Eine allgemeine Impfpflicht ist kontraproduktiv, solange wir Menschen durch finanzielle Anreize zur Impfung motivieren können, schreibt Fabian Lehr.

Die Impfkampagne stockt. Fast 40 Prozent der Bevölkerung sind ungeimpft, pro Tag gibt es nur noch wenige tausend Erstimpfungen. Der sich aufbauenden vierten Coronawelle, angetrieben von der hochinfektiösen Deltavariante, kann man mit einer solchen Impfquote nicht viel entgegensetzen. Selbst unter günstigen spätsommerlichen Bedingungen liegen Anfang September wieder zirka 500 Menschen mit einem schweren Covid-19-Verlauf im Spital. Zirka 200 davon befinden sich auf der Intensivstation. Wenn sich die Dynamik der vierten Welle mit solcher Wucht fortsetzt wie in den letzten ein bis zwei Monaten, drohen bald wieder eine Überlastung der Intensivstationen und täglich viele Sterbefälle. Der Unterschied zu 2020 ist freilich: Diese Welle könnte durch die nun zur Verfügung stehenden Impfstoffe beendet werden. Zirka 90 Prozent der mit Covid-19 Hospitalisierten sind ungeimpft, in Wien gar 95 Prozent.

Wie aber die Millionen Ungeimpften endlich in die Impfzentren treiben? Die leicht zu Gewinnenden, diejenigen, die von sich aus eine Impfung wünschen, haben sich ihre Spritzen fast alle schon geholt. Die Möglichkeiten, durch Sonder-Impfaktionen weitere Impfwillige zu mobilisieren, dürften nur noch sehr begrenzt sein. Was also tun? Es gibt zwei theoretisch denkbare Möglichkeiten, die Impfquote über die Marke von 90 Prozent geimpften Erwachsenen zu bringen. Diese Quote schätzt das deutsche Robert Koch-Institut als nötig ein, um neue von Corona verursachte medizinische Krisen zu verhindern. Die eine Option wäre offener Zwang: Eine formelle Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung. Die andere Option wären wirksame Anreize, am ehesten in Form von Geldprämien.

Impfpflicht nicht vor vierter Welle umsetzbar

Der Weg der Impfpflicht ist weder vielversprechend noch legitim, solange die Anreize noch nicht ausgeschöpft sind. Nicht vielversprechend, weil es unrealistisch ist, anzunehmen, die ungeheuren gesellschaftlichen und juristischen Widerstände gegen eine allgemeine Impfpflicht seien in Wochen oder wenigen Monaten zu überwinden. Ein solches Projekt würde einen massiven Widerstand in weiten Teilen der WählerInnenbasis der ÖVP provozieren. Es ist deswegen unvorstellbar, dass die Regierung Kurz das versuchen wird. Es würde auch zu einem langen Kampf der ImpfskeptikerInnen durch alle juristischen Instanzen führen. Und es ist durchaus denkbar, dass sie diesen juristischen Kampf gewinnen würden. Auf keinen Fall ist das Projekt einer allgemeinen Impfpflicht rechtzeitig durchsetzbar, um die vierte Welle noch brechen und eine erneute medizinische Krise verhindern zu können.

Auch die Legitimität einer solchen allgemeinen Impfpflicht scheint fraglich. Menschen haben das Recht, dumme und sie selbst gefährdende Entscheidungen zu treffen, solange sie dabei nicht auch ihrer Umwelt unverhältnismäßigen Schaden zufügen. Aber Moment – tun  die Impfverweigerer denn nicht genau das, indem sie andere infizieren? Gewiss verbreiten Ungeimpfte das Virus deutlich stärker als Geimpfte. Aber erstens ist eine Infektion für vollständig Geimpfte üblicherweise nur noch mit minimalen Risiken behaftet, die Impfverweigerer gefährden also fast nur einander. Zweitens wird sich realistischerweise ohnehin jeder Mensch, geimpft oder ungeimpft, regelmäßig mit Covid-19 infizieren.

Ausrottung des Virus unmöglich

Fast alle VirologInnen halten eine Ausrottung des Virus mit der Durchsetzung der Deltavariante für unmöglich und gehen fest davon aus, dass Covid-19 endemisch werden, dauerhaft auf der ganzen Welt zirkulieren und jeden mehrfach erwischen wird. Die Infektiosität von Delta ist zu extrem. Und die Schutzwirkung der Impfungen gegen Ansteckung klingt zu schnell wieder ab. Es ist technisch nicht mehr denkbar, das Virus aus der Welt schaffen zu können. Selbst mit einer Impfquote von annähernd 100 Prozent.

Während die Impfungen nur über einen relativ kurzen Zeitraum wirksam gegen Ansteckung schützen, bleibt ihre Schutzwirkung gegen schwere Krankheitsverläufe lange extrem hoch. Die Impfungen beenden also nicht die Zirkulation des Virus. Sie sorgen aber dafür, dass die – früher oder später unvermeidliche – erste Infektion für Geimpfte üblicherweise so harmlos wie eine banale Erkältung verläuft. Wenn aber, wie es wissenschaftlicher Konsens ist, Covid-19 ohnehin endemisch werden und so jeden infizieren wird, dann ändert die höhere Infektiosität der Ungeimpften nichts Grundlegendes an der Lage.

Sie gefährden durch ihre Verweigerung also ihr eigenes Leben, stellen aber kaum noch eine besondere, unverhältnismäßige Gefahr für ihre geimpfte Umgebung dar. Damit wackelt die Legitimität einer allgemeinen Impfpflicht. Denn diese wäre nur im Fall einer Krankheit, die durch eine hohe Impfquote tatsächlich ausgerottet werden kann, gut argumentierbar.

Impfprämie als Anreiz

Die realistischere und sinnvollere Alternative zur Erhöhung der Impfquote besteht darin, mit Anreizen zu arbeiten, sprich: Geldprämien zu zahlen. Außer fanatisch überzeugten Antivaxx-VerschwörungstheoretikerInnen – die nach allen Erhebungen nur wenige Prozent der Bevölkerung umfassen – würde jeder noch schwankende Ungeimpfte sich seinen Stich holen, wenn es dafür hunderte Euro auf die Hand gibt. Die erstrebte Impfquote von 90 Prozent der Erwachsenen wäre damit sehr wahrscheinlich leicht erreichbar. Und das ohne alle langwierigen juristischen und gesellschaftlichen Kämpfe. 

Zusätzlich hätte das den positiven Nebeneffekt, als eine kräftige keynesianische Maßnahme zur Erhöhung der Massenkaufkraft zu wirken. Die Pandemie hat zu einer tiefen Wirtschaftskrise geführt, die normale ArbeiterInnen und Arme unvergleichlich härter traf als die Reichen. Umso mehr, weil die Regierung Kurz die österreichischen KapitalistInnen mit Hilfspaketen von Milliarden Euro stabilisierte. Mit Hilfen für ArbeiterInnen und Arme sah es indes äußerst mager aus.

ÖVP und Grüne können schlecht behaupten, Impfprämien für normale Leute (optimalerweise auch rückwirkend für bereits Geimpfte) seien nicht finanzierbar. Nicht, nachdem sie Milliarden zu den UnternehmerInnen geschanzt haben. Eine, idealerweise nach sozialer Bedürftigkeit gestaffelte, Finanzspritze für die Impfung, würde zigtausenden von der Krise getroffenen Haushalten wieder etwas Luft verschaffen. Dieser Ansatz des Anreizes ist der erste, der zunächst einmal verfolgt werden muss, bevor darüber diskutiert werden mag, stattdessen mit Zwang und Strafe zu arbeiten.

Der Sommer in Wien ist heiß und wird immer heißer – besonders in den Vierteln der ärmeren Bevölkerungsmehrheit. Schuld daran sind eine verfehlte Stadtplanung, falsch gebaute Straßen und der Selbstbetrug als „grünste Stadt der Welt“, schreibt Fabian Lehr – und weiß, wie es besser ginge.

2,3 Grad: Um so viel wird die durchschnittliche Jahrestemperatur in Wien bis 2050 steigen, prognostiziert eine Studie der ETH Zürich. Die Spitzentemperatur am heißesten Tag des Jahres wird demnach sogar um 7,6 Grad höher liegen als heute. Die Studie untersucht, wie sich das Stadtklima in verschiedenen europäischen Hauptstädten mutmaßlich entwickeln wird.

Wien, so das Ergebnis, zählt zu den am meisten vom Klimawandel betroffenen Städten. 2050 würde die Stadt demnach ungefähr ein Klima haben, wie es heute in Skopje herrscht. Und, wohlgemerkt: Die Studie geht von der sehr optimistischen Annahme aus, dass der durchschnittliche Anstieg der globalen Temperaturen bis dahin nur 1,4 Grad betragen wird – eine Annahme, die angesichts des weltweiten Scheiterns klimapolitischer Initiativen leider nicht sehr realistisch scheint.

Sommer in Wien: Schon jetzt eine Zumutung

Diese rasante Erwärmung trifft in Wien auf eine Stadt, die bereits heute sehr schlecht auf die Bewältigung sommerlicher Hitzewellen vorbereitet ist. Der Hochsommer ist in Wien auch mit dem gegenwärtigen Klima eine Zumutung. Und das ist zu einem großen Teil Folge einer verfehlten Stadtplanung.

Einige dieser Faktoren sind historisch gewachsen. Wien ist in seiner heutigen Gestalt im Wesentlichen eine Stadt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Viele deutsche Großstädte wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach grüner und weitläufiger wiederaufgebaut. Wien ist anders – und heißer.

Selbstbetrug als „grünste Stadt der Welt“

Wien ist eine Stadt mit extrem dichter Bebauung durch lückenlos aneinandergereihte Zinshäuser, mit fast vollständiger Bodenversiegelung in den inneren Bezirken sowie den proletarischen Bezirken rund um den Gürtel. Größere Grünflächen gibt es fast nur in den bürgerlichen Villenvierteln sowie Neubaugegenden am Stadtrand.

Das Bild als angeblich „grünste Stadt der Welt“ grenzt an Selbstbetrug. Denn tatsächlich leidet der Großteil der Bevölkerung an einem schweren Mangel von Grünflächen in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Ja, die Wiener Stadtfläche mag auf dem Papier zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Grünflächen bestehen. Nun umfasst aber diese Stadtfläche aber erstens einen beträchtlichen Teil des Wienerwaldes, und zweitens sind die Parks in der Stadt überaus ungleich verteilt.

Wien mag sehr grün sein in Liesing und in Donaustadt, am Rand des Wienerwaldes und am südlichen Stadtrand. Aber in den inneren Bezirken sowie den Gegenden rund um den Gürtel, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt, sind Grünflächen Mangelware. Den BewohnerInnen überhitzter Zinshäuser in baumlosen Gassen in Ottakring, Hernals, Rudolfsheim-Fünfhaus oder Margareten nützt es im Alltag wenig, dass es in zig Kilometern Entfernung große Grünflächen im Wienerwald, auf der Donauinsel oder in der Lobau gibt.

Halb so viele Straßenbäume wie Berlin

An diesem Problem hat die moderne Stadtplanung der letzten Jahrzehnte wenig geändert. Sicher, die meisten nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Neubaugebiete sind in einer aufgelockerteren, grüneren Weise gebaut als die Vorkriegsgrätzel. Aber an den Bedingungen im Meer der Gründerzeit-Zinshäuser wurde kaum etwas verbessert. Hier und da ein paar neue Bäumchen, die zudem oft Jahrzehnte brauchen, bis sie wirkliche Schatten spenden. Das reicht für eine spürbare Verbesserung des Stadtklimas nicht aus.

Dafür braucht es Straßen, die durchweg auf beiden Seiten von großen Bäumen bestanden sind. Damit sieht es in Wien düster aus. Zum Vergleich: In Berlin mit einer Fläche von 892 Quadratkilometer gibt es etwas über 430.000 städtische Straßenbäume. In Wien, mit 414 Quadratkilometern etwa halb so groß, sind es 92.000 Straßenbäume, relativ also weniger als halb so viele.

Hitzenächte wegen Asphalt statt Pflaster

In einer typischen Wiener Gasse gibt es kein grünes Blatt, kein Fleckchen Schatten – und verschlimmert wird das noch durch den Straßenbelag. Wien ist eine der wenigen westeuropäischen Metropolen, in denen die Gehwege durchweg asphaltiert statt gepflastert sind.

Damit erreicht man, erstens, eine Bodenversiegelung von praktisch 100 Prozent. Zweitens heizt dieser Asphalt sich im Sommer extrem auf und gibt die Wärme an die Umgebung ab. Das führt insbesondere dazu, dass es in den am stärksten versiegelten innenstädtischen Gegenden im Sommer auch nachts oft brütend heiß bleibt und die AnwohnerInnen ohne Klimaanlage kaum gesunden Schlaf finden können.

In einer Straße dagegen, in der es einen unversiegelten Randstreifen mit Erde und Pflanzen gibt und in der die Wege gepflastert sind, mit Ritzen zwischen den einzelnen Platten, in denen Wasser versickern kann, kann der Boden „atmen“. In solchen Straßen bleibt die Feuchtigkeit von Regengüssen viel länger erhalten und senken die Kronen großer Straßenbäume die Temperatur teilweise um fünf bis zehn Grad. Baumlose, tot-asphaltierte, sterile Straßen bieten dagegen keinen Schutz gegen die Hitze.

Kühle den Villen, Hitze den Zinshäusern

Das Elend des Wiener Sommers trifft die Bevölkerung der Stadt aber nicht gleichmäßig. Schutz vor Hitzewellen ist auch eine soziale Frage. Die Villenviertel in Hietzing oder Döbling und auch die Einfamilienhaussiedlungen in Liesing oder der Donaustadt bestehen aus durchwegs baumbestandenen Straßen. Sie sind übersät von schönen, großen Parks. Ihre lockere Bebauung sorgt für freie Zirkulation der Luft, und große Naturflächen wie der Wienerwald oder die Lobau sind nah und schnell zu erreichen.

Ganz anders ist die Lage im Zinshausmeer rund um den Gürtel, in Simmering, in Meidling oder im Norden von Favoriten. Dort drängt sich die Masse der prekär Beschäftigten, der Arbeitslosen, der MigrantInnen, der von kargen Mitteln lebenden Studis dicht an dicht zusammen. In diesen Vierteln gibt es kaum Straßenbäume, ist der nächste größere Park oft mehrere Kilometer entfernt, sorgen die Versiegelung des Stadtraums und die Enge und Geschlossenheit der Bebauung für stickige, überhitzte, sich stauende Luft. Von einem privaten Garten, wie ihn die Döblinger VillenbesitzerInnen haben, können die Menschen dort natürlich erst recht nur träumen.

Wien tut viel zu wenig

Neue Parks in Neubaugebieten am Stadtrand anlegen oder einen „neuen Wienerwald“ in Transdanubien zu pflanzen ist schön und gut. Aber die wichtigste Maßnahme zur Steigerung der Lebensqualität der Masse der Bevölkerung wäre eine massive Kampagne zur Durchgrünung und Auflockerung der am dichtesten bebauten Bezirke. Es bräuchte eine Verbreiterung der Gehwege und die Umwandlung jeder Wohnstraße in eine Allee, wo immer das technisch möglich ist.

Die Planungen der Stadt, die Zahl der Straßenbäume in Wien bis 2025 um 10.000 zu erhöhen, sind völlig ungenügend. Zur Erinnerung: Um die Straßenbaumdichte Berlins zu erreichen, müsste Wien über 100.000 neue Straßenbäume pflanzen! Dazu kommt, dass selbst dieses wenig ambitionierte Ziel wahrscheinlich nicht einmal tatsächlich erreicht werden wird.

Was es wirklich bräuchte

Wien bräuchte eine Entsiegelung der Stadt, statt selbst neu angelegte Stadtteile wie das Sonnwendviertel fröhlich totzuasphaltieren. Die Stadt bräuchte eine Zurückdrängung des PKW-Individualverkehrs, um dadurch freigewordene Flächen in kleine Parks in jedem Grätzel verwandeln zu können. Und sie bräuchte auch ein Programm zur Förderung der Begrünung von Innenhöfen in Zinshäusern. Und die Stadt bräuchte einen dauerhaft kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Das würde den PKW-Verkehr reduzieren und auch den Ärmsten die Möglichkeit geben, in ihrer Freizeit jederzeit die Naturflächen am Stadtrand zu erreichen.

Von einem konzertierten Masterplan, um Wiens vielbeschworene Lebensqualität auch im Klimawandel zu retten, ist in der Stadtregierung freilich auch unter grüner Mitwirkung nicht viel zu merken. Stattdessen gibt es kosmetische Trostpflästerchen. Sorry, liebe Grüne, aber eine Handvoll neuer Bäumchen am Brunnenmarkt sind keine angemessene Antwort auf den Klimawandel.

Alexandra Strickner von attac hat vor wenigen Tagen einen Artikel auf mosaik-Blog veröffentlicht, in dem das drohende Inkrafttreten von TTIP und CETA zum Anlass genommen wird, in groben Zügen ein mögliches Alternativmodell zur globalisierten neoliberalen Wirtschaftsordnung zu skizzieren. Die „bestimmenden Werte dieses Wirtschaftssystems werden mit Solidarität, Komplementarität – die gegenseitige Ergänzung verschiedener Wirtschaftskreisläufe –, Vielfalt, Frieden und dem Wohlergehen aller Menschen“ benannt. Dagegen wäre freilich nichts einzuwenden – wenn nicht die konkreten Vorschläge für die Begründung einer solchen Ordnung einen mehr als schalen Nachgeschmack hinterließen.

Die Realisierung dieser Ordnung soll nämlich folgendermaßen von statten gehen:
„Handel und Handelspolitik sind in dieser Vision kein Mittel, um Wettbewerb und Profit für einige wenige zu ermöglichen. ‘Anders wirtschaften’ bedeutet im Gegenteil, dass sich Handelskreisläufe gegenseitig ergänzen. Was heißt das konkret? Statt lokalen Handel und regionale Wirtschaftskreisläufe zu zerstören, schützt und fördert ein gerechtes Welthandelssystem diese. Globaler Handel ist komplementär. Nicht die Abschaffung von Zöllen und sogenannten ‘Handelsbarrieren’ steht im Mittelpunkt von Handelspolitiken, sondern das Schaffen von Rahmenbedingungen, die widerstandsfähige lokale Wirtschaftsweisen unterstützen.“

Anderer Handel – eine Utopie?

Diese Ideen sind teilweise utopisch, teilweise, ganz ohne jede Polemik, im eigentlichen Wortsinn reaktionär. Zunächst: Wieso „utopisch“? Weil die Tatsache ignoriert wird, dass das Streben nach Profit der einzige Grund ist, weshalb Handel stattfindet und es, wenn Handel kein Mittel mehr ist, Profit zu ermöglichen, schlicht keinen Handel mehr geben wird. Wer soll denn aus welchem Grund noch den Handel organisieren, wenn dabei nichts zu gewinnen ist? Handel und kapitalistisches Wirtschaften bedingen einander und sind ohne einander nicht möglich. Wenn attac eine andere Handelspolitik fordert, wird der kapitalistische Rahmen der Wirtschaft damit grundsätzlich anerkannt. Die Wurzel allen Übels wird nicht im kapitalistischen System selbst gesucht, sondern in dessen Beherrschung durch multinationale Großkonzerne, denen man das Gegenmodell einer immer noch kapitalistischen Wirtschaft entgegensetzt, in der jedoch lokale KleinproduzentInnen im Mittelpunkt stehen. Der überregionale Handel soll in diesem Modell auf ein Minimum begrenzt sein. Das ist, nebenbei bemerkt, ziemlich genau die Vorstellung einer gerechten Wirtschaftsordnung, wie sie bei den ersten utopischen SozialistInnen und auch im jakobinischen Zentrum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorherrschte. Schon damals aber blieb diese Idee unrealisierbar, obwohl der Stand der Produktivkräfte ihr zu diesem Zeitpunkt noch viel stärker entgegen kam. Im entfalteten hochtechnisierten globalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, mit seiner weit fortgeschrittenen Konzentration, ist eine solche Vorstellung vollends absurd, denn KleinproduzentInnen werden in einem weiterbestehenden kapitalistischen System qua ökonomischer Logik tendenziell von den rationaler wirtschaftenden Großkonzernen mit ihren viel umfassenderen Ressourcen gefressen. Es gibt keinen statischen Kapitalismus. Entweder das Kapital expandiert und entwickelt sich weiter, oder es kollabiert. Wer den kapitalistischen Rahmen grundsätzlich anerkennt – das ist der Fall, wenn Strickner weiter für den Markt wirtschaftende ProduzentInnen annimmt – kann nicht gut damit hadern, dass die kleinen ProduzentInnen von den großen geschluckt werden. Diese Dynamik ist der ökonomischen Logik des Kapitalismus jedoch immanent.

Die Rolle des Zolls

Das im Artikel präsentierte Konzept nimmt diese Tatsache aber nicht so ohne weiteres hin. Es empfiehlt eine Maßregel, die uns zu einem zweiten Kritikpunkt führt: Wieso „reaktionär“? Nun, was im obigen Zitat vorgeschlagen wird, kann man kaum anders interpretieren, als eine etwas umständlich formulierte Forderung nach protektionistischen Schutzzöllen. Diese sollen wohl unterschiedslos überall auf der Welt verankert werden, um die Autonomie der einzelnen Wirtschaftsräume mehr oder weniger als Selbstzweck zu erhalten, indem man durch Zollbarrieren den Weltmarkt abschafft. Was war der ursprüngliche Zweck der Einführung von Schutzzöllen in sich industrialisierenden Staaten? Dazu Karl Marx: „Das Protektionssystem war ein Kunstmittel, Fabrikanten zu fabrizieren, unabhängige Arbeiter zu expropriieren, die nationalen Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisieren, den Übergang aus der altertümlichen in die moderne Produktionsweise gewaltsam abzukürzen“ („Das Kapital“, Band 1, 3. Auflage, S.783). Der Schutzzoll hatte in der Frühphase der Industrialisierung also insofern eine historisch relativ fortschrittliche Bedeutung, als er den Übergang von vormodernen Gesellschaftssystemen in moderne, bürgerlich-kapitalistische beschleunigte. Heute aber hat sich das kapitalistische System überall durchgesetzt und hat der Schutzzoll eine durchwegs reaktionäre Funktion angenommen: Er sichert erstens einer bereits existierenden und gefestigten KapitalistInnenklasse durch Zollbarrieren das Monopol auf einen nationalen Markt, in dem sie die Masse der KonsumentInnen beliebig auspressen kann, weil diese nicht mehr auf billigere Importe ausweichen kann. Zweitens beschert sie der Staatskasse des bürgerlichen Staates durch die Zölle satte Mehreinnahmen, die von der Masse der VerbraucherInnen gezahlt werden. Die Wirkung ist de facto die einer drastisch angehobenen Mehrwertsteuer, die die KonsumentInnen umso härter trifft, je ärmer sie sind.

Kein Idyll glücklicher KleinproduzentInnen

Damit mag man vorübergehend vom Weltmark abgetrennte nationale Märkte schaffen, aber es ist nicht erkennbar, was daran progressiv sein soll. In diesen weiterhin kapitalistischen abgeschotteten Märkten wird sich aller Romantisierung von attac zum Trotz kein Idyll glücklicher KleinproduzentInnen einstellen. Es bildet sich im Gegenteil ein diesen nationalen Markt beherrschendes Monopolkapital, das die KleinproduzentInnen genauso auffrisst wie es zuvor multinationale KapitalistInnen getan haben. Zweitens wird sich, da das Kapital notwendig immer nach Expansion strebt und der vom Weltmarkt isolierte Binnenmarkt irgendwann aufgeteilt ist, dieses wirtschaftliche Expansionsstreben wieder nach außen richten, gegen die anderen protektionistischen Blöcke. Es ist dies das klassische Rezept für imperialistische Konkurrenzkämpfe bis hin zum imperialistischen Krieg.

Vorwärts statt zurück

Das Fazit? Man kann den Kapitalismus nicht in provinziell-behäbigem Rahmen einfrieren oder ihn gar auf ein viel primitiveres früheres Entwicklungsniveau zurückführen und auf diesem Niveau stabilisieren, wie attac es sich vorzustellen scheint. Der Kapitalismus ist heute global, und durch die künstliche Abschottung in nationalen Märkten hinter Zollmauern, wird seine globale Konkurrenz nur noch aggressivere und gefährlichere Formen annehmen. Die Antwort auf diesen globalen Kapitalismus muss ebenfalls eine globale sein, im Klartext: Internationalistischer Sozialismus, der das kapitalistische System revolutionär zu überwinden und durch ein neues sozialistisches Wirtschaftssystem zu ersetzen versucht, statt Illusionen über eine Bändigung des Kapitalismus durch seine künstliche Provinzialisierung und Verlangsamung.

Fabian Lehr studiert Philosophie, ist aktiv bei der Sozialistischen LinksPartei und betreibt den blog-proleter.

 
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