Der Nestroy-Preis ist die wichtigste Auszeichnung für Theaterschaffende in Wien. Heuer versuchte die Gala, Sexismus und Diskriminierung zu thematisieren, scheiterte aber an sich selbst. Ein Kommentar von Bérénice Hebenstreit über Sexismus am Theater.

Knapp ein Jahr nach der Regierungsangelobung verhält man sich auf dem österreichischen Theaterevent des Jahres, der Nestroy Gala, von Seiten der Veranstalter*innen sehr verhalten. Hin und wieder blitzt das Wort Demokratie auf, ein verschmitztes Lächeln, eine unklare Andeutung. Und schließlich doch noch der Verweis auf Linz, ohne jedoch die Kündigung des Theatervertrags durch die Stadt zu benennen. (Seit gestern gibt es dagegen eine Onlinepetition.)

An MeToo gescheitert

Dafür scheint es das Bemühen zu geben, dass es bei der Gala irgendwie mehr um Frauen geht – um Theaterfrauen. Es ist ein seltsames Bemühen, das ständig in sprachliche Fettnäpfchen und komische Witzchen stolpert. Der Abend wird mit der Kategorie „Beste Schauspielerin“ eröffnet, und in ehrlicher Anerkennung fallen dem Schauspieler Michael Maertens dann doch nur die Adjektive „wunderbar, sehr schön und jung“ über seine Kollegin und Preisträgerin Caroline Peters aus dem Mund.

Doch an einem Punkt des Abends wird es ernst: „Kein Thema hat die Welt so aufgerüttelt und wird, so Gott will, sie auch verändern“: MeToo. Maria Happel spricht all jenen Menschen Anerkennung aus, die den Mut hatten, über ihre Erfahrungen von Diskriminierung und sexualisierter Gewalt öffentlich zu sprechen. Und dann? Nacheinander kommen sechs Schauspielerinnen auf die Bühne und singen gemeinsam „You don’t own me“. Ein Lied als „Warnung an alle, die glauben, mit Machtmissbrauch und sexueller Nötigung davon zu kommen“. Der Moderator bedankt sich bei den „Ladies“ und das Thema ist vom Tisch. Wirklich jetzt?

Intakte Ordnung

Die Musikeinlage hinterlässt viele im Publikum irritiert zurück. Nicht nur wegen des Eindrucks, dass der Song und die erwünschte Wirkung nicht erzielte, sondern vor allem durch den nahtlosen Übergang in die nächste Komikeinlage der Moderatoren. MeToo hat vielleicht die Welt, aber scheinbar nicht die Ordnung des Theaters erschüttert. Die Ausübung sexueller Gewalt ist eine Machtgeste, die in hierarchisch organisierten Institutionen, wie es auch die Theater sind, keine tragische Ausnahme darstellt. Das heißt, um langfristig diesen Machtmissbrauch zu verhindern, müssen die patriarchal, hierarchischen Strukturen angegriffen und verändert werden. Macht zu demokratisieren heißt, sie zu verkleinern und besser zu verteilen. Es geht darum, jenen mehr Macht zu geben, die durch historisch gewachsene Strukturen weiterhin benachteiligt und dadurch auch unterrepräsentiert sind. Aber darum geht es an diesem Abend nicht.

Der Nestroy bleibt männlich…

Der österreichische Nestroy-Preis ist ein symbolischer Preis, Preisgelder gibt es keine. Allerdings birgt er kulturelles Kapital: Sichtbarkeit, Anerkennung und gerade für junge Theaterschaffende oft Jobangebote und den Sprung auf die große Bühne.

In diesem Sinn könnte die Nestroy-Jury dieses kulturelles Kapital nutzen, um dem bestehenden strukturellen Ungleichgewicht von Geschlecht im Theater tatsächlich entgegenzuwirken. Doch das passiert nicht. Die statistische Auswertung von 18 Jahren Nestroy-Preis zeigt: In den prestigeträchtigen Kategorien Bestes Stück, Regie und Lebenswerk sind Frauen massiv unterrepräsentiert. In 18 Jahren hat nur fünf Mal eine Frau den Preis für die Beste Regie gewonnen, drei Mal davon war es Andrea Breth. Damit ist Andrea Breth zwar die am meisten nominierte und ausgezeichnete Person in dieser Kategorie – es zeigt aber auch, dass sich ganz wenige Frauen die „Ausnahmeposition“ an der Spitze teilen.

In der Kategorie Bestes Stück haben in 18 Jahren drei Autorinnen und in der edelsten Kategorie des Lebenswerks drei Schauspielerinnen und das Team des Odeon-Theaters gewonnen. Unter den Männern hingegen, deren Leben zum Werk geadelt wurde, finden sich Schauspieler, Autoren und Regisseure.

…das Genie auch

Warum es bestimmte Theaterberufe sind, in denen sich Frauen schwerer durchsetzen, hat auch mit historisch gewachsenen Erzählungen zu tun. Die Idee des „Künstler“ und des „Genies“ waren noch nie geschlechtsneutral. Nicht nur waren sie in der gesamten abendländischen Ideengeschichte für Männer gedacht, sie sind auch mit Konzepten der Maskulinität verwoben. Die bis heute im Kopf verankerten Bilder haben weiterhin Macht auf die Realität.

Wie sieht dieses Bild aus? Das Genie drückt sich nicht nur in der Arbeit, sondern in Leben und Charakter aus. Es verfolgt keinen Beruf, sondern eine Berufung. Die Hingabe zum kreativen Schaffen ersetzt seine sozialen Beziehungen, die Selbstverwirklichung die monetäre Entlohnung. Es steht außerhalb der Normen der Gesellschaft und ist dieser auch keine Rechenschaft schuldig. Ein Genie ist im Regelfall nicht fürsorglich, kommunikativ und gut organisiert. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Bilder jenen Lebensentwürfen, die weiterhin als „weiblich“ markiert sind, diametral entgegenstehen.

Vereinfacht heißt das, wir müssen beginnen, andere Geschichten über das künstlerische Subjekt zu erzählen. Und wir müssen die Strukturen so verändern, dass verschiedene Lebensentwürfe mit der täglichen Theaterarbeit vereinbar sind. Keine Panik! Theater wird dadurch nicht uninteressanter sondern diverser. Wenn es aber nicht gelingt, sich selbst in seinen Strukturen und Repräsentationsmustern zu demokratisieren, verliert das Theater an Glaubwürdigkeit und progressiver Kraft. Gesellschaftliche Veränderung braucht Erzählungen, die in der Vielfalt entstehen viel dringender als die Ideen einsamer Heroen.

Ausdauer und Einsatz

Wir sollten schleunigst beginnen Theatermacherinnen zu fördern, damit sie bald die großen Bühnen bevölkern. Peinlich genug, dass das in den letzten 50 Jahren nicht geklappt hat. Doch die Geschichte der Gleichberechtigung verläuft nicht linear, sondern ist von Kämpfen und Widerstand gezeichnet. Aktiver Einsatz und Ausdauer sind gefragt, sowohl von den Theatern, wie von der offiziellen Kulturpolitik!

Wie also junge Theatermacherinnen fördern? Ein Schritt ist, sie aktiv sichtbar zu machen. Auch hier versagt der Nestroy bisher: In der Kategorie „Bester Nachwuchs“ werden Frauen und Männer aus allen künstlerischen Bereichen des Theaters nominiert. Bei den Männern mischen sich unter die große Anzahl an Schauspielern auch junge Autoren und Regisseure. Bei den Frauen hingegen gibt es deutlich weniger Nominierungen von Nicht-Schauspielerinnen, noch nie hat eine Regisseurin oder Autorin gewonnen.

Am Ende der Gala, am Schluss seiner Rede, wünscht sich Peter Handke, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, dass heutige Texte auch in einigen Jahrhunderten noch eine gemeinsame Theatererfahrung sein werden. Das ist ein schönes Ziel. Wenn wir aber nicht heute endlich damit beginnen, Autorinnen auf den großen und kleinen Bühnen zu zeigen, werden auch dann noch zu 90 Prozent Texte von (weißen) Männern gespielt. Zeit, dass sich was ändert.

Veranstaltungshinweis: Am 29. November findet in der Roten Bar des Volkstheaters der zweite Teil von “Die Spielplan” statt, ein Rechercheformat zur Geschlechtergerechtigkeit in österreichischen Theatern.

Bérénice Hebenstreit ist Theaterregisseurin in Wien.

Theater sollten Orte der Vielfalt sein. Doch wie sieht die Praxis an Österreichs Bühnen aus, wenn es um Männer und Frauen geht? Bérénice Hebenstreit und Michael Isenberg werten die vergangene Theatersaison aus und kommen zu einem ernüchternden Ergebnis.

Der Frühling ist da und die Theatersaison 2017/18 geht zu Ende. Die großen Theater präsentieren demnächst ihre Pläne für die kommende Spielzeit. Viel ist im vergangenen Jahr passiert. Es wurde über Machtverhältnisse im Theater gestritten, Initiativen gegründet und über Geschlechterstereotype diskutiert. Kürzlich sorgte die Regisseurin Anna Bergmann für Aufsehen: Als neue Schauspieldirektorin in Karlsruhe plant sie einen Spielplan mit 100 Prozent Regisseurinnen-Quote.

Es kommt vor, dass an einem Theater in einer Saison keine einzige Frau inszeniert oder keine Autorin gespielt wird. Selten führt das zu Diskussionen. Doch Bergmanns Entscheidung stößt auf teils heftige Gegenreaktionen. Spricht eine Künstlerin von Quote, wird sie immer wieder verdächtigt, nur einen Job zu wollen, für den sie nicht das nötige Talent hat. Persönliche Qualifikation und gleichberechtigte Repräsentanz werden hier vermischt. Hinter der Angst, mit der Quote würden sich schlechtere Künstlerinnen durchsetzen, versteckt sich weiterhin die sexistische Vorstellung, dass künstlerisches Genie doch eher etwas Männliches ist.

Fehlende Zahlen in Österreich

In einer deutschen Studie von 2016 wurde nachgewiesen, dass rund 70 Prozent der Inszenierungen von Männern sind. Nur 22 Prozent der Theater werden von Frauen geleitet. Im Niedriglohnbereich, etwa bei Souffleusen, ist dieses Verhältnis genau umgekehrt. Für Österreich fehlen bisher vergleichbare Zahlen. Eine Studie der Statistik Austria von 2015/16 geht von gleich etwa vielen Männern und Frauen in künstlerischen Berufen an Privat-, Bundes- und Stadttheatern aus. Sie macht dabei aber keinen Unterschied, ob es sich etwa um die künstlerische Leitung oder Regieassistenz handelt.

Wir haben uns deshalb selbst darangemacht, die Spielzeitbücher der ausklingenden Saison unter die Lupe zu nehmen. Wie sehen die aktuellen Geschlechterverhältnisse an den großen Bühnen des Landes aus? Wer leitet sie? Wer inszeniert? Und wessen Texte werden gespielt? Präsentiert wurden die Ergebnisse erstmals am Abend „Die Spielplan“ im Rahmen des Rrriot Festivals am Volkstheater.

Frauen inszenieren vor allem auf kleinen Bühnen

Von den zwölf von uns untersuchten Theatern werden acht von Männern geleitet. Von insgesamt 149 Inszenierungen wurden nur 44 von Frauen inszeniert. Geht man ins Theater, sieht man also zu 70 Prozent die Inszenierung eines Mannes? Fast richtig. Auf den großen Bühnen sind es sogar 78 Prozent. Frauen inszenieren vermehrt auf den Nebenspielstätten.

Würde man also berechnen, wie viele ZuseherInnen tatsächlich die Inszenierung einer Frau sehen, wäre die Quote noch viel niedriger. Gleichzeitig sind derzeit an den untersuchten Theatern 81 Prozent der RegieassistentInnen Frauen – ein Job, der üblicherweise als Sprungbrett zum Regieberuf gesehen wird. Wie die Zahlen zeigen, schaffen es aber deutlich mehr Männer, sich fest in dem Berufsfeld zu etablieren. Die gläserne Decke ist auch im Theater noch voll da.

Auch heute werden Stücke von Männern geschrieben

Noch unverhältnismäßiger sieht es bei den Autorinnen aus. Von allen gespielten Stücken der laufenden Saison wurden 89 Prozent von Männern verfasst. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote zumindest nur bei 75 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass die Theater in erster Linie auf sogenannte Klassiker des männlich dominierten Literaturkanons zurückgreifen. Sie versprechen eine hohe Nachfrage von Schulklassen und einem bürgerlich geprägten Theaterpublikum. Legitimiert wird dies einerseits durch den Bildungsauftrag der Theater, andererseits durch die zunehmende Orientierung an Auslastungszahlen und Forderung nach Rentabilität. Doch wenn der Marktwert entscheidet, setzen sich bestehende Geschlechterverhältnisse fort.

Doch auch an den Nebenspielstätten ist die Situation nicht besser, obwohl dort kaum Klassiker, sondern überwiegend zeitgenössische Texte gespielt werden. Von 88 Stücken auf den kleinen Bühnen waren in dieser Saison nur achteinhalb Texte von Frauen zu sehen. Hier wird die Fortsetzung der strukturellen Ungleichheit am deutlichsten, in Anbetracht der großen Anzahl an zeitgenössischen Autorinnen. So sind von 33 AutorInnen des Dramaforums – eines der wichtigsten AutorInnen-Förderprogramme in Österreich – 21 Frauen, also rund 64 Prozent.

Welche und wessen Geschichten erzählt das Theater?

Hieraus ergeben sich ganz grundsätzliche Fragen: Welche Geschichten wollen wir erzählen? Welche Welt wollen wir verhandeln? Die meisten Theater verstehen sich als Orte, um die Diversität der Gesellschaft widerzuspiegeln. So versprechen es uns zumindest die Vorworte der Intendantinnen und Intendanten. Dieser Anspruch wird meist exemplarisch festgemacht an einzelnen Projekten. Doch die Zahlen zeichnen ein ganz anderes Bild.

Will das Theater ein Ort gesellschaftlicher Verantwortung sein, das Vielfalt auf und hinter der Bühne lebt, muss es sich verändern. Es muss die Auseinandersetzung zeitgenössischer und historischer Autorinnen und Autoren mit der Welt sichtbar machen und den klassischen Kanon immer wieder in Frage stellen. Wir müssen der zunehmenden Bewertung des Theaterbetriebs nach Auslastungszahlen und dem männlich geprägten Geniekult entgegenwirken.  Es geht schließlich um die Frage von Gerechtigkeit und darum, wer Mittel und Möglichkeiten bekommt, Geschichten zu erzählen. Denn Geschichten sind, wie die Feministin Laurie Penny einmal meinte „nur das wichtigste auf der Welt“.

 

Bérénice Hebenstreit ist freie Regisseurin und Aktivistin bei Attac.

Michael Isenberg ist Dramaturg, derzeitig beschäftigt am Volkstheater Wien.

 
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