Ein Jahr nach dem Staatsstreich in Bolivien gewinnt Evo Morales‘ Partei MAS die Präsidentschafts- und Parlamentswahl. Nun hat die MAS die Möglichkeit, sich neu auszurichten und Beziehungen zu Bewegungen des Landes auszuverhandeln. Trotz zahlreicher interner Konflikte ist das Ergebnis der Wahlen vorerst eine klare Absage an Militarisierung und faschistische Tendenzen, schreibt Marie Jasser.

„Wir werden wiederkommen und wir werden Millionen sein“. Mit diesen Worten schloss der damalige bolivianische Vizepräsident Álvaro García Linera seine Rücktrittsrede am 10. November 2019. Kurz darauf flohen er und Evo Morales nach Mexiko. Das Zitat wird ursprünglich dem indigenen Widerstandskämpfer Túpac Katari zugesprochen, der 1781 über sechs Monate lang im anti-spanischen Widerstand die Belagerung der Stadt La Paz in Bolivien anführte.

MAS gewinnt Wahlen

Am 18. Oktober 2020, ein Jahr nach dem Staatsstreich in Bolivien, gewann Evo Morales´ Partei MAS (Movimiento al Socialismo) mit 55,1% der Stimmen die Präsidentschafts- und Parlamentswahl. Der neue Präsident Boliviens, Luis Arce, und sein Vizepräsident David Choquehuanca sollen Anfang November ihr Amt antreten. Der stärkste Gegenkandidat, Carlos Mesa (Comunidad Ciudadana), kam auf 28,9%. Der faschistische Regionalpolitiker Luis Fernando Camacho (Creemos) erlangte 14% der Stimmen; und das obwohl in seiner Heimatstadt Santa Cruz ein echter Personenkult um ihn betrieben wurde.

Ende der Übergangsregierung

Dieses klare Wahlergebnis beendet die fast einjährige Übergangsregierung der ultra-konservativen Präsidentin Áñez. Diese zog ihre eigene Kandidatur noch vor den Wahlen zurück. Sie übernahm im November 2019 die Präsidentschaft. Ihr Mandat als Interimspräsidentin sollte laut Verfassung nur 90 Tage dauern. Vorher war Evo Morales unter Wahlbetrugsvorwürfen nach wochenlangen Auseinandersetzungen, einem Polizeiaufstand und schließlich dem ‘Vorschlag’ des Militärs das Amt niederzulegen zurückgetreten. Dem Rücktritt und der Flucht von Evo Morales nach Mexiko folgten Rücktritte der gesamten Regierung und zahlreicher Funktionäre der MAS. Über zwei Tage lang war das Land nicht nur ohne PräsidentIn, sondern ohne jegliche Regierung.

Absage an faschistische Parteien

Die MAS und besonders Morales hatten in den Wahlen 2019 Stimmen aus der städtischen Mittelschicht eingebüßt. Eine breitere Basis zur Mobilisierung fand die Opposition der MAS, indem sie den umstrittenen Antritt zur Wiederwahl von Evo Morales politisch für sich nutzte. Die Wahlen in diesem Jahr zeigten, dass die MAS weiterhin über eine breite und mobilisierungsfähige WählerInnenschaft verfügt. Die überraschend klare Entscheidung für die MAS ist auch eine Reaktion auf die repressive Übergangsregierung von Jeanine Áñez. Und eine klare Absage an rechtskonservative und faschistische Parteien. Das vergangene Jahr war von Militarisierung, Korruption und dem ständigen Wechsel der MinisterInnen geprägt. Dazu kommt ein katastrophaler Umgang mit der COVID-19-Pandemie. Bolivien hat derzeit weltweit die dritthöchste Sterblichkeitsrate bei Corona-Erkrankungen und befindet sich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Unter dem Vorwand der Pandemie wurden die Wahlen immer wieder verschoben.

Religiöse FundamentalistInnen fordern Militärputsch

Das überwältigende Wahlergebnis der MAS wird weitgehend anerkannt. Bei den AnhängerInnen Camachos, der eine zentrale Figur während des Staatssteichs im Jahr 2019 war, herrscht dennoch Ungläubigkeit und Wut. Das zeigt, wie groß die gesellschaftlichen Unterschiede im Land sind. Und wie wenig Verständnis die städtische Mittelklasse, vor allem in Santa Cruz, für den Rest der Bevölkerung und seine Lebensrealität hat. Die Jugendorganisation Unión Juvenil Cruzeñista – sie steht Camacho nahe – hat nach der Wahl zu einem erneuten Generalstreik aufgerufen. Dem Aufruf kamen nur wenige Menschen nach. Allerdings fordern nun einige ultra-religiöse und faschistische Gruppen in Santa Cruz sogar einen Militärputsch. Die Radikalisierung dieser Gruppen ist besorgniserregend.

Neuausrichtung der MAS

Die MAS hat nun, nach 14 Jahren an der Regierung und einem Jahr in politischer Unsicherheit und Verfolgung, die Möglichkeit, sich neu auszurichten. In der Debatte um die Rückkehr von Evo Morales nach Bolivien forderte zum Beispiel Eva Copa (MAS, Präsidentin des Senats) einen Generationenwechsel und eine Neuaufstellung der Partei ohne Morales und seinen engen Zirkel. Auch die Beziehung zu den verschiedenen sozialen, indigenen, bäuerlichen und ArbeiterInnenbewegungen des Landes kann neu ausgehandelt werden. Denn die Regierungen unter Morales haben, nachdem zu Anfang viele Ministerien aus den sozialen Bewegungen heraus besetzt wurden, dazu tendiert, diese strategisch zu spalten und sich gegen Kritik abzuschotten. So entstanden für viele indigene Bewegungen Parallelstrukturen: eine staatsnahe und eine in Opposition zur MAS.

Soziale Bewegungen streben nach Einfluss

Während des vergangenen Jahres wurde in den Bewegungsorganisationen viel über das Verhältnis zur MAS als politisches Instrument reflektiert. Nun streben viele soziale Bewegungen wieder nach mehr direktem Einfluss im Plurinationalen Staat. Zum Beispiel verlangt die Zentralgewerkschaft COB, das Arbeitsministerium mit einer Person aus ihren Reihen zu besetzen und die Dachorganisation indigener Landarbeiterinnen fordert die Leitung des Frauenministeriums für sich ein. Nach der Wahl Arces zum neuen Präsidenten werden die nächsten Monate also entscheidend.

Erste Schritte der Regierung

Ein wichtiger erster Schritt der neuen Regierung wird die Aufklärung der kurz nach der Amtsübernahme von der Áñez Regierung begangenen Massaker von Senkata und Sacaba, die Arce bereits in Aussicht gestellt hat. Arce gilt als ehemaliger Finanzminister außerdem als einer der Architekten des bolivianischen Wirtschaftssystems unter der MAS-Regierung und hat bereits eine Steuer auf hohe Vermögen als mögliche erste Maßnahme angekündigt. Der Vizepräsident David Choquehuanca hat eine starke indigene Basis im Hochland Boliviens, steht Evo Morales jedoch nicht besonders nahe.

Starkes Zeichen trotz Krisen

Bolivien steckt aktuell in einer tiefen ökonomischen, gesundheitlichen und ökologischen Krise. Nach der starken und von allen Seiten vorangetrieben Polarisierung der Gesellschaft im letzten Jahr wird die von Arce versprochene Annäherung schwierig – auch weil sich an der materiellen Basis der gesellschaftlichen Konflikte eigentlich nichts geändert hat. Die zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien des kolonialen Staates, patriarchale Strukturen, Rassismus und Regionalismus bleiben bestehen und wurden vor dem Staatsstreich und während der Interimsregierung verschärft.

Das bisherige Wirtschaftssystem der MAS beruht, in starker kolonialer Kontinuität, auf der Extraktion von Bodenschätzen. Ein Unterschied ist die Verteilung der Gewinne aus den Rohstoffexporten an die Gesellschaft. Das extraktivistische Wirtschaftssystem wird wahrscheinlich weiter vorangetrieben. Es stand auch bei diesen Wahlen nur zur Debatte, wer es verwalten soll und wer davon profitiert. Währenddessen brennt der Wald in der Chiquitanía und im Chaco im Departamento Santa Cruz weiter. Das Wahlergebnis ist aber als klare Ablehnung von Militarisierung und faschistischen Tendenzen erst einmal ein Grund zum Aufatmen.

Nach der Absetzung Evo Morales’ im November bildete sich in Bolivien eine Übergangsregierung. Doch demokratisiert hat sie das Land nicht, im Gegenteil. Und während Bolivien auf die Wahlen wartet, steigen die Corona-Fallzahlen immer weiter. Bolivien ist ein Land vieler Krisen, schreibt Marie Jasser.

Schon vor der Pandemie befand sich Bolivien in einer multiplen Krise. Seit dem Staatsstreich im Oktober 2019 ist eine Übergangsregierung an der Macht. Anfang März wurden strenge, teils vom Militär durchgesetzte Ausgangssperren verhängt. Im August 2020 haben indigene, bäuerliche und Arbeiter*innenbewegungen mit landesweiten Straßenblockaden und einem Generalstreik gegen die erneute Verschiebung des Wahltermins protestiert.

Krise ‚al día‘

Boliviens Bevölkerung ist stark von der COVID-19 Pandemie betroffen. Laut einem Bericht der New York Times sind seit Juni 20.000 Menschen mehr verstorben als im vergangenen Jahr zur gleichen Zeit. Das Gesundheitssystem – öffentlich und privat – ist bereits vor Monaten kollabiert. Die politische und gesundheitliche Krise verschärft sich durch eine wirtschaftliche: Große Teile der Bevölkerung Boliviens leben ‚al día‘ – das heißt, vom informalisierten Tagesgeschäft wie Straßenverkäufen oder Tagelohnarbeiten. Vor allem in der Stadt können sich von Armut betroffene Bevölkerungsgruppen ihren Lebensunterhalt nicht länger verdienen.

Die Übergangsregierung steht nicht nur wegen der Verlängerung des Mandats in der Kritik. Neben der klaren Überforderung mit der Pandemie wurden Korruptionsvorwürfe laut, zum Beispiel weil Beatmungsgeräte durch Regierungsbeamte zu einem überhöhten Preis eingekauft wurden. Die Bereicherung an staatlichen Mitteln, der strategische Einsatz gerichtlicher Verfahren gegen oppositionelle Politiker*innen und die Maßnahmen wie Privatisierungen oder Landverteilung an Großgrundbesitzer*innen rufen gesellschaftlichen Widerstand hervor.

Die Zusammenarbeit mit Großgrundbesitzern und die Intensivierung von Landgrabbing für Monokulturen, die es auch schon unter der Regierung des linken Präsidenten Evo Morales gab, wird nun noch sichtbarer. Trotz der schweren Amazonas-Waldbrände im vergangenen Jahr, wurden heuer in Bolivien wieder Brandrodungen durchgeführt, die ihrerseits Waldbrände im Amazonasgebiet verursacht haben. Besonders betroffen sind Naturschutzgebiete. Die Brandrodungen im Jahr 2020 begannen, als die Regierung Ausgangssperren verhängte.

Vor diesem Panorama hat die aktuelle, nicht gewählte Übergangsregierung die geplanten Wahlen nun zum dritten Mal verschoben. Laut der bolivianischen Verfassung müssen nach dem Rücktritt einer Regierung innerhalb von 90 Tagen Neuwahlen durchgeführt werden. Die eigentlich für Mai geplanten Wahlen sollen nun am 18. Oktober stattfinden. Die Verschiebungen wurden mit dem möglichen Anstieg von Corona-Erkrankungen begründet.

Straßenblockaden gegen die Regierung

Die Wahl-Verschiebungen haben in breiten Teilen der Bevölkerung zu Widerstand geführt. In den ersten Augustwochen wurden aus Protest über 100 Straßenblockaden errichtet und der Regierungssitz La Paz von der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Treibstoff abgeschnitten. Teilweise wurden auch Lieferungen von Medikamenten und Sauerstofflieferungen oder Krankentransporte blockiert. Sie waren allerdings schon vor den Blockaden knapp.

Straßenblockaden sind ein gängiges Protestmittel in Bolivien. Während der aktuellen Krise werden sie aber zu einem zweischneidigen Schwert, weil viele Bolivianer*innen durch die Blockaden eine Verschlechterung der vorher schon unzureichenden Gesundheitsversorgung erwarten. Auch die Regierung, die die Blockaden als Verletzung der Menschenrechte bezeichnete, bestärkt dieses Narrativ.

Bewegungen und Morales-Partei uneins

Die Blockierenden warfen der Regierung vor, ihr Mandat unrechtmäßig zu verlängern und die Staatsmacht nicht wieder abgeben zu wollen. Das Ausmaß der Blockaden und Demonstrationen vor allem in ländlichen Gebieten zeigt, dass die indigenen, bäuerlichen und Arbeiter*innenbewegungen weiterhin großes Mobilisierungspotenzial besitzen. Viele Demonstrant*innen stehen der entmachteten Partei Movimiento Al Socialismo (MAS, auf deutsch Bewegung zum Sozialismus) des ehemaligen Präsidenten Evo Morales nahe.

Während der Verhandlungen um das aktuell festgelegte Wahldatum wurden aber auch Unterschiede zwischen der Partei und den Bewegungen deutlich: Die Forderungen der sozialen Bewegungen waren radikaler als die der MAS. Darunter waren die Forderung nach dem sofortigen Rücktritt der konservativen Übergangspräsidentin Jeanine Áñez und Entschädigungszahlungen für nach dem Amtsantritt bei Protesten in den Städten Senkata und Sacaba getötete Demonstrant*innen.

Rechte Paramilitärs formieren sich

In den Städten Santa Cruz de la Sierra und Cochabamba – im östlichen Tiefland bzw. dem Zentrum von Bolivien gelegen – formieren sich außerdem faschistoide Parapolizeigruppen, die gewaltsam gegen die Blockaden vorgehen: Die Unión Juvenil Cruzeñista wird als paramilitärisch eingestuft und hat eine jahrzehntelange Geschichte organisierter rassistischer Übergriffe. Die Motorradgruppe Resistencia Juvenil Cochala (RJC) aus Cochabamba ist erst im vergangenen Jahr entstanden und ebenfalls für rassistische Übergriffe und ihr martialisches Auftreten bekannt geworden. Beide Gruppen stehen verschiedenen rechten und konservativen Gruppen und Parteien nahe. Im Gegenzug formieren sich auch auf Seiten der MAS militante Gruppen. So sind während der Proteste acht Personen über mehrere Stunden entführt worden.

Die bolivianische Gesellschaft ist nach wie vor stark polarisiert. Die Pandemie vertieft die gesellschaftliche Ungleichheit, die Probleme in der Gesundheitsversorgung und die Gräben in der (Partei-)Politik. Die multiplen Krisen – wirtschaftlich, politisch, gesundheitlich und ökologisch – sind eine große Belastung für das Land. Dabei wird besonders die politische Krise auf Kosten der Bevölkerung ausgetragen.

Zum vierten Mal wurde Evo Morales am 20. Oktober zum bolivianischen Präsidenten gewählt. Doch jetzt steht der Verdacht der Wahlmanipulation im Raum, Zehntausende gehen auf die Straße, die Opposition ruft zum Generalstreik auf. Doch warum trauen auch immer mehr Linke Morales nicht mehr? Und hat er tatsächlich betrogen? Mosaik-Autor Tobias Boos hat die Wissenschafterin Marie Jasser interviewt, die in Österreich und Bolivien lebt.

10,57 Prozent. So viel Vorsprung erzielte Evo Morales bei den Präsidentschaftswahlen am vorvergangenen Sonntag auf seinen ersten Verfolger Carlos Mesa. Genau zehn Prozent benötigte Morales, um sich eine Stichwahl zu sparen.

Schon im Vorfeld der Wahlen warnte die Opposition vor Wahlmanipulationen. Das denkbar knappe Ergebnis ist Wasser auf ihre Mühlen. Doch das nicht der einzige Grund, warum sich immer mehr Leute von Morales und seiner Partei, dem Movimiento al Socialismo (MAS), abwenden.

Der Auslöser für die Proteste in Bolivien waren die Vorwürfe der Wahlmanipulation, die die Opposition lancierte. Warum stehen sie überhaupt im Raum?

Als am Wahlabend die vorläufigen Wahlergebnisse bekanntgegeben wurden, wäre es zu einer Stichwahl gekommen. Doch dann war die Website der zuständigen Behörde für über 20 Stunden nicht mehr aufrufbar, und tags darauf hatte Morales plötzlich einen deutlichen Vorsprung. Diese Trendwende und die lange Auszeit haben die ersten Proteste am Montagabend ausgelöst. In den folgenden Nächten wurden sieben von neun Wahlbehörden in den Landeshauptstädten von DemonstrantInnen angegriffen und teilweise in Brand gesetzt.

Als Reaktion hat der Gegenkandidat Carlos Mesa von der CC (Comunidad Ciudadana) zur permanenten Mobilisierung aufgerufen. Ausgehend von Santa Cruz de la Sierra – der im Osten des Landes gelegenen Hochburg der Opposition – wurde für den nächsten Tag ein zeitlich unbegrenzter Generalstreik angekündigt. Seitdem sind die Straßen gesperrt und alle Büros, Geschäfte und Märkte geschlossen. Sechs der insgesamt neun Landeshauptstädte haben sich dem Generalstreik angeschlossen, auch wenn dieser zum Beispiel in La Paz nur teilweise umgesetzt wird. Viele der Demonstrationen gegen Evo Morales werden von Jugendlichen getragen.

Hat Morales darauf reagiert?

Zwei Tage nach der Wahl hat Evo Morales in einer Pressekonferenz von einem Ausnahmezustand gesprochen und gewarnt, es sei ein Staatsstreich im Gange. Er hat außerdem die mit der MAS assoziierten sozialen Bewegungen aufgefordert, die Wahl zu verteidigen. In La Paz und Cochabamba gab es Massendemonstrationen zur Feier des Wahlsiegs von Evo Morales. Es mobilisieren sich militante UnterstützerInnen sowohl der MAS als auch der Opposition. Nach vier Tagen Generalstreik hat sich die MAS zu einer Überprüfung der offiziellen Wahlergebnisse durch die Organisation Amerikanischer Staaten bereit erklärt und – paradoxerweise – eine Stichwahl (statt Neuwahlen) angekündigt, wenn Wahlbetrug nachgewiesen werden kann.

Gibt es aus deiner Sicht begründeten Verdacht an der Anschuldigung, dass es zu Manipulationen gekommen ist?

Ein Wahlbetrug ist nicht offiziell bewiesen, aber die Dokumente sind öffentlich einsehbar. Eine Gruppe von InformatikerInnen der staatlichen Uni in La Paz hat am Freitag zahlreiche Unregelmäßigkeiten zwischen den Akten und der Auszählung aufgezeigt. Außerdem fehlen einige Wahlbezirke in der Auszählung. Ob es sich um Fehler oder systematische Wahlmanipulation handelt, ist noch nicht klar. Allerdings sind mittlerweile sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene mehrere Mitglieder der Wahlkomitees zurückgetreten. Einige davon mit der Erklärung, mit der Form der Auszählung nicht einverstanden zu sein. Auch wurden am Wahltag zahlreiche Unregelmäßigkeiten dokumentiert: Es sind zum Beispiel Koffer mit Wahlzetteln in La Paz auf der Straße aufgetaucht. Allerdings ist die Stimmung im Land seit einigen Tagen bereits so aufgeheizt, dass die Auseinandersetzungen weitergehen, auch wenn es keine Wahlmanipulation gegeben hat.

Ein Wahlsieg Morales‘ steht dennoch außer Frage. Woher kommt diese Ablehnung gegen ihn und die MAS?

Sie liegt vor allem an der zunehmend autoritären Politik der MAS und der fehlenden Transparenz. Schon die Kandidatur von Morales wird in Frage gestellt, weil die Verfassung nur zwei Amtsperioden vorsieht. Morales verlor 2016 knapp ein Referendum, das PräsidentInnen unbegrenzte Wiederwahlen ermöglicht. 2017 entschied der ebenfalls MAS-nahe oberste Gerichtshof, eine Kandidatur dennoch zuzulassen. Seitdem wächst vor allem in der neuen Mittelklasse die Ablehnung gegen die als illegitim bewertete Kandidatur. Das relativ gute Wahlergebnis des Gegenkandidaten Mesa ist weniger der Unterstützung seiner Partei CC geschuldet, sondern drückt die Ablehnung gegenüber der MAS aus und stellt – im Diskurs der Opposition – eine Entscheidung zwischen Demokratie und Diktatur dar. Außerdem hat der Umgang Morales‘ mit den verheerenden Bränden östlichen Amazonasgebiet des Landes die Opposition weiter gestärkt. Morales hat sich geweigert einen nationalen Notstand auszurufen und internationale Hilfe zu akzeptieren sowie im Vorfeld ein Dekret erlassen, welches die legale Brandrodung in der Region erleichtert.

Trotzdem haben die MAS und Evo Morales weiterhin einen großen Rückhalt vor allem bei der ländlichen Bevölkerung. In den letzten 14 Jahren unter Morales wurde zum Beispiel extreme Armut von 38,2 Prozent 2005 auf 15,2 Prozent 2018 reduziert, das BIP ist konstant gestiegen. Die große Unterstützung von Morales beruht vor allem auf dem wirtschaftlichen Erfolg der Regierung und auf einer engen Bindung zu Teilen bäuerlicher ArbeiterInnenbewegungen.

Wie setzt sich die aktuelle Opposition zusammen?

Die Auseinandersetzungen lassen alte gesellschaftliche Konflikte – besonders einen separatistischen Regionalismus der das Land 2008 an den Rand eines Bürgerkrieges brachte – wieder neu aufleben. Die Generalstreiks, die ich angesprochen habe, werden besonders in Santa Cruz, der größten Region Boliviens, durch das Comité Cívico organisiert. Das Comité ist eine ultrakonservative BürgerInnenvereinigung, die vor allem die Interessen der GroßgrundbesitzerInnen und der Agrarindustrie vertritt, sich aber als ‚moralische Vertretung von Santa Cruz‘ versteht. Das Comité ist ultrakonservativ-katholisch, antifeministisch und regionalistisch. Doch nicht alle DemonstrantInnen teilen die Positionen der Comités. In La Paz werden die Demonstrationen stark von StundentInnen getragen, in Potosí hat sich ein Teil der MinenarbeiterInnen mobilisiert und in El Alto – einer Hochburg der MAS – haben sich Nachbarschaftsvereinigungen gegen Morales ausgesprochen.

Auch andere Gruppen, die Morales lange unterstützt haben, positionieren sich mittlerweile klar gegen eine Wiederwahl. Zum Beispiel formiert sich trotz Repression durch die Regierung Widerstand gegen die umweltfeindliche Politik Morales’. Feministische Gruppen rufen dazu auf, neue politische Räume zu schaffen und Vorschläge für die politische Zukunft des Landes zu entwerfen. Sie sehen sich von keiner der Parteien repräsentiert und weisen auf den Zwiespalt hin, einen konservativen Kandidaten ‚wählen zu müssen‘, weil er die einzige Alternative zu Evo Morales’ zunehmend autoritärer Politik darstellt.

Welche Rolle spielt aus deiner Sicht die aktuelle politische Situation in der Region?

Die politische Situation in der Region beeinflusst sowohl die MAS als auch die Opposition. Die konservativ-neoliberalen Regierungen in Brasilien, Argentinien, und Chile stellen eine Bedrohung für die linke Regierung in Bolivien dar. Darum muss die MAS-Regierung aus Sicht ihrer AnhängerInnen gegen den Rechtsruck auf dem Kontinent verteidigt werden.

Die Opposition zieht konstant Vergleiche mit Venezuela und warnt vor ökonomischer und gesellschaftlicher Unsicherheit. Generell tragen die akuten Proteste in Chile, Ecuador und Haiti zu einem allgemeinen Gefühl der Unsicherheit, aber auch des Umbruchs bei.

Die Situation scheint sehr zerfahren. Wie sieht das aktuelle Szenario für die nächsten Tage aus?

Eine Militarisierung wie in Ecuador und Chile ist unwahrscheinlich. Einerseits weil Ausgangssperren und Soldaten im eigenen Land nicht zum Bild von Evo Morales als Präsident des Volkes passen. Er hat auch einer internationalen Überprüfung der Wahlergebnisse zugestimmt. Andererseits weil die Position des Militärs unklar ist bzw. kleine Gruppen bereits der Opposition ihre Unterstützung zugesprochen haben.

Allerdings haben sich die Forderungen der Opposition weiter radikalisiert – mittlerweile fordern die DemonstrantInnen Morales‘ Rücktritt und nicht nur eine Stichwahl. Eine schnelle und friedliche Lösung erscheint momentan eher unwahrscheinlich.

Eine weitere Eskalation durch Konfrontation entweder von Seiten der Polizei oder, wahrscheinlicher, durch MAS-nahe Gruppen, ist denkbar. Am Samstag hat Morales die MAS-nahen sozialen Bewegungen zu Straßenblockaden aufgerufen, um die Städte von weiterer Versorgung abzuschneiden. Diese Strategie hat sich bereits in den frühen 2000er Jahren als erfolgreich erwiesen. Außerdem werden gewerkschaftlich organisierte Sektoren, die über gut ausgebaute Strukturen verfügen – wie Schwertransport, Nahverkehr oder MarktverkäuferInnen – und von ihren täglichen Einnahmen leben, Einnahmeausfälle nicht auf unbegrenzte Zeit hinnehmen. Aktuell ist aber noch keine Ermüdung der DemonstrantInnen spürbar. Gleichzeitig fehlt der gerade aktiven Mittelklasse die Erfahrung und Organisation um einen langfristigen Generalstreik aufrecht zu erhalten.

Marie Jasser ist feministische Aktivistin und Doktorandin an der Universität Wien. Sie promoviert zum Verhältnis sozialer Bewegungen zum Plurinationalen Staat Bolivien und lebt in Wien und Santa Cruz de la Sierra.

 
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