum geht, unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht zu bringen. Ähnlich wie Wiesinger dient der Islam dabei immer wieder als Schreckgespenst. Wir müssen uns stärker damit auseinandersetzen, wie und wann Probleme in Medien und Politik besprochen werden und unter welchen Gesichtspunkten diese thematisiert werden. Wenn es lediglich darum geht, bestsellerartig Vorurteile zu bekräftigen, dann haben wir ein ernstzunehmendes Problem in der österreichischen Gesellschaft. Denn damit wird jeder Boden für eine vernünftige und lösungsorientierte Diskussion entzogen.

Nour Khelifi (24) ist freie Journalistin, Kolumnistin und Content-Creator in Wien. Sie ist als freie Redakteurin u.a beim ORF, MO-Menschenrechtsmagazin und der Wiener Zeitung tätig. Für ihre Investigativ-Reportage „Inside Islam-Kindergärten“, für eine Differenzierung der Integrationsdebatte, wurde sie 2016 mit dem Leopold-Ungar Ehrenpreis ausgezeichnet.

 
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