Er war nie ein Boring Old Fart, ist aber trotzdem gestorben. Ein persönlicher Nachruf auf den Künstler, Musiker und Revolutionär von mosaik-Redakteur Martin Birkner.

Ende der 80er-Jahre: Vier Buben aus der niederösterreichischen Provinz bereiten sich auf ein Konzert in der Hauptstadt vor. Angefaulte Äpfel und Birnen werden behutsam in Plastiksäcke verpackt und tagelang in die Sonne gelegt, vergammelter Quargelkäse reift am sonnenbeschienenen Fensterbrettl für seinen Einsatz. Müffelndes Bundesheer-Tarngewand wird mit anarchistischen und anderen linksradikalen Symbolen geschmückt. Alles für den großen Tag: Drahdiwaberl live!

Als die Hells Angels-Ordner beim Eingang unsere Taschen kontrollieren, sind sie weniger schockiert als freundlich erstaunt über deren Inhalt und winken uns lachend durch. Ein Drahdiwaberlkonzert stand eben für Grenzüberschreitung, und warum, so fragten wir uns, soll das allein für die Akteur_innen auf der Bühne gelten?

Und so warfen wir aus der dritten Reihe Obst und verfaulten Käse auf Stefan Weber und Co, die uns das freudig erregt mit Schweinsleberfetzen und Schlagobers vergalten. Auf der Bühne totales Chaos, viel (nacktes) Fleisch, viele Körpersäfte, Mehl, Rauch, Feuer. Mulatschag, ein Mordskater und blaue Flecken inklusive. Keine Ahnung, wie wir wieder nachhause gekommen sind.

Musikalischer Fixpunkt der radikalen Linken 

Drahdiwaberl waren für junge rebellische Linke dieser Zeit ein fixer Bezugspunkt. Wem, wie mir, die Proletenpassion zu traditionalistisch und Sigi Maron zu liedermacherisch war, dem fiel im hiesigen Musikbetrieb die Wahl nicht schwer. Klar, direkt, radikal, ja grenzüberschreitend – Herz, was willst du mehr? Stets bezugnehmend auf aktuelle politische Skandale, aber auch Bewegungen, ständig bestrebt, die Grenzen des guten bürgerlichen Geschmacks zu überschreiten. Und im Gravitationszentrum des beständig unbeständigen Kollektivs (Falco! Heli Deinböck!! Jazz Gitti!!!) ein Berserker; ein mit Klobürste, Hammer und Sichel, Nietenjacke und Dildos bewehrter Schizopunk, ein Zeichner, ein Zeichenlehrer, ein Professor: Stefan Weber.

Als antiintellektueller organischer Intellektueller zielsicher am politischen Puls der Zeit, sich prinzipiell nix scheissend um theoretische Moden oder politische Korrektheit, immer aber klar gegen die herrschenden Zustände anschrei(b)end. Vielleicht war ein Drahdiwaberlkonzert deshalb eines der seltenen Momente, wo „ganz normale“ Prolos, universitäre Linke und subkulturell sozialisierte Szeneleute zu einer Multitude im widerständigen Rausch verschmolzen. Für mich, für uns war das „Schulschluss-Openair“, stets als das für alle Zeiten letzte der Band angekündigt, lange ein Fixpunkt des Konzertjahres.

Land der Krone, Land des Staberl, Land der Gruppe Drahdiwaberl

Musikästhetisch fiel Drahdiwaberl bei mir bald unter ein ähnliches Verdikt wie die oben genannten Schmetterlinge. In den 90ern interessierte ich mich mehr für Indierock und Britpop, die rockopernhafte Inszenierung der „Waberln“ mit ihrer hard-artrockigen Musikästhetik wurde mir zunehmend fremd. Und dennoch: Keine andere Band hierzulande schaffte es, ihren politischen Anspruch musikalisch (und theatralisch) so glaubhaft auf die Bühne zu bringen wie Drahdiwaberl.

Wenn auch im Post-1989-Zeitalter des ausgerufenen „Endes der Geschichte“ der Glaube an die politische Wirksamkeit von Kunst zunehmend schwand, so war es vielleicht gerade das trotzige Beharren auf direkte politische Intervention und Provokation, das Drahdiwaberl so lange nicht alt aussehen ließ.

Sie sind eine Band der sozialen Bewegungen geblieben. Von den Opernballdemos über die rechtsextreme Regierung der Jahre 2000ff., von US-amerikanischen Kriegen über kirchliche Missbrauchs-Skandale: Webers Texte waren stets straight into the face des Klassenfeindes. Trotz des klar zur Schau getragenen kommunistischen Bekenntnisses war es für Drahdiwaberl klar, gegen den Verkauf des besetzten Wiener Ernst-Kirchweger-Hauses durch die KPÖ zu protestieren. Das einzige mal übrigens, an dem ich, fesch vermummt, die Seiten wechseln durfte, nicht politisch, aber auf die Bühne. Sprayback! EKH bleibt!

Kein Ende der Geschichte!

Mein bester Freund, einer der eingangs erwähnten vier, war schon bald mehr als einen Schritt weiter: Mit einem Eurofighter aus Pappendeckel als Schwanzersatz, gekleidet in seine miliz-soldatische Originaluniform (inkl. Orden), überzeugte seine Performance des – gelinde gesagt – bundesheerkritischen „Stechschrittmambo“ am Volksstimmefest Stefan & Co, sodass er vor über zehn Jahren sich ins Drahdiwaberlsche Universum eingliedern konnte. Sein kometenhafter Aufstieg vom Fan zum Member of the Band wurde allerdings begleitet von der sich zunehmend verschlimmernden Parkinson-Erkrankung Stefan Webers – der sich allerdings bis vor einigen Jahren der Krankheit zum Trotz nicht von der Bühne zurückzog.

Jetzt ist Weber, völlig zurecht Träger des Silbernen Ehrenzeichens der Stadt Wien (Ja, die Verleihung im Rathaus war auch eine Hetz!) mit 71 Jahren gestorben. Er war nie ein Boring Old Fart, er machte nie seinen Frieden mit dem System. Drahdiwaberl ist Geschichte, die Geschichte aber ist noch nicht zu Ende. Auch dank Stefan Weber.

 

Korrektur: Stefan Weber erhielt das Silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien, nicht das Goldene, wie zunächst behauptet.

Die folgenden Thesen verstehen sich als Diskussionsbeitrag in der aktuellen Debatte über die Re-Organisierung der Linken in Österreich.

1. Soziale (Massen)Bewegungen sind die zentralen AkteurInnen gesellschaftlicher Veränderung

Bedeutende soziale Fortschritte wurden und werden in erster Linie durch soziale Bewegungen erkämpft und nicht durch Parteien; letztere dienten bestenfalls der Sicherung dieser Errungenschaften im Rahmen von Gesetzen. Soziale Bewegungen gehorchen jedoch eigenen Regeln, sie sind zyklisch und meistens eher kurzlebig. Das muss kein Nachteil sein, hat aber ein Problem: Erfolgreich erkämpfte Errungenschaften, können nur von Dauer sein, wenn sie in den existierenden Institutionen verankert werden. Diese Prozesse gehen immer auch mit einer Veränderung dieser Institutionen selbst einher – und genau daran müsste sich eine zukunftsorientierte Politik orientieren: Die Offenheit gegenüber sozialen Bewegungen und die Bereitschaft zur (Selbst)Transformation als zentrale Elemente einer neuen linken Politik. Einer Politik, die keinen Alleinvertretungsanspruch stellt, sondern sich als Dienstleisterin für soziale Bewegungen begreift. Das bedeutet sich als Organisation zu beschränken, mit dem Ziel Räume für kommende Bewegungen und Kämpfe zu öffnen.

Soziale Bewegungen können nicht geplant werden

Soziale Bewegungen gehorchen ihren eigenen Rhythmen, sie entwickeln autonome Organisierungsformen und einen politischen Eigensinn. Sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern durch die geduldige Arbeit von AktivistInnen und organisatorischen Zusammenhängen. Soziale Bewegungen können jedoch nicht am Reißbrett entworfen werden. Dem ist auch im Rahmen der Re-Organisierung der Linken Rechnung zu tragen. Da in Österreich soziale Bewegungen traditionell schwach sind, können wir diese neue politische Macht nicht aus einer Massenbewegung heraus aufbauen. Es wird jedoch überlebensnotwendig sein, Offenheit zu den kommenden Bewegungen zu bewahren. Dies bedeutet nicht die Bevormundung sozialer Bewegungen, sondern ein Handeln auf gleicher Augenhöhe sowie die Akzeptanz unterschiedlicher Rhythmen von Bewegungen und Organisationen.

2. Es gibt keine ArbeiterInnenbewegung mehr

Die nicht demokratisch legitimierte Institution der SozialpartnerInnenschaft diente lange der Integration des Großteils der ArbeiterInnenklasse in das herrschende System. Eine wirkliche ArbeiterInnenbewegung gab es in der zweiten Republik nur in Spuren. Die Gewerkschaften waren fest in die kapitalistischen Herrschaftsmechanismen eingebunden und tolerierten dementsprechend auch keine autonomen Kämpfe der ArbeiterInnen. Die SozialpartnerInnenschaft existent heute nur als “Zombie”, in der mehr als Abwehrkämpfe in diesem Rahmen nicht mehr möglich sind. Wie fest die SozialpartnerInnenschaft dennoch im Denken und Handeln von ÖGB und AK verankert ist zeigt jedoch etwa die Steuerreform. Zentrale Auseinandersetzungen jenseits von „mehr im Börsel“, wie z.B. drängende ökologische Fragen, die Sicherung und Verbesserung sozialer Dienstleistungen oder Geschlechtergerechtigkeit sind mit ihnen nicht durchsetzbar. Es existieren zwar Ansätze von Widerstand jenseits der etablierten Organisationen (rund um Themen wie Prekarisierung oder Carearbeit), diese sind jedoch noch weit davon entfernt, eine gemeinsame politische Agenda und dementsprechende Kampfformen auszubilden.

Die gesellschaftliche Arbeit ist das Zentrum der sozialen Frage

Die gesellschaftliche Arbeitsteilung wie auch ihr Gegenbegriff, die Zusammensetzung der lebendigen Arbeit stehen nach wie vor im Zentrum kapitalistischer Gesellschaftsformationen. An ihr orientieren sich in letzter Instanz die großen politischen Weichenstellungen. Solange das neoliberale Paradigma dabei nicht gebrochen werden kann, wird der Zwang zur Lohnarbeit einhergehen mit der Abwertung unbezahlter Arbeit sowie die Produktion gesellschaftlichen Reichtums mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Armut. Daran wird auch die beste Antidiskriminierungspolitik nichts ändern. Durch die Vervielfältigung von Arbeitsverhältnissen und Formen der Arbeitsorganisation ist der kulturelle Zusammenhang der traditionellen ArbeiterInnenbewegung verloren gegangen. Die vielzitierte “Einheit der ArbeiterInnenklasse” war zwar immer schon ein Konstrukt auf Kosten der vielfältigen Lebensrealitäten von ArbeiterInnen (nicht zuletzt bestimmt durch geografische Verortung, Geschlecht, Alter und Qualifikation), dennoch funktionierte diese Konstrukt im Rahmen der klassischen ArbeiterInnenorganisationen zumindest soweit, dass die Repräsentation proletarischer Interessen durch Parteien, Gewerkschaften und Vorfeldorganisationen politisch wirksam werden konnte. Mit einer dermaßen institutionalisierten ArbeiterInnenbewegung war wahrhaftig ein Staat zu machen. Die Ideologie eines neutralen Staates, der durch die institutionelle Besetzung durch die ArbeiterInnenorganisationen zu einem Medium der Emanzipation werden kann, ist nicht länger aufrecht zu erhalten. Sowohl der “Realsozialismus” als auch das Scheitern der Sozialdemokratie zeigen heute die Beschränktheit staatlichen politischen Handelns auf, wenn es um die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung geht. Eine Re-Organisierung der Linken, die die soziale Frage wieder ins Zentrum rückt, muss zwar wohl oder übel auch im staatlichen Rahmen agieren, ist jedoch gut beraten, diesen als zu überschreitendes Problem und nicht als Horizont zu verstehen. Eine Fokussierung auf die soziale Frage bedeutet dementsprechend eine die aktuellen Tendenzen der Transformation der Arbeit in Rechnung stellende Strategie, die sich nicht auf den nationalen wohlfahrtsstaatlichen Umverteilungsreformismus begrenzt.

3. Eine neue linke repräsentative Formation ist notwendig

Ich schreibe im Folgenden von der Notwendigkeit einer „neuen repräsentativen Formation“ (NRF), um die Differenz zur klassischen Partei sichtbar zu machen. Klassische Parteien beruhten auf der Repräsentation sozialer Großgruppen und ihrer Bewegungen im bürgerlichen Staat. Diese Form der Repräsentation ist mit dem Ende des Fordismus unwiederbringlich in die Krise geraten: sowohl durch die Bewegungen von und nach 1968 als auch durch die siegreiche neoliberale Konterrevolution dagegen.

Heute verweist der neoliberal gewendete Kapitalismus jede Möglichkeit einer kulturell vermittelten Einheit der Arbeitenden ins Reich der Legenden. Die Re-Organisierung der gesellschaftlichen Linken kann sich nicht mehr auf die identitätsstiftende Gemeinsamkeit von Arbeits- bzw. Ausbeutungserfahrungen gründen, zu unterschiedlich sind auch die Bedürfnisse und Interessen einzelner Klassensegmente. Dies bedeutet auch, dass es kein revolutionäres Subjekt im Singular mehr gibt. Eine NRF muss ihren Zusammenhalt daher aus anderen Quellen speisen:

– Klare Frontstellung gegenüber dem politischen Gegner, den kapitalistischen und staatlichen Eliten
– Anerkennung von Unterschiede bei der Suche nach gemeinsamen Handlungsfeldern
– kollektive soziale Experimente
– erfolgreiche und somit gemeinschaftsstiftende Kampagnen
– Re-konstruktion einer neuen großen Erzählung vom „Guten Leben für Alle“

Eine NRF kann das politische Vakuum links von SPÖ und Grünen füllen, wirksame Deutungsangebote für all jene machen, die von der Politik der großen Koalition genug haben, die rassistische Politik der FPÖ nicht mittragen und den Grünen eine Antwort von „links unten“ auf die soziale Frage nicht zutrauen.

Es braucht einen Reformismus auf Höhe der Zeit

Vom Trugbild der revolutionären Partei sollten wir uns ein für alle Mal verabschieden. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass der Staat kein Vehikel einer radikalen Veränderung der Gesellschaft sein kann. Aspekte einer radikalen Veränderung sind vielmehr der Bruch mit dem kapitalistischen Normalbetrieb durch soziale Massenbewegungen und andererseits der Aufbau neuer, post-kapitalistischer und post-staatlicher Institutionen. Beides kann und soll von einer NRF unterstützt, nicht aber ersetzt werden. In nicht-revolutionären Phasen beschränkt sich die Reichweite einer NRF wohl auf Kampagnen zur Durchsetzung von Reformen in enger Tuchfühlung mit existierenden Bewegungen und Kämpfen.

4. Für eine politische Neuzusammensetzung der Subjekte

AktivistInnen sozialer Bewegungen, linke Intellektuelle, Aktive in linken NGOs und im Bereich solidarischer Ökonomie, kritische Gläubige: Das Potenzial einer NRF wird umso größer sein, je vielfältiger das Mosaik der Beteiligten ist. AktivistInnen mehr oder weniger linker Parteien und ihrer Vorfeldorganisationen werden eine wichtige Rolle beim Aufbau einer NRF spielen. Um zu einer qualitativ anderen Form von Politik zu gelangen, braucht es jedoch eine deutlich breitere Zusammensetzung, andere und vielfältige Formen von Know-How inhaltlicher und organisatorischer Art. Dabei ist sowohl die Unter- als auch Überschreitung des Nationalstaats von Bedeutung: Zum einen die Verankerung im gesamten Bundesgebiet und somit eine kritische Reflexion der Wien-Lastigkeit der Linken, zum anderen ein Selbstverständnis als Teil der transnationalen Linken, die weiß, dass die zentralen politischen, sozialen und ökologischen Probleme im Rahmen nationalstaatlicher Politik nicht gelöst werden können.

Die Beteiligung sozialdemokratischer AktivistInnen an einer NRF ist notwendig und wünschenswert. Dies liegt einerseits in der quantitativen Schwäche der Linken begründet, andererseits soll eine neue linke Kraft eine inhaltliche Breite repräsentieren, die auch genuin sozialdemokratische Positionen beinhaltet. Unabhängig von den politischen Positionen wird jedoch die aus den sozialdemokratischen Organisationen mitgebrachte Organisationskultur ein Problem bei der Formierung einer NRF darstellen. Die Art der Gremienarbeit und der (innerparteilichen) Machtpolitik der SPÖ sind Paradebeispiele für strukturell undemokratisches Handeln. Sie dürfen in einer neuen Organisation nicht bestimmend werden, was angesichts einer oft jahrzehntelangen Sozialisierung in SP-Apparaten keine leichte Aufgabe darstellt.

Mit den Gewissheiten der alten Linken brechen

Eine Linke, die gesellschaftliche Bedeutung erringen will, muss wahrnehmbare Deutungsangebote für einen Ausweg aus der gegenwärtigen Vielfachkrise des Kapitalismus machen. Diese sollen den Raum für mögliche Verbindungen von Massenbewusstsein, sozialen Bewegungen und repräsentativer Politik öffnen. Eine derartige Perspektive kann nur aus einer offensiven und zukunftsgerichteten Analyse entwickelt werden.

Aktuellen Verhältnissen ist nicht mit politischen Rezepten aus der Garküche der 1960er-Jahre beizukommen. Heute stellt sich die soziale Frage als qualitative – und das heißt auch als ökologische: Wie ist ein “Gutes Leben für Alle” möglich? Weder die Staatsorientierung noch der Lohnarbeitsfetisch oder das – in der Linken leider nach wie vor weit verbreitete – Wachstumsparadigma sind dafür brauchbare Ansätze. Eine zeitgemäße emanzipatorische Politik in Richtung einer sozial-ökologischen Transformation muss diese sozial und ökologisch fatalen Vergesellschaftungsmuster überschreiten. In diesem Sinne ist eine emanzipatorische Politik mehr als Umverteilung plus Anerkennung. Es ist er Kampf ums Ganze: um die Verteidigung und Gewinnung alter und neuer Gemeingüter, das Recht auf Bewegungsfreiheit, „Einkommen zum Auskommen“ – zum Beispiel in Form eines Bedingungslosen Grundeinkommens, soziale Sicherheit und politische Beteiligung für alle auf allen Ebenen, auch in der Ökonomie.

Es geht um den Aufbau einer neuen politischen Kraft unter der Perspektive des Primats sozialer Bewegungen – bei gleichzeitig weitgehender Abwesenheit letzterer. Angesichts der anhaltenden Schwäche sozialer Bewegungen in Österreich kann der Aufbau einer NRF nicht aus einem Bewegungszyklus heraus in Angriff genommen werden. Eine NRF muss die Gratwanderung meistern, die soziale Frage ins Zentrum ihrer Politik rücken, gleichzeitig und gleichrangig auf zweierlei Art: als Umverteilungsfrage und als Kritik der “imperialen Lebensweise” und des damit verbundenen, ökologisch verheerenden Arbeits- und Konsumethos der globalen Mittelklassen. Dies ist der Einsatz einer organisatorischen Neuzusammensetzung der Linken. Dazu braucht es den Mut, mit liebgewonnenen Gewohnheiten und Politikformen zu brechen. Nur die Anerkennung von Unterschieden, die Neugier auf das “noch nie Dagewesene” sowie ein solidarischer Dialog auf Augenhöhe wird uns erlauben, gemeinsam die ausgetretenen Pfade zu verlassen.

In seinem Beitrag „Sozialdemokratie kann Griechenland helfen – und sich selbst“ fordert Markus Marterbauer die europäische Sozialdemokratie auf, eine vermittelnde Rolle zwischen der linken Regierung in Griechenland und den konservativ-neoliberalen Regierungen in Europa einzunehmen. Sein Hauptargument: Andernfalls drohe ein Erfolg des Rechtsextremismus mit verheerenden Folgen. Doch so einfach kann und darf es sich die Sozialdemokratie nicht machen, meinen Martin Birkner und Sebastian Reinfeldt.

Es ist schon ein erstaunliches taktisches Manöver, wenn plötzlich die Sozialdemokratie in Europa zwar nicht auf der anderen Seite der Barrikade steht, aber doch irgendwo zwischen den Fronten, als diskursiver Kugelfang zwischen Neoliberalismus und radikaler Linken sozusagen. Nicht nur die Bevölkerung in Griechenland und Spanien, auch die „arbeitenden Menschen“ müssten dazu nämlich vergessen, dass die wesentlichen neoliberalen Reformen in Europa von Sozialdemokrat_innen durchgesetzt und durchgeführt worden sind. Die so genannten Arbeitsmarktreformen in Deutschland (bekannt als Hartz IV) werden ja bis heute als Modell für Griechenland vorgeschlagen. Der damalige sozialdemokratische Kanzler hieß Gerhard Schröder, und sein Regierungspartner war übrigens nicht die Merkel-CDU, sondern die Grünen.

Neoliberalismus: ein sozialdemokratisches Projekt

Für Österreich bleibt überdies festzuhalten, dass sämtliche Sparprogramme für Griechenland und Spanien und für weitere Länder (als Bedingungen für die Banken-Rettungsprogramme) von der SPÖ im Nationalrat mit beschlossen wurden und zumeist unter Regierungsverantwortung der Partei eingebracht worden sind. Nicht nur, dass sie damit das soziale Elend in den Ländern mit verantwortet: Der Neoliberalismus in Europa war (und ist) auch ein sozialdemokratisches Projekt. Ein Abschied von diesem Paradigma ist in keiner der europäischen sozialdemokratischen Parteien in Sicht, und so stehen diese Parteien – wenngleich auch in unterschiedlichem Ausmaß – der Möglichkeit eines Bruchs mit der EU-Austeritätspolitik im Wege. Wir sehen hier keinerlei Anzeichen einer wirklichen Kräfteverschiebung innerhalb der Sozialdemokratie. Für sie gilt – trotz des zunehmenden Bedeutungsverlustes ihrer europäischen Parteien – nach wie vor: TINA, there is no alternative.

Weil die Sozialdemokratie sich bürokratisch an diesem Paradigma festklammert, eröffnet sich ein Vakuum im politischen Raum. Diese Leerstelle kann sowohl von sozialen Bewegungen und Basisinitiativen als auch von (neuen) linken Parteien gefüllt werden kann: So ist es in Griechenland passiert, und so wird es in Spanien passieren. Wenn sich jedoch keine linke Kraft mit gesellschaftlicher Bedeutung entwickelt, droht dieses Vakuum von rechts besetzt zu werden. Aus diesem Dilemma führt die vorgeschlagene Mittelstellung nicht heraus, sie deckt es nur zu. Eine neue Rolle in Europa ist für die Sozialdemokratie um so einen billigen Preis nicht zu haben. Es müsste vielmehr eine radikale Neupositionierung und in der Konsequenz eine Art Neugründung, im Rahmen eines offenen Prozesses der Neuzusammensetzung unterschiedlichster progressiver Kräfte, erfolgen. Ob und inwiefern Teile der „alten“ Sozialdemokratie in einem derartigen Prozess eine wichtige Rolle spielen, ist nicht abzusehen. Die Tatsache, dass sich eine zukunftsträchtige Linke von den zentralen Paradigmen der ArbeiterInnenbewegung des 20 Jahrhunderts, dem Wachstums- und Lohnarbeitsfetisch, verabschieden wird müssen, stimmt uns dahingehend nicht gerade optimistisch.

Kein kleineres Übel

Die europäische Politik in der Krise hat gezeigt, dass im Rahmen von TINA kein Platz für ein „kleineres Übel“ ist. Für Österreich möchten wir die These wagen, dass gerade das jahrelange Festhalten am „kleineren Übel“ eher der Nährboden für den Aufstieg der radikalen Rechten denn ein Bollwerk dagegen war – und ist. Ein glaubwürdiges linkes Projekt des 21. Jahrhunderts muss in Form und Inhalt mit den Vorstellungen des 20. Jahrhunderts brechen: mit bevormundender Stellvertreter_innenpolitik, mit blinder Wachstumsorientierung auf Kosten der Umwelt, und mit der Überhöhung von (Lohn-)Arbeit als Selbstzweck. Bei Strafe des Untergangs in die Bedeutungslosigkeit führt kein Weg daran vorbei, Seite an Seite mit den neuen Linksparteien und Basisbewegungen, dem politischen Projekt der Kürzungspolitik in Europa den Kampf anzusagen. Das können nur wir selber tun.

Martin Birkner ist politischer Theoretiker und Aktivist. Er leitet die Edition kritik & utopie im mandelbaum verlag.
Sebastian Reinfeldt ist Politikwissenschaftler und Betriebsrat in einer Erwachsenenbildungsfirma.

Sie sind aktiv bei „Wie wollen es anders – Plattform der Unabhängigen“ und Teil der sich in Gründung befindenden Wahlallianz „Wien anders“.

 
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