Zum zehnten Mal findet ab heute das urbanize-Festival in Wien statt. Jahr für Jahr geht es um die urbane Gesellschaft, die Wohnungsfrage und das Recht auf Stadt. Heuer steht der Stadtteil Favoriten im Fokus.

Mosaik-Redakteur Moritz Ablinger hat die beiden VeranstalterInnen Christoph Laimer und Elke Rauth vom Verein dérive zum Interview getroffen. Ein Gespräch über den Mut zur Enteignung, die brummende Favoritenstraße und Wiens bürokratischen Geist.

Beginnen wir mit dem Thema des diesjährigen urbanize. Im Mittelpunkt steht heuer der Stadtteil Favoriten. Warum?

Elke Rauth: Das hat viele Gründe. Erstens ist Favoriten eine sehr spannende Gegend. Es ist irre groß und vielfältig. Es gibt viele Gemeindebauten und eine Tradition, die mit der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung verknüpft ist. Außerdem passieren auch jetzt sehr viele Dinge: Das Sonnwendviertel wird seit fast zehn Jahren neu gestaltet und damit verändert sich der Bezirk.

Geht es da um Aufwertung?

Elke: Das auch. Die greift auch in Wien immer weiter um sich und erreicht mehr und mehr Stadtteile. Es braucht Maßnahmen, um Verdrängung zu verhindern. Speziell leistbarer Wohnraum für alle muss langfristig gesichert werden, darum wird es auch beim Festival gehen. Es gibt am Samstag ein Symposium, das sich mit dem Thema Ware Wohnen beschäftigt.

Ein Grund das Festival in Favoriten zu machen, war aber auch, dass wir mit unserem Hausprojekt „Bikes and Rails“ mit dem wir Teil von habiTAT-Mietshäuser Syndikat sind, ins Sonnwendviertel ziehen. Favoriten ist auch toll, weil es ganz unterschiedliche Gegenden gibt. Die Favoritenstraße ist für mich die beste Straße Wiens. Jeden Tag, ganz egal wie spät es ist, brummt dort das Leben.

Das urbanize feiert heuer sein zehnjähriges Jubiläum. Was hat euch 2010 dazu motiviert, ein Festival zu veranstalten?

Elke: Ja, das ist ziemlich super. Der Gründungsimpuls war der zehnte Geburtstag des dérive-Magazins. Wir haben ganz verschiedene Perspektiven und Blickwinkel auf die Stadt, das ist unser Forschungsinteresse. Da wäre es unpassend gewesen, einfach nur einen Vortrag zu veranstalten. Wir wollten die Vielfalt in der Auseinandersetzung mit Stadt auch im Programm zeigen. Das hat für uns auch bedeutet, nicht nur den akademischen Diskurs in den Raum zu tragen, sondern auch ein diverses Angebot zu schaffen: mit Filmen, mit Stadtspaziergängen, mit Parties.

Christoph Laimer: Und es hat gut funktioniert. Es sind viele Leute gekommen, aber es haben sich auch sehr viele mit eigenen Ideen für die Programmgestaltung gemeldet. Die wollten selbst Sachen machen. Es war immer unser Anspruch, dass die BesucherInnen nicht nur KonsumentInnen sind, sondern sich einbringen können. Und viele Leute, die irgendwann einmal eine Idee eingebracht haben, sind mittlerweile Teil des Teams.

Wie hat sich das Festival seither entwickelt?

Elke: Es ist viel dichter geworden. Bei der ersten Ausgabe hatten wir an zehn Tagen zehn Veranstaltungen. Heuer dauert es fünf Tage, an denen aber 35 Veranstaltungen stattfinden. Es war beim zehntägigen Programm sehr schwer, Leute aus dem Ausland dazu zu bringen, während des gesamten Festivals in Wien zu bleiben. Das ist viel leichter, wenn das Festival nur fünf Tage dauert. Wenn Gäste länger bleiben, hat das den Vorteil, dass sie beispielsweise nicht nur einen Vortrag, sondern zusätzlich auch einen Workshop an einem anderen Tag machen können. Es soll nicht nur eine Präsentation von Wissen sein, sondern ein Dialog entstehen.

Weil du das ansprichst: Es wird mit Rouzbeh Taheri auch ein Aktivist von „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ am Festival sein und einen Workshop halten. Was kann man in Wien davon lernen, wo es Immobilienunternehmen, die mit Deutsche Wohnen vergleichbar wären, nicht gibt?

Elke: Zunächst einmal finde ich die Arbeit des Bündnisses großartig. Die haben eine radikale Forderung, die Re-Kommunalisierung privaten Wohnbaus, populär gemacht. Viele Leute haben sich dieser Forderung angeschlossen. Das ist ein Verdienst ihrer Arbeit: Sie haben ein extrem breites Bündnis und verwenden eine Sprache, die jedeR versteht, ohne auf nichtssagende Schlagwörter zurückzugreifen.

Christoph: MieterInnen waren von Anfang an Teil der Kampagne. Das ist etwas, was wir bei vielen Initiativen, die wir kennengelernt haben, sehen: Du musst den Leuten zuhören und darfst nicht mit einer fertigen Kampagne daherkommen. Nur so bekommt man ein Gespür, wo wirklich die Probleme liegen und welche Forderungen in die politische Arbeit integriert werden müssen. Und wenn man sieht, dass solche Bewegungen in anderen Städten erfolgreich sein können, macht das Mut. Deswegen laden wir solche Gruppen ein.

Ein Fokus des urbanize liegt auch immer auf Aktivismus und den verschiedenen „Recht auf Stadt“-Bewegungen. In Wien sind diese aber gar nicht so stark. Warum ist das so?

Christoph: Das hat auch mit der Geschichte der Stadt zu tun. Wien war über Jahrhunderte eine Residenzstadt, eine bürokratisch verwaltete Stadt, die viele gute Dinge macht. Aber das führt dazu, dass die Leute sich erwarten, dass die Stadt ihre Probleme schon lösen wird. Passiert das nicht, schimpfen oder protestieren sie, werden darüber hinaus aber selten aktiv. Wobei man auch nie vergessen darf, dass es mit der SiedlerInnen– und der Rätebewegung auch in Wien eine beeindruckende Phase der Selbstorganisation gegeben hat. In Hamburg ist das Selbstverständnis vieler stadtpolitischen Initiativen beispielsweise ein völlig anderes. Dort gibt es einen unternehmerischen Geist. Der wirkt sich auch auf die politische Arbeit aus.

Elke: Die Einschätzung Wiens stimmt, aber man muss betonen, dass zivilgesellschaftlicher Aktivismus auch nicht erwünscht ist. Wir merken das gerade im Kampf um den Erhalt der Nordbahnhalle, der der Abriss droht, obwohl sie ein fantastischer, wichtiger Ort ist. Es gibt mittlerweile zwar ein formales Bekenntnis zur Partizipation, aber wenn Ideen kommen, die nicht vorgesehen sind, versteht die Stadt das schnell als ungehörig. Wien schreibt sich immer auf die Fahnen, besonders lebenswert zu sein, aber wenn man das ernst meint, müssen alle, die hier leben, mitreden können.

Du hast die Nordbahnhalle angesprochen: Wir sitzen hier in der Nähe des Pratersterns, einer Gegend wo sich städtebaulich sehr viel tut. Wie findet ihr die Wohnungspolitik in Wien abseits dieser Partizipationsthematik?

Elke: Grundsätzlich macht die Stadt sehr viel richtig. Das wird im internationalen Vergleich besonders deutlich. Es gibt Städte in Deutschland, die haben ihren gesamten kommunalen Wohnbau verkauft. Das hat Wien nie getan.

Was die Stadtentwicklungsgebiete betrifft, ist das recht unterschiedlich. Aber ich würde der Stadt da eine Lernkurve zugestehen. Das sieht man im Sonnwendviertel ganz deutlich: Der Teil, der bis 2014 erneuert wurde, ist städtebaulich eine Katastrophe. Da gibt es zwar Wohnraum, aber quasi keinen qualitativen öffentlichen Raum, der nutzbar ist. Das ist im Sonnwendviertel Ost, das momentan entwickelt wird, anders. Da wird der Versuch unternommen, Stadt zu bauen und nicht nur Wohnraum.

Was heißt das konkret?

Elke: Du brauchst eine vielfältige Nutzung, öffentliche Räume und Gewerbe. Nur dann ist ein Stadtteil lebenswert. Besonders wichtig ist Platz für nicht-kommerzielle Initiativen und Aktivitäten. So ein Raumangebot wie die Nordbahnhalle ist selten. Die öffentliche Hand hätte die Aufgabe, solche Räume zu schaffen. Da geht es um Demokratie.

Abschlussfrage: Was wünscht ihr euch für die nächsten zehn Jahre urbanize?

Christoph: Pragmatisch betrachtet wäre es schön, das Wissen und das Material, das wir produzieren, nachhaltiger aufzubereiten. Vielleicht können wir einmal einen Sammelband machen. Außerdem nehmen wir unzählige Videos auf, aber uns fehlen die Ressourcen, das Material gründlich aufzuarbeiten und daraus was richtig Schönes zu machen.

Elke: Ich denke gerade nicht so pragmatisch. Ich hoffe, dass wir ein bisschen was verändern können. Wir kämpfen und kratzen und beißen um die Demokratisierung der Stadt und der Stadtentwicklung. Wien hat alle Voraussetzungen, die Hauptstadt des guten Lebens zu werden: Es ist eine relativ soziale Stadt, eine, in der man gern lebt. Aber sie muss sich trauen, demokratischer zu werden.

Aktivist*innen wollen den vollständigen Abriss der Nordbahnhalle stoppen. Eine davon, Elke Rauth, spricht im Interview über den Stand der Dinge und den Wert der Halle.

Der Nordbahnhalle in Wien droht der Abriss. AktivistInnen der Initiative IG Nordbahnhalle wollen die Halle retten, wie letzte Woche in einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Eine Petition der Initiative richtet sich an Planungsstadträtin Birgit Hebein, Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler und Bürgermeister Michael Ludwig. Gefordert wird darin eine „Absage des geplanten Abrisses und der Beginn eines echten Dialogs mit der Bevölkerung“. Grund genug für mosaik bei Elke Rauth, Mitinitiatorin der IG Nordbahnhalle, nachzufragen.

mosaik: Ihr fordert den geplanten Abriss der Nordbahnhalle zu stoppen. Was ist Stand der Dinge?

Elke Rauth: Darüber herrscht große Unklarheit und es fehlen eindeutige Beschlüsse der Politik. Sicher ist derzeit nur, dass mit Ende Juli der Nutzungsvertrag mit den derzeitigen Betreiber*innen ausläuft und damit ab Anfang August jederzeit der Abrissbagger anrollen kann. Ebenfalls sicher ist, dass ein sehr kleiner Teil der Nordbahnhalle für die Straßenbahnführung abgerissen werden muss. Es handelt sich dabei um den Bürotrakt am Beginn der Halle, der in den letzten zwei Jahren Co-Working beherbergt hat. Alle anderen Teile der Halle sind Verhandlungssache. Die Forderung der IG Nordbahnhalle lautet, die restliche Raumstruktur aus großer Veranstaltungshalle, Studio, Magazin und Werkhalle, zu erhalten. So ist weiterhin die unglaubliche Nutzungsoffenheit gegeben und das Ensemble aus Nordbahnhalle und Wasserturm kann zu einem echten gemeinwohlorientierten Zentrum für Nachbarschaft, Kultur und Soziales weiter entwickelt werden.

mosaik: Stichwort gemeinwohlorientiertes Zentrum, in der Nordbahnhalle hat letztes Jahr das von dir veranstalte urbanize Festival unter dem Titel „Grätzelhood“ stattgefunden. Welche Bedeutung hat die Nordbahnhalle für die Nachbarschaft? Wozu braucht es einen Ort wie diesen?

Die Nordbahnhalle ist Teil der Stadtwildnis „Freie Mitte“, einem innovativen Grünraumkonzept für das Stadtentwicklungsgebiet am Nordbahnhof. In diesem neuen Stadtteil werden in den nächsten Jahren 20.000 Menschen leben und ebensoviele arbeiten. Die Halle hat sich in den rund zweieinhalb Jahren der Öffnung durch ein Forschungsprojekt zu einem echten Zentrum für den Stadtteil und weit darüber hinaus entwickelt.

Sie ist ein nicht mehr wegzudenkender Raum für kulturelle Projekte und soziale Initiativen. 521 Veranstaltungen mit über 200.000 Besucher*innen haben hier in den letzten zwei Jahren statt gefunden. Das zeigt den enormen Bedarf nach diesem Ort. Die IG Nordbahnhof fordert daher den Erhalt der Halle und einen offenen, partizipativen Entwicklungsprozess unter Einbindung aller Stakeholder – also der Nachbarschaft ebenso wie kulturelle und soziale Initiativen. Die Halle und und der angrenzende Wasserturm bilden gemeinsam mit dem Grünraum eine Einheit, die dem Neubaugebiet Identität gibt. Gleichzeitig sind sie die letzten historischen Verweise auf den ehemaligen Nordbahnhof, der immer Ankunfts- und damit Hoffnungsort war.

Im Nationalsozialismus diente der Bahnhof der Deportation jüdischer Mitbürger*innen, es ist also auch ein historischer Gedenkort für den dunkelsten Teil unserer Geschichte. Das Ensemble aus Halle und Wasserturm haben das Potential einen demokratischen Raum als zeitgemäßen Gedenkort zu schaffen. Ein offenes, partizipatives und konsumfreies Zentrum, an dem unterschiedliche Menschen sich begegnen und austauschen können, in dem Kunst und Soziales Raum finden, in dem gesellschaftliche Debatten geführt und die Demokratie gestärkt wird. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung und des Erstarken von demokratiefeindlichen Kräften brauchen wir solche Räume.

Im zweiten Bezirk gibt es eine grüne Bezirksobfrau, mit Birgit Hebein zudem eine neue Vizebürgermeisterin und vor allem Planungsstadträtin. Diese könnten – neben dem Bürgermeister natürlich – den Abriss wohl stoppen. Wie stehen die beiden dazu?

Die grüne Bezirksrätin Uschi Lichtenegger hat in Gesprächen ihr Interesse am Erhalt signalisiert, verweist aber darauf, dass der Bezirk nicht zuständig ist. Die neue Planungsstadträtin Birgit Hebein ist ganz frisch seit 26. Juni im Amt. Sie hat sich gegenüber der Idee des Erhalts positiv geäußert, sieht aber noch Klärungsbedarf bei einigen Fragen. Sie hat angekündigt die soziale Frage und die Klimafrage zusammendenken zu wollen. Genau diese Chance besteht an diesem Ort. Es wäre eine Chance für die neue Planungsstadträtin, mit diesem Ort ein gemeinwohlorientieres Modellprojekt für Nachbarschaft, Kultur und Soziales partizipativ zu entwickeln. Wir hoffen, sie sieht diese Chance und freuen uns auf den Start eines echten Dialogs dazu.

Welche nächsten Schritte habt ihr geplant? Wie kann man euch unterstützen?

Wir haben die IG Nordbahnhalle gegründet, weil wir die drohende Abrissgefahr sehen. Sehr viele Leute konnten aufgrund der Eile in diesen ersten Schritt nicht eingebunden werden. Wir verstehen uns aber als offene Plattform für Menschen, die sich für den Erhalt der Nordbahnhalle einsetzen und an der Entwicklung dieses Ortes mitarbeiten wollen. Mitstreiter*innen sind äußerst willkommen! Gemeinsam besteht die Chance, diesen einmaligen Ort zu retten.

Darüber hinaus kann man die Petition SOS Nordbahnhalle unterschreiben, kommentieren, an möglichst viele Menschen weiter schicken und auf Social Media teilen. Wer eine offizielle Nordbanh-Hallen-Unterstützungserklärung abgeben will, soll uns diese bitte per Mail schreiben. Es soll überdies zeitnah ein Vernetzungstreffen für Mitstreiter*innen geben. Dieses wird dann über unseren Newsletter ausgesendet.

Die Fragen für mosaik hat Rainer Hackauf gestellt.

 
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