Kürzlich wurde eine dubiose Anfrage aus dem Ministerium an die Akademie des Österreichischen Films bekannt. Der Verdacht besteht, dass Kulturminister Gernot Blümel mit Kritik nicht umgehen kann. Ohnehin sieht es für kritische Kunst in Österreich nicht gut aus.

Ende März berichtete der Standard von zwei Briefen an das Bundeskanzleramt, die in der heimischen Filmbranche für Unruhe sorgen. Der eine stammt vom Produzentenverband Film Austria und bezieht sich auf eine  Rede im Rahmen der Verleihung des österreichischen Filmpreises im Jänner. Gehalten hat sie Gerald Kerkletz, ein Sprecher der regierungskritischen Initiative „Klappe auf“, die zuletzt auch an der Donnerstagsdemo beteiligt war. Laut Standard beschwerte sich die wirtschaftsnahe Film Austria über die politische „Instrumentalisierung“ des Filmpreises.

Blümel lässt anrufen

Als Reaktion auf diesen Brief griff eine ungenannte Person aus Gernot Blümels Einflussbereich im Bundeskanzleramt zum Telefon und rief Josef Aichholzer an. Aichholzer ist Obmann der Akademie des österreichischen Films, die die Preisverleihung veranstaltete, auf der es zur genannten Rede gekommen war. Die Person verlangte offensichtlich eine Erklärung für die Causa. Daraufhin fühlten sich Aichholzer und Akademie-Präsident Stefan Ruzowitzky gezwungen, ihrerseits einen klärenden Brief an das Bundeskanzleramt zu verfassen.

Neu sind derartige Differenzen innerhalb der Filmbranche nicht. Wie überall, wo Wirtschaftstreibende und Künstler_innen unterschiedlicher Weltanschauungen aufeinandertreffen, fliegen manchmal die Fetzen. Doch ein Anruf aus dem Ministerium? Das erstaunt.

Desinteressierter Machtpolitiker

Die Angst vor Einflussnahme „von oben“ stellt die Frage, wer denn „da oben“ sitzt. Die Formalitäten sind schnell geklärt: Blümel hat in Wien Philosophie und Business Administration studiert. Doch zentraler scheint seine Karriere innerhalb der ÖVP zu sein. Seit 2015 ist er in Wien Landesparteiobmann, seit Jänner 2018 Bundesminister im Bundeskanzleramt. Zu seinen Agenden zählen neben der Verfassung und den Medien eben auch Kunst und Kultur.

Bisher fiel der Kulturminister hauptsächlich durch geringe Kenntnis heimischer Kunst- und Kulturproduktion auf. In Reden und öffentlichen Statements entfaltet sich einerseits das schimmernde Bild eines reaktionären Europapolitikers, der von der antiquierten, privilegierten und unkritischen Version einer Europäischen Idee aus dem 19. Jahrhundert beseelt scheint. Andererseits tritt darunter das Gesicht eines uninformierten und desinteressierten Machtpolitikers zutage, dem Fragen um gesellschaftliche Veränderung in Richtung Gerechtigkeit und gleichberechtigter Teilhabe nicht wirklich den Schlaf rauben.

Gernot Antoinette

Besonders deutlich wurde das im Juli vergangenen Jahres. Bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele erklärte er dem Publikum: „Das beste Mittel gegen Europaskepsis und Krisenbeschwörer wäre wohl, wenn sich alle Pessimisten auf die Festspiele einlassen würden. Fast traue ich mich zu behaupten: Viele wären auf einen Schlag von ihrem Pessimismus kuriert. Alleine durch die Wirkung der Kunst und Kultur in dieser künstlerischen Hauptstadt Europas!” – Der Subtext ist eindeutig: „Sollen sie doch Kuchen essen“. Blümels Kulturbegriff steht dem bourgeoisen Tourismus näher als heimischen Kulturvereinen.

Der Minister hat schlicht kein Interesse an kritischer Kunst. Wäre es anders, hätte Blümel gegen die Streichung der Fördermittel für das Anschläge-Magazin sowie viele andere kritische Kunst- und Kulturinitiativen, allen voran feministische und migrantische, protestiert. Aussagen über die gesellschaftspolitische Aufgabe von Kunst und Kultur muss man in Blümels Texten suchen gehen. Das Staatsbudget wird zunehmend aristokratisch verteilt. Dem Kulturgenuss bourgeoiser Tourist_innen wird die Kunst des Bewahrens längst vergangener Werke aus Musik und Malerei vorgelegt. Alteingesessenes erhält Förderungen, Sponsoring, mediale Aufmerksamkeit und wird international zum Stolz der Nation erklärt.

Es geht auch anders

Österreichs Kunst- und Kulturschaffende haben, so scheint es, nur eines zu erwarten: Weitere Kürzungen, noch weniger Aufmerksamkeit, noch weniger Mitsprache. Verdrängung ins Ehrenamt, in die Armut oder in andere (nicht-künstlerische) Branchen. Die Filmbranche sei von Nervosität und Konkurrenzdruck gezeichnet, schreibt der Standard. Briefe wie jener der Film Austria an Blümels Ministerium deuten auf die Tendenz hin, „sich gegenüber der Politik einen gewissen Startvorteil zu verschaffen“, stellt Dominik Kamalzadeh fest.

Was der Kulturminister mit „Kultur“ meint, ist also im Vergleich zur wahren Diversität heimischen kulturellen Schaffens reichlich wenig: ein Trostpflaster für kritische Menschen und stolzes Kapital für den Tourismus.

Doch zeigen Initiativen wie „Klappe auf“ oder „DIE VIELEN“, neue Preise wie der „Filmpreis Gloria“ oder öffentliche Texte wie der von Verena Humer, dass es auch anders geht. Österreichs Künstler_innen und Kulturschaffende entscheiden sich immer mehr bewusst zur Angstfreiheit, zur Selbstorganisation und zum Zusammenschluss. Dass die Abgewöhnung staatlicher Finanzierung ganz im Sinne des Regierungsprogramms ist, bleibt als bitterer Geschmack bei aller Freude um die Solidarität unter Kunst- und Kulturschaffenden zurück.

14.000 Deodorants verteilten Stadträtin Ulli Sima und die Geschäftsführerin der Wiener Linien, Alexandra Reinagl, Anfang der Woche an NutzerInnen der Wiener U6. Die öffentlichen Reaktionen auf den missglückten PR-Gag verdeutlichen die Kluft zwischen zwei gesellschaftlichen Gruppen. Clara Gallistl über stinkende U-Bahnen, ang‘rührte Schneeflocken und einen Vorschlag für Ulli Sima im Winter.

Seit ich auf Facebook einen Text zur Deo-Aktion veröffentlicht habe, schreiben mir Manche, ob ich nicht übertreibe. Ob ich nicht übersensibel bin, andere Meinungen nicht vertrage, zu streng bin, den Scherz nicht verstehe, warum ich mich überhaupt aufrege etc.

Ich bin Laurie Penny dankbar, sie hat mich mit dem Begriff „Snowflake“ bekannt gemacht. Damit sind meist Menschen meiner Generation gemeint, die sich über alles aufregen. Die sich für eine einzigartige Schneeflocke halten und beim ersten Sonnenstrahl dahinschmelzen. Snowflakes sind übersensibel, psychisch labil, schnell angerührt und unwitzig. Diese Vorwürfe lösen in mir Zurückhaltung aus. Sie funktionieren perfekt als Methode des Stummschaltens meiner Kritik. Sag‘ ich eben nichts mehr. Eh egal. Eigentlich ist auch nichts passiert. Keine umgebracht worden. Ist ja nur ein unlustiger Scherz.

Warum mich die Deo-Aktion so aufregt

Aber dann lese ich die Kommentare zur Deo-Aktion in den sozialen Medien.

Und jetzt weiß ich wieder: Warum mich die DEO-Verteil-Aktion in der U6 aufregt? Weil Menschen im Sommer halt riechen.

Daran sind aber nicht die Einzelpersonen schuld, sondern der Sommer, fehlende Klimaanlagen und eventuell ein nicht ganz kluges Belüftungssystem. Würdet ihr einer Freundin ein Deo schenken? Nein. Warum? Weil sie es als Beleidigung empfinden würde? Eben. Warum dann den Benutzer_innen vom am meisten sekkierten Verkehrsmittel Wiens?

Public Shaming in der U-Bahn

Sich in die Körperpflege anderer Menschen einzumischen ist unglaublich intim. Ich würde nie im Leben auf die Idee kommen, fremden Menschen in der U-Bahn zu sagen, dass sie sich anders um ihren Körper kümmern sollen. Genau das passiert aufgrund der Deo-Aktion jetzt auf Facebook. Und Ziel des public shamings sind, wie bei einer solchen Aktion zu erwarten, Wohnunglose und sichtbare Muslim_innen:

Ein intimes Thema…

Körpergeruch ist ein unwahrscheinlich intimes Thema. In Betrieben, Schulen und anderen Orten, an denen unterschiedliche Menschen häufig zusammentreffen, kennt man das Problem. Jemand riecht stark. Niemand traut sich etwas zu sagen. Meist checkt man selber nicht, dass man riecht. Deshalb bittet man ja seine primären Beziehungspartner_innen, ob sie mal am T-Shirt riechen können. Kann ich das noch anziehen?

Ich erinnere mich, als meine Turnlehrerin uns Kinder mit 13 Jahren zur Seite nahm und sensibel und ruhig und liebevoll meinte: Eure Körper verändern sich jetzt. Ihr müsst euch jetzt nach dem Turnen duschen oder zumindest unter den Achseln waschen. Sonst riecht ihr nicht gut.

…braucht keine gschissenen Tipps

Körperhygiene ist kein öffentliches Thema. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen in der U-Bahn am Weg von oder zur Arbeit, am Weg nachhause oder am Weg irgendwohin von fremden Personen, nicht sensibel, ruhig und liebevoll, sondern laut, besserwisserisch, ausgrenzend und gschissen „Tipps“ zur Körperhygiene an den Kopf geworfen bekommen. Könnt ihr euch vorstellen, wie peinlich alleine das Gefühl ist, wenn einen Leute angeekelt ansehen? Dass Mikroaggressionen krank machen, ist mittlerweile bewiesen. Ausgrenzung verletzt.

Ulli Sima und Alexandra Reinagl hätten auch Fächer und kühle Getränke verteilen können. Sie hätten die Arbeit an einem besseren Belüftungssystem bewerben können. Sie hätten die Aktion in der U2 am Schottentor oder in der U1 am Stephansplatz durchführen und schwitzenden Anzugmenschen dabei unterstützen können, keine Schweißflecken auf ihren Bankiersoutfits zu hinterlassen. Haben sie aber nicht.

Diese sinnlose Aktion tritt rassistische und klassistische Kommentare los. Das hätte man voraussehen können. Und das ärgert mich. Wer bitte schmiert sich freiwillig diese Billigsdorfer-PR-Deos unter die Achseln? Die Wiener Linien erzeugen Müll, der Geld kostet, verärgert und dazu beiträgt, dass das stigmatisierende Bild der U6 in der Wiener Öffentlichkeit wieder einmal frischen Aufwind erlebt. No pun intended.

Es geht um mehr als Gestank in der U-Bahn

Meine Kritiker_innen haben schon auch Recht: Es gibt schlimmeres. Es passieren grade genug Dinge, gegen die wir uns auflehnen sollten. Im Eiltempo baut die Regierung das rechtliche Fundament unserer Gesellschaft um. Sogar die christlichen Gewerkschafter regen sich schon auf.

Und trotzdem: Die klassistischen und rassistischen Kommentare zur Deo-Aktion sind ein Zeichen dafür, wie stark Ober- und Mittelklassen-Weiße Vorherrschaft gerade normalisiert wird. Am Beispiel der Kommentare zum „normalen“ menschlichen Verhalten in einer Wiener U-Bahn entblößt sich eine neue Kultur der Segregation. Diese Kultur konzentriert sich auf Unterschiede, geht vom durchschnittlichen Weißen als Normalem aus und strebt darauf hin, alternative Lebensformen zum „Eigentlichen“, zum „Normalen“ zu erziehen.

Man kann mir „political correctness“ vorwerfen, aber ich verstehe darunter einfach „basic human decency“. Manieren. Einfach ned gschissen zueinander sein. Das ist mein politisches Ziel.

Sollen sie halt woanders hingehen

In meiner Herkunftsstadt Linz erzählen mir viele, sie spüren einen Kulturwechsel in öffentlichen Verkehrsmittel. Wie die Menschen miteinander umgehen, in der Straßenbahn, ändert sich.

Eine schwarze Mutter wird am Hauptplatz als Negerin bezeichnet. Einem geistig behinderten Mann wird mit gerümpfter Nase gesagt, er solle sich zusammenreißen. Jugendliche, die müde aus dem Fenster starren, werden angeschrien, sie sollen zur Seite gehen. Um Sandler wird ein Bogen gemacht. Sie sind ja dreckig. Oder die Stadtwache kommt und sagt ihnen und den nicht-weißen Jugendlichen in der Nähe, sie sollen „woanders“ hingehen. Woanders, wo „man“ sie nicht sieht. Wer ist „man“ und wer sind die anderen?

Musst du durch die neuen Verbote etwas an deinem Alltag ändern? Wer, denkst du, ist von den neuen Verboten betroffen? Wie verändert sich ihr Leben? Ist ihr Leben jetzt besser, angenehmer, schöner, gemütlicher? Ich habe letztens versehentlich eine Dose Bier mit aus der Wohnung eines Freundes genommen. Mein „Weg-Bier“. Dann steh’ ich bei der U2 Praterstern und denk mir: Fuck. Das ist jetzt illegal. Ich bin jetzt illegal. Mein Gösser ist jetzt illegal.

Ihr seid die Norm

Die Deo-Verteilaktion, das Alkoholverbot, das Verbot „stark riechende Speisen“ in der U-Bahn zu essen, mögen fade Aktionen sein. Einzeln gesehen sind sie wurscht. Im gesellschaftlichen Zusammenhang aber signalisieren sie der Weißen moderaten Masse: Ihr seid die Norm. Seid brav, hackelt‘s und seid‘s hygienisch. Dann dürft ihr, von jetzt an, Menschen, die Alkohol trinken, „stark riechende Speisen“ essen und wonach auch immer riechen, öffentlich sanktionieren. Sagt‘s ihnen einfach, dass das Österreich ist. Dass man sich hier an Gesetze halten muss. Dass sie woanders hingehen sollen, wo man sie nicht riecht, nicht hört, nicht sieht.

Kultur entsteht nicht aus dem Nichts. Kultur entsteht aus faden Scherzen gegen die niemand aufbegehrt, aus Verhaltensregeln, die eh wurscht sind, aus dem öffentlichen Perpetuieren dessen, was „normal“ ist. Kultur ist was sich Menschen gegenseitig sagen, wenn sie nicht nachdenken.

Ein Vorschlag für den Winter

Ulli Sima sagt, „viele“ Fahrgäste hätten sich das Verbot von starken Gerüchen in der U-Bahn gewünscht. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich wünsche mir von Ulli Sima, dass Wohnungslose im Winter nicht aus den U-Bahnhöfen vertrieben werden. Ich hoffe, das sagen auch „viele“ andere und wir haben im Dezember eine fade Aktion, die allen wurscht sein kann, in der Ulli Sima und Alexandra Reinagl Schlafsäcke und Hygieneartikel an Wohnungslose verteilen.

Ich mein, ich bin eine Schneeflocke. Mir wird alles immer sofort zuviel und ich versteh keine Scherze und bin politische überkorrekt. Nichts für ungut.

„Machtmissbrauch“, eine „Atmosphäre der Angst“: In einem offenen Brief beklagten sich im Februar 60 Angestellte des Burgtheaters über den autoritären Stil des Ex-Direktors Matthias Hartmann. Sie stießen damit eine lange überfällige Debatte an: Müssen sich Theater-MitarbeiterInnen den Launen autoritärer Genies aussetzen? Kann Demokratie am Theater überhaupt funktionieren? Clara Gallistl sprach darüber mit den RegisseurInnen Felix Hafner und Bérénice Hebenstreit.

 

Clara Gallistl: Ihr seid erfolgreich als RegisseurInnen am Theater tätig. Braucht es aus eurer Sicht Konflikte, um gutes Theater zu machen? Wie geht ihr selbst mit Konflikten um? 

Felix Hafner: Ich habe mich persönlich damit beschäftigt, weil ich eigentlich sehr konfliktscheu bin. Das ist schlecht, am Theater. Ohne Konflikt gibt es kein Theater, keine Szene. Der Konflikt als Teil der künstlerischen Arbeit war schon immer Thema. Am Reinhard-Seminar, wo ich Regie studiert habe, wurde Konflikt als Problem in der Teamarbeit aber nur am Rande behandelt. Wir haben uns viel zu wenig mit diesem Aspekt der Regiearbeit auseinandergesetzt. Dabei würde ich jetzt sagen, dass es zu 70 Prozent vom produktionsinternen Klima abhängt, ob eine Inszenierung gelingt oder nicht.

Bérénice Hebenstreit: Meine Ausbildung fand ja nicht in einer Schule, sondern am Theater als Assistentin statt. Da muss man von Anfang an lernen, mit Konflikten umzugehen. Konflikt bedeutet für mich, unterschiedliche Meinungen auszuverhandeln. Als Assistentin war ich oft Ansprechpartnerin für verschiedene Seiten dieser Ausverhandlungen.

Ich habe auf Proben gelernt, wie wichtig es ist, die eigenen Ideen ausdrücken zu können und den Mut zu haben, das immer wieder zu tun. Ganz oft passieren einfach Missverständnisse. Es braucht neben Ideen auch Kommuniktionskompetenz, um Theater zu machen. Vorausgesetzt, man versteht Proben als Aushandlungsprozess und nicht als autoritäres Umsetzen eigener Regie-Ideen.

Empfindet ihr die jetzigen Strukturen am Theater als autoritär?

Felix Hafner: Autoritär ist kein einfacher Begriff. Eine Form von Theater-Pyramide hat sich über Jahrhunderte hinweg gehalten. Die Macht liegt bei wenigen Einzelpersonen und es ist schwierig für Personen unten mit Personen oben auf Augenhöhe zu verhandeln.

Bérénice Hebenstreit: Die Entscheidungsstrukturen sind in großen Häusern meist sehr hierarchisch. Es gibt eine hohe Konzentration von Entscheidungsmacht bei Einzelnen. Was fehlt, ist oft die Entscheidungstransparenz.

Inwiefern? Wie und von wem werden Entscheidungen getroffen?

Bérénice Hebenstreit: Je nachdem, über welchen Bereich von Theater wir sprechen. Aber Personalentscheidungen im Ensemble trifft zum Beispiel der Intendant bzw. die Intendantin. Diese führen in vielen Fällen auch Regie. Es kann also sein, dass eine Schauspielerin in Proben nicht in einen künstlerischen Konflikt mit der Regisseurin geraten möchte, weil sie als Intendantin auch über ihre Vertragsverlängerung entscheidet. Die künstlerische und die betriebliche Ebene überlappen sich hier. Diese Machtverhältnisse werden meist verharmlost.

Felix Hafner: Das Berufsbild, auf das wir uns beziehen – Regie – ist das einer Entscheidungsposition. Das steht in gewisser Hinsicht im Gegensatz zu einer demokratischen Arbeitsweise. Das beschäftigt mich stark. Im Produktionsprozess muss es Personen geben, die Entscheidungen treffen.

Bérénice Hebenstreit: Ich denke, es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man an mehr Mitsprache interessiert ist, sowohl als Regisseur/in als auch als Theaterleitung. Demokratisch heißt ja nicht, dass es keine Entscheidungsträger/innen mehr gibt.

Vielleicht wären regelmäßige Gewaltfreie Kommunikations-Workshops als MitarbeiterInnen-Weiterbildung gut?

Bérénice Hebenstreit: Das halte ich für eine gute Idee. Es gibt ja auch die vorherrschende Meinung, dass Künstler/innen als Genies nicht an ihren sozialen Kompetenzen arbeiten müssen.

Felix Hafner: Ich finde es immer noch überraschend, dass es an Theatern keine Kultur für Supervisionen gibt.

Bérénice Hebenstreit: Aber wir reden jetzt immer über Symptombehandlung. Wir müssen auch über die größere Perspektive sprechen: Was heißt Demokratisierung von Theater?

Theater stehen auch selbst in einer Konfliktsituation. Einerseits gilt die Freiheit der Kunst: Jede Intendantin soll sich frei entscheiden können, welche Produktionen ihr Haus anbietet, welche SchauspielerInnen ins Konzept passen. Andererseits muss man darauf achten, welche Mitbewerber es gibt, muss auf den Markt achten und auch kurzfristig reagieren können.

Bérénice Hebenstreit: Ich finde den Begriff „künstlerische Freiheit“ in dem Zusammenhang irreführend. Es widerspricht ja nicht der künstlerischen Freiheit, zu sagen: Ich gehe als Intendant/in an ein Haus und stelle dort das Ensemble für fünf Jahre fest an und entwickle mich gemeinsam mit diesem Team.

Felix Hafner: Aber die Flexibilität ist schon wichtig. Man muss sich in einem so großen künstlerischen Prozess darauf einstellen können, was kurzfristig passiert. Ich glaube, man würde sich sehr einkasteln, wenn man ein festes Ensemble für fünf Jahre bucht. Man weiß ja auch nicht, ob sich die Ensemblestruktur ausgeht. Ob man nicht nach zwei Jahren draufkommt: Das geht so nicht. Dann will ich darauf reagieren können.

Bérénice Hebenstreit: Das finde ich nicht. Mich nervt die Normalisierung von Flexibilität. Mit der Freiheit der Kunst werden Kettenverträge als „alltägliche Vorgänge in der Theaterwelt“ legitimiert. Dieses Grundprinzip zu hinterfragen ist mir wichtig. Soll eine alleinerziehende Schauspielerin jedes Jahr überlegen müssen, ob sie verlängert wird – weil gerade keine/r der eingeladenen Regisseur/innen nach ihr fragt? Wir sprechen über Theater oft, als ginge es um Freizeitgestaltung ohne Rücksicht auf die reale ökonomische Situationen der Einzelnen.

Felix Hafner: In Deutschland wird am Anfang einer Spielzeit geklärt, ob SchauspielerInnen verlängert werden. In Österreich ist das kein Muss. Das wäre eine konkrete Maßnahme, die man sofort umsetzen könnte.

Bérénice Hebenstreit: Theater sind subventionierte, eigentlich nicht gewinnorientierte Unternehmen. Wieso übernehmen sie dann liberale Marktlogiken? Ich spreche davon, dass man auch die gemeinsame Entwicklung eines Ensembles stärken kann anstatt sich daran zu orientieren welche Stars gerade von Regisseur/innen oder Presse gefragt sind.

Felix Hafner: Kritisch sehe ich auch die Tendenz, immer etwas Neues machen zu müssen. Jede Intendanz beginnt ihre Arbeit mit einer Premiere mehr und drei Schauspielern weniger. Auch Regisseure lassen sich oft wenig Zeit zur Regeneration zwischen den Produktionen.

In der Kontroverse um das Burgtheater hieß es manchmal, der „Ponyhof“, auf dem alle lieb zueinander sind, produziere eben keine gute Kunst. Inwiefern sind Respektlosigkeit und Geringschätzung wesentlich für die Arbeit am Theater?

Felix Hafner: Dem Stoff gegenüber sollte man immer respektlos sein. Wichtig ist, dass das nicht auf eine persönliche Ebene kippt. Vielleicht sprechen wir besser von Kompromisslosigkeit. Wenn das gewährleistet ist, geht durch den Konflikt viel weiter. Problematisch sehe ich die Mantren, die einem in der Ausbildung beigebracht werden. Da lernt man Dinge wie „Jede Produktion braucht ihre Krise.“ Oder: „Schauspieler müssen gebrochen werden, damit man sie danach wieder aufbauen kann.“ Oder: „Verzweiflung gehört dazu.“

Bérénice Hebenstreit:  Ich wünsche mir, dass unsere Generation diese gesellschaftlichen Narrative hinterfragt. „Ein Künstler (meist männlich) ist ein Genie, dem man soziale Inkompetenz verzeiht.“ Das muss nicht sein. Es darf kein künstlerischer Genius legitimieren, dass man mit Menschen respektlos umgeht. Ich glaube außerdem ein Theater, das seine eigenen Machtverhältnisse reflektiert und demokratische Mitbestimmung erprobt, könnte inhaltlich viel progressiver sein, weil seine Ideen dann von vielen und nicht nur von Einzelnen getragen werden.

Danke für das Gespräch!

Clara Gallistl ist Dramatikerin, Theaterkritikerin und Kommunikationsberaterin für Kunst & Kultur.

Felix Hafner ist Regisseur am Volkstheater Wien. 2017 erhielt er den Nestroy-Preis in der Kategorie Bester Nachwuchs männlich als Regisseur für Der Menschenfeind von Molière.

Bérénice Hebenstreit ist Theaterregisseurin in Wien. Aktuell inszeniert sie Barbi Markovićs Stück Superheldinnen im Volx/Margarethen, die nächste Aufführung findet am 23. April 2018 statt.

In Oberösterreich zeigen ÖVP und FPÖ, was sie unter Kultur verstehen. Großevents in Kulturbunkern für den Tourismus in den Städten, normierte und normierende Heimatkultur im „ländlichen Raum“. Doch der Widerstand formiert sich, berichtet Clara Gallistl.

Nach zehn Jahren in meiner Wahlheimat Wien bin ich vergangenen Sommer in die Hauptstadt meiner Jugend Linz zurückgekehrt, um dort ein Theaterprojekt mit sozialem Anspruch zu verwirklichen. In Linz begegnete mir eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit, zum Teilen von Ressourcen und zur Wissensweitergabe, die ich aus Wien so gar nicht gewohnt war. Dort steigt man sich ganz gern mal versehentlich auf die Zehen, drückt Honorare, fordert wie selbstverständlich Gratis-Arbeit ein und geht auch sonst nicht immer ganz freundlich und respektvoll miteinander um.

Ich war plötzlich stolz „Linzerin“ zu sein, denn es stand für mich für Aufgeschlossenheit, Kooperationsbereitschaft und Solidarität. Zugleich erlebte ich eindrücklich, wie groß die Angst vor Buchhaltungsfehlern und Lücken in der rechtlichen Absicherung auch kleinster Projektschritte war. Man erzählte sich Geschichten aus Wels, wo Schwarz-Blau schon in Amt und Würden ist, und spekulierte über die ebenso gefärbte Zukunft Oberösterreichs. Und jetzt haben wir es – quasi – schwarz auf weiß.

Kultur wird kaputtgekürzt

Neben massiven Einschnitten im Sozial-, Bildungs- und Integrationsbereich will die schwarz-blaue Regierung auch die Kulturarbeit Oberösterreichs kaputt kürzen. Das Landeskulturbudget soll um 10 Millionen Euro reduziert werden. Der Großteil davon wird von der freien Kulturszene getragen werden müssen. Diese arbeitet ohnehin schon unterbesetzt, selbstausbeuterisch und an der Grenze zum Burn-Out.

Nehmen wir den Kulturverein Röda in Steyr als Beispiel. Dieser beschäftigt sechs Mitarbeiter_innen, die kompetent die Kulturarbeit der Region schupfen. Sie finanzieren sich durch Bund, Land und Stadt. Die neuen Einschnitte fügen sich reibungslos in die Kürzungen der vergangenen Jahre an. Derzeit erhält das Röda vom Land 43.500 Euro, von der Stadt 44.000 Euro und vom Bund 8.000 Euro jährlich. Dass das nicht viel ist, muss man nicht vorrechnen. Thomas Diesenreiter, Leiter der Kulturplattform Oberösterreich, bringt auf den Punkt, was Schwarz-Blau für bedeutet: „Sollte diese Kürzungswelle tatsächlich kommen, werden viele Kulturvereine nicht überleben.“

Kulturarbeit „am Land“

Wer „vom Land“ kommt, kann sich an die eigene Kindheit und Jugend zurückerinnern. Wieviel kulturelles Angebot gab es im Heimatort? Wohin musste man fahren, um Konzerte, Feste und andere Veranstaltungen zu erleben? Kulturvereine wie das Röda in Steyr, aber auch der Schlachthof oder das Medienkulturhaus in Wels und viele, viele andere leisten unersetzbare Kultur- und Bildungsarbeit in den Regionen. Bands wie Bilderbuch aus Kremsmünster oder Catastrophe and Cure aus Steyr, aber auch Festivals wie das Rock im Dorf in Schlierbach würde es ohne die regionale Kulturarbeit wohl nicht geben.

Man kann sogar sagen, dass regionale Kulturarbeit ein zentraler Faktor für soziale Sicherheit ist. Kulturvereine leisten Integrationsarbeit, bieten Arbeitslosen, Pensionist_innen und Jugendlichen einen Ort der solidarischen Reflexion der Gesellschaft, die sie umgibt. Niederschwelliges Kennenlernen von Neuem stärkt das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, sich selbst kritisch wahrzunehmen. Wer diese Orte gefährdet, gefährdet auch die soziale Sicherheit im Land.

Schwarz-Blau sehen

Das Linzer Musiktheater und das neue Linzer Schauspielhaus müssen ebenfalls mit Kürzungen rechnen. Sie werden weniger Inszenierungen produzieren können und vermutlich mehr auf poppige Schlager wie „Hairspray“ setzen.

Kürzungen im Kulturbereich führen zu unpolitischer Kunst, die gefallen muss, weil sie sich den Widerstand gegen den Mainstream einfach nicht leisten kann. Und genau das will Schwarz-Blau: Kulturbunker in den Zentren, normierte und normierende Heimatkultur im „ländlichen Raum“. Nicht zufällig bleibt das „Heimatmusikwerk“, das 40 Prozent des oberösterreichischen Kunst- und Kulturetats ausmacht, von den Kürzungen unberührt. Kultur wird in der Tourismusbranche verankert und zum Augenauswischen in die Sakkotaschen geklebt.

Stolz ist das falsche Wort

Ich war stolz, dass sich in Oberösterreich so viele kompetente, freundliche und kritische Leute in der Kunst- und Kulturarbeit tummeln. Stolz ist aber vielleicht das falsche Wort. Jetzt, wo ich sehe, wie meine Branche von der rechts-konservativen Politik angegriffen wird, fühle ich klarer, welche Empfindung das ist. Ich empfinde Solidarität.

Und ich empfinde eine sehr große, stille Freude, die man vielleicht schon Stolz nennen kann, dass auf „meiner Seite“ Menschen wie Thomas Diesenreiter, Wiltrud Hackl, Christine Dollhofer, Victoria Schuster, Florian Walter, Gabriele Gerbasits, Edith Huemer, Texta, Attwenger, Angelika Niedetzky, Lisa Neuhuber, Severin Mayr, Klaus Wallinger, Jutta Skokan, Dominika Meinl und viele, viele mehr stehen.

Sie alle organisieren und unterstützen die Initiative „Kulturland retten“. In Oberösterreich ist die Rechnung zwar schon gemacht, aber sie ist nur eine Zwischenrechnung. Gemeinsam können wir das schaffen. Das Kulturland Oberösterreich wird Schwarz-Blau überleben. Nicht unbeschadet, aber immerhin mit pulsierendem Herzen am richtigen Fleck.

 
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