Drei Alleinerzieherinnen erzählen über ihren täglichen Kampf gegen das Aufgeben, die Sehnsucht nach zehn Minuten Ruhe und Homeoffice tief in der Nacht. Ihre Geschichten hat Julia Stadlbauer vom Aufstand der Alleinerziehenden aufgeschrieben.

Anna: Die Uni aufgeben oder nicht?

Ich bin Studentin und Alleinerzieherin eines Fünfjährigen. Aufgrund des geringen Einkommens des Kindsvaters, der zudem in Frankreich lebt, beziehe ich keinen Unterhalt – trage also für meinen Sohn die alleinige finanzielle Verantwortung.

Das heißt: Ich sollte jetzt ein Kleinkind rund um die Uhr in den eigenen vier Wänden bespaßen und versorgen (kochen, aufräumen, waschen). Irgendwann in der Nacht gibt es dann ein bis zwei Stunden, die ich für die Uni verwende. Total geschafft. Und langsam ziemlich am Aufgeben. Mache ich mit der Uni weiter, fehlt mir die Energie, um die Tage zu überstehen und halbwegs meiner Ein-Eltern-Rolle gerecht zu werden. Höre ich mit der Uni allerdings auf, wird mir ziemlich sicher meine Bildungskarenz gestrichen. Der Weg zurück in die Arbeitswelt ist wegen Corona und fehlender Kinderbetreuung auch nicht möglich.

Ich könnte darüber lachen, aber…

Als Studierende bin ich seit dem Shutdown der Universitäten am 11. März gezwungen, meine ECTS-Punkte mittels „Homelearning“ zu sammeln. Viele Lehrveranstaltungsleiter*innen kompensieren den fehlenden Unterricht mit zusätzlichen Aufgaben. In der Praxis gibt es zu den wöchentlich 30 bis 40 Seiten Lesestoff noch einen „Zusatztext“, weil wegen der fehlenden Anwesenheit durchaus mehr verlangt werden könne, so die Ansage.

Wenn nicht soviel davon abhängen würde, könnte ich darüber lachen. An den ECTS-Punkten hängen aber ökonomische Existenzen und Aufenthaltsbewilligungen. Ein Semester auszulassen kann den Verlust von Studienbeihilfe oder anfallende Studiengebühren im nächsten Semester bedeuten. Abschlussstipendien, Bildungskarenzen, überall werden ECTS verlangt. Werden diese nicht in den entsprechenden Monaten abgeliefert, muss man das Geld zurückzahlen. Geld, das schon längst für Miete und tägliches Überleben draufgegangen ist. Ich bin eine von alleinerziehende Studentin und damit nicht allein. In Österreich hat jede_r zehnte Studierende ein Kind. Rund 3.100 alleinerziehende Studierende gibt es. Für mich fällt die Kinderbetreuung in der Kindergruppe nun weg.

Eveline: Mit vier Kindern im Homeoffice

Ich bin Alleinerzieherin von vier Kindern (16 und 14 Jahre, und Zwillinge im Alter von 11 Jahren). Ich bin vollzeitbeschäftigt und arbeite aktuell im Homeoffice. Immerhin habe ich mit meinem Arbeitgeber ausmachen können, dass ich mein Pensum reduzieren kann. Vollzeit zu arbeiten, das schaff ich aktuell überhaupt nicht. Acht Stunden herunterrattern, das geht sich einfach nicht aus. Ich merke aktuell besonders stark, dass ich alleinerziehend bin und was das überhaupt bedeutet.

Während ich nun vormittags im Homeoffice arbeite, machen meine Kinder „Homelearning“. Sie sind im Grunde sehr fleißig, aber natürlich unterbrechen sie mich regelmäßig – entweder weil sie Hunger haben oder irgendetwas anderes brauchen. Am Anfang war ihr Arbeitseifer sehr groß, aber inzwischen ist er stark abgeflacht. Den Nachmittag verbringen die Kinder am PC, vor dem Fernseher, mit Schlafen oder auch beim Arzt. Abends mache ich Homeoffice, soweit es halt möglich ist.

Vereinbarungen mit den Kindern in diesem Alter zu treffen, ist nicht so einfach. Es ist manchmal sehr anstrengend für mich. Die Kinder brauchen mich und sie brauchen meine Anleitung, um etwas zu tun. Dass wir hinausgehen, frische Luft tanken, Bewegung machen, damit uns die Decke nicht auf den Kopf fällt, ist sehr herausfordernd. Ich bin dafür verantwortlich, dass gemeinsame oder individuelle Aktivitäten passieren, der Tag eine Struktur bekommt und die Kids nicht die ganze Zeit vorm PC oder Fernseher abhängen.

Unklarer Unterhalt

Schwierig sind für mich im Moment die Absprachen mit dem anderen Elternteil. Ich bin sehr vorsichtig, auch was das Ansteckungsrisiko mit dem Corona-Virus betrifft, und trotzdem sehr bemüht eine Struktur in unserem Alltag aufrecht zu erhalten. Nachdem es schwierig ist, mit dem Vater meiner Kinder einen gemeinsamen Weg zu gehen, muss ich damit leben, dass er meine Bemühungen schnell wieder auf den Kopf stellt. Das kostet sehr viel Kraft. Ich habe zudem die große Sorge, was mit den Unterhaltszahlungen passiert, sollte der Kindsvater arbeitslos werden. Und auch wie sich das mit dem Unterhalt danach regelt. Eine Garantie gibt es ja nicht.

Von den Lehrer*innen würde ich mir wünschen, dass sie stärker die Lernmotivation ihrer Schüler*innen mitsteuern, meine Kinder mit ihren Fragen direkt abholen und vor allem in Kontakt bleiben. Bei vier Kindern, die in drei unterschiedliche Schulen gehen, ist es eine große Herausforderung, den Überblick über ihr Lernpensum und ihre -fortschritte zu behalten. Es werden ganz unterschiedliche Apps verwendet. Alle Schulen und Lehrer*innen machen es unterschiedlich. Für mich bedeutet es, dass ich mich mit all den unterschiedlichen Lernmethoden vertraut machen muss, wenn ich einen Durchblick haben möchte, wo meine Kinder gerade sind.
Ich bin aber sehr dankbar, dass meine Kinder so gut mit der Situation umgehen. Zwar zeigt mir die Corona-Krise, dass ich alleinerziehend bin, und eine Vollerwerbstätigkeit im Homeoffice neben den Kindern unmöglich zu schaffen ist, aber die Situation schweißt uns sehr zusammen.

Mariella: Kein Kindergarten, kein Unterhalt, keine Eltern

Ich bin Alleinerzieherin, mein Sohn ist zwei Jahre alt. Ich bin außerdem Migrantin und habe keine Familie in Österreich und deswegen auch keine Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Der Vater des Kindes lebt im Ausland. Ich habe eine Vollzeitanstellung im Kulturbereich.

Diese Woche war richtig grenzwertig, meine persönliche Grenze überschritten. Seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen bin ich im Homeoffice. Gleichzeitig konnte ich mein Kind aber auch nicht in den Kindergarten schicken, denn von dort habe ich die Info erhalten, dass dieser nur für Extremfälle geöffnet sei. Nur wenn der Arbeitgeber ein Formular schickt, dass es keine andere Möglichkeit der Betreuung gibt, hätte ich Anspruch. Doch ich fürchte mich, für meinen Arbeitgeber eine zu große Belastung zu werden und meinen Job zu verlieren, wenn ich Forderungen stelle.

Das heißt: Ich muss Homeoffice machen, obwohl es sich zeitlich überhaupt nicht ausgeht. Denn mein Sohn braucht meine permanente Aufmerksamkeit. Ein Zweijähriger kann sich nicht ohne Aufsicht selbst beschäftigen. Den Haushalt ignoriere ich momentan komplett. Man kann in meiner Wohnung kaum gehen, weil überall Spielsachen herumliegen. Ich versuche regelmäßig, kurz rauszugehen, um bei Laune zu bleiben. Entspannung für mich selbst, in Ruhe einen Kaffee trinken, das habe ich kaum. Ich habe wirklich fast keine Minute Ruhe.

Politisch nicht privat

Auch der finanzielle Druck ist groß. Ich bekomme keinen Unterhalt. Der Vater lebt in den USA und ohne rechtlichen Druck ist er nicht bereit, etwas zu zahlen. Der Fall ist noch vor Gericht, aber bis zum Entscheid gibt es keine finanzielle Unterstützung und das kann noch lange dauern. Ich würde mir wünschen, dass zumindest während der Corona-Krise allen Kindern der Regelbedarf ausbezahlt wird.

Meine Position durch den Vollzeitjob ist zwar besser. Ich habe noch nie so viel verdient, aber noch nie so wenig Geld zum Leben übrig gehabt, denn die Lebenskosten mit Kind sind so viel höher. Das beginnt bei der Miete für eine größere Wohnung, geht über die Kosten für den Kindergarten, die Lebensmittel bis hin zu Medikamenten und Behandlungen.

Als Migrantin habe ich hier auch keine Unterstützung von meinen Eltern. Meine Mutter kommt manchmal nach Österreich, aber sie ist gesundheitlich nicht mehr so fit. Mein Vater könnte mich eigentlich gut unterstützen, er ist auch fitter, aber er fühlt sich einfach nicht verantwortlich.

Die Gesellschaft gibt vor, dass Familie ein privates Thema sein sollte. Es gehöre nicht ins Berufliche. Aber meine Situation macht sichtbar: Die Erwartungen der Arbeitgeber nehmen keine Rücksicht auf meine private Lage, und die Angst, genau deshalb den Job zu verlieren, ist groß!

Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder landen oft in der Armutsfalle. Jetzt organisieren sie sich selbst und kämpfen für einen öffentlich garantierten Unterhalt. Warum das notwendig ist und was das mit Kapitalismus und Patriarchat zu tun hat, erklären Julia Stadlbauer und Barbara Stefan.

Für Kinder bedeutet ein alleinerziehender Elternteil in vielen Fällen Armut. Fast jede zweite Ein-Eltern-Familie lebt derzeit unter der Armutsgefährdungsgrenze. Damit sind sie nach Geflüchteten die am stärksten armutsgefährdete Gruppe in Österreich.

Dieser Zustand ist vor allem für Mütter bedrohlich, die etwa 90 Prozent aller Alleinerziehenden ausmachen. Sie fordern jetzt mehr Schutz und Existenzsicherheit für ihre Kinder.

Rückzieher der ÖVP

Am 13. Dezember übergeben Alleinerziehende der ÖVP eine Petition. Sie haben sich organisiert, um eine Unterhaltsgarantie für alle Kinder zu fordern. Dafür sollen auch die realen Kosten im Rahmen eine Kinderkostenstudie erhoben werden.

Im Wahlkampf sah es kurz so aus, als ob die Forderung umgesetzt werden würde. In einer TV-Diskussion stimmten die SpitzenkandidatInnen aller Parteien dem Vorschlag zu – auch Sebastian Kurz. In letzter Sekunde machte die ÖVP aber einen Rückzieher und ließ Alleinerziehende in der untragbaren Situation zurück.

Alleinerziehende stehen oft allein da

Kindesunterhalt ist einerseits ein Recht, das den materiellen Bedarf eines Kindes absichern, und andererseits ein Beitrag, der die Kosten für Wohnen, Essen, Kleidung und Freizeitgestaltung abdecken soll.

Oft müssen die Betroffenen diesen erst in nervenaufreibenden, langwierigen Prozessen vom anderen Elternteil einklagen. Der Staat übernimmt den Unterhalt nur in den Fällen (im Rahmen eines sogenannten Unterhaltsvorschusses), wenn die Aussicht besteht, später diese Leistung vom Unterhaltsschuldner zurückzubekommen.

Frauen sind betroffen

Diese schwierige Situation trifft vor allem Frauen. Weil sie in ca. 90 Prozent aller Fälle die alleinerziehende Verantwortung für die Kinder übernehmen, aber auch aufgrund der hohen Teilzeitquote und den niedrigen Löhnen in Frauenberufen.

Zudem erhält jede zweite alleinerziehende Mutter keinen oder nur unregelmäßigen Unterhalt. Sie müssen den fehlenden Unterhalt alleine ausgleichen. Eine fast unlösbare Aufgabe, da durch die Betreuungsverantwortung eine Vollzeitanstellung für viele Mütter nicht machbar ist. Die geplante schwarz-blaue Steuerentlastung für Familien kommt Alleinerzieherinnen auch nicht zugute, da ihr Einkommen meist zu gering für den Steuerbonus ist.

Was ein Kind wirklich kostet

Fragt man die Regierung, was ein Kind kostet, orientiert sie sich an einer Erhebung aus dem Jahre 1964. Obwohl die Beträge gemäß dem Verbraucherpreisindex angepasst wurden, sind sie also an den Lebensbedingungen von Kindern von vor über 50 Jahren ausgerichtet.

Eine Studie des WIFO aus dem Jahr 2003 zeigte, dass ein Kind bis zum Alter von 17 Jahren durchschnittlich €500,-/Monat direkte Kosten verursacht. Die indirekten Kosten (d.h. der Verdienstentgang bzw. Einkommensausfall aufgrund nicht leistbarer Lohnarbeit) kommen im gleichen Zeitraum sogar auf bis zu 220.000 Euro.

Elternsein als Existenzbedrohung

Die gesetzlichen Regelbedarfssätze liegen jedoch nach wie vor  bei nur 204 bis maximal 454 Euro monatlich, je nach Alter des Kindes. Die Kinderbeihilfe (zwischen 114 und 165,10 Euro, je nach Alter des Kindes) ist ein sehr geringer Beitrag zur Kostenkompensation. Die Differenz beträgt also mehrere hundert Euro monatlich, welche vor allem schlecht verdienende, alleinerziehende Mütter in die Armutsfalle treibt.

Die aktuelle Gesetzeslage macht ein Kinder selbst für Frauen aus der Mittelschicht zur Existenzbedrohung, wenn sie allein erziehen müssen. Sozialer Abstieg und Armut für Mutter und Kind sind die Folge, wenn die betroffene Frau sich nicht auf die Gunst eines unterhaltszahlenden Vaters einstellen kann.

Kapitalismus und Patriarchat

Die derzeitigen rechtlichen Verhältnisse zementieren das Machtungleichgewicht zwischen Müttern und Vätern ein. Sie basieren historisch auf einem patriarchal-bürgerlichen Alleinverdienermodell, in welchem der Mann für die finanzielle Absicherung der Familie sorgt, während sich die Frau um Haushalt und Kindererziehung kümmert.

Das war Teil einer kapitalistischen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen: Männer verkaufen ihre Arbeitskraft gegen Lohn, während Frauen unbezahlt für das emotionale, sexuelle und leibliche Wohl ihres Partners und ihre Kinder sorgen. Die ökonomische Absicherung von Frauen erfolgte also in erster Linie über private Leistungen durch ihren Lebenspartner und ordnete sie damit dem Mann unter.

Durch Erfolge der Frauenbewegungen und den Eintritt der Frauen in das Erwerbsarbeitsleben hat sich diese Arbeitsteilung verändert. Doch rechtliche Regelungen und staatliche Infrastruktur richten sich immer noch an dem alten Familienmodell und männlichen „Normalbiographien“ aus.

Selbstorganisation als erster Schritt

Für die Gleichberechtigung von Frauen braucht es öffentliche Infrastruktur, die reproduktive Arbeit und den Erhalt einer glücklichen, gesunden Menschheit ins Zentrum der Gesellschaft stellt. Dazu gehört eine bedarfsdeckende Unterhaltssicherung für Kinder, flächendeckende und kostenfreie Kinderbetreuungseinrichtungen, Förderung von Väterkarenz, Arbeitszeitverkürzung, Einbeziehen von Betroffenen als ExpertInnen in politische Entscheidungen und vieles mehr.

Die kollektive Selbstorganisation von Frauen und Müttern ist ein erster und wichtiger Schritt, um das zu erreichen.

 

 
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