An mehreren Orten in Wien engagieren sich derzeit Initiativen für den Erhalt von Grünflächen und die Schaffung von Freiräumen. Bei Stadtspaziergängen, in der Selbstorganisation von Anrainer*innen, in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und mit neuen Konzepten für urbane Landwirtschaft fordern die Projekte eine grüne Stadtentwicklung. Fiona Steinert stellt auf Basis von Radiosendungen aus der ORANGE 94.0-Sendereihe “Post-Normal – Wie wir uns die Zukunft denken” drei dieser Initiativen vor.

Im Hamburger Kunst- und Stadtentwicklungsprojekt „Park Fiction“ gingen die Wünsche bereits 1995 von der Wohnung auf die Straße. Damals entschlossen sich einige Leute aus dem Viertel südlich der Reeperbahn dazu, die Stadtplanung in die eigenen Hände zu nehmen. Im Corona-Jahr 2020 ist die kollektive Wunschproduktion statt kommunal organisierter Beteiligung nun auch in Wien angekommen – als Mittel einer Stadtentwicklung von unten. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie haben, wie in vielen anderen Bereichen, gesellschaftliche Ungleichheit im Zugang zu Grün- und Freiraum in der Stadt sichtbar gemacht. Eine Reihe von aktuellen Projekten entwirft dagegen konkrete Visionen für zukünftige öffentliche Nutzungsmöglichkeiten vorhandener Flächen.

Veraltete Stadtentwicklung

Bereits in den 1990er Jahren war das Donaufeld mit einer Fläche von ca. 65 ha, geprägt von Gemüseanbau, Gegenstand von Stadtentwicklungsplänen, die über die Jahre zurückgestellt und wieder aufgegriffen wurden. Ergebnis der ersten Pläne waren vereinzelte Wohnprojekte wie die Autofreie Mustersiedlung. Nun steht allerdings eine umfassende Bebauung mit dem Ziel der Errichtung von 6.000 neuen Wohnungen vor der Tür. Angesichts der Konkretisierung der ersten Bauphase ab 2021 formiert sich der Widerstand von Anrainer*innen zur Bürger*inneninitiative „Freies Donaufeld“.

Das Leitbild für die aktuelle Entwicklung des Donaufelds wurde 2010 finalisiert. Die nun begonnene Umsetzung der Verbauung beruht also auf zehn Jahre alten Zielrichtungen. Zwar betont dieses Leitbild die klimatische Relevanz des Donaufelds als Grünschneise und bezieht sich auf seine stadtökologischen Funktionen. Dennoch stellt sich die Frage: Brauchen wir im Jahr 2020 angesichts von Klimakrise und Diskussionen zu städtischer Selbstversorgung nicht grundlegend andere Zukunftsszenarien, jenseits der Versiegelung von fruchtbarem Ackerboden?

Zwischen 1990 und 2016 sind in Wien laut Agrar Atlas 2019 30% der land- und forstwirtschaftlichen Fläche umgewidmet worden. Das ist ein Indikator für steigende Bodenversiegelung. Mit entsprechend negativen Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Hitzeentwicklung, Ökosysteme und verfügbare Freiräume in der Stadt. Im Juni 2020 hat der Wiener Gemeinderat nun das „Leitbild Grünräume neu“ beschlossen. Das definiert Kategorien wie Immer- und Zukunftsgrün, um Grünräume zu schützen oder gezielt zu entwickeln. An dieser Deklaration knüpft die Bürger*inneninitiative an und fordert eine Aufnahme des Donaufelds in das Wiener Immergrün. Jeden Donnerstag spazieren Demonstrierende in Begleitung verschiedener Künstler*innen durchs Gebiet.

Vom nördlichen Stadtrand ins Zentrum der Stadt

Auch im Zentrum geht es um die Konkurrenz von Wohn- und Grünraum. Lilli Lička, Professorin für Landschaftsarchitektur und Mitglied von BLA (Büro für lustige Angelegenheiten), sieht diese Gegenüberstellung als ein unzulässiges Ausspielen von zwei Nutzungen. Genau dort, wo dicht gewohnt wird, ist der Bedarf an Grün- und Freiraum schließlich besonders groß. Die Rede ist vom Brachland entlang der Westbahnstrecke, das die Gruppe BLA zum künftigen Westbahnpark erklärt hat. Noch gibt es hier – im Gegensatz zum Donaufeld – weder Leitlinien noch konkrete Baupläne. Die Initiative „Westbahnpark jetzt!“ reklamiert das 1,2 km lange Areal entlang der Felberstraße als öffentlichen Raum daher gerade zum richtigen Zeitpunkt, um visionär planen zu können. Zum einen geht es um den Erhalt der Frischluftschneise aus dem Wienerwald Richtung Innenstadt. Zum anderen ist frei zugänglicher Grünraum im angrenzenden, besonders dicht besiedelten 15. Bezirk mit einem hohen Anteil migrantischer Bevölkerung und niedrigem Einkommensniveau mehr als notwendig.

Die Initiative stößt die Diskussion um das Gelände allerdings nicht mit konkreten Nutzungsvorschlägen an, sondern organisiert „wishful thinking“-Spaziergänge, bei denen die künftigen Nutzer*innen den Park imaginieren können. So werden diejenigen, die in Beteiligungsprozessen für gewöhnlich ausgespart bleiben – die Nutzer*innen der Zukunft, die kommenden Generationen – Teil der Gestaltung in der Gegenwart. Die planerischen Grenzen im Kopf, die insbesondere für die Weiterentwicklung der Bestandsstadt gelten, sollen so durchbrochen werden. Das Projekt Westbahnpark greift den Gedanken des „sozialen Grüns“ auf und stellt sich den Park dabei nicht als funktionalisierte Zone vor, sondern als Stadtlandschaft mit offenem Zugang und Bewegungsfreiheit.

Landwirtschaft im Stadtgebiet

Vom Zentrum noch einmal an den Stadtrand – diesmal in den Süden. Auch am ehemaligen Haschahof in Rothneusiedl ist die Zukunft das Thema. Am Gelände eines der ersten Biobetriebe in Wien mit Selbsterntefeldern ist nach wechselhafter Geschichte das Projekt Zukunftshof eingezogen, das sich der Idee verschrieben hat, Stadtlandwirtschaft ins 21. Jahrhundert zu tragen. Mit Vertical Farming, also dem mehrgeschossigen Anbau und der Wiederverwertung von Energie und Dünger im Kreislauf, Schule am Bauernhof und Kooperation mit Künstler*innen will das lokal verankerte Projekt zum einen die Bedeutung von urbaner Landwirtschaft demonstrieren. Gleichzeitig geht es aber auch darum, eine gestaltende Rolle im Entwicklungsgebiet Rothneusiedl zu spielen.

Schließlich sind die Äcker rund um den Haschahof bereits als Bauland gewidmet. Bis die Bebauungspläne konkretisiert werden, gilt hier aber eine Bausperre. Dem Zukunftshof wird in den bis dato vagen Plänen der Stadt eine wesentliche Rolle als künftiges Stadtteilzentrum zugesprochen. Es wird viel zivilgesellschaftliche Energie und langfristiges Durchhaltevermögen brauchen, um nicht als Aufwertung für die Immobilienentwicklung im Gebiet instrumentalisert zu werden, sondern die entstehenden Leitbilder bis zu ihrer Umsetzung zu beeinflussen.

Wir sehen über die Stadt verteilt zunehmend Projekte und Methoden, die die Zukunft kollektiv gestalten und sich durch Stadtentwicklung von unten Raum nehmen. Dafür brauchen wir andere Muster der Stadtplanung. Die einschneidenden Krisen, die wir erleben, machen es notwendig, Teilhabe in und an der Stadt neu zu denken.

Mehr zu den genannten Projekten kann auf ORANGE 94.0 nachgehört werden:
Das Glashausskelett am Donaufeld von Ursula Napravnik
Westbahnpark. Wann, wenn nicht jetzt! von Lene Benz und Sandra Voser
Eine Zukunft urbaner Landwirtschaft von Lisa Puchner und Greta Egle

Ab 24. September werfen Radiomacher*innen von ORANGE 94.0 einen Blick in die Zukunft einer Welt mit Corona. Denn so verheerend die Auswirkungen der Pandemie sind, so denkbar schien plötzlich auch eine Utopie. Zu hören ist die Sendereihe jeden Donnerstag ab 16:00. Mosaik begleitet das Projekt mit fünf Texten. Den Anfang macht Fiona Steinert.

Die Corona-Pandemie hat in allen Lebensbereichen gezeigt, wie krisenhaft unsere Normalität ist: kaputtgesparte Gesundheitsversorgung, prekäre Wohnverhältnisse und fehlender Freiraum in Städten, ungleiche Chancen im Bildungssystem und ungerechte Verteilung von Care-Arbeit. Doch es gab auch die anderen Momente. Die Pandemie hat auch den Blick auf ein paar utopische Momente freigelegt: autofreie Städte, verbesserte Luft- und Wasserqualität, nachbarschaftliche Unterstützungsnetzwerke, bewusster Konsum. Allerorts wird seither darüber nachgedacht, was die Krise für die Zukunft bedeutet.

Neoliberalismus kontra Utopie

Angesichts der multiplen sozialen und ökologischen Krisen ist in den vergangenen Jahren das utopische Denken salonfähig geworden. Das war nicht immer so, erklärte die Architekturtheoretikerin, Utopistin und Leiterin des Projekts Grazotopia Ana Jeinić Anfang September im Onlineseminar „Her mit der Utopie!“. Die längste Zeit sei Spekulieren eine Sache der Literatur – oder aber der Finanzwirtschaft – gewesen. Als „utopisch“ wurden Konzepte benannt, wenn sie als unrealistisch abgetan werden sollten. Oder es wurden ihnen für den Fall ihrer Realisierung totalitäre Züge unterstellt.

Dass wir diese Zuschreibungen im Kopf haben, wenn von Utopien die Rede ist, ist dem Neoliberalismus zu verdanken. There Is No Alternative. Jede Vorstellung von einer gerechteren Welt jenseits ihrer kapitalistischen Ausformung muss unausweichlich in einem totalitären Projekt enden. Das ist die Legitimation einer neoliberalen Weltordnung, erklärte Jeinić.

Spekulieren mit Relevanz

In einer Gegenbewegung dazu und mit der Verbreitung der Erkenntnis, dass wir eben mit der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems auf die Katastrophe zusteuern, ist klar geworden, dass wir politisch relevante Vorstellungen von einer alternativen Zukunft brauchen.

Zum anderen weist Jeinić darauf hin, dass wir mit Entwicklungen u.a. in Bereichen wie Genetik und Digitalisierung konfrontiert sind, die auf eine posthumane Welt hinaus laufen. Um diesen neuen Realitäten begegnen zu können, müssen wir erst Werkzeuge entwickeln. Ein Prozess, bei dem das Spekulieren neue gesellschaftliche Relevanz bekommt.

Um zu einer systemischen Auseinandersetzung mit alternativen Zukunftsmodellen befähigt zu sein, bedarf es in einem ersten Schritt einer Analyse des Bestehenden. Ein kritisches Verständnis der Gegenwart ist die Voraussetzung dafür, dass sich eine kollektive Praxis entwickeln kann. Die Utopie kann nicht auf Grundlage von Expert*innen-Vorschlägen entstehen.

Weltveränderung neuer Qualität?

An der Frage der Anschlussfähigkeit von Zukunftsmodellen und ihrer Sprache setzt auch die von Kris Krois vom transdisziplinären Master-Lehrgang in Eco-Social Design an der Freien Universität Bozen vorgeschlagene Methode des kollektiven Mappings an. Dabei entsteht durch versammeltes Wissen eine Landkarte von vorhandenen Themen, Akteur*innen und möglichen Allianzen zwischen ihnen. Aus solchen Landkarten in Kombination mit Action-Cafés, Stadtlaboren und Methoden aus der Organisationsgestaltung können schließlich konkrete Praktiken gegenseitiger Unterstützung hervorgehen.

Aber hat nun der Drang zur Weltveränderung durch die Corona-Pandemie eine neue Qualität erhalten? Für kurze Zeit sind während des Ausnahmezustands im Frühjahr ja Hoffnungen aufgekommen, dass der Moment für die Transformation gekommen wäre. An allen möglichen gesellschaftlichen Ecken und Enden wurden Schieflagen des Systems in einer Form und Dichte bemerkbar. Aber wie Jana Gebauer und Corinna Dengler vom Unleashing Fantasy-Kollektiv bei der Degrowth-Konferenz Anfang Juni pointiert festhielten: „Möglichkeitsfenster sind keine Abkürzung für Transformationsprozesse.“ Im Gegenteil: Von Arbeiter*innen- und Frauenbewegung über 1968, die Öko- und Friedensbewegung der 1980er-Jahre, Eine andere Welt ist möglich, Occupy, 15M und Arabischen Frühling bis zu Black Lives Matter und Fridays for Future – Transformationsprozesse haben und sind eben eine lange und langwierige Geschichte.

Bildet Allianzen

Die Chance, die sich jetzt bietet, ist gleichzeitig eine Aufgabe, die sich stellt. Wir werden keines der brennenden gesellschaftlichen Themen für sich behandeln können: Wenn wir übers Klima reden, müssen wir Gerechtigkeit thematisieren. Im öffentlichen Raum müssen wir über leistbares Wohnen, Zugang zu Kultur genauso wie über Verkehrspolitik nachdenken. Ernährung hat mit Urbanisierungsprozessen zu tun, Care-Arbeit mit Klassen- und Geschlechterverhältnissen und Grenzpolitik mit Wirtschaftsmodellen.

Um von der Komplexität dieser Fragen und den damit verbundenen Unsicherheiten nicht überrollt zu werden, werden wir weitreichende Allianzen des füreinander Sorge Tragens brauchen.

Hörtipp: Post-Normal – Wir wir uns die Zukunft denken ist ein Projekt von Radio ORANGE 94.0. Mosaik ist Kooperationspartner. Zu hören jeden Donnerstag um 16:00 auf UKW 94.0 oder im stream auf o94.at. Zum Nachhören unter: https://www.freie-radios.online/sendereihe/post-normal

 
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