Im Jänner machte die Menschenkette im indischen Bundesstaat Kerala Schlagzeilen. Sechs Millionen Frauen protestierten gegen das Zutrittsverbot zu einem hinduistischen Tempel. Für die Aktivistin Gargi Harithakam war die Demonstration aber kein feministischer Durchbruch. Heute sieht sie noch immer die selben Herausforderungen.

In Kerala eskalierte Anfang des Jahres ein Konflikt, der in westlichen Medien als feministischer Durchbruch gefeiert wurde. Für die queerfeministische Aktivistin Gargi Harithakam ist das jedoch falsch. Die Bilder der Menschenkette gingen um die Welt. Sechs Millionen Frauen protestierten im Jänner gegen das Zutrittsverbot für Frauen zum Sabarimala Tempel. Bereits im Herbst 2018 untersagte der Oberste Gerichtshof per Anordnung das Zutrittsverbot. Umgesetzt wurde das allerdings nicht, Frauen durften den Tempel weiterhin nicht betreten. Die Protestaktion stieß auch in westlichen Medien auf reges Interesse, sie berichteten über die 600 Kilometer lange Kette als großen feministischen Protest.

Gargi Harithakam ist seit vielen Jahren in Kerala queerfeministisch aktiv, arbeitet als Autorin und Künstlerin und beschäftigt sich vorwiegend mit den Lebensrealitäten von indigenen Gemeinschaften mit LGBTIQ-Hintergrund. Das Interview führte Iga Zakrzewska.

Die Menschenkette die sich Anfang des Jahres in Kerala formierte, galt im Westen als Zeichen feministischer Errungenschaften indischer Frauen. Wie stehst du dazu?

Gargi Harithakam: Für mich war diese Aktion wenig interessant, da sie grundlegend staatlich organisiert und getragen wurde. In Kerala gibt es eine starke Frauenorganisation – Kudumba Sree – die sich von einer kleinen Mikrokredit-Initiative zu einer breiten staatlichen Initiative entwickelt hat. Die lokale Regierung hat für die Menschenkette gezielt mit Kurumba Sree zusammengearbeitet, um Unterstützung aus dem ganzen Land zusammenzutragen. Lokale indigene Gruppierungen, die eigentlich die Akteur*innen in der Sache waren, wurden nicht miteinbezogen, das Problem der Kasten nicht angesprochen. Dabei gibt es über 300 indigene Gemeinschaften allein in Kerala. Ein demokratischer Prozess, wie wir ihn erhofft hatten, hat hier nicht stattgefunden.

Was war das Problem?

Nachdem im Vorjahr das Zutrittsverbot beim Obersten Gerichtshof für ungültig erklärt wurde, gelang es einer indigenen Gruppe zu beweisen, dass der Sabarimala Tempel seit Jahrhunderten ihnen gehört. Aber dieser Kampf, der ein antikolonialer war, ging völlig unter. Das Recht der indigenen Gruppen wurde für eine Selbstermächtigungskampagne von Frauen geopfert. Als indische Feministin reicht es in meinen Augen nicht, „nur feministisch“ zu sein. Wir müssen vor allem verstehen, wie indigenen Gemeinschaften kolonialisiert wurden und werden.

Die Regierung in Kerala ist kommunistisch. Inwiefern verändert das euren Kampf?

Die Ideologie der Regierung ist importiert, sie stammt aus einer fremden, asiatischen Politik. Indien ist keine Industrienation. Fragen zu „Klasse“ können hier nur gemeinsam mit Fragen zu „Kaste“ und „Gender“ diskutiert werden. Es ist ein zutiefst intersektionaler Diskurs. In Kerala gibt es aber bis jetzt keine kommunistische Partei, die sich mit mit Gender-Angelegenheiten vor dem Hintergrund des Kastensystems befasst hat. Sie vertreten die Position: Wenn wir den Klassenkampf abschaffen, lösen wir auch gleichzeitig alle anderen Probleme. Insofern identifizieren wir uns nicht mit der Linken in Kerala.

Wie sind Gender- und Kastendiskurse miteinander verknüpft?

Das System Gender ist, wie auch das System Patriarchat, in der modernen indischen Gesellschaft ein Produkt von starker Bildungspropaganda. Als Teil der Modernisierung muss die Gesellschaft patriarchal werden. Konkret heißt das, dass die Kleinfamilie und die Zweierehe durchgesetzt werden. In Indien war das nicht immer so. In vielen indigenen Tribes gab es beispielsweise eine Frau und fünf Männer oder einen Mann und fünf Frauen. Manche dieser Verhältnisse waren rigide, andere weniger.

Diese Formen des Zusammenlebens sollten im modernen Patriarchat keinen Platz mehr haben. Es wurde unmittelbar vom Westen importiert und war Teil von Kolonialisierung. Wenn wir versuchen das System des Patriarchats in Indien zu verstehen, dann muss man* darüber sprechen, dass lediglich zwei Prozent der Bevölkerung, die historisch alle der höchsten Kaste angehörten, als einzige über Generationen hinweg das Patriarchat praktizierten.

Denkst du die Frauen die in indigenen Volksstämmen leben, haben es generell besser als jene in den privilegierten, westlich lebenden Schichten?

Definitiv, ja. Es gab und gibt für Frauen in Stammesgemeinschaften mehr Möglichkeiten. Allein, dass es Usus ist Kinder nicht im Kernfamiliensystem großziehen, sondern mehrere Generationen diese Aufgaben übernehmen, spricht dafür. In Kernfamilien haben Frauen viel weniger Möglichkeiten sich sozial zu vernetzen.

Das heißt in deinen Worten: Das Bild der unterdrückten, indischen Frau und Indien als dem Land das Frauen am schlechtesten behandelt, ist eine kolonialisierte Perspektive?

Ich sage nicht, dass es keine Probleme gibt. Es stimmt, dass es Frauen in Indien sehr schlecht geht. Erklärungen, wie es dazu gekommen ist und die Lösungen die vorgeschlagen werden, sollten aber nicht aus dem Westen kommen. Der Westen hat uns bisher wenig Gutes gebracht.

Wie entwickelte und entwickelt sich aktuell die Situation für queerfeministische Agenden in Indien?

Darauf gibt es keine einfache Antwort – da sind einfach zu viele kulturelle Unterschiede. Prinzipiell gibt es in Indien mehr Rechte für Queere als beispielsweise in manchen Staaten der USA. Historisch kommt das daher, dass queere Personen im antiken Indien kulturell hoch angesehen waren und als „besonders“ galten. Wie es Trans-Frauen in dieser Zeit ging, kann ich nicht sagen, aber generell war die Stimmung sehr trans-freundlich. Im 18. Jahrhundert wurde Homosexualität durch die Kolonialmächte kriminalisiert, (siehe “Section 377”; Anm. d. A) queeren Personen Landrechte abgesprochen und diese auf die Straße gesetzt. Aktuell geht es in die selbe Richtung wie in jeder anderen patriarchalen Kultur. Schwule Männer haben signifikant mehr Rechte als queere Frauen. In Kerala wird man* schwer mehr als 50 queere, geoutete Frauen oder Trans-Männer finden.

Stärken diese Herausforderungen die queere Community?

Ja, definitiv. Aktuell haben wir auch politisch eine gute Position. Keralas Regierung hat eine queere Agenda die sie tatsächlich umzusetzen versuchen. Das schafft Chancen für den Intersektionalismus.

Die geplante Abschaffung der Notstandshilfe trifft gewaltbetroffene Frauen besonders stark. Aus der Perspektive der Frauenhausarbeit ist sie eine besonders zynische Maßnahme.

Die aktuelle Regierung meint es nicht gut mit Frauen. Das ist spätestens seit dem Abbau von Fördermitteln für zahlreiche Frauenorganisationen klar. Sie reihen sich ein in eine lange Liste an Kürzungen und Gesetzesnovellen in diesem Sinn: die Kürzung der Familienbeihilfe für Kinder im Ausland, die 1.500 Euro Familienbonus, die Abschaffung von Fallkonferenzen in der Gewaltprävention. Und dann ist da die diskutierte und wohl bevorstehende Einstellung der Notstandshilfe. Diese Maßnahmen sind nicht gezielt gegen Frauen gerichtet, aber sie betreffen sie besonders hart. Noch stärker wirken sie sich auf gewaltbetroffene Frauen aus.

Ähnliche Hoffnungen

Frauenhausarbeit heißt vor allem eines: Arbeit mit alleinerziehenden Müttern. Es ist Sozialarbeit mit Frauen ohne jegliche finanzielle Rücklagen, Arbeit mit Frauen mit Migrationshintergrund ohne soziale Netzwerke und oft Arbeit mit Müttern von kleinen Kindern. Die Situationen, Hintergründe und Geschichten dieser Frauen sind völlig verschieden. Ihre Ziele und Hoffnung ähneln sich trotzdem. Auch weil sie auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben die gleichen Hürden überwinden müssen: Termine bei Polizei, Gerichten und Behörden. Die Aufarbeitung schrecklicher Gewaltszenarien, die rechtliche Regelung von Besuchskontakten, Scheidung und Obsorge.

Dann geht es allen voran um die Schaffung einer Existenzsicherung. Denn von irgendwas müssen die Frauen nach dem Auszug aus dem bisherigen Zuhause leben. Für die psychische Bewältigung der miterlebten Gewalt, das Zur-Ruhe-Kommen und den Aufbau eines Vertrauens in die Selbstwirksamkeit, bleiben dann kaum noch Ressourcen über. Mit der geplanten Abschaffung der Notstandshilfe macht die Bundesregierung das Leben dieser Frauen noch einmal schwieriger.

Unbedingt vermittelbar

Rund ein Drittel aller Frauen die in Frauenhäusern Zuflucht finden, leben gänzlich ohne eigenes Einkommen und waren bis zum Einzug ins Frauenhaus vom Einkommen ihrer Partner abhängig. 58 Prozent aller Frauen kommt mit Kindern unter fünf, jede fünfte sogar mit Kindern unter zwei Jahren. Sobald diese Frauen kein Kinderbetreuungsgeld mehr erhalten und auch kein Job mehr auf ihre Rückkehr aus der Karenz wartet, müssen sie sich arbeitssuchend melden und bekommen Arbeitslosengeld. Gleichzeitig müssen sie, um Arbeitslosengeld beziehen zu können, tatsächlich vermittelbar sein, also dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. In manchen Bundesländern ist die Vermittelbarkeit direkt an eine bereits vorhandene Kinderbetreuung gebunden – gratis Kindergärten gibt es nur in Wien, einen garantierten Platz nur im verpflichtenden letzten Kindergartenjahr. Von Krippenplätzen ganz zu schweigen.

In der Realität warten Mütter Monate und Jahre auf öffentliche Kinderbetreuung. Für eine Alleinerzieherin von kleinen Kindern, ohne soziales Netzwerk – und das ist bei den meisten Frauenhausklientinnen der Fall – ist es somit praktisch aussichtslos, Kinderbetreuung zu finden, die eine Arbeit mit existenzsicherndem Einkommen möglich macht. Die Frauen sind also vor die Wahl gestellt, sich für mehr als 15 Wochenstunden arbeitssuchend zu melden oder in die Mindestsicherung zu fallen.

Vorteil Versicherungsleistung

Die Notstandshilfe ist dabei in der Frauenhausarbeit und in anderen Praxisfeldern der Sozialarbeit soetwas wie Trick 17. Die meisten Klient*innen haben irgendwann einmal gearbeitet. Viele in Teilzeitstellen und insbesondere am Land zu Niedrigstlöhnen in typischen Frauendomänen wie Reinigung, Gastronomie und Verkauf. Sie haben damit einen Anspruch, um Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zu beziehen. Im Unterschied zur Mindestsicherung ist es möglich, zum Bezug von Arbeitslosengeld und anschließend Notstandshilfe geringfügig dazu zu verdienen.

Die Höhe der Notstandshilfe orientiert sich an den letzten Bezügen am Arbeitsmarkt und beträgt 95 Prozent des zuvor ausbezahlen Arbeitslosengeldes. Wenn eine Frau also monatlich Notstandshilfe in Höhe von 650 Euro bezieht, kann sie bis zur Grenze der Geringfügigkeit, also 438 Euro, dazuverdienen. Zusätzlich kann sie beim AMS Kinderbetreuungsbeihilfe beantragen. Das ermöglicht ihr zusammen mit der Familienbeihilfe ein deutlich höheres Einkommen als der Bezug der Mindestsicherung.

Existenzielle Probleme

Denn bei der Mindestsicherung gibt es diese Möglichkeiten nicht. Benötigt eine Frau mehr Einkommen als ihr die Mindestsicherung zur Verfügung stellt, kann sie nichts dazu verdienen. Sie ist gezwungen, gänzlich auf die Mindestsicherung zu verzichten und von ihrer Erwerbstätigkeit zu leben. Ohne Job und ohne Kurs beim AMS, gibt es auch keine Kinderbetreuungsbeihilfe. Der Wiedereinstieg ins Berufsleben wird somit eine ziemlich aussichtslose Angelegenheit. Lediglich jede fünfte Frau schafft zum Zeitpunkt des Auszugs aus dem Frauenhaus die finanzielle Unabhängigkeit in Form einer Arbeitsstelle. Sollte die Notstandshilfe tatsächlich abgeschafft werden, stehen gewaltbetroffene Frauen vor unmittelbaren, existenziellen Problemen, die unterstützenden Sozialarbeiterinnen vor einem großen Fragezeichen.

Eine Frage, die Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern hören, ist, wie viele Frauen nach einem Aufenthalt wieder zu ihren Männern zurückkehren. Ja, es kommt immer wieder vor. Auch kommt es immer wieder vor, dass die Frauen nach einem zweiten, dritten Frauenhausaufenthalt wieder in ähnliche Beziehungen rutschen, vor denen sie einst geflüchtet sind. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Geschichten der Frauen. Eines eint sie dabei: die Angst es alleine mit den Kindern nicht zu schaffen. Und diese Angst ist absolut legitim.

 
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