Im Film „Rise Up“ sprechen fünf Aktivist*innen aus unterschiedlichen Bewegungen über Politisierung, Hoffnungslosigkeit, Kollektivität und den Glauben an eine bessere Welt.

Der Film „Rise Up“ präsentiert sich im Spannungsfeld zwischen Bemühungen um eine gerechtere Gesellschaft und der Kapitulation vor der alles durchdringenden kapitalistischen Normalität. Die darin wurzelnde Zerrissenheit ist keine fremde Situation für die im Film zu Wort kommenden Aktivist*innen. Sie stammen aus der kurdischen Bewegung in Rojava, der Anti-Apartheid-Bewegung in Afrika, der linken Opposition in der DDR, der feministischen Revolte in Chile und der Genossenschaft „Cooperation Jackson“ in den USA.

Keine brennenden Barrikaden

Zu Beginn zeichnet „Rise Up“ das Bild einer düsteren Gegenwart: Im Lockdown wurde vielen Menschen erstmals bewusst, dass das, wofür sie sich jeden Tag abrackern, im Grunde gar nicht gebraucht wird. Als unentbehrlich erwiesen sich dagegen Menschen, die meist mit niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert sind. Geändert hat sich durch diese Erkenntnis nichts. Dass der Großteil unserer Lebenszeit direkt in die Erzeugung von Profit fließt, ist weiterhin vermeintlich alternativloser Normalzustand. Ein Normalzustand, der die Demokratie langsam zersetzt und das Klima vergiftet. Belächelt werden nicht jene, die diesen Zustand rechtfertigen, wie etwa hoch angesehene Politiker*innen oder renommierte Wirtschaftsexpert*innen, sondern die Personen, die an Alternativen arbeiten.

Wie kann es also sein, fragt sich eine erzählende Stimme, dass die Straßen nicht hell erleuchtet sind von brennenden Barrikaden? Der Grund dafür wurzele in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das sich auf das Wüten der Märkte und das Recht des Stärkeren berufe. Die Strategie, mithilfe derer eine auf Ungerechtigkeit basierende Gesellschaftsstruktur verschleiert wird, laute: Vereinzelung. Und es ist die Vereinzelung, die das Fundament für die Entstehung politischer Ohnmacht bildet und großflächigen Widerstand aushebelt.

„Der Mensch, der das Weltall bereist, Krankheiten besiegt und Teilchenbeschleuniger baut, steht nachts auf einer Straße und schaut gebangt in das größer werdende Scheinwerferlicht.“

Zitat der erzählenden Stimme

Institutionen retten uns nicht

Kali Akuno organisiert sich in der Genossenschaft „Cooperation Jackson“ in den USA. Er betont, dass demokratische Institutionen in den Händen der Herrschenden liegend vor allem damit beschäftigt seien, progressive Ideen zu vereinnahmen und abzustumpfen. So bestehe keine Gefahr mehr für das System. Marlene Sonntag von der kurdischen Bewegung beobachtet ähnliche Dynamiken. Ist eine alternative Gestaltung der Gesellschaft nicht nur machbar, sondern wie in Rojava bereits im Entstehen, wollen herrschende Strukturen diese entweder integrieren oder zerstören. Gelinge die Vereinnahmung nicht gewinne linke Politik an Zustimmung, würden Liberale, so Kali Akuno, selbst mit Rechten kooperieren. Dabei würden sie auch Faschismus in Kauf nehmen, um die Welt der Märkte zu schützen. Einzelne Verkörperungen dieser kapitalistischen Verhältnisse wie z.B. Piñera oder Trump zu kritisieren, bringe nicht viel, so Camila Cáceres von der feministischen Revolte in Chile. Der Widerstand müsse sich gegen das System richten, das diese Charaktere ermögliche.

„Christliche Milizen, rechtsextreme Amokläufer, autoritäre Politiker mit Großreichfantasien – sind sie der Soundtrack zu einer Welt der Märkte?“

Zitat der erzählenden Stimme

Leben in verwirklichten Utopien

Was den Aktivist*innen Zuversicht gibt, ist ein Blick in die Geschichte. Denn diese zeigt: Ob es sich nun um Wochenende, Gesundheitsversorgung, das Wahlrecht für Frauen oder den Kampf gegen die Sklaverei handelt – was heute Vielen als Selbstverständlichkeit erscheint, galt lange Zeit als naive Sozialromantik. Dass wir heute in einer Welt voller verwirklichter Utopien leben, wird durch die Entkoppelung von Politik und Alltag gekonnt verschleiert. Veränderungen erfolgen allerdings nicht durch zuvorkommende Politiker*innen oder den ausschließlichen Gang zur Wahlurne alle paar Jahre. Errungenschaften werden erkämpft – mittels Streiks, Blockaden, Aufständen, Protestaktionen und vor allem gemeinsamer Organisierung.

Von Einzelnen zu Verbündeten

Der Film wirft die Frage auf, ob häufig als Flausen abgestempelte Wünsche wie ehrenamtliches Engagement zu betreiben oder mehrere Berufe erlernen zu wollen, nicht auf ein menschliches Grundbedürfnis verweisen: Nämlich nicht nur an der Welt teilhaben zu dürfen, sondern sie gemeinsam gestalten zu wollen. Hilfe und Kooperation wären dann nicht nur eine Gefälligkeit, sondern ein gemeinsamer Pakt, auf dem die Wirtschaftsordnung basiere. In einer solidarischen Welt könnten Konkurrent*innen zu Verbündeten werden. Das Potenzial zur Veränderung, das sich durch Zusammenarbeit, Zeit und Mut ergibt, wäre enorm.  

„Rise Up“ erhebt nicht den Anspruch, eine endgültige Antwort auf die brennenden Fragen der Gegenwart zu geben. Stattdessen macht sich der Film gemeinsam mit den Aktivist*innen auf die Suche nach Möglichkeiten, der scheinbar alles umfassenden Ohnmacht entgegenzutreten. Zuversicht zieht der Film dabei sowohl aus der Geschichte als auch aus aktuellen Kämpfen und der Angst, die Herrschende zunehmend umtreibt. Der Film verlässt das in liberalen Demokratien gängige Narrativ, wonach tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ausschließlich in Parlamenten stattfänden. Das Wahlrecht ist hier nicht mehr die einzige Möglichkeit politischer Partizipation. Vielmehr zeigt der Film durch seinen Rückgriff auf historische Lehren, dass insbesondere jene, die für ihre vermeintlich utopischen Forderungen zunächst belächelt wurden, am Ende Recht behalten sollten.

„Ich glaube an die Revolution, denn ich sehe sie in der Geschichte“

Camila Cáceres, feministische Revolte Chile

Das Crossroads Festival in Graz

Von 25. Mai bis 4. Juni findet in Graz das Crossroads – Festival für Dokumetarfilm und Diskurs statt. Als Teil des Schwerpunkts People Power wird „Rise Up“ am 28. Mai im Forum Stadtpark gezeigt, das passend zur Thematik aktuell als „Festung Ohnmacht“ fungiert und sich in zahlreichen Veranstaltungen mit Ohnmacht im Kontext von Klima, Patriarchat oder Wohnen auseinandersetzt. Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch mit Aktivist*innen aus unterschiedlichen Grazer Bewegungen und Initiativen statt. Weitere Themenschwerpunkte des Crossroads sind Harvesting Hope (25. Mai und 2.-4. Juni), Feminism for Everybody (26. bis 27. Mai), Earth Defenders (30. bis 31. Mai) und Animals <> Humans (1. Juni). Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

Foto: Mika Baumeister

Monatelang leistete Lydia Widerstand gegen den Krieg in Russland. Im Exil erzählt sie, warum feministische Forderungen und Anti-Kriegs-Proteste nicht zu trennen sind, wie divers Aktivismus sein kann und welche Taktiken die russische Polizei anwendet.

Binnen 48 Stunden nach der russischen Invasion in der Ukraine formierte sich im Februar 2022 die „Feminist Anti-War Resistance“ (FAR, deutsch: Feministischer Widerstand gegen den Krieg), ein Zusammenschluss von feministischen Organisationen und Einzelpersonen in Russland. Die Gruppe hält der staatlichen Repression bis heute stand. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Putins Regime den Widerstand von Frauen anfangs nicht als Bedrohung wahrgenommen hat.

Die FAR organisiert sich hauptsächlich über einen Telegram-Channel, um ihre Anonymität gegenüber der russischen Polizei aufrecht zu halten. Ihr Manifest wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und ruft Feminist*innen im In- und Ausland auf, sich dem Widerstand anzuschließen. „Das Potenzial für feministischen Protest ist riesig“, erzählt Lydia (Name geändert). Sie ist eine Aktivistin der FAR, die Russland mittlerweile verlassen hat. Aktuell sei der Protest mit großen Risiken verbunden. „Es ist schwierig, nicht auszubrennen“.

Hinter Krieg- und Männergewalt steckt dasselbe System

In der FAR verbinden sich Widerstand gegen den Krieg und feministische Forderungen. „Hinter der Annahme, über das Nachbarland verfügen zu können, steckt die patriarchale Vorstellung von Gewalt als ultimative Machtdemonstration“, sagt Lydia. Die Gewalt durch den Krieg sei nicht trennbar von der Gewalt von Männern gegenüber ihren Partner*innen oder Töchtern. Dass Putins Reden mit denen eines typischen häuslichen Gewalttäters zu vergleichen sind, sei kein Zufall. All dies wurzle im selben System. Erst 2017 wurde in Russland ein Gesetz beschlossen, das sowohl eheliche als auch elterliche Gewalt entkriminalisiert. Etwa alle 40 Minuten stirbt in Russland eine Frau durch häusliche Gewalt.

Im Manifest verweist die Bewegung auf den Anstieg sexualisierter Gewalt in Kriegszeiten. Putins Regime berufe sich in der Rechtfertigung des Kriegs nicht selten auf die Verteidigung traditioneller Werte, die durch Geschlechterungleichheit, die Ausbeutung von Frauen und staatliche Unterdrückung gegenüber allen Menschengruppen, die patriarchalen Normen nicht entsprechen, gekennzeichnet sind. „Das russische Parlament schränkt Abtreibungen stark ein, macht Druck auf Personen der LGBTIQ+-Community und fördert mithilfe des Gesetzes Homophobie“, so Lydia.

Polizei-Taktiken sollen Protest in Russland schwächen

Wer sich an Aktionen beteiligt, geht aktuell ein sehr großes Risiko ein. Für das Hochhalten eines weißen Blatt Papiers, ein Zeichen für den Frieden, kommen Aktivist*innen für zwei Wochen in polizeilichen Gewahrsam. Dort drohen ihnen Gewalt und Demütigungen. Einigen Mitglieder der FAR wurde aufgrund ihres Aktivismus die Studienberechtigung entzogen.

Welche Taktiken die Polizei an den Tag legt, zeigen Aktivist*innen der FAR auch in einer kürzlich erschienenen ARTE-Dokumentation. Wenn ein für Russland wichtiges Datum, wie der Nationalfeiertag, bevorsteht, werden polizeilich bekannte Aktivist*innen in ihren Wohnungen für Verhöre abgeholt. Freigelassen werden sie erst, wenn der wichtige Tag vorbei ist. Das soll verhindern, dass Protestaktionen durchgeführt werden können. Steht ein solcher Tag bevor, tauchen viele Aktivist*innen der FAR mittlerweile für ein paar Tage unter.

„Anti-War Inktober“: Sichtbarkeit fördern und Hoffnung geben

Im Oktober veranstaltete die FAR den Anti-War Inktober. Personen aus aller Welt setzten sich künstlerisch mit verschiedenen Aspekten des Kriegs wie z.B. Flucht, Zensur oder Trauer auseinander und machten ihre Werke unter dem Hashtag #antiwartober online zugänglich. „Viele Menschen können die Risiken, die aktuell mit Protest verbunden sind, nicht eingehen“, sagt Lydia, die die Aktion koordiniert hat. Der Anti-War Inktober biete eine sichere Protest-Möglichkeit. Er erfordere nur die Bereitschaft, Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren. „Solche Aktionen sind wichtig, um zu vermitteln, dass niemand alleine ist“, so Lydia. Besonders für Menschen, die noch vor Ort in Russland Widerstand leisten, ist diese Art des Protests bedeutend, um die Hoffnung und Energie nicht zu verlieren.

Neben Solidaritätsaktionen ist auch psychologische Hilfe für Aktivist*innen wichtiger Bestandteil der Arbeit der FAR. Die ständige Angst und Erschöpfung führe bei vielen Aktivist*innen mit der Zeit zu Fehlern. Das könnte die Aufmerksamkeit der Strafverfolgung mit sich bringen.

Den feministischen Widerstand unterstützen

„Als Bewegung zu wachsen ist unter den Bedingungen eines totalitären Staates schwierig“, so Lydia. Es sei herausfordernd, Personen für die Anti-Kriegs-Bewegung zu mobilisieren und sie gleichzeitig nicht in Gefahr bringen zu wollen. Viele melden sich, um die FAR im Management, bei Aktionen oder ihrem Online-Auftritt zu unterstützen – auch aus unterschiedlichen Zeitzonen. „Uns hilft es, wenn sich Gruppen selbst organisieren und dann bei uns melden“, erklärt Lydia. Dass sich bereits vor dem Krieg feministische Allianzen gebildet haben, erleichtere dies.

Wer den feministischen Protest unterstützen will, kann das Manifest weiterverbreiten. Daneben verweist die FAR auch auf den Anti-War Fonds. Dieser propagiert seit Beginn des Krieges die Idee von Streiks, Krankenständen (um dem russischen Staat nicht zu dienen) und Sabotagen. Viele Menschen in Russland sind streikbereit, können aber aufgrund der verheerenden ökonomischen Krise, die mit den Sanktionen einhergeht, nicht ihr Einkommen riskieren. Internationale Spenden sollen jene finanziell unterstützen, die bereit sind, sich gegen das russische Regime zu stellen. Die Initiator*innen des Fonds bitten allerdings alle Personen, die nur wenig spenden können, zuerst an die Unterstützung von Personen aus der Ukraine zu denken.

In Oakland, Kalifornien, stärkt die Pfadfinderinnenbewegung Radical Monarchs“ (radikale Herrscherinnen) Identitäten und Gemeinden von Mädchen of Color. Am Grazer Crossroads-Festival gibt der Dokumentarfilm „We are the Radical Monarchs“ Einblicke in die Bewegung.

Im Jahr 2014 gründen Anayvette Martinez und Marilyn Hollinquest, zwei queere Frauen of Color (eine Selbstbezeichnung von Frauen mit Rassismuserfahrungen) die Radical Monarchs. Die Bewegung richtet sich an acht- bis dreizehnjährige Mädchen of Color und soll eine Alternative zur klassischen Pfadfinder*innenbewegung sein. Ziel der Radical Monarchs ist, sich gemeinsam für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, Selbstermächtigung zu stärken und Communities of Color zu unterstützen. Im Dokumentarfilm „We are the radical monarchs“ (2019) begleiten Regisseurin Linda Goldstein und ihr Team die Mädchen in Oakland bei ihren Aktivitäten.

Ein Raum für Erfahrungsaustausch

Für Gründungsmitglied Anayvette Martinez waren die Erfahrungen ihrer eigenen Tochter ausschlaggebend, um eine Veränderung anstoßen zu wollen. Als diese einer Pfadfinder*innengruppe beitreten möchte, beobachtet Anayvette, wie ihre Tochter zunächst alleine anfängt, kritisch über ihre Identität und ihre Werte nachzudenken. Anayvette sieht, dass es eine Gruppe für junge Mädchen of Color braucht, um sich über Erfahrungen in einer von Ungerechtigkeit geprägten Welt auszutauschen und Schwesternschaft zu fördern. Gemeinsam mit einer Freundin, Marilyn Hollinquest, ruft sie 2014 die Radical Monarchs ins Leben. Marilyn, die in einer sehr konservativen und patriarchal (d.h. durch traditionelle Sichtweisen und männliche Vorherrschaft) geprägten Familie aufgewachsen ist, hätte sich eine solche Gruppe als junges Mädchen of Color gewünscht. Sie zögert deshalb nicht lange, sich an der Gründung zu beteiligen.

Von Betroffenheit zu Selbstermächtigung

Den Radical Monarchs geht es jedoch nicht nur um Identität, Selbstfürsorge oder individuelles Empowerment – die Mädchen greifen die Ungerechtigkeiten auf, mit denen ihre eigenen Communities im Alltag konfrontiert sind. Dazu gehören leistbares Wohnen, Angst vor Abschiebung und Polizeibrutalität. Im Dokumentationsfilm begleiten Linda Goldstein und ihr Team die Monarchs bei Treffen mit Gesetzgeber*innen. Dort konfrontieren die Monarchs jene mit den Bedürfnissen der Communities of Color. Mit ungebrochener Verbindung zur Gemeinschaft wollen sie den Mädchen eine andere Form von Führungsstil vermitteln. Dieser soll nicht nur Einzelnen den Aufstieg ermöglichen, sondern radikale und damit gesamtgesellschaftliche Veränderungen vorantreiben.

Ausflüge und Workshops mit nachhaltiger Wirkung

Die Mädchen absolvieren Einheiten, in denen sie sich mit unterschiedlichen Formen sozialer Ungerechtigkeit auseinandersetzen. Dies erfolgt durch Ausflüge oder Workshops. Die Themen reichen von LGBTIQA* über Black Lives Matter bis hin zu Umweltschutz und Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderungen. Für die Auseinandersetzung mit den Themen erhalten die Mädchen jeweils ein Abzeichen. 

Dass die Bewegung eine nachhaltige Wirkung hat, beschreiben die Radical Monarchs DeYani Dillard and Neveah Kelly. Für DeYani ist es auch außerhalb der Monarchs zur Selbstverständlichkeit geworden, sich zu engagieren. Sie nutzt die Plattform, die sich durch die Monarchs ergibt und hilft anderen dabei, ihre Stimmen zu erheben. Neveah hebt den langfristigen Zusammenhalt hervor, den die Bewegung erschafft. Sie erläutert, dass die daraus entstehende kollektive Kraft auch dazu beitragen kann, im Kampf für Veränderung nicht auszubrennen. Zudem können sie in herausfordernden Zeiten, wie zum Beispiel der Trump-Präsidentschaft, auf die Ressourcen der Bewegung zurückgreifen.

„Unsere Generation ist mutiger und kriegt mit, was in der Welt passiert.“ 

DeYani, Radical Monarch

Sie betont, dass es keinen Grund gibt, junge Menschen im Kampf um Gerechtigkeit auszuschließen. Denn sie sind von Geburt an von diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen betroffen. 

Dokumentationsregie als (Ver-)Lernprozess

Für Regisseurin Linda Goldstein stellte sich anfangs die Frage, wie sie ihre Privilegien als weiße Frau nutzen kann, um die Arbeit von Frauen und Mädchen of Color sichtbar zu machen, ohne dabei für sie zu sprechen. Im Filmmakers Q&A beschreibt sie das Filmen der Dokumentation als intensiven Prozess, der zunächst davon gezeichnet war, Sichtweisen zu verlernen, um neue zulassen zu können. Eines ihrer Erkenntnisse ist, wie selbstverständlich es nach wie vor ist, von Frauen und Mädchen of Color zu erwarten, Nicht-Betroffene über ihre Probleme aufzuklären und unbezahlte Bildungsarbeit zu leisten. Es brauche auch hier mehr kritisches Hinterfragen der eigenen Perspektive und Verbündetenschaft.

Das Crossroads-Festival

Nach pandemiebedingter zweijähriger Pause findet das Crossroads – Festival für Dokumentarfilm und Diskurs heuer erneut in Graz statt. „We Are The Radical Monarchs“ wird unter dem Themenschwerpunkt Feminism is for Everybody (17.-19. Juni) gezeigt, der sich auf Dokumentarfilme zu unterschiedlichen feministischen Aktionsformen fokussiert. Außerdem gibt es die Themenschwerpunkte Climate Justice Now (9.-10.6), Harvesting Hope (10-12.6.), Earth Protectors (14.6.), Movements (16.6.), Solidarität statt Festung Europa/Black Lives Matter (20. Juni) und Animals<>Humans (21.6.).

Mit der Präsentation von Dokumentarfilmen, die im Rahmen des Crossroads zum Teil Österreich- oder Europapremiere feiern und dazugehörigen Diskussionen und Workshops möchte das Festival die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen der Gegenwart fördern. Das Sichtbarmachen von Menschen, Bewegungen und Initiativen, die sich für eine lebenswerte Zukunft für alle einsetzen, soll nicht nur Handlungsoptionen aufzeigen. Es soll Mut in herausfordernden Zeiten machen.

Am 15. Dezember 2021 verstarb die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Schwarze Feministin bell hooks. Warum Kritik am weiß-bürgerlichen Feminismus nicht um hooks’ Analysen zur Kategorie Klasse herumkommt, erläutert Mosaik-Redakteurin Jennifer Friedl.

bell hooks wurde am 25. September 1952 in Hopkinsville, Kentucky geboren und wuchs in einer Schwarzen Arbeiter*innenfamilie auf. Ihr Pseudonym, das bewusst kleingeschrieben wird, verwendete sie in Andenken an ihre indigene Großmutter und mit dem Anliegen, nicht ihren Namen, sondern ihre Werke in den Vordergrund zu stellen. In diesen beschäftigte sie sich insbesondere mit den Verstrickungen von Kapitalismus, Patriarchat (einer Gesellschaftsordnung, in der sich sämtliche Lebensbereiche an männlichen Konzeptionen orientieren und männlich gelesene Personen eine privilegierte Stellung genießen) und weißer Vorherrschaft. Sie plädierte für eine intersektionale Perspektive, die das Zusammenwirken verschiedener Unterdrückungsmechanismen in den Blick nimmt. Dabei war es hooks stets ein Anliegen, ihre theoretischen Analysen nicht durch komplexe Formulierungen nur für einen kleinen Kreis von Akademiker*innen mit Vorwissen zugänglich zu machen. Sie wollte ihre Werke möglichst verständlich und lesbar gestalten.

In ihrem sehr persönlichen Buch „Where We Stand: Class Matters“ (2000) führte hooks an, dass es innerhalb feministischer und antirassistischer Bewegungen mittlerweile weit verbreitet ist, bewusst über das Zusammenwirken von „Gender“ und „Race“ zu sprechen. Gender bezieht sich auf die soziale Bedeutung von Geschlecht, Race auf gesellschaftlich konstruierte Gruppen von Personen mit ähnlichen sozialen und physischen Merkmalen. Die weitaus unangenehmere Kategorie, die selbst in progressiven Diskursen lieber nicht angerissen wird, ist laut hooks die der Klasse. Patriarchale und rassistische Machtmechanismen zu kritisieren und dabei Klassenverhältnisse außer Acht zu lassen, führe allerdings zu einem reformistischen Feminismus. Dieser komme lediglich Frauen aus der Mittel- und Oberschicht zugute und erhält kapitalistische Strukturen unter dem Deckmantel der Freiheit aufrecht.

Reformistischen Mainstream-Feminismus problematisieren

Bereits im Kontext des militanten Schwarzen Befreiungskampfes, machte sich bei manchen eine Abstumpfung des radikal-kritischen Ansatzes breit, sobald sich die Zugänglichkeit von Schwarzen Menschen zum Arbeitsmarkt verbesserte. Dabei sah dieser die Veränderung der Klassenverhältnisse stets als Teil der Bewegung an. Hooks sah eine ähnliche Entwicklung in der Durchsetzung eines lediglich an Reformen ansetzenden Mainstream-Feminismus und bezeichnete diesen als Verbündeten des weißen, kapitalistischen Patriarchats.

Demnach begrenzten weiße, privilegierte Frauen bereits zu Beginn der zeitgenössischen feministischen Bewegung ihren Kampf gegen das Patriarchat auf die eigene Klasse. Sie gaben sich zufrieden, sobald sie einen Platz am Tisch der Macht erlangten. Dass die bloße Beteiligung an Macht diese keineswegs angriff, sondern in Macht über Frauen aus der Arbeiter*innenklasse und armutsbetroffene Frauen mündete, nahmen privilegierte Feminist*innen bereitwillig in Kauf. Die Themen, die im Zuge der feministischen Bewegungen in den 1960er und 1970er-Jahren, aber auch danach mediale Erwähnung fanden, waren aus diesem Grund häufig auf die Bedürfnisse von weißen Frauen mit Klassenprivilegien reduziert.

Delegieren von Hausarbeit an Frauen ohne Klassenprivilegien

Während Debatten rund um die Befreiung der Frau von der Hausarbeit und Eintritt in die Lohnarbeit schnell an Dominanz gewannen, stellte außerhalb des radikalen Flügels niemand die Frage, wer die Hausarbeit, die dadurch nicht verschwand, anschließend übernehmen sollte. Weiters betonte hooks, dass zu diesem Zeitpunkt bereits viele Schwarze Frauen aus der Arbeiter*innenklasse schlecht bezahlte und von privilegierten Frauen abgelehnte Jobs annahmen. Sie waren der Doppelbelastung von Lohn- und Hausarbeit ausgesetzt. Die Betroffenen hätten, so hooks, mehr Zeit für Hausarbeit als Freiheit betrachtet. Das stand im Gegensatz zu den Bestrebungen von weißen Feminist*innen mit Klassenmacht.

Entgegen der Erwartungen reformistisch-feministischer Bewegungen stellte sich durch den Zugang von Frauen zu Lohnarbeit keine gerechte Arbeitsaufteilung unter den Geschlechtern ein. Die Hausarbeit musste aufgrund der hohen Belastung folglich delegiert werden. Das wird auch heute noch im Kontext der Kritik an neoliberalem Feminismus und unter dem Begriff der Global Care Chain diskutiert. Demnach übernehmen vor allem migrantische und unprivilegierte Frauen häufig unbezahlte reproduktive Tätigkeiten wie z.B. Putzen, Kochen, Betreuung von Kindern bzw. die Pflege von älteren oder kranken Menschen. Frauen aus der Ober- und Mittelschicht haben indes die Möglichkeit, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. In den Heimatländern der migrantischen Frauen entsteht dadurch eine Versorgungslücke, die wiederum andere Frauen schließen müssen. Dem entgegen stehen unterschiedliche feministische Ansätze, die z.B. eine kollektive Organisierung sowie gerechte Aufteilung von Reproduktionsarbeit fordern.

Solidarität gegenüber jenen ohne Klassenmacht wahren

Für bell hooks stellte sich im Zuge ihres akademischen Aufstiegs stets die Frage, ob es möglich ist, trotz höherem Klassenstatus eine solidarische Verbindung zur Arbeiter*innenklasse und den Menschen mit weniger Klassenmacht zu bewahren. In ihren Essays zum Thema Klasse schilderte sie die Erfahrung, dass radikalere Ansätze Schwarzer feministischer Theoretiker*innen erst dann gehört würden, wenn diese sich dazu entschließen, zu promovieren. Selbst wenn sie kein Interesse an einer akademischen Laufbahn haben.

Alles andere als eine einfache Aufgabe sei es, den patriarchalen Konzeptionen von Erfolg zu entsprechen und gleichzeitig an feministischen Prinzipien festzuhalten. Für hooks setzte dies voraus, die Veränderungen, die sich durch steigende Privilegien und höheres Einkommen vollzogen, stets selbstkritisch zu beobachten. Um mit den sich daraus ergebenden Widersprüchlichkeiten umzugehen, entschloss sich hooks dazu, ihre Ressourcen zu teilen und sich zu weigern, die Denkweise der herrschenden Klasse anzunehmen, die sie als Politik der Gier beschrieb. So gab sie z.B. einen fixen Betrag ihres Gehalts an bedürftige Menschen weiter. Klassistisches Handeln schlage sich irgendwann, ob gewollt oder nicht, im Verhalten aller nieder, die in einen höheren Klassenstatus aufsteigen. Dies betonte hooks auch in ihrer Kritik an der Schwarzen Elite.

Plädoyer für einen radikalen und revolutionären Feminismus

Ein Feminismus für alle, kann demnach nur dann seine Wirkung entfalten, wenn das Ineinandergreifen verschiedener Unterdrückungsmechanismen bearbeitet wird. Frauen, die Klassenmacht erlangen konnten, sehen sich ständig damit konfrontiert, Angriffe antifeministischer Politik auf bisherige Errungenschaften innerhalb der privilegierten Klasse abzuwehren. Langfristig können sie, so hooks, nur verlieren. Das weiße und kapitalistische Patriarchat hätte den Aufstieg mancher Frauen nur toleriert, um wenigstens die weiße Klassenmacht aufrechtzuerhalten. Auch die Behauptung, wir befänden uns bereits in einer post-feministischen Phase, wie es vor allem von konservativen Ansätzen postuliert wird, dient laut hooks einzig der Abschwächung einer revolutionären feministischen Bewegung, die kapitalistische Strukturen radikal an ihren Wurzeln angreift.

Um die Stärke der Massen einzuholen, muss Feminismus bei den Lebensrealitäten von Arbeiter*innen und armen Frauen ansetzen. Und er muss auch jene beachten, die keiner Lohnarbeit nachgehen. Statt das Narrativ zu stützen, der Eintritt in die Arbeitswelt sei das alleinige Allheilmittel, brauche es, so hooks, ein kollektives, kritisches und von Solidarität geprägtes Bewusstsein für die manipulativen Taktiken des weißen, kapitalistischen Patriarchats.

Anmerkung: In diesem Kontext stellt Schwarz eine sozialpolitische Kategorie dar und wird deshalb großgeschrieben.  

 
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