Im Interview spricht die Aktivistin und Wissenschaftlerin Feyzi Ismail über die Niederlage Jeremy Corbyns, seinen größten Fehler und die Zukunft von Labour.

Das Wahlergebnis hat sie wirklich geschockt, sagt Feyzi Ismail am Beginn des Telefoninterviews mit Mosaik. Sie hat wirklich nicht erwartet, dass es so schlimm wird. Aber aufgeben ist für sie keine Option. Nur in Labour steckt sie keine Hoffnung mehr. Nach dem Rücktritt von Jeremy Corbyn hat sie keine linke Zukunft mehr, wie Ismail im Interview sagt.

Mosaik-Blog: Man kann es nicht anders sagen: Labour hat unter Jeremy Corbyn eine verheerende Niederlage einstecken müssen. Was hat die Partei falsch gemacht?

Feyzi Ismail: Es war ihre Haltung zum Brexit. Auch wenn das nicht der einzige Fehler war, war es der gewichtigste. 63 der 66 neuen konservativen Abgeordneten haben für Leave gestimmt. Vor den Wahlen 2017, als Labour den Ausgang des Referendums noch akzeptiert hat, war die Stimmung noch eine ganz andere. Diesmal hat die Partei kapituliert. Anstatt die Brexit-Frage zu neutralisieren, indem man sich auf den Widerstand gegen Austerität  konzentriert hätte und so alle working people erreicht hätte, suchte die Partei den Kompromiss. Corbyn hat versucht, es den liberalen, blairistischen „Remainern“ recht zu machen. Dabei haben die ihn immer nur bekämpft. Corbyn war der beste Kandidat, den ich mir vorstellen konnte, aber das war sein großer Fehler.

Aber war das Manifesto von Labour nicht relativ radikal?

Ja, und die Strategie, sich für eine grundsätzlich andere Gesellschaft – ohne Austerität und Studiengebühren, mit Verstaatlichungen und dem Ausbau des Wohlfahrtstaates – auszusprechen war definitiv die richtige. Aber das hätte nur funktioniert, wenn sie den den Brexit neutralisiert, konkret also das Referendum akzeptiert, hätten. Aber das haben sie eben nicht gemacht. Dazu kommt ja, dass Labour jetzt sechs Wochen mit diesem Manifesto Wahlkampf gemacht hat. Aber Labour hat viele Menschen über 30 Jahre lang vernachlässigt und angelogen. Auch weil viele der Abgeordneten nicht auf seiner Seite waren.

Du meinst jene, die ihn schon 2016 zum Rücktritt aufforderten oder die, die aus der Partei austreten?

Ja, aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Der Großteil der Labour-Abgeordneten sind keine Linken, sie sind zentristisch oder auf der alten Linie von Tony Blair. Corbyn war ihnen immer zu links. Sie verkörpern die Arroganz des Establishments, ihre WählerInnen sind ihnen nicht wichtig. Corbyn wollte Labour verändern, aber es ist ihm auch nach vier Jahren an der Spitze nicht gelungen. Diese Hindernisse waren einfach zu groß.

Aber warum haben die Leute dann die Konservativen gewählt? Sie sind genauso arrogant und machen seit neun Jahren eine gnadenlose Austeritätspolitik?

Labour hat mehrere Jahrzehnte lang die working people vernachlässigt. Dass sie jetzt wütend sind, ist nur logisch. Die Partei hat sich seit Tony Blair 1997 an die Macht gekommen ist, nichts mehr für sie getan. Und jetzt, als Labour ihre Brexit-Position geändert und sich für ein zweites Referendum ausgesprochen hat, konnte die Partei auch nicht mehr behaupten, für die ganze Bevölkerung zu sprechen.  Ich glaube nicht, dass diese Leute sich Hoffnungen machen, dass Boris Johnson ihr Leben verbessern wird, aber immerhin akzeptiert er das Ergebnis des Referendums. Vielleicht wird Labour irgendwann wieder in der Lage sein, das Vertrauen der Leute wieder zu gewinnen. Aber jetzt, wo sie dabei ist, wieder eine zentristische Partei zu werden, halte ich das für fraglich.

Du kommst immer wieder darauf zu sprechen. War die Brexit-Position wirklich der einzige Fehler?

Nein, aber er war der wichtigste. Aber ich glaube auch, dass die Partei strategische Fehler im Wahlkampf gemacht hat. Anders als 2017 gab es wenige, sehr große öffentliche Versammlungen, dafür zehntausende Hausbesuche. Aber damit erzeugt man nicht die Dynamik, die Labour gebraucht hätte. Es hätte eine massenhafte Beteiligung am Wahlkampf, einen Geist des Widerstands, der weite Teile der Gesellschaft ansteckt, gebraucht.

Im Wahlkreis Chingford and Woodford Green in Nordlondon sind tausende Leute gekommen, um für die Labour-Kandidatin Faiza Shaheen Hausbesuche zu machen. Ich habe das selbst auch gemacht. Aber das hat nicht gereicht. Sie hat das Mandat nicht bekommen.

Welche Rolle haben die Medien im Wahlkampf gespielt?

Es war keine Überraschung. Corbyn hat sich mit den Mächtigen angelegt, das heißt auch mit den EigentümerInnen der großen Medienhäuser. Sie haben zurückgeschlagen, aber es war wirklich entsetzlich. Es waren nicht nur die rechten Zeitungen wie „The Sun“. Sogar der linksliberale „The Guardian“ ist Teil der Anti-Corbyn Kamapgne gewesen. Sie alle haben Corbyn Antisemitismus vorgeworfen, obwohl er in seinem Leben noch kein antisemitisches Wort gesagt hat. Gleichzeitig haben die Medien die rassistische und sexistische Kampagne Johnsons heruntergespielt.

Jeremy Corbyn ist als Labour-Vorsitzender zurückgetreten. Wie geht es mit der Partei jetzt weiter?

Die Radikalität Corbynismus, die die Partei unter ihm verkörpert hat, ist vorbei. Vielleicht war Labour das Instrument, mit dem man das Land verändern hätte können. Aber die Rechte hat sehr strategisch gedacht, Labour nicht. In der Partei werden die Linken entmachtet werden und das moderate Parteiestablishment wieder sagen, wo es lang geht. Ich glaube nicht, dass die BlairistInnen wieder die Partei übernehmen.

Was wir als Linke jetzt tun müssen, ist jene Leute erreichen, die sich durch Corbyn politisiert haben. Von ihnen gibt es Hunderttausende. Das macht mir Hoffnung.

Glaubst du nicht, dass die sehr resigniert sind?

Vielleicht, aber niemand hat gesagt, dass es leicht ist, SozialistIn zu sein. Wir können von der Niederlage lernen, so verheerend sie ist. Wir müssen stärker in den Stadtteilen verankert sein, die Leute auf die Straße kriegen, Kampagnen fahren und und Streiks organisieren. Das wird unsere Bewegung stärker machen. Und die nächste Regierung wird uns jetzt Menge Möglichkeiten bieten, um die Massen zu mobilisieren.

Aber Johnson hat eine absolute Mehrheit im Parlament?

Ja, aber er wird die Leute enttäuschen, die glauben, ihr Leben wird nach einem Brexit, den die Tories organisieren, besser. Aber es wird schlimmer werden. Johnson könnte den NHS wirklich privatisieren und die Städte, die die Deindustrialisierung zerstört hat, wird er nicht wieder aufbauen. Auch er wird nicht für gute Jobs sorgen. Die Leute werden wütend sein. Wir müssen uns organisieren.

Interview & Übersetzung: Moritz Ablinger

 

Edit 27. Dezember, 16:45: Das Interview wurde an einigen Stellen abgeändert, um dem Gesagten in Englisch besser zu entsprechen. Auch der Titel wurde deswegen geändert. Auf ihren Wunsch ist das englische Original nun untenstehend nachzulesen.

What was your reaction after the BBC announced the exit polls last Thursday?

I don’t think anyone on the left expected a landslide for the Tories. The results are a serious defeat, but we have to analyse where Labour went wrong and how the left can move forward.

What do you think Labour did wrong?

It was clearly their position on Brexit. Though this wasn’t the only factor, 63 out of the 66 new seats that the Tories won voted Leave. Unlike the mood of insurgency in the 2017 election – mass meetings, a united message and, crucially, respect for the referendum result – the hopes for a Labour victory in this election were marred by Labour’s capitulation to a second referendum. Instead of neutralising the issue of Brexit and focusing on his anti-austerity message, which really could unite working people, Corbyn compromised with the largely liberal, wealthy, Blairite Remain camp, who ultimately wanted to destroy him. Don’t get me wrong, we couldn’t have had a better candidate than Corbyn; but that makes the defeat all the more bitter.

But Labour’s manifesto was relatively radical.

Yes, and the strategy of trying to advocate a fundamentally different kind society – an end to austerity and privatisation, nationalisation, an end to tuition fees, more welfare etc. was the right one. But they could only do this by neutralising the question of Brexit – accepting the result and moving forward. Regardless, six weeks also wasn’t enough time to convince people. Especially people who have been lied to and neglected by Labour for 30 years. Most of the MPs were not on Corbyn’s side either.

You mean the vote of no confidence against him and the resignation of some MPs?

That was just the tip of the iceberg. The majority of MPs in the Labour Party are centrists or Blairites. Corbyn was always too left-wing in their eyes. They embody the arrogance of the establishment and don’t care much about their voters, just like the Tories. Corbyn tried to change the Labour Party but he came up against these obstacles of the right, including their media, despite being leader for four years.

But why then elect the Conservatives? It is they who have pursued a merciless austerity policy for nine years.

That comes from decades of neglect, and the anger that working people feel about being left behind, including since the historic compromise of the Labour Party – the capitulation to Blairism in 1997, for a start. When Labour’s position shifted to a second referendum, rather than respecting the original result of the referendum in 2016, it could no longer claim to represent the entire population. It’s not that people who had always voted Labour suddenly cultivated hopes in Boris Johnson, but at least the Tories respected the referendum. Labour might be able to regain its popularity, but as it moves back to being a centrist party, it’s unclear whether it will be able to build the trust needed.

Was the position on the referendum really Labour’s only mistake?

No, but it was the most important one. The party also made strategic mistakes, for example, the focus on canvassing and relatively few big public meetings and rallies. If you want to create an insurgency type of dynamic, you need the masses, together. In the Chingford and Woodford Green constituency in North East London, thousands of people came out to canvass for the Labour candidate, Faiza Shaheen. I did too. But in the end, it wasn’t enough.

What role did the media play?

The media was unspeakably terrible. It wasn’t just the right-wing newspapers like The Sun, but even the liberal media, including The Guardian, drove an anti-Corbyn agenda. Not that that should surprise anyone. Corbyn fought with the powerful, including the people who own the media. They stirred up the accusations of anti-Semitism to the point of hysteria, when Corbyn has never uttered an anti-Semitic word in his life. On the other hand, we have plenty of evidence of racist, sexist, Islamophobic drivel from Boris Johnson. But the media downplayed that. The media played a very important role in destroying Corbyn.

Let’s change the subject. You mentioned Blairism before. What about Labour after Corbyn’s resignation?

The radicalism that Corbynism represented within the party is over. Labour might have been the vehicle for political change in Britain, but the right was very strategic, and the Labour Party wasn’t. It’s unlikely the Blairites will take power again, but the left within Labour will be disempowered. The left beyond the Labour Party should work together with the people who have been become active Corbynistas in recent years to mobilise around campaigns outside the Party. There are hundreds of thousands of them, and this offers real hope.

Don’t you think they are very resigned?

Maybe, but nobody said it was easy being a socialist. I think we can learn something from the defeat, as devastating as it is. Our approach must be to root ourselves more firmly in local areas, fight campaigns, get people on the streets, organise strikes and strengthen our movement. And the next government will give us a lot of opportunities to mobilize.

But Johnson has an absolute majority in parliament.

He does, but he will disappoint those people who hope that their lives will be better after a Tory-led Brexit. Things will get worse under the Tories. Though he may institute some reforms in the immediate, the privatization of the NHS could really happen, towns and communities will not be rebuilt, and good jobs will not be created. People will be angry. We have to organise.

 

Labour lag 20 Punkte hinten, jetzt hat sie die Tories Umfragen zufolge eingeholt. Wie Corbyn das trotz innerparteilichem Widerstand geschafft hat und welche Chancen er als Premierminister hätte, hat Feyzi Ismail Daniel Fuchs erzählt.

Heute wird in Großbritannien gewählt. Nach einer Aufholjagd liegt Labour unter Jeremy Corbyn in den letzten Umfragen gleichauf mit den Tories von Theresa May. Warum die jüngsten Terroranschläge daran nichts geändert haben, wie der 68-jährige Corbyn gerade die Jungen begeistert und weshalb Labour auch bei einem Sieg vor der Spaltung stünde – über all das hat Daniel Fuchs in London mit der linken Aktivistin Feyzi Ismail gesprochen.

Vor einigen Wochen lag die Labour Party in Umfragen 20 Prozentpunkte hinten, heute hat sie die konservativen Tories quasi eingeholt. Wie war das möglich?

Feyzi Ismail: Jahrzehntelang waren die Tories und Labour kaum noch zu unterscheiden. Jetzt gibt es mit Jeremy Corbyn einen aufrichtigen sozialistischen Kandidaten, der für eine echte Alternative steht. Wer einen Bruch mit dem Bisherigen möchte, hat jetzt eine Wahl.

Mit ihrem Wahlprogramm hat Labour gezeigt: Wir haben konkrete Vorschläge ausgearbeitet und durchgerechnet, jetzt könnt ihr entscheiden: Wollt ihr zum Beispiel höhere Steuern für große Konzerne? Obwohl das einfach gesunder Menschenverstand ist, ist es auch ein radikaler Bruch. Das ermöglicht es vielen Menschen, sich zumindest die Umrisse einer anderen Gesellschaft vorzustellen. Der Zynismus in den liberalen Medien ebenso wie in großen Teilen der radikalen Linken wurde durch Corbyns Kampagne weggefegt.

Umgekehrt haben die Tories sich völlig verschätzt. Mit ihrer Kombination aus Überheblichkeit und Verachtung für die Bevölkerung sind sie extrem unpopulär geworden. Im Laufe der Kampagne hat Corbyn immer mehr Vertrauen in der Bevölkerung gewonnen und Theresa May immer mehr verloren.

Dazu kommt: Über zwei Millionen Menschen haben sich seit der letzten Wahl neu als WählerInnen registrieren lassen. Davon sind mehr als 1,5 Millionen unter 35 Jahre alt. Bei jungen Menschen ist Corbyn extrem populär.

Jugendliche gelten eigentlich als politikverdrossen, auch in Großbritannien. Jetzt sagen zwei Drittel von ihnen in Umfragen, sicher zur Wahl zu gehen, und 67 Prozent davon geben an, Labour zu unterstützen. Woher kommt dieser Enthusiasmus?

Meiner Meinung nach war die These von der politikverdrossenen Jugend immer schon falsch. Sie sind nicht teilnahmslos, es gab einfach niemanden, den sie wählen wollten. Das ist jetzt anders.

Heutige junge Menschen haben auch nicht die Niederlagen der 1980er Jahre erfahren. Sie haben nicht erlebt, wie Margaret Thatcher den Bergarbeiterstreik niedergerungen hat. Zugleich sehen sie, dass ein radikaler Bruch notwendig ist, denn es geht um ihre Zukunft. Corbyns Kampagne macht ganz konkrete Lösungsvorschläge, aber sie gibt den jungen Menschen auch ein größeres Gefühl der Inspiration.

Wer heute unter 25 ist, ist mit der Idee aufgewachsen, dass alle PolitikerInnen gleich sind. Sie sind korrupt, verschlagen, unehrlich. Und plötzlich taucht dieser Typ auf, der ehrlich, bescheiden und zugänglich ist und die richtigen Dinge sagt. Der sich um Themen kümmert, die jungen Menschen wichtig sind: die Abschaffung der Studiengebühren, die Förderung von Sport und Popkultur. Corbyn ist bei einem Konzert der Libertines aufgetreten, die Grime-Szene unterstützt ihn. Da ist eine Art Jugendkultur entstanden.

Du hast bereits das Wahlprogramm angesprochen. Es dreht sich vor allem um soziale Themen: höhere Mindestlöhne, bessere Ausstattung des Gesundheitssystems, Abschaffung der Studiengebühren. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Forderungen im Programm?

Zunächst die Abschaffung der Studiengebühren. Heute zahlen Studierende im Schnitt 9.000 Pfund pro Jahr. Dann die Wieder-Verstaatlichung von Eisenbahn und Post. Zwei Drittel der Bevölkerung unterstützen sie, wie Umfragen zeigen. Eine Senkung der immens hohen Bahn-Ticketpreise hätte einen positiven sozialen Nebeneffekt. Wenn man für einen leistbaren Preis nach Manchester oder sonstwo in den Norden fahren kann, kommt das Land wieder mehr zusammen. Die Konzentration auf London und Südengland könnte aufgebrochen werden, die Menschen wieder mehr reisen. Darüber hinaus enthält das Wahlprogramm aber auch wichtige Forderungen für mehr Investitionen im Gesundheitssystem, im öffentlichen Wohnbau und der Kinderbetreuung.

Die Kampagne wirkt unglaublich kreativ und lebendig. Wie viel davon ist eigenständig und nicht von der Partei gesteuert?

Viel, sehr viel. Ich habe so ein Ausmaß an Motivation und Engagement in einem Wahlkampf noch nicht erlebt. Das merkt man an kleinen Dingen. An meiner Wohnungstür hingt vor kurzem eine handgeschriebene Botschaft: „Vergiss nicht zu wählen, diesmal ist es wirklich wichtig.“ In London gab es eine Plakataktion, die den Tory-Slogan „Strong and stable“ („stark und sicher“) aufgriff. Plötzlich hingen in der ganzen Stadt Poster mit der Aufschrift „Strong and stable my arse“ („Stark und sicher für’n Arsch“).

Auch viele Gruppen der radikalen Linken sind für Corbyn aktiv. Zu Beginn des Wahlkampfs waren viele noch kritisch, haben aber eingesehen, dass es sinnlos ist, am Rand zu stehen. Das ist ein großer Schritt nach vorne. Andere Kampagnen wie Stop the War Coalition oder die People’s Assembly Against Austerity rufen nicht offiziell für Labour auf, aber gegen die Tories oder für eine Stimme gegen den Krieg. Auch die Gewerkschaften unterstützen Corbyn, selbst solche, die nicht mit Labour verbündet sind.

In den Zeitungen erscheinen immer mehr Leserbriefe, die sich gegen die Austeritätspolitik der Tories aussprechen, die erklären, dass Corbyn eine bessere Wahl für die Unis, das Gesundheitssystem oder die Wohnungspolitik wäre.

Als die Neuwahl angekündigt wurde, dachten wir noch: Oh Gott, sieben Wochen bis zu den Wahlen, das ist viel zu wenig Zeit, um eine gute Kampagne hinzubekommen! Aber jetzt merken wir: Es könnte sich ausgehen!

Nach den jüngsten Terroranschlägen wurde erwartet, dass die Tories in den Umfragen profitieren würden. Doch Labour holt weiter auf. Wie erklärst du dir das?

Mays Reaktion war die übliche: mehr Überwachung, mehr Einschränkungen der Bürgerrechte, der immer gleiche Mist. Corbyn dagegen sagte: Der Extremismus bei uns hat etwas mit den Kriegen zu tun, die anderswo geführt werden. Und das hat er immer schon gesagt. Er ist seit Jahrzehnten in der Anti-Kriegs-Bewegung aktiv. Das Establishment behauptet, die Kriege würden unsere Bevölkerung schützen. Aber einer Mehrheit der Bevölkerung ist längst klar, dass der Terror nur enden kann, wenn Großbritannien seine Rolle in der Weltpolitik ändert.

Dazu kommt, dass Theresa May als Ex-Innenministerin für die Kürzungen bei der Polizei verantwortlich ist. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob wir mehr Polizei brauchen. Corbyn hat jedenfalls erklärt, dass er die Kürzungen rückgängig machen will. Sollte dagegen May die Wahl gewinnen, können wir sicher sein, dass es massive Angriffe auf die muslimische Community geben wird, willkürliche Verhaftungen, die den Rassismus weiter anfachen werden.

Die Medien hatten Corbyn scharf angegriffen, seit er den Labour-Vorsitz übernommen hat. Selbst der linksliberale Guardian erklärte ihn lange für chancenlos, jetzt empfiehlt die Redaktion seine Wahl. Woran liegt das?

Diese Teile der Medien merken, dass die gesellschaftliche Dynamik zunimmt und wollen nicht auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Natürlich wissen wir, dass wir den Umfragen nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollten. Aber es gibt sie, und sie haben einen Effekt auf die öffentliche Debatte und die Psychologie vieler Menschen. Die sagen sich jetzt: Oh, Labour ist doch nicht so chancenlos wie ich dachte.

Das Popmusik-Magazin NME hob Corbyn sogar auf die Titelseite. Der Chefredakteur erklärte, dass er seine Meinung geändert habe und Labour nun unterstütze. Sowas hört man derzeit oft. Viele Leute merken, dass das, was sie im Guardian und anderen liberalen Zeitungen gelesen haben, nicht wahr ist. Sie merken, dass viele Menschen verzweifelt sind und eine Alternative brauchen. Die leiden unter ihren Wohnbedingungen, dem kaputten Sozialsystem, den Null-Stunden-Verträgen. All das vergessen viele in der Mittelklasse gerne.

Wenn Medien auf diese Trendwende aufspringen, ist das gut. Aber wir dürfen nicht vergessen: Sie haben Corbyn zwei Jahre lang angepatzt, und werden das nach der Wahl wieder tun – auch wenn er gewinnen sollte.

Auch Vertreter des rechten Labour-Flügels, die Corbyn erst letztes Jahr aus dem Amt putschen wollten, unterstützen ihn heute öffentlich. Was hältst du davon?

In einem Wahlkampf müssen sie die Partei unterstützen. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um einen Putsch anzuzetteln. Einige haben wohl eingesehen, dass sie falsch lagen, dass Corbyn tatsächlich charismatisch und populär ist.

Aber viele wollen ihn weiterhin stürzen und sie werden nach der Wahl weitermachen. Ich denke deshalb, dass es zu einer Spaltung kommt, wenn Corbyn die Wahl gewinnt oder auch nur eine absolute Tory-Mehrheit verhindern kann. Es kann nicht zwei Parteien in einer Partei geben, die sich gegenseitig bekämpfen. Die Rechte würde lieber als Juniorpartner mit den Tories regieren als mit Corbyn zu gewinnen. Manche denken laut über eine neue Zentrumspartei nach, mit Teilen der Liberaldemokraten und der Konservativen, nach dem Vorbild von Macron in Frankreich.

Selbst wenn der Idealfall eintritt und Corbyn die Wahl gewinnt, gäbe es also riesige Probleme, noch bevor er überhaupt sein Amt antreten könnte. Er müsste vermutlich eine Koalition bilden. Die dafür nötigen Deals könnten die Abgeordneten des rechten Flügels torpedieren.

Dazu kommt noch die gewaltige Aufgabe der Brexit-Verhandlungen. Welche Chancen hätte Corbyn als Premierminister überhaupt, seine Politik durchzusetzen?

Klar ist, dass der Brexit völliges Neuland für alle Beteiligten ist. Niemand weiß, wie dieser Prozess ablaufen wird oder welche Regeln in ihm gelten. Für Corbyn müssten sein Wahlprogramm und die Prinzipien dahinter der Ausgangspunkt sein für jede Verhandlung, in die er eintritt. Das bedeutet nicht, dass er keine Kompromisse schließen würde. Aber ich halte Corbyn für integer und denke nicht, dass er das gesamte Projekt aufgeben würde.

Innenpolitisch könnte der Brexit auch manches einfacher machen. Die Verstaatlichung von Post und Bahn etwa widerspricht EU-Regeln, die verpflichtenden Wettbewerb vorsehen. Die Brexit-Verhandlungen stellen alles zur Diskussion. Das ist eine Chance für die Linke, mit Mobilisierungen und Massenkampagnen neue Fragen zu stellen: Welche Art von Gesellschaft wollen wir eigentlich? Das muss von außerhalb der Labour-Partei angestoßen werden.

Was kann die Linke tun, außer Corbyn zu wählen?

Wir müssen uns darauf einstellen, dass es vehementen Widerstand gegen seine Politik geben wird. Um es brutal zu formulieren: Es wird auf einen offenen Klassenkampf hinauslaufen. Und ich denke, dass das eine gute Sache ist. Es wird eine Polarisierung der Gesellschaft geben, Millionen von Menschen werden wütend sein, wenn Corbyns Politik, die sie gewählt haben, verhindert wird.

Wir müssen Corbyn dabei unterstützen, die politischen Forderungen auch tatsächlich durchzusetzen. Es wird an den Bewegungen und Kampagnenorganisationen liegen, ob wir die Verstaatlichungen, die Abschaffung der Studiengebühren und eine offene Migrationspolitik bekommen. Es geht darum, das durchzusetzen, was das Establishment am wenigsten will: mehr Partizipation der Bevölkerung, mehr Engagement in der Politik, mehr Streitlust für unsere Forderungen. Das Establishment fürchtet weniger bestimmte politische Forderungen als die Gefahr, die Kontrolle über den politischen Prozess zu verlieren.

 

Feyzi Ismail unterrichtet an der School of Oriental and African Studies (SOAS), Universität London, und ist in den britischen Anti-Kriegs und Anti-Austerity-Bewegungen aktiv.

Das Interview führte Daniel Fuchs. Der Sinologe und Politikwissenschafter promoviert derzeit an der SOAS.

 
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